Table Of ContentValentin Braitenberg
Kiinstliche Wesen
Valentin Braitenberg
Kiinstliche Wesen
Verhalten kybernetischer Vehikel
Aus dem Englischen iibersetzt
von Dagmar Frank und Valentin Braitenberg
Friedr. Vieweg & Sohn Braunschweig / Wiesbaden
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Braitenberg, Valentin:
Kiinstliche Wesen: Verhalten kybernet. Vehikel /
Valentin Braitenberg. Aus d. Eng!. iibers. von
Dagmar Frank u. Valentin Braitenberg. -
Braunschweig; Wiesbaden: Vieweg, 1986.
Einheitssacht.: Vehicles (dt.>
Die amerikanische Originalausgabe
Valentin Braitenberg, Vehicles. Experiments in Synthetic Psychology,
erschien bei MIT Press, Cambridge, Mass. 1984
Aus dem Englischen iibersetzt von
Dagmar Frank und Valentin Braitenberg, Tiibingen
1986
Alle Rechte an der deutschen Ausgabe vorbehalten
© Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig 1986
Das Werk einschlieBlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich
geschiitzt. Jede Verwertung augerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags un
zuHissig und strafbar. Das gilt insbesondere fiir VervieWilti
gungen, Obersetzungen, Mikroverfilmungen und die Ein
speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Satz: Vieweg, Braunschweig
ISBN-13: 978-3-528-08949-8 e-ISBN-13: 978-3-322-85840-5
001: 10.1007/978-3-322-85840-5
Dieses Buch ist denen gewidmet, die
Schwierigkeiten haben, das Psychische
bei ihren Mitmenschen - und erst recht
bei sich selbst - mit ihrer Naturbetrachtung
in Einklang zu bringen.
Dank
Ein Bueh entsteht aus einer Stimmung, und die Stimmung
wird getragen von all den Leuten, mit denen der Autor freund
schaftlichen Kontakt hat. Ich bin den Freunden besonders ver
bunden, die ich mit verschiedenen Versionen meines Manuskripts
belastigt habe: Dr. Almut Schutz, Priv.-Doz. Dr. Gunther Palm
und Dr. Ad Aersten in Tubingen, Prof. Dr. Martin Heisenberg in
Wurzburg, Prof. Peter Johannesma in Nijmegen, Prof. Larry Stark
in Berkeley, Prof. Michael Arbib in Amherst/Mass., Prof. Paolo
Bozzi in Triest und Prof. Stefano Crespi-Reghizzi in Mailand.
Mein ganz besonderer Dank geht an die Damen, die sich mit der
Herstellung eines konkreten, vorzeigbaren Textes viel Muhe
gemacht haben: Frau Gabriele Janca, Frau Monika Dortenmann
und, fUr diese deutsche Obersetzung uberwiegend, Frau Shirley
Wurth.
Zwei kluge Zeichnerinnen, Meisterinnen im Weglassen,
haben mir sehr geholfen: Frau Ladina Ribi in Chur und Frau
Claudia Martin-Schubert in Tubingen.
Dem Verlag der amerikanischen Ausgabe, MIT Press, muB
extra gedankt werden. Die Herren und Damen dort, allen voran
Harry Stanton, haben mich mit Kraft und Schwung dazu
gebracht, aus einem scherzhaften Essay ein Buch zu machen, das
vielleicht auch dem ernsthaft wiBbegierigen Leser etwas bringt.
V. B.
VI
Inhaltsverzeichnis
Teil I
Einleitung: Das Problem des Geistes im Geiste zergehen
lassen ................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 1
Wesen 1: Streunen ............................. 6
Wesen 2: Furcht und Aggression .................. 9
Wesen 3 : Liebe ................................ 12
Wesen 4: Wertung und Geschmack ................. 17
Wesen 5: Logik ................................ 22
Wesen 6: Selektion, der unpersonliche Ingenieur ...... 28
Wesen 7: Begriffe .............................. 30
Wesen 8: Raum, Dinge, Bewegung ................. 34
Wesen 9: Gestalt ............................... 44
Wesen 10: Ideen haben ........................... 51
Wesen 11: Gesetze und RegelmaBigkeiten ............ 57
Wesen 12: Verkettung von Gedanken ................ 63
Wesen 13: Vorhersage ........................... 71
Wesen 14: Egoismus und Optimismus ............... 80
Teil II
Biologische Bemerkungen zu den Vehikeln ............. 87
VII
Teil II
Biologische Bemerkungen zu den Vehikeln
Vorteile der gekreuzten Faserbahnen im Gehirn ........ 87
Das Komplexauge der Fliege: Rekonstruktion der
Kontinuitat bei der Abbildung auf dem Gehirn ......... 92
Geruchsorientierung: Steuerung des Verhaltens minels
symmetrischer Zugel ............................. 96
Orientierung und Fixation von Gegenstanden bei
Fliegen ....................................... 98
McCulloch und Pins-Neuronen und wirkliche
Neuronen 101
Evolution 107
Gedachtnis 107
Auf der Suche nach dem Engramm: Die Anatomie des
Gedachtnisses .................................. 110
Vom Nutzen der Karten .......................... 114
Gestalten: Die Morpheme des Sehens ................ 118
Eine angeborene Kategorie in der akustischen
Wahrnehmung .................................. 128
Struktur der GroBhirnrinde ........................ 130
Neuronenverbande als Trager von Ideen 136
Schwellenregelung und Gedankenpumpe 139
Literaturverzeichnis .... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 141
VIII
Einleitung
Das Problem des Geistes im Geiste zergehen
lassen
Kein Zweifel, das Eigentliche am Menschen sieht von innen
betrachtet ganz anders aus als von au~en. Die subjektive Ansicht
der geistigen Dinge ist so merkwurdig (und so einzigartig - ich
bin ja nur einer und die anderen sind viele) - da~ man sie ganz
zu Recht an den Anfang der Physik gestellt hat: Diese wird
aufgebaut auf der Grundlage dessen, was wahrgenommen,
"beobachtet" wird, also was ins Subjektive dringt. Und doch
haftet dieser egozentrischen Anschauung etwas Unfaires an, das
man in anderen Bereichen, in der Ethik, in der Wirtschaftslehre,
in der Kosmologie, Hingst abgelehnt hat. Es ware schon, wenn,
man sich selbst philosophisch keinen Sonderstatus einriillmen
wollte, wenn man iihpr -uch selbst so reden konnte wie uber
andere Leute auch. So konnten Mi~verstandnisse und Beleidi
gungen vermieden werden. Die Psychologie hat sich von ihren
idealistischen Ursprungen schon ein Stuck we it entfernt, hat aus
der "Psyche" das "Verhalten" gemacht, fur jedermann auf die
gleiche Weise objektivierbar, und versucht nicht nur dem
Einzelnen unter den Menschen seine Einzigartigkeit abzuspre
chen, sondern weitgehend auch dem Menschen unter den Tieren,
indem sie nachweist, da~ manches, was wir oft in schonen Worten
vermenschlicht haben, dem entspricht, was man bei Tieren als
"Territorialverhalten", als "Hackordnung", als "Fortpflan
zungstrieb" beobachten kann. l!nterwegs mag der Fortschritt in
diest>r Richtung auf viele Leute absto~end wirken. Ich bin
uberzeugt, dal? am Ende daraus ein besseres Menschenbild
erwachsen wird - eines, bei dem die hervorragende Rolle des
Menschen nicht einfach mit einem Schlagwort abgetan wird,
sondern in einer abstrakten, vielleicht sogar mathematischen
Formulierung vergeistigt erscheint.
1
Wir haben in den letzten Jahrzehnten erfahren, daB man
ches, was den menschlichen Geist auszeichnet: logisches Denken,
abstrahleren, Gestalten erkennen, ganz treffend auch in der
Funktionsbeschreibung von komplexen Rechenmaschinen auf
taucht. Dies wird ebenfalls manchmal als unangenehm empfun
den. Ich will versuchen, den Leser in diesen Sprachgebrauch
einzufuhren, in der Dberzeugung, daB ihm auch das i~seinem
Denken uber den Menschen niitzen wird.
Hauptamtlich beschaftige ich mich seit Jahren mit gewis
sen Strukturen im Inneren tierischer Gehirne, die, wegen ihrer
Dberschaubarkeit oder auch wegen ihres periodischen Aufbaus
so aussehen, als waren sie Teil einer Rechenanlage. Was dabei
herauskommt, ist zum groBen Teil nur fur die interessant, die
sich mit ahnlichen Dingen beschiiftigen. lInd doch passiert es
mir manchmal beim Zahlen von Fasern in den Sehganglien ei
ner Fliege oder von Synapsen in der Gehirnrinde einer Maus,
daB ich empfinde, wie in mir sich ein Knoten lOst, eine Unter
scheidung verblaBt, eine Schwierigkeit verschwindet, die mir
fruher unuberwindlich erschienen war, als ich vor Jahren meine
ersten philosophiscben Gedanken uber das Wesen des GeiS(~S
versucht hatte. Diese Lauterung habe ich immer wieder als sehr
angenehm empfunden. Mit dem Text, den ich Ihnen vorlege,
mochte ich Ihnen etwas von diesen Erfahrungen vermitteln,
wenn Sie bereit sind, mich auf einem Spaziergang durch eine
Spielzeugwelt zu begleiten, die wir selbst miteinander erfinden
werden und in der manches aufscheint, was ich im Lauf der
Jahre an den Gehirnen gelernt habe.
Es wird von Maschinen sehr einfacher Bauart die Rede
sein, so einfach, daB sie vom Standpunkt der mechanischen oder
elektronischen Technik kaum als sehr aufregend empfunden
werden konnen. Das Interessante an den Spiel autos oder "Ve
hikeln" entsteht erst, wenn wir sie mit denselben Augen be
trachten, mit den en wir einen Stall lebendiger Tiere betrach
ten wurden: wenn wir sie sozusagen als Wesen begreifen.
Wir werden dann in Versuchung geraten, ihr Verhalten mit
psychologischen Ausdrucken zu beschreiben. Und doch wissen
Wlr von vornherein, dal~ niches in diesen kunstlichen Wesen
steckt, was wir nicht selbst in sie eingebaut haben. Dies wird ein
lehrreiches Spiel sein.
2
Unsere Vehikel kann man sich als eine Art Unterseeboote
vorstellen, die sich mit Hilfe von Propellern oder Rudern
fortbewegen. Oder, wenn man will, kann man sie irgendwo
zwischen den Galaxien ansiedeln, mit Raketenantrieb und we it
genug von anderen Himmelskorpern entfernt, urn nicht deren
Schwerkraft zu unterliegen. Man darf dabei allerdings nicht
vergessen, dag Raketen Masse ausstogen mussen, urn zu funk
tionieren, und das erfordert gelegentliches Aufflillen der Treib
stoffreservoire, was zwischen den Galaxien zu einem echten
Problem werden konnte. Da kommt man eher auf die Idee, die
Vehikel sich durch eine gepflegte Landschaft bewegen zu lassen,
wo Sle bequem mit Radern fahren konoen und leicht pflanz
lichen oder anderen Treibstoff fur ihre Motoren finden. Tatsach
lich werden Sie feststellen, eJag man beim Lesen der ersKn
Kapitel vielleicht an Vehikel denkt, die in einem G~\yii£ser
herumschwimmen, wahrend spater das Verhalten der Vehikel
eher so aussieht, als handelte es sich urn Wap;.elchf'n, elif' sich ill
einer Landschaft bewegen. Das ist kein Zufall, wenn die Ent
wicklung der Wesen von Nummer 1 bis Nummer 14 gewisser
magen die Entwicklung tierischer Arten widerspiegelt.
Wie Sie sich diese Fahrzeuge vorstellen, ist gleichgliltig. Sie
sollten sich an eine Denkweise gewohnpn, hf'i i1er die materielle
Ausfuhrung einer Idee viel weniger. bedeutet als elif' Idee £elbst.
Norbert Wiener hat dem In der Formulierung des Titels zu
seinem beruhmten Buch Ausdruck gegeben: "Kybernetik
Steuerung und Information in Tieren und in Maschinen".
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