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Kugelspinnen -
eine Einführung (Araneae, Theridiidae)
B. KNOFLACH & K. PFALLER
Abstract: Comb-footed spiders - an introduction (Araneae, Theridiidae). Comb-footed spiders rep-
resent a comprehensive, derived and successful orbicularian spider family. They fascinate by a wide spec-
trum of morphological and biological traits. The present paper gives an overview on their morphology
and behaviour, with emphasis on the European species.
Key words: Theridiidae, morphological characterisation, behaviour.
Einleitung 111 Einleitung
Morphologische Charakterisierung... 115
Der Name Theridiidae geht auf das alt-
Körpergröße 115
griechische Theridion zurück und bedeutet
Färbung, Zeichnung 115
kleine Bestie. So wurde die Typusgattung
Prosoma 117
auch als Wildspinne bezeichnet (MENGE
Augen 123
1868: 164). Kugelspinnen (oder Hauben-
Cheliceren 123
netzspinnen) faszinieren durch enorme
Labium 123
Vielgestaltigkeit hinsichtlich Färbung, Ha-
Sternum 123
bitus, Genitalmorphologie und Biologie.
Weiblicher Palpus 123
Die deutschen Namen weisen auf das kugel-
Beine 127
förmige Abdomen vieler Arten bzw. auf die
Borstenkamm 127
Form des Schlupfwinkels hin (WlEHLE
Stridulationsorgan 127
1937). Als charakteristisches Familienmerk-
Abdomen 129
mal gilt der Borstenkamm an den vierten
Epiandrische Drüsen 130
Tarsen, der in der englischen Bezeichnung
Spinnwarzen 132
„comb-footed spiders" verankert ist. Mit sei-
Genitalorgane 135
ner Hilfe bewerfen sie die Beute mit Leimfä-
Diagnose 143
den. Die Leimtropfen werden von besonde-
Biologie 145
ren Spinndrüsen, den Glandulae aggregatae,
Netze 145
produziert. Auf diese Weise sind Theridiidae
Beutefang und Beute 147
in der Lage, verhältnismäßig große und
Giftigkeit 148
wehrhafte Beutetiere, u.a. Ameisen, zu über-
Kokon und Brutfürsorge 149
wältigen. Kugelspinnen sind wegen ihres
Parasiten, Feinde 152
Giftes auch für den Menschen von Bedeu-
Abwehrverhalten 153
tung. Die berüchtigten „Schwarzen Wit-
Verbreitung 154 wen" (Gattung Latrodectus, Abb. la-f, 28d,
Dank 155 29d) waren schon in der Antike gefürchtet
Literatur 155 und sind schon bei ARISTOTELES erwähnt
(KOBERT 1901; DAHL 1926; HABERMEHL
1994). In Amerika, Afrika und Australien
verhalten sie sich zunehmend synanthrop.
Manche Arten breiten sich über Verkehr
Denisia 12, zugleich Kataloge
und Handel aus. So haben Latrodectus der OÖ. Landesmuseen
Neue Serie 14 (2004), 111-160
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Abb. 1a-f: Die „Schwarzen Witwen" - prominenteste Vertreter der Theridiidae. a: Latrodectus
tredecimguttatus (Rossi), 9 am Kokon (Kroatien, Rovinj, Juli 1993). b: Idem, ventral. Die charakteristische
Sanduhrzeichnung ist unterbrochen, c, d: L. geometricus C.L. KOCH, 9, „Braune Witwe", ventral, mit
Sanduhrzeichnung (d) (c Jemen, Wadi Warazan, Aug. 1999; d Socotra, Okt. 2000). e: L renivulvatus DAHL, 9
subadult, mit Zeichnung (Jemen, Sana'a, Okt. 1998). f: L. dahli LEVI, 9 adult, Zeichnung weitgehend
verschwunden (Jemen, Socotra Okt. 2000). Für die Gattung charakteristisch: Seitenaugen deutlich getrennt
(c, f). Exemplare von Jemen leg. A. VAN HARTEN.
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metricus C.L. KOCH und die australische L. (1962) haben die 158 damals anerkannten
hasselti THORELL adventiv als Neuankömm- Gattungen auf 43 reduziert. Seitdem ist ihre
linge Japan erreicht (ONO 1995 und pers. Zahl wieder auf 80 gestiegen. Die neuen Au-
Mitt.)- Kugelspinnen stellen einen be- toren tendieren dazu, „Großgattungen" wie-
trächtlichen Anteil der synanthropen Spin- der aufzuspalten bzw. den alten Artengrup-
nen (THALER & KNOFLACH 1995). pen Gattungsrang zu geben (u.a. WUNDER-
LICH 1991, 1995c, d; YOSHIDA 2001). Die
Brutpflege und Sozialverhalten sind bei
„trennende Diskontinuität" ist dabei wohl
manchen Arten weit entwickelt. Die mittel-
Ermessenssache.
europäischen Vertreter Theridion impressum
L. KOCH und T. sisyphium (Q.ERCK) gehören Die Erforschung der Spinnenfauna hat
zu den periodisch-sozialen Spinnen mit ihren Ursprung in Europa. So sind die
Mund-zu-Mund-Fütterung durch Regurgita- mitteleuropäischen Vertreter der Familie
tion (KULLMANN 1974). In den Tropen fin- gut bekannt (CHYZER & KULCZYNSKI 1894;
den sich auch zeitlebens soziale Arten, deren WIEHLE 1937; TULLGREN 1949; LOCKET &
gemeinschaftliches Netz enorme Dimensio- MLLLIDGE 1953; MILLER 1971; PALMGREN
nen erreicht und Bäume überziehen kann 1974; ROBERTS 1985, 1995; KNOFLACH &.
(Achaearanea wau LEVI, LUBIN & ROBINSON, THALER 1998; NENTWIG et al. 2003). Den-
insbesondere Anelosimus eximius (KEYSER- noch gibt es auch in diesem Gebiet überra-
LING) u.a.). Mehr als ein Drittel der weltweit schende Neuentdeckungen, besonders
etwa 20 permanent sozialen Spinnen sind Kleinformen, wie Robertus kuehnae BAUCH-
Kugelspinnen (AviLES 1997; AGNARSSON HENSS & UHLENHAUT, Theonoe sola THALER
2002). Andere Arten leben als Kleptoparasi- & STEINBERGER, Camiella brignolii THALER
ten in Netzen anderer Spinnen und stehlen & STEINBERGER, Vertreter einer neuen Gat-
deren Beute, wie die im Mittelmeerraum tung aus Kärnten. Weitere Ergänzungen be-
weit verbreitete Diebsspinne Argyrodes arg)' treffen die Differenzierung von kryptischen
rodes (WALCKENAER) (siehe KULLMANN Arten, so der Sammelarten Theridion denti-
1959,1960). Verwandte Arten erbeuten spe- culatum (siehe WlEHLE 1960) und Enoplo-
ziell die Netzinhaber und verhalten sich so- gnatha ovata (CLERCK) (siehe HlPPA & OK-
mit araneophag (WHITEHOUSE 1987). SALA 1982), sowie die Unterscheidung von
Achaearanea simulans (THORELL) und A. te-
Theridiidae besiedeln alle Straten, von
pidariorum (C. L. KOCH) (siehe LOCKET &
der Bodenoberfläche bis zum Kronenbereich
LUCZAK 1974). Sogar unter den Witwen
(WIEHLE 1937; BRAUN & RABELER 1969; wurde vor kurzem von MELIC (2000) eine
PALMGREN 1974). Besonders stark treten sie
neue Art in Spanien entdeckt, Latrodectus
in der Kraut- und Strauchschicht und daher
lilianae. Die Artenzahl nimmt nach Norden
zahlreich in Klopffängen auf (KNOFLACH &
hin ab sowie mit steigender Höhenlage.
BERTRANDI 1993). In Barberfallen sind sie
Dementsprechend leben im Mittelmeer-
wegen ihrer sessilen Lebensweise unterre-
raum mehr Arten. Doch befinden sich dar-
präsentiert. Ihre Netze sind meist dreidi-
unter auch zahlreiche „species inquirendae",
mensionale Gerüstnetze mit Fangfäden
nicht zu deutende oder unzureichend be-
(englisch „cob web weavers") und einem
schriebene Arten. Zudem sind vielfach gut
haubenförmigen Schlupfwinkel (Retraite),
charakterisierte Arten nur nach einem Ge-
der zum deutschen Namen Haubennetzspin-
schlecht bekannt. Zahlreiche rezente Neu-
nen geführt hat. Jedoch gibt es zahlreiche
beschreibungen (LEVY 1998; WUNDERLICH
Abwandlungen und Reduktionserscheinun-
1987, 1991, 1995a, d-f) stehen den „alten"
gen (siehe BENJAMIN & ZSCHOKKE 2003).
Arten gegenüber. Diese unbefriedigende ta-
xonomische Situation ist nur durch Revi-
Theridiidae zählen mit ca. 2.200 Arten
sionsarbeiten zu bewältigen (siehe KNOF-
zu den diversen Spinnenfamilien und stellen
6% aller bekannten Spinnen (PLATNICK LACH 1994, 1996c, 1999; BOSMANS & VAN
KEER 1999). Die Differenzierung der Arten
2003). In den Tropen erreichen sie die größ-
beruht überwiegend auf morphologischen
te Vielfalt. LEVI hat von 1953 bis 1970 (mit
Kriterien, insbesondere der Genitalmorpho-
Nachträgen) eine weltweite taxonomische
logie. Die Morphospezies decken sich in der
Basis geschaffen, besonders durch Revisio-
Regel mit der biologischen Realität. Um
nen über die Arten Amerikas. LEVI &. LEVI
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Abb. 2a-h: Vielfalt der Kugelspinnen, Habitus und Färbung, a: Euryopis episinoides (WALCKENAER), er, vagant, Ameisenfresser (Kefallonia,
Mai 2002). b, d: Enoplognatha afrodite HIPPA & OKSALA, 9, Farbpolymorphismus (Kefallonia, Mai 2002). c: f. latimana HIPPA & OKSALA, 9
mit Eikokon (Polen, Bialowiezy, Juli 1999). e, f: Macaridion barreti KULCZYNSKI, 9, in Makaronesien endemisch (Teneriffa, Anaga, Feb.
2000). g: Thehdion melanostictum O. P.-CAMBRIDGE, er, pantropisch (Jemen, Sana'a, Juni 1998). h: Theridula gonygaster (SIMON), juv. (Cabo
Verde, Santiago, Jan. 2000, leg. A. VAN HARTEN).
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dem Konzept der Biospezies (MAYR 1975) planaren Radnetzen der Araneidae als
gerecht zu werden, müssen biologische Kri- hochmodifiziert gegenübergestellt und sol-
terien berücksichtigt werden, Fortpflan- len zum evolutiven Erfolg der Theridiidae
zungsbiologie und ökologische Einnischung. geführt haben. Auf diese Weise konnten
Kugelspinnen dem Prädationsdruck durch
Die morphologische Mannigfaltigkeit
Sphecidae entkommen, im Gegensatz zu
spiegelt sich in der Biologie der Theridiidae
den Radnetzspinnen (BLACKLEDGE et al.
wider. Trotz der umfassenden Bearbeitung
2003). Ihre Stellung war lange Zeit unsi-
von NIELSEN (1931, 1932) ist das Wissen zur
cher: „Despite much work, the placement of
Biologie vieler Arten noch immer lücken-
Theridiidae and its relatives within Araneo-
haft. Nur wenige sind ausführlich unter-
idea remains ambiguous" (CODDINGTON &
sucht: z.B.
LEVI 1991). Nach HORMIGA et al. (1995)
Achaearanea riparia (BLACKWALL): siehe FRElS- gelten sie zusammen mit Linyphiidae und
LING (1941, 1961), N0RGAARD (1956); Symphytognathidae als Schwestergruppe
Enoplognatha ovata: siehe OXFORD (1976, 1992),
der Tetragnathidae. GRISWOLD et al. (1998)
HIPPA &. OKSALA (1983), NÄHRIG (1991);
formulieren die Beziehungen folgenderma-
TheriSon gralktor SIMON: siehe OXFORD & GlL-
ßen: (Araneidae (Tetragnathidae ((Sym-
LESPIE(2001).
phytognathidae s.l., Theridiosomatidae)
Die Eintasterspinnen Tidarren und Echi- (Linyphiidae ((Theridiidae, Nesticidae),
notheridion stellen morphologisch und ver- Cyatholipoidea))))). Die nachfolgende Ein-
haltensbiologisch einen Sonderfall sogar
führung in Gestalt und Lebensweise der Ku-
innerhalb der Webspinnen dar. Die Männ-
gelspinnen orientiert sich vorwiegend an
chen benötigen nur einen Taster, den ande-
Vertretern aus Europa.
ren amputieren sie sich selbst (Abb. 25a-e).
Die Kopula endet mit dem Schocktod und
Verzehr der Männchen. Bei manchen Arten Morphologische
werden diese zudem emaskuliert, indem ih- Charakterisierung
nen die Weibchen den einzig verbliebenen
WIEHLE (1937), LOCKET & MILLIDGE (1953), LEVI
Taster abtrennen. Der losgelöste Gonopode
& LEVI (1962), THALER-KNORACH (1997), LEVY
bleibt am weiblichen Genitalorgan veran-
(1998), AGNARSSON (2004).
kert und dürfte die Spermaübertragung fort-
setzen, während das Weibchen das tasterlo- Körpergröße
se Männchen konsumiert (KNOFLACH & Theridiidae sind überwiegend Kleinfor-
VAN HARTEN 2000, 2001a, KNOFLACH men, Gesamtlänge meist 3-5 mm, die klein-
2002a, b, KNOFLACH & BENJAMIN 2003, sten Vertreter 1 mm (Camiella, Theonoe).
KNOFLACH, dieser Band). Nur wenige Arten erreichen oder übertref-
fen 10 mm Körperlänge (Latrodectus, einige
Kugelspinnen gehören zusammen mit
Steatoda-Arten). Männchen sind in der Re-
zehn weiteren Familien zur Großgruppe der
gel kleiner als Weibchen. Der sexuelle Grö-
Araneoidea. Ihnen gemeinsam ist die Bil-
ßendimorphismus ist bei den Eintasterspin-
dung von hochelastischen, klebrigen Spinn-
nen Tidarren und Echinotheridion und bei La-
fäden (CODDINGTON & LEVI 1991). Theridi-
trodectus am deutlichsten (siehe KNOFLACH,
idae gelten als Schwestergruppe der Nestici-
dieser Band).
dae und Synotaxidae. Die Abgrenzung der
Familie wurde noch rezent verändert. FOR-
Färbung, Zeichnung
STER et al. (1990) haben die Synotaxidae als
eigenständige Familie abgegliedert, aber die Die Färbung der Spinnen erfüllt ver-
Hadrotarsidae als Unterfamilie, die auch Di- schiedene Funktionen, wie Verberg- und
poena, Euryopis u.a. enthält, den Kugelspin- Warntracht, Mimikry und Thermoregula-
nen zugeordnet. Neben den Linyphiidae bil- tion (OXFORD 1998). Die Kutikula des Ab-
den Theridiidae eine abgeleitete Gruppe domens ist dünn und nahezu transparent.
innerhalb der Araneoidea („highly derived", Das Durchscheinen der das Abdomen weit-
CODDINGTON & LEVI 1991), ihre dreidi- gehend ausfüllenden Mitteldarmdivertikel
mensionalen Netze werden zusammen mit bewirkt eine Braunfärbung. Vor diesem
den Deckennetzen anderer Araneoidae den Hintergrund kämen Pigmente kaum zur Gel-
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tung, würden Spinnen nicht das Exkretions- an der Unterseite der Blätter zu erkennen
Abb. 3a-f: Habitus und Färbung, a, c:
Argyrodes argyrodes (WALCKENAER), 9 (a) produkt Guanin als weißen Hintergrund zwi- (Abb. 2e, 0- Die Krypsis wird bei manchen
und er (c), häufig als Kleptoparasit in schen Darmdivertikel und Hypodermis einla- Arten durch die Form des Abdomens (siehe
Netzen der Opuntienspinne, er mit
gern (OXFORD 1998). Dies ist bei Theridiidae unten) und die Körperhaltung verstärkt. Ei-
Kopffortsatz (9 Griechenland Navpaktos
weit verbreitet. Viele sind lebhaft gezeich- nige Argwxfes-Arten (früher in Rhomphaea
Sept. 1997, er Korfu, Mai 1996). b, d:
Argyrodes nasicus (SIMON), kryptisch und net/gefärbt (Abb. 1-7). Da sie Farbtöne der und Ariamnes) ähneln, wenn sie ihre Ruhe-
araneophag (Griechenland, Arta, Sept. Umgebung aufweisen, fallen sie in ihrem Le- haltung einnehmen und die Beine stark an-
1997). e, f: Chrysso cambridgei bensraum kaum auf. So ist das leuchtend grü- winkeln, eher einem vertrocknetem Pflan-
(PETRUNKEVITCH), er (e), 9 (f) (Mexico,
ne Macaridion barren (KuLCZYNSKl) im Lor-zenrest als einer Spinne (Abb. 3b, d), sie sind
Chiapas state, Tapachula, Okt. 2001, leg.
S.P. BENJAMIN; Aufzucht ex ovo). beerwald der Kanarischen Inseln nur schwer braun und nachtaktiv. Weiters lässt die Rin-
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gelung der Beine den Körper bei vielen Ar- gelbliche Grundfärbung in Abhängigkeit
ten verschwimmen (Abb. 3f, 5c, f, g, 6f, h, von der Nahrung. Durch Verzehr von
7a, g). Vertreter von Chrysso haben zudem Fruchtfliegen werden die Tiere orange, Zika-
markante Haarbüschel an den Beinen, die den bewirken eine Grünfärbung. Die Fär-
ebenfalls vom Körper der Spinnen ablenken. bung bleibt über mehrere Tage erhalten.
Dagegen weisen die Arten von Argyrodes Darüber hinaus tritt T. graüator in einer
s.str. auffällige Silberflecken auf (Abb. 3a, c) Vielzahl von Morphen auf, die nach den
und sind tagaktiv. Dem Silberguanin wird Mendel'schen Gesetzen vererbt werden. Der
hier thermoregulatorische Funktion zuge- Farbpolymorphismus dürfte der Prädation
schrieben (OXFORD 1998). durch Vögel entgegenwirken. Wird die häu-
fige gelbe Morphe bevorzugt erbeutet, so
Zeichnungsmerkmale helfen unter Um-
vermehren sich die gemusterten Morphen
ständen bei der Artbestimmung, z.B. bei La-
in stärkerem Ausmaß (GlLLESPIE 1989, Ox-
trodectus und Steatoda (Abb. la-f, 7b—f; sie-
FORD & GlLLESPIE 2001). Auch in Europa
he LOTZ 1994; KNOFLACH & VAN HARTEN
gibt es Farbpolymorphismus. Bei Enoplogna-
2001b), oder der gruppenmäßigen Zuord-
tha ovata werden drei Zeichnungsvarianten
nung. Die Enoplognat/ifl ovata-Gruppe ist
unterschieden: die häufigste, var. lineata, mit
durch leuchtend gelbe Körperfarbe von den
einheitlich gelbem Abdomen (Abb. 2b, c),
übrigen Enoplogruzt/ia-Arten abgegrenzt
var. redimita mit zwei lateralen roten Bänder
(Abb. 2b-d). Viele Vertreter von Theridion
besitzen ein gewelltes Mittelband am Abdo- (Abb. 2d), und die seltenste, var. ovata, mit
men (Abb. 7a). Auch Anelosimus hat ein breitem rotem Mittelband (OXFORD 1976,
deutliches Folium (Abb. 5f, g). Als Warn- 1985a, b, 1991, 1992; OXFORD & SHAW
färbung wird die rot-schwarze Zeichnung 1986). In England wurde die Verteilung der
von Latrodectus (Abb. la, b, e) und Steatoda Farbmorphen 15 Jahre lang an über 40
paykulliana (WALCKENAER) (Abb. 7b) inter- Standorten untersucht und könnte auch kli-
pretiert, entsprechend ihrer Giftigkeit. Nur matisch beeinflusst sein (OXFORD & SHAW
die bodenlebenden Gattungen Robertas, 1986). Ähnliche Morphen weisen die
Camieüa und Theonoe sind durchwegs unge- Schwesterarten E. latimana HIPPA & OKSA-
zeichnet, graubraun (Abb. 6d). Dies ent- LA und E. afrodite HlPPA &. OKSALA auf
spricht ihrer Lebensweise. Guanineinlage- (Abb. 2b-d; OXFORD 1992). Die Farbvarian-
rungen sind häufiger bei Spinnen offener ten von hleotaura bimaculata (LlNNAEUS),
Habitate, als bei versteckt oder im Bestan- Abdomen einfarbig dunkel oder weiß ge-
desinneren lebenden Arten (OXFORD 1998). bändert (SIMON 1881), könnten ebenfalls
einen Polymorphismus darstellen.
Ausmaß und Anordnung der Guanin-
einlagerungen können sich im Laufe der Pos- Weitere Kugelspinnen kommen in meh-
tembryonalentwicklung deutlich verändern reren Farbvarianten vor, doch stellen diese
(OXFORD 1998). So überlagern bei Latrodec- keine diskreten Morphen dar. Bei Achaear-
tus-Arten mit jedem Stadium zunehmend anea lunata (CLERCK), Anelosimus aulicus
dunkle Pigmente die hellen Guaninflecken (C.L. KOCH), Echinotheridion gzbberosum
(Abb. le). Adulte Weibchen besitzen kaum
(KULCZYNSKl), Paidiscura orotavensis
noch Guanin, daher „Schwarze Witwen" (SCHMIDT), Tidarren u.a. sind Übergänge in
(Abb. lf, 28d, 29d). Die Männchen sind ne-
der Grundfärbung zu finden, von gelblich,
otän, benötigen eine geringere Zahl an Häu-
braun bis rötlich (Abb. 4d-f). Plötzlicher
tungen zum Erreichen der Geschlechtsreife
Farbwechsel durch Verlagerung von Pig-
und behalten die Jugendfärbung bei (KNOF-
menten wird schließlich bei Chrysso scintil-
LACH & VAN HARTEN 2001b). Ähnliches
lans (THORELL) aus Japan erwähnt (UYEMU-
dürfte auch für die sexualdimorphe Achaear-
RA 1957, zitiert nach GlLLESPIE 1989, sub C.
anea tesselata (KEYSERLING) gelten. Diese Art
venusta).
ist im Jugendstadium leuchtend orange ge-
färbt und wird mit zunehmendem Alter
Prosoma
dunkler (Abb. 4b, c versus la).
Das Prosoma ist meist länger als breit
Bei der „Happy-face Spider" von Ha- (Abb. 8a-e, g, h), abgesehen von Dipoena,
waii, Theridion graüator, verändert sich die Episinus und Euryopis u.a. (Abb. 8f, i), und
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Abb. 4a-f: Habitus und Färbung, a-c:
Achaearanea tesselata (KEYSERLING), 9 mit
sad. er (Pfeil, a), er (b), juv. 9 (c); Farbwechsel
im Laufe der Postembryonalentwicklung,
beachte den Größenunterschied der
Geschlechter (Mexico, Chiapas state,
Tapachula, Okt. 2001, leg. S.P. BENJAMIN;
Aufzucht ex ovo). d-f: Echinotheridion
gibberosum (KULCZYNSKI), 9, in Makaronesien
endemisch, verschiedene Farbvarianten
(Teneriffa, Anaga, Feb. 2000).
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."• J".
1
1
1
Abb. 5a-h: Habitus
und Färbung, a, b:
Phoroncidia paradoxa
(LUCAS), 9 (a) und er
(b), Körperlänge c. 1,5
mm (Korsika, Calvi,
Mai 2001). c: Episinus
theridioides SIMON, 9,
nur wenige Fundorte
im westlichen
Mittelmeerraum
(Korsika, Haute Asco,
Sept. 2001). d: Episinus
truncatus LATREILIE, sad.
o", im Netz;
Vorderbeine halten
die Fangfäden (Italien,
Triest, April 1994). e:
Neottiura bimaculata
(LINNAEUS), or (Südtirol,
Brixen, Mai 1996). f:
Anelosimus aulicus (C.
L. KOCH), er (Jemen,
Sana'a, Juni 1998). g:
A. pulchellus
(WALCKENAER), 9 mit
Eikokon (Korsika,
Calvi, Mai 2001). h:
Paidiscura orotavensis
(SCHMIDT), 9,
endemisch in
Makaronesien
(Teneriffa, Buenavista,
Feb. 2000).
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Abb. 6a-h: Habitus und Färbung, a: Rugathodes bellicosus (SIMON), O- (Nordtirol, Obergurgl, Juni 1992). b: Theridion nigrovariegatum SIMON,
9 mit Eikokon (Innsbruck, Juni 1994). c: Achaearanea lunata (CLERCK), C (Sardinien, Cala Gonone, Juni 2003). d: Robertus lividus
(BLACKWALL), 9 (Nordtirol, Kühtai, Okt. 2001). e: Lasaeola tristis (HAHN), 9, Ameisenspezialist (Nordtirol, Innsbruck, Juli 1992). f: „Dipoena"
sp. (nahe Phycosoma martinae (ROBERTS)), er, Prosoma steil (Jemen, leg. A. VAN HARTEN), g: Coleosoma floridanum BANKS, er, Abdomen
eingeschnürt; rezent auch in Gewächshäusern Mitteleuropas (Schweiz, Basel, März 1993). h: Theridion blackwalli O.P.-CAMBRIDGE, 9,
hemisynanthrop (Nordtirol, Innsbruck, Juni 1998).
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