Table Of ContentISBN 978-3-662-27047-9 ISBN 978-3-662-28526-8 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-28526-8
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Kriegschirurgie und Sonderlazarette der zerrissenen Gewebe oder durch die frühzeitige Ab
setzung des Gliedes bei vollständiger Unterbrechung der
Von Prof. Dr. Lorenz Böhler, Wien
Blutzufuhr nach Gefäßschüssen und durch Unterlassung der
Ich halte mich für berechtigt, über Kriegschirurgie zu primären Wundnaht. Von der Anwendung des Gasbrand
schreiben, weil ich vom 1. August 1914 bis 1. August 1916 serums habe ich keinen Nutzen gesehen, deshalb verwende
auf dem Hauptverbandplatz, und zwar das erste Jahr im ich es nicht. :Vohl aber habe ich den Eindruck gewonnen,
Bewegungskrieg in Polen und das zweite Jahr im Stellungs daß manche Im Vertrauen auf das Serum die gründliche
krieg am Isonzo und in den Dolomiten, gearbeitet und Wundreinigung oder die rechtzeitige Amputation unterlassen
dort ungefähr 30.000 Verwundete und Kranke versorgt habe, haben.
und dann· 21/2 Jahre im Etappenraum in dem von mir ge Ruh i g s tell u n g der W und e n. Das beste Mittel
gründeten Kriegsspital für Knochenbrüche und Gelenkschüsse zur Verhütung der Infektionen und des Weiterschreitens der
in Bozen, das bis Ende 1917 nur 30 km Luftlinie von der selben nach der Wundreinigung ist die ununterbrochene
Front entfernt war und später 80 km. Dort habe ich 1204 Ruhigstellung der verletzten Körperteile, besonders wenn
Brüche der langen Röhrenknochen, davon 601 Schußbrüche die Knochen gebrochen oder Gelenke verletzt sind. Damit
und 176 Schüsse der großen Gelenke, bis zu ihrer voll kann man auch die Schmerzen besonders auf dem Trans
ständigen Heilung behandelt. port lindern.
Außerdem habe ich den spanischen Kriegsschauplatz Die ersten Transportverbände zum Haupt
gesehen und von meinen Schülern entsprechende Berichte ver ban d p I atz sind von den Behandlungsverbänden
aus Spanien, Abessinien und China erhalten. Dazu kommen grundsätzlich verschieden. Sie haben nicht die Aufgabe,
Hoch die Erfahrungen aus diesem Kriege. eingerichtete Bruchstücke unter allen Umständen in guter
Die Kr i e g s chi r u r g i e umfaßt wie die Unfallchir Stellung zu erhalten, sondern nur starke Bewegungen der·
urgie die Behandlung von Verletzungen aller Art. Sie ist selben, welche zu Schmerzen und Entzündungen Veranlas
aber von ihr besonders im Anfang grundverschieden wegen sung geben, zu verhüten. Sie müssen deshalb im Gegensatz
der Schwere der Verletzungen, wegen der großen Zahl zu den, Behandlungsverbänden gut g e pol s t e r t sein. Die
derselben und wegen der ungünstigen äußeren Verhältnisse. Binden dürfen nie neben der Polsterung auf der Haut liegen,
Wie im Frieden ist auch im Kriege die erste Aufgabe weil sie sonst schnüren.
des Chirurgen, das Leben zu erhalten, das durch Blutung, Ver let z u n gen der F i n ger und H a n d lagert
Schock und Erstickungsgefahr bedroht ist. Nach Ueberwin man am besten auf ein einfaches Brett oder auf eine Pappe
dung dieser ersten Gefahren droht bei allen Kriegswunden schiene.
die In f e k t ion, die nach Möglichkeit verhütet und be Ver let z u n gen des Vor der arm e s werden eben
kämpft werden muß. Außerdem muß von Anfang an ge falls auf ein Brett oder auf eine gut gepolsterte Cramer
trachtet werden, die verletzten Teile möglichst vollständig Schiene gelagert. Die Schienen sollen in der Regel bis zur
und gebrauchsfähig wiederherzustellen. Mitte des Oberarmes reichen. Der Vorderarm soll in der
Verwundetennest und Truppenverbandplatz Mittelstellung aller Gelenke verbunden werden.
Die erste Aufgabe im Verwundetennest und am Trup o b e rar m b r ü c h e werden mit einem Des a u I t an
penverbandplatz ist das Ver bin den der W und e n mit
den Körper gebunden oder mit einem Triangel versorgt
dem sterilen Verbandpäckchen nach dem S t i 11 end er
und nicht mit einer Abspreizschiene.
BI u tun g. Sie steht gewöhnlich durch einen Druckverband
Hüft- und Kniegelenkschüsse und Ober
bei Hochlagerung des verletzten Körperteiles. Die Abschnü
s ehe n k eis c h. u ß b r ü ehe werden an das andere Bein
rung eines Gliedes ist nur selten nötig. Sie soll nur in den
angebunden oder mit einer Transportstreckschiene versorgt,
allerdringendsten Fällen angelegt werden, weil es zum Ab
wenn sie vorhanden ist. Draht- und Holzschienen sollen
sterben des Gliedes kommt, wenn sie länger als 2 bis 3
immer bis zur Achselhöhle reichen.
Stunden liegen bleibt, und weil sie außerdem sehr schmerz
U nt e r s c h e n k e I - und Fuß b r ü c h e werden auf
haft ist. Häufig sieht man, daß die Binden zu wenig ange
einen Blechstiefel gelagert, der durch ein Querstück am
zogen werden, dann kommt es zur Stauung und zu ver
Umfallen gehindert werden muß, oder man verwendet die
stärkter Blutung.
Transportstreckschiene, wenn sie erreichbar ist.
Sc' h m erz b e k ä m p fun g. Da jede Verwundung sehr
schmerzhaft zu sein pflegt, muß man genügend Mo. oder
Ums t ä n d e, w eie h e i m Ver w und e t e n n e s tun cl
andere schmerzstillende Mittel geben, im Bedarfsfall in Ver
am Truppenverbandplatz zu Mißerfolgen
bindung mit Herzmitteln.
führen können
W ä r m e und F I ü s s i g k e i t s z u f uhr. Das beste
Mittel, um den bei den meisten schweren Verletzungen auf 1. Unterlassen der raschen Blutstillung durch Hoch
tretenden Schock zu bekämpfen, ist neben dem Mo. das lagerung und durch Druckverbände.
Warmhalten des Körpers, das Einwickeln in warme Decken. 2. Unterlassen des Anlegens einer Klemme oder einer
Die Kleider dürfen deshalb niemals ausgezogen, sondern riur Abschnürbinde, wenn die Blutung auf Druck nicht steht.
über den Wunden aufgeschnitten werden und müssen nach 3. Unnötiges Anlegen der Abschnürbinde, weil sie zum
dem Verbinden wieder geschlossen werden. Außerdem muß 4\bsterben des Gliedes führt, wenn sie mehr als 3 Stunden
man den Ausgekühlten und Ausgebluteten reichlich heiße liegen bleibt.
Getränke geben, soweit dies möglich ist. 4. Schlechtes, das ist zu lockeres Anlegen der Ab
Ver h ü tun g des W und s t ar r k r a m p fes. Diese schnürbinde, weil sie dann staut und die Blutung vermehrt.
im Frieden verhältnismäßig seltene Erkrankung tritt im 5. Unterlassen der Schmerzbekämpfung durch Mo. und
Kriege häufig auf, deshalb muß jeder Verwundete sobald als andere Mittel.
möglich' Tetanüsserum bekommen, und zwar 5 ccm = 2500 6. Unterlassen der Schockbekämpfung durch äußere
Einheiten. Ich hebe dies besonders hervor, da manche glau und innere Wärmezufuhr (Zudecken mit warmen Decken
ben, ich sei ein Gegner der Tetanusserumprophylaxe. Ich und Verabreichung heißer Getränke).
bin der Ansicht, daß man bei jenen Friedensverletzungen, 7. Entfernung der Kleider. Sie sollen über den Wunden
bei welchen die Wundausschneidung restlos durchgeführt nur aufgeschnitten und dann wieder geschlossen werden.
wurde, kein Serum braucht. Kriegswunden kann man aber 8. Unterlassen der prophylaktischen Einspritzung von
nicht vollständig ausschneiden und deshalb muß man in Tetanusserum.
jedem Falle Tetanusserum geben. In Zukunft wird vielleicht 9. Unterlassen einer entsprechenden Ruhigstellung vor
die aktive Immunisierung gegen Tetanus eingeführt werden. dem Transport.
Ver h ü tun g des Gas b ra n des. Er tritt nur dort Diese Forderungen können, besonders im Bewegungs
auf, wo große Muskelrnassen zerrissen sind oder wo eine krieg, mitunter bei bestem Willen nicht durchgeführt wer
Hauptschlagader durchtrennt ist oder wo verschmutzte Wun den. Sie müssen aber, wenn es irgendwie möglich ist, an
den zugenäht wurden. Man verhütet ihn durch Entfernung gestrebt werden.
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Hauptverbandplatz, Feldlazarett und Kriegs Am p u tat ion. Wenn ein Glied durch ausgedehnte
lazarett Zertrümmerung unbrauchbar ist, muß es sofort amputiert
werden, ebenso wenn die Hauptschlagader am Bein durch
Die Arbeit ~es Feldchirurgen beginnt auf dem Haupt
schossen ist; am Arm kann man die Erhaltung des Gliedes
ve;bandplatz. BeI der Aufstellung desselben im Bewegungs
versuchen .. Bei Oberschenkelschußbrüchen mit großen Wun
krle~ war unsere erste Aufgabe, immer dafür zu sorgen, daß
den und mIt Durchtrennung des Ischiadicus oder mit breiter
~enugend Stroh zur Lagerung, genügend Decken und reich
E!öffnung des Kniegelenkes soll man mit der Amputation
hch Tee zur Erwärmung bereitgestellt wurden. Sobald die
Verletzten eintrafen, wurden sie nach Art und Schwere auf n~cht lang~ warten. Für die Amputation soll man keinen
Zrrkelschmtt, sondern Lappenschnitte verwenden. Die Am -
geteilt und nach. ihrer Dringlichkeit versorgt. Bei Massen
putationswunde darf nicht durch Naht ge
andrang und bel schlechten Abschubverhältnissen wurden
sc h los sen wer den. Bei starker Infektion muß man
alle Operationen, die viel Zeit in Anspruch nahmen und
dabei wenig aussichtsreich waren, wie Bauch- und Schädel die Lap~en sogar zurückschlagen und so verbinden. Die
Amputatron muß so rasch durchgeführt werden, daß die
schüsse, zurückgestellt. Bei geringem Andrang von Ver
Narkose nicht länger als 10 Minuten dauert.
wundeten habe ich im Stellungskrieg über 300 Schädel
schüsse und zahlreiche Bauchschüsse operiert. Gas b ra n d. Er tritt nur bei großen Muskelwunden
und bei Gefäßschüssen auf oder wenn verschmutzte Wun
Dringlich€ Eingriffe. Zuerst wurden die Ver
letzten mit abgeschnürten Gliedern versorgt und jene mit den ohn~ ~einigung. geschlossen werden. Er kündigt sich
durch plotzhche heftrge Schmerzen, durch fahle Blässe und
starker Atemnot.
rasches Ansteigen des Pulses an. Aus der Wunde entleert
. B I ~. t s t i 11 u ~ gun d B 1 u t e r s atz. Die Blutsperre
sich fleischwasserähnliche Flüssigkeit, aber kein Eiter. Wenn
wIrd gelost und dIe noch blutenden Gefäße werden abge
klemmt und unterbunden. Wenn die Verletzten stark aus man beim Auftret~n dieser Zeichen sofort amputiert, kann
man das Leben mItunter erhalten. Die ödematöse Haut muß
geblutet. sind, gib~ man physiologische Kochsalzlösung oder
Tutofusm und bel den schwersten Fällen macht man eine w~it ins Gesunde hinein gespalten werden. Durch die immer
Blutübertragung, wenn die äußeren Umstände es gestatten. wIeder emp~ohlen.en S~uerstoffeinblasungen kann man nur
schaden. DIe Verabrelchung von Prontosil und anderen
Bei K e h I k 0 P f sc h ü s sen wird, wenn nötig, die chemischen Mitteln ist oft die Ursache daß der recht
Tracheotomie ausgeführt.
zeitige gründliche chirurgische Eingriff ~nterlassen wird.
Der breit 0 ff e ne P neu m 0 t h 0 r a x wird nach ent Vom Gasbrandserum habe ich keinen Nutzen gesehen.
sprechender Wundausschneidung durch tiefgreifende Nähte
.~el!ge~e?sentzün?ungen mit Gasbildung im Eiter sind
geschlossen, um das Mediastinalflattern zu verhindern.
Der S pan nun g s p neu m 0 t h 0 r a x wird punktiert. vscehrmh~tltetnm smgaeßwlgö hgnulitacrht Igz uurn d Akuosmhemileunn gn.a ch ausgiebigen Ein
Die Nadeln werden nicht entfernt.
Bei b e d roh I ich e m Hau t e m p h y sem werden T r ans p 0 r t ver b ä n d e für das Hin te r I a n d.
Wenn .man die Wunden mit dem Messer gereinigt hat, soll
zahlr~iche entsprechend weite Puriktionsnadeln eingestochen
man dIe Verwundeten so rasch als möglich aus dem Feuer
und hegen gelassen. Die Luft pfeift durch diese Nadeln ab.
bereich herausbringen und in Sonderlazarette abschieben.
Einschnitte sind nie notwendig.
Dazu muß man gute Transportverbände anlegen. Streckver
Bei Verlegung der Harnwege wird der hohe Blasen
bände dürfen in den vorderen Sanitätsformationen die von
schnitt gemacht. Bei zahlreichen Verwundungen in der
Flieger~ heimgesucht we~den,. nicht angelegt werden, weil
Gegend der Harnröhre und des Beckens kommt es ohne
Verletzung der Harnwege zur Harnverhaltimg. Hier genügt man drese Verletzten m~h! m Luftschutzräume bringen
kann. Nach der Wundremlgung kann man das Weiter
das Katheterisieren.
W und r ein i gun g mit dem M e s s e r. Bei Kriegs schreiten ~er Infektion nur verhindern, wenn man entspre
chend ruhigstellt, und zwar nicht nur die Knochenbrüche
w~nden is~ das umgebende Gewebe durch Spreng und Gelenkschüss~, sondern auch die großen Weichteilver
WIrkung weIthin geschädigt, deshalb ist die dritte Wund
letzungen. Auch dIese Transportverbände haben so wie die
zone sehr groß ~d der Gewebszerfall sehr ausgedehnt, auf deI? Truppenverbandplatz angelegten, nicht die Auf
wenn es zur InfektIOn kommt. Man kann sie nur verhindern
gabe, dIe Bruchstücke unter allen Umständen in guter Stel
~enn man die Wunde mit dem Messer gründlich reinigt'
lung zu erhalten, sondern nur starke Bewegungen der
mdem man alles zerrissene und nicht mehr ernährte Ge~
selben, welche zu Schmerzen und Entzündungen Veran
we?e wegschnei~et. Damit entfer~t man auch den größten lassung geben, zu verhüten. Sie müssen deshalb im Gegen
Tell .der krankheltser;egend~n KeIme. Besonders wichtig ist
es, dIe Knochensphtter lllch t zu entfernen weil es sonst satz zu den ~ehan~lun~sverbänden in der Regel gut ge
pol s t e r t sem. DIe Bmden dürfen nie neben der Polste
zur Bildung von Defektpseudarthrosen und Schl~ttergelenken
kommt. Welche ungeheuren Schäden aus der Entsplitterung rung auf der H~ut liegen, weil sie sonst schnüren. U n g e -
pol s t e r t e G I P s ver b ä n d e dürfen nur nach dem Ab
entstehen, geht daraus hervor, daß nach der französischen
klingen der Infektion und für Transporte auf kurze Zeit
Sanitäts statistik von den 37.746 Oberschenkelschußbrüchen
angelegt werden. Sie m ü s sen i m m erg e s p alt e n
28·~%.= 10.908 nachträglich amputiert werden mußten, werd en.
weIl SIe wegen der großen Knochendefekte unbrauchbar
waren. Ver let z u n gen der F i n ger und der H a n d la
G e s c h 0 ß s pli t t e r sollen in der Regel nicht g'e gert man auf ein einfaches Brett oder auf eine Pappe
sucht werden. schiene, so wie für den ersten Transport.
Große Wundhöhlen werden an den tiefsten Stellen mit Ver let z u n gen des Vor der arm e s werden eben
G u m m i d r a ins versorgt und im Bedarfsfall mit Gaze lok fall~ auf ein Brett ~der a~f eine gut gepolsterte er a m e r -
ker ausgelegt. Die Drains dürfen am Unterschenkel und Vor S~hlene gelagert. DIe S~hrenen sollen in der Regel bis zur
derarm niemals durch den Zwischenknochenraum gezogen MItte des Oberarmes reIchen. Der Vorderarm soll in Mittel
werden, .um Arrosionsblutungen zu vermeiden. stellung aller Gelenke verbunden werden. Wenn entspre
K eIn e W und nah t. Während man bei Friedens chend geschulte Mannschaft vorhanden ist und wenn keine
w:unden nach genauer Ausschneidung der ganzen Wunde Gefahr des raschen Fortschreitens von Infektionen besteht
dIe Haut. nähen darf, ist dies bei Kriegswunden nicht er sollen auch gepolsterte Gipsverbände angelegt werden. A~
laubt, we~l dadurch Spannungen in der Wunde und schwer den Wundste.Hen müs~en große Fenster ausgeschnitten wer
ste Infektronen entstehen. Bei Schädel- Gelenk- und Brust den. Noch emfacher 1St es, wenn man über den Wunden
schüssen kann mitunter eine Ausnah~e gemacht werden. entsprechend große Ringe aus Pappe oder Blech auflegt
Wunden mit kleinem Ein- und Ausschuß werden nicht und den Verband um diese herum anwickelt. Die Fenster
ausgesc~nitten, son~ernnur mit keimfreien Tupfern bedeckt müssen zuerst bis auf die Haut freigelegt und dann gut mit
und r~hlggestellt. SIe d ü rf e n n ich t gen ä h t wer den, Verbandstoffen ausgefüllt werden, damit kein Fensterödem
um dIe Spannungen und Infektionen zu vermeiden. entsteht.
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Ob er arm b r ü ehe werden mit einem Triangel aus Ums t ä n d e, w eie h e auf dem Hau p t ver ban d -
Holz oder C r a m er -Schienen versorgt, das nicht weit ab-. pi atz, im Fe I d - und Kr i e g s I a zar e t t zuM i ß
stehen darf. Wenn entsprechend geschulte Mannschaft vor erfolgen führen können
handen ist, soll ein Brustarmgipsverband angelegt werden,
1. Unterlassen der endgültigen Blutstillung bei abge
bei dem der Arm nicht mehr als 30 bis 400 gehoben ist. Die
schnürten Gliedern durch Gefäßunterbindung.
Fensterung wird wie bei den Vorderarmbrüchen durchge
2. Unterlassen der gleichzeitigen Schockbekämpfung
führt. Abspreizschienen mit waagrecht gestelltem Arm sind
durch schmerzstillende und durch Herzmittel und durch
in den engen Wagen immer hinderlich. Die Transport
innere und äußere Erwärmung.
streckschiene mit gestrecktem Ellbogen ist für längere Trans
3. Unterlassen des Blutersatzes bei Ausgebluteten durch
porte ungeeignet.
physiologische Kochsalzlösung, durch Tutofusin oder bei
Sc h u I t erg eie n k s eh ü s s e werden mit einem
starken Blutverlusten durch Blutübertragung.
Des a u I t oder mit einem gefensterten Brust-Arm-Gipsver
4. Unterlassen des Luftröhrenschnittes bei Verletzung
band versorgt, bei dem der Arm möglichst wenig seitwärts
der oberen Luftwege.
gehoben werden soll.
5. Unterlassen des Verschlusses des breit offenen Pneu
Hüftgelenk- und Kniegelenkschüsse und
o mothorax.
b e r s ehe n k eIs c h u ß b r ü ehe sind technisch am
6. Unterlassen der Entleerung des Spannungspneumo
schwersten zu versorgen. Die Transportstreckschiene darf
thorax.
nur für kurze Entfernungen verwendet werden. Sonst legt
7. Unterlassen der Punktion bei bedrohlichem Haut
man Schienenverbände mit Draht- oder Holzschienen an,
emphysem.
von welchen die äußere immer bis zur Achselhöhle reichen
8. Unterlassen des Katheterismus bei Harnverhaltung.
muß. Dazu soll man noch eine hintere und innere Schiene
9 ..U nterlassen des Blasenschnittes bei Verlegung der
geben. Das Kniegelenk soll, wenn möglich, in leichte Beuge
Harnwege.
stellung gebracht werden. Wenn eine geschulte Mannschaft
10. Unterlassen der Wundreinigung mit dem Messer
vorhanden ist, ist der gefensterte Gipsverband das beste
bei allen zerrissenen und stark verschmutzten Wunden. Da
Mittel, um diese schwersten Brüche für lange Transporte
durch kann es zu schweren Wundentzündungen und zu Gas
geeignet zu machen. Wenn die Gefahr besteht, daß Infek
brand kommen.
tionen rasch weiterschreiten, muß der Gipsverband innen
11. Entfernen der Knochensplitter. Dadurch entstehen
und außen aufgeschnitten werden, damit man eine vordere
Defektpseudarthrosen und Schlottergelenke.
Schale abheben und das ganze Glied ohne Unterbrechung.
12. Unterlassen der Nervennaht.
der Ruhigstellung überblicken und verbinden kann. Diese
Schalengipsverbände müssen hinten eine Bandeisenverstär 13. Einlegen VO'Il Drains in den Zwischenknochenraum,
dadurch kann es zu Arrosionsblutungen kommen.
knng haben, damit sie nicht brechen.
14. Tamponieren der Wunden.
U n t e r s ehe n k e 1- und Fuß b r ü ehe werden auf
15. Wundnaht. Dadurch kann es zu schwersten Wund
den V 0 1 k man n sehen Blechstiefel gelagert, der über der entzündungen und zu Gasbrand kommen.
Ferse ein Querstück haben muß, damit der Fuß nicht nach
16. Unterlassen der Amputation bei Schüssen durch
außen wmfällt. Besser ist der gefensterte Gipsverband.
die Hauptschlagadern des Beines. Dadurch kann es zum Gas
B e s ehr i f tun g der Ver b ä n d e. Im Frieden schrei
brand und zu schweren Phlegmonen kommen.
ben wir auf jeden Verband das Datum des Unfalles, der
17. Zirkel- statt Lappenschnitte bei den Amputationen.
Einrichtung oder Wundversorgung, der Verbandwechsel, der
18. Naht des Amputationsstumpfes.
notwendigen RöntgenkontrOllen und den Namen des Arztes
und zeichnen die Wundgröße und die Röntgenskizze ein. 19. LangsaIlles Operieren, die Narkose bei der Ampu
tation soll nicht mehr als 10 Minuten dauern.
Im Kriege sollten wir ähnlich vorgehen, da der Verwundeten
zettel häufig verlorengeht oder unleserlich wird. Es sollte 20. Unterlassen frühzeitiger großer Einschnitte oder der
deshalb jeder Verband folgende Angaben enthalten: Amputation beim Gasbrand.
21. Sauerstoffeinblasungen beim Gasbrand. Man kann
1. Tag und Stunde der Verwundung,
damit nur schwer schaden.
2. Tag und Stunde der letzten Versorgung,
22. Anwendung chemischer Mittel beim Gasbrand. Man
3. Art der Versorgung (Wundausschneidung usw.), schiebt damit den möglichst frühzeitigen operativen Eingriff
4. Einzeichnung des Ortes und der Größe der Wunden, hinaus und kann den tödlichen Ausgang mit der Spätampu
5. Bei Knochenbrüchen Einzeichnen der Höhe der tation gewöhnlich nicht mehr aufhalten.
Bruchstelle, 23. Unterlassen einer guten Ruhigstellung für den Trans
6. Vermerk von Besonderheiten, z. B. Blutungsgefahr, port. Der Gipsverband ist für viele Fälle das Geeignetste.
Gasbrand usw., 24. Anlegen von ungepolsterten Gipsverbänden, die
7. Name des Arztes und der Truppe, damit man die nicht gespalten werden. Es kann dadurch zu schweren isch
Verbindung herstellen kann. ämischen Störungen kommen.
Auf diese Weise ist während des Aufenthaltes in einer 25. Anlegen von Abspreizschienen für den Arm. Sie
Station oder auf dem Transport jeder über alles Wesentliche sind beim Transport sehr hinderlich.
unterrichtet, und zu häufige oder auch zu seltene Verband 26. Unterlassen der Fensterung der Verbände über den
wechsel und andere Maßnahmen werden vermieden. Wunden, weil man sie sonst nicht verbinden kann, ohne die
Ver ban d kur s e. Die mitunter monatelangen Ge Ruhigstellung zu unterbrechen.
fechtspausen habe ich immer dazu benutzt, Schienen- und 27. Unterla~sen der Beschriftung der Verbände, weil
Verbandmaterial in großer Menge vorzubereiten und Aerzte nur damit jeder über Art, Ort und Schwere der Verwundung
und Mannschaften im raschen Anlegen von Transportver und über die weiteren notwendigen Maßnahmen unter..ichtet
bänden immer wieder zu schulen. Die richtige Polsterung werden kann. Damit wird der zu häufige Verbandwechsel
der Schienen und besonders das Anlegen und Fenstern der verhindert.
Gipsverbände muß öfters geübt werden, wenn im Ernstfall 28. Anlegen von Streckverbänden an Orten, an welchen
alles stimmen soll. Nur so kann man die schweren Schäden die Verwundeten nur kurze Zeit bleiben oder an welchen sie
vermeiden, die so oft als Folgen schlecht angelegter Ver häufigen Fliegerangriffen ausgesetzt sind.
bände beschrieben werden. Ich habe mich besonders be 29. Unterlassen der Verbandkurse während der Ge
müht, einheitliche Gipsbinden zu bekommen. Ich verwende fechtspausen.
seit 25 Jahren weitmaschige 16- bis 18fädige Binden von 30. Unterlassen des frühzeitigen Abschubes von KtlO
5 m Länge, 15 cm Breite und 400 g Gewicht für Arm chenschußbrüchen und Gelenkschüssen in Sonderlazarette,
und Bein und 5 m lange, 20 cm breite für Becken und in welchen sie bis zu ihrer endgültigen Heilung bleiben
Brust. können.
6
Endgültige Behandlung im Heimat
lazarett
Schon im FeldlazarE·tt sollen die verschiedenen
Verletzungsarten gesondert gelegt werden, damit man
sie je nach ihrer Dringlichkeit und der Aussicht auf
Erfolg zur Behandlung vornehmen kann.
Zahlenmäßig überwiegen die Verletzungen dt'r
°
Gliedmaßen, denn sie machen 63 0 aller V t'rwundt'tt'n
aus. Die Zahl der Gt'hirn- ,0'7200), der Lungen- 2'6('"
und der BauchhöhlE'nvE'rletzungen '1'0100) ist auf
fallend gering, deshalb, weil diE' meisten tot auf dem
Schlachtfeld bleibt'n. Von allE'n Verwundeten t'ntfallt'n
2500 auf Knochen- und Gt'lenkschüsse. Wt'nn man
von den leicht VerwundetPll absieht, die ungefähr
zwei Drittel ausmacht'n, E'ntfallen auf die Knochen
brüche und Gelenkschüsse ungE'fähr 9000 aller Schwt'r
verletzten. Die überragende Wichtigkeit dt'r Glit'd
maßenv erletzungen geht auch daraus hervor, daß von
Abb. 1. Bozen, Dez. 1918. Schienenmagazin in ml'inem Krie~s
spital für Knochenbrüche und GE'lenkschüssE' in Bozen. Auf
genommen im ill)E'zE'mbE'r 1918, als schon die mE'isten VE'r-
wundetE'n ab~eschoben warE'n
den Dauerinvaliden 8100 auf sie entfallen. Dit' mE'istE'n
von ihnen hatten KnochE'n- und Gelt'nkschüssE'. IliNiE'n
muß also bE'i der BE'handlung t'inE' ganz bE'sondE'rE' \uf
mE'fksamkeit gE'schE'nkt wE'rdE'n.
Im Weltkrieg war die durchschnittlichE' StE'rb
lichkeit der KnochE'nschußbrüchE' in der EtappE' 12(10
und der ObE'rschE'nkE'lschußbrücliE' sogar 2ir o. Dit'
durchschnittliche VE 'rkürzung war nach E'iner Statistik
von E r I ach er: "Spätergebnisse der Oberschpnkel
schußfrakturE'n usw.", Bruns' BE'iträgE', Bel. 106, H. 2,
1917, wE'lche 900 Fälle umfaßt, 5 bis 6 cm und
übE'fstiE'g mitunter 20 cm. ~eben dE'n Tott'n und
ungünstig GeheiltE'n spiE'lE'n die AmputiertE'n eine
große RollE'. ~ach E'iner Zusammenstellun~ von
Spitzy ("reber FrakturdE'formitäten", 15. KongrE'ß
der Deutschen orthopädischen Gesellschaft, 19201
waren im Jahre 1916 untE'r 1000 VerwunddE'n spinE's
orthopädischen ~achbE'handlungsspitals 389 Fällt',
welche Schußbrücht' t'rlittem hatten. ,\n diE'sen wart'n
Abb. 2. Bozen, Dez. 191~. Magazin für gebrauchsfertige Ab
sprE'izschienen mit BandeisE'nbügE'ln und Gurten und mit Holz
wollepolsterung Bozen 1918
247 = 64'20:0 Amputationen und Exartikulationt'n
ausgE'führt worden. Im Jahre 1917 wart'n untt'r
1000 VerwundE'tE'n 300, die Schußbrüche E'rlittE'n hattE'n,
mit 158 52'3°0 Amputationen und Exartikula
tionen, und zwar viE'lfach wegE'n Sepsis. Daß
man bei planmäßigE'r BE'handlung das AhsetzE'n
dE'r CHiE'der gewöhnlirh vE'rmeiden kann, zpigpn
diE' spätE'r angeführtem Zahlen.
Sonderlazart'tte für KnochE'nsrhuß
brüche und Gl:'lenks('hüssE'
rm bessE're ErgE'bnisse zu erzielE'n, wurdE'
srhon im WeltkriE'g diE' FordE'tung aufgE'stE'llt, diE'se
srhweren Verll:'tzungE'n möglichst rasch in SondE'r
lazarettE' zu bringE'n und an E' i nE' r ~ t E' IlP, von
E' i ne m Ar z t und nach ein he i tl i e h l:' n
Abb. 3. Fertiges Zimmer zur Aufnahme von L'nter
schenkelbrüchen, aufgenommen in Bozen 1917. Militärische
Mannschaftsbetten mit Strohsäcken, die mit Holzwolle
so fest gefüllt sind, daß die B rau n schE'n Schienen
vollkommen eben stehen und nie einsinken können. Sie
sind mit den Rollenträgern durch scherenförmige Spreizen
fest verbunden, so daß der Zug immer achsengerecht
wirken muß. Sandsäcke von 3 kg
7
G run d sät zen zu behandeln, so wie es für
Kieferschüsse schon lange mit bestem Erfolge
geschehen ist.
Ursachen von MißerfoLgen. Die
ungünstigen Ergebnisse waren nicht allein auf
die Schwere der Verletzung zurückzuführen,
denn es gab Lazarette, in denen die Durch
schnittsverkürzung statt 5 cm nur 0·5 cm be
trug und in denen die Sterblichkeit sehr
gering war. Der Hauptgrund der Mißerfolge
lag . darin, daß die Verwundeten häufig ver
schoben wurden, daß die Behandlullg in
jedem neuen Lazarett eine andere war und daß
sie nicht seltern von Aerzten durchgeführt wurde,
welche auf diesem Gebiete nur geringe oder
Abb. 4. Fertiges Unterschenkelzimmer im Unfallkra.n
kenhaus Wien, aufgenommen 1940. Die Fußenden der
Eisenbetten sind 30 cm hochgestellt. Zwischen Stahl
feder- und Roßhaarmatratze sind Bretter in der ganzen
Länge und Breite des Bettes eingelegt, so daß die
Unterschenkelschienen eben stehen. Holzkistchen zum
Anstützen des gesunden Beines sind eingelegt. Metall-
gewichte von 3 kg
gar keine Erfahrung hatten. Auch fehltern
häufi!! die notwendigen Lagerungs· und Streck
apparate.
Im Weltkrieg vertraten die meisten Chir
urgen die. Ansicht. und manche tun es auch
heute noch, daß im Kriege jedem Arzt Ge
legenheit gegeben werden müsse, jede Ver
letzungsart zu behandeln, und sie sind deshalb
dagegen, daß die gleichartigen Verwundungen
zusammengelegt werden. Sie begründen dies
damit, daß sonst die allgemeine Ausbildung der
Aerzte leiden würde, daß die in einem Spezial
betrieb verwendeten Methoden im Friedern nicht
Abb.5. 15. Juli 1917. Fertiges Zimmer zur Aufnahme
von Oberschenkelbrüchen in meinem Kriegsspital für
Knochenbrüche in Bozen. Militärische Mannschafts
betten mit Strohsäcken, die mit Holzwolle festgestopft
sind. Verschiebbarer Galgen, der jede beliebige Ab
duktion erlaubt, mit 2 Rollenträgern für die Gewichte
für Ober- und Unterschenkel. Mit dem Galgen ist eine
B rau n sehe Schiene durch eine scherenförmige Spreize
fest verbunden. Querholz am Galgen zum Aufrichten.
Brett am Fußende als Stütze für den gesunden Fuß.
2 Sandsäcke von 4-0 kg
brauchbar wären, und daß durch die Speziali
sierung zu viel Aerzte gebunden würden.
Die Behandlung von Knochenzertrümme
rungen und Gelenkschüssen erfordert von
seiten des Arztes eine besondere Eignung und
jahrelange Erfahrung und von seiten des Laza
retts eine besondere Ausrüstung mit Lagerungs
und Streckvorrichtungen und mit fahrbaren
Röntgenapparaten. Auch das Pflegepersonal muß
besonders geschult sein. Wenn die Verwundeten
in alle Lazarette gleichmäßig verteilt werden,
können nicht überall geeignete Aerzte vorhan
den sein. Schwierig ist es auch, alle mit den
notwendigen Einrichtungen zu versehen, wie die
Erfahrungen des Weltkrieges gezeigt haben.
Organisation des Transportes und
der Verwundetenverteilung
Gegen die Aufstellung von Sonderlazaretten
wird auch immer wieder eingewendet, daß da-
Abb. 6. 19. Juli 1917. Oberschenkelzimmer mit SchuB
brüchen im Streckverband in meinem KriegsspitaJ in
Bozen
8
durch der Transport und die Verteilung der Verwundeten erschwert würde,
weil schon an der Front bestimmt werden müßte, wohin die einzelnen
Verletzungsarten kommen sollen. Dies ist im Bewegungskrieg unmöglich.
Es is,t aber auch nicht 'notwendig, weil es genügt, wenn alle Vwletz.ten
wie bisher zusammen so rasch als möglich nach hinten abgeschoboo wer
den, und zwar dorthin, wo es die sanitätstaktische Lage, die, sich im Be
wegungskrieg sehr rasch ändert, gerade' erfordert. In der Etappe oder im
Hinterland soll dann die Aufteilung so vorgenommen Wffl'den, daß von
den für die Verwundeten bereitgestelltfm Betten, wenn es mehr als 500
sind, 25 bis 300/0 für Knochenschußbrüche und Gelenkschüsse bestimmt und
mit entsprechendem Personal und Material ausgerüstet werden. Es genügt
also in der Hegel, wenn .die Verteilung in die Sonderlazarette am End
bahnbof stattfindet. Sonderfälle ltönnen mit Flugzeug jederzeit auch auf
weiteste Strecken in dite gewünschten Sonderlazarette gebracht werden.
Das erstrebenswerte Ideal wäre, den Verwundeten auf dem Truppen
verbandplatz den ersten Verband zu geben, auf dem Hauptverbandplatz
die Wundreinigung vorzunehmen und einoo guten Transportverband an
zulegen und sie mit diesem ohne Zwischenstellen in das Sonderlazarett
Abb. 7. 26. Juni 1937. Oberschenkelzimmer mit Schußbrüchen im Streckverband
in einem Kriegsspital an der spanischen Nordfront. Der einzige Unterschied gegen
über Bozen besteht' darin, daß das untere Bettende hochgestellt ist
zu bringen, das bei guten Verkehrsverhältnissen
auch einige hundert Kilometer von der Front
entfernt sein kann.
Schwere Schußbrüche und Gelenkschüsse
sollten in der Regel nicht in Orte gelegt werden,
wo weniger als 500 Betten sind, weil dort die
Eehandlungsergebnisse erfahrungsgemäß häufig
nicht günstig gewesen sind.
Ort e für So n der la zar e t t e. Sie soll
ten dort errichtet werden, wo mehr als 500 Betten
sind. Diese Orte können mehrere hundert Kilo
meter von der Front entfernt sein, wenn sie gute
Eahnverbindungen und einen Flugplatz in der
Abb. 8. Bozen, 2. Dez. 1916. Oberschenkelzimmer mit
B rau n sehen Schienen und Y- förmigen Latten zum
Anbringen der Rollen und Züge. Daraus entstand
später die Oberschenkelschiene. Ich habe sie verwendet,
so lange noch nicht genügend Oberschenkelgalgen und
Oberschenkelschienen vorhanden waren. Aufgenommen
in Bozen 1916
Nähe haben, damit die Ver
wundeten rasch hingebracht wer
den können. Es muß aber hervor
gehoben werden, daß es mitunter
auch noch nach Wochen und Mo
naten gelingt, große Verkürzun
gen und Verbiegungen restlos zu
beseitigen (Abb. 24 bis 26). Sie
sollen entfernt von militärisch
wichtigen Gebäuden und Anlagen
liegen, damit sie den Flieger
angriffen nicht zu sehr ausgesetzt
sind, denn es ist praktisch un-
möglich, Oberschenkelschuß
brüche, die im Streckverband
liegen, täglich in den Luftschutz
raum zu bringen. Dann sollen
sie, wenn möglich, so ausgesucht
werden, daß die Verletzten bis zu
ihrer vollständigen Heilung in
der Hand der gleichen Aerzte
bleiben können. Da diese Ver-
Abb. 9. Spanien 1938. Großer Saal
mit Oberschenkelschußbrüchen. Bein
auf der Oberschenkelschiene gelagert.
Unteres Bettende 50 cm hochgestellt.
Aufgenommen von Jimeno Vidal
1938 in seinem Sonderlazarett in
Spanien
9
wundeten monatelang liegen müssen, sollten die schön
sten und hellsten Gebäude für sie ausgewählt werden. An
die SonderIazarette sollten einfache Nachbehandlungsanstal
ten angeschlossen werden, in welchen die Gehfähigen z. B.
mit Unterschenkel- und Beckengipsverbänden untergebracht
werden können.
Die Ein ri c h tun g der S 0 n der I a zar e t t e soll
möglichst einfach und einheitlich sein. Das Wichtigste sind
entsprechende Betten, BI' a unsehe Schienen und ihre Ab
arten für das Bein und Abspreizschienen für den Arm.
Nägel, Drähte und Spannbügel, Schnüre und einheitliche
Gewichte müssen in genügender Menge vorhanden sein. Fahr
bare Röntgenapparate sind unerläßlich.
Zu Lei tel' n der S 0 n der I a zar e t t e müssen
Aerzte bestimmt werden, die sich schon seit Jahren haupt
sächlich oder ausschließlich mit der Behandlung von schwe
ren Unfällen befaßt haben und deshalb 'große Erfahrung
auf diesem Sondergebiet besitzen. Auf den Unfallstationen
der Kliniken, in den Unfallkrankenhäusern und in manchen
anderen Krankenhäusern sind genügend Unfallchirurgen aus
gebildet worden.
Vor t eil e der S 0 n der I a zar e t t e. Auf diese Weise
werden die Sterblichkeit und die Zahl der Amputationen
herabgesetzt, die Heildauer wird verkürzt, die endgültigen
Heilerfolge werden um ein Vielfaches verbessert. Dadurch
braucht man um ein Mehrfaches weniger an Aerzten,
Pflegepersonal und Material.
In meinem SonderIazarett konnte ich mit zwei Assi
stenten in einer Stunde 6 eingelieferte Oberschenkelbrüche
oder 10 Unterschenkelbrüche versorgen, weil alles vorberei
tet war, wie die Abb. 3 und 5 zeigen. Für Oberschenkel
.u nd Unterschenkelbrüche wurde damals schon ausnahmslos
der unmittelbar am Knochen angreifende Zug verwendet,
obwohl zu jener Zeit viele Chirurgen dagegen waren, weil
sie ihn für gefährlich hielten.
Die Behauptung, daß durch die Spezialisierung mehr
Aerzte gebunden werden, ist damit widerlegt. Der andere
Einwurf, daß die Aerzte in ihrer Allgemeinausbildung lei
den, ist nicht stichhaltig, denn der Krieg ist nicht zur Aus
bildung vieler Aerzte in der Behandlung schwerster Unfälle
da, und außerdem könnte die Mehrzahl diese Kenntnisse
im Frieden doch nie anwenden. In Wirklichkeit ist es so,
daß eine gute Ausbildung in der Unfallchirurgie am besten
in einem Sonderlazarett erworben werden kann. Die im
Weltkrieg in Sonderlazaretten ausgebildeten Methoden habe))
sich in den letzten 20 Friedensjahren sehr bewährt.
In den Universitätskliniken müssen alle Arten VOll
Verwundeten für den Unterricht aufgenommen werden.
(Schluß folgt.)
(Schluß)
Erfahrungen mit Sonderlazaretten im
s pan i s c h e n Kr i e g e. Die Spezialisierung der Behand
lung von Schußbrüchen und Gelenkschüssen in Sonderlaza
retten ist im spanischen Kriege von 1936 bis 1939 von bei
den kriegführenden Parteien und von den dort kämpfenden
Italienern einheitlich, und zwar meist nach den in der spa
nischen und französischen Uebersetzung meines Buches
"Die Technik der Knochenbruchbehandlung" . angegebenen
Regeln durchgeführt worden. Die damit erzielten Ergebnisse
sind von Jimeno Vi d a I (Der Chirurg, H.3, 1940), der über
7000 Schußbrüche, darunter 600 Oberschenkelschußbrüche,
behandelt hat, von E los e g u i. Arg u eie s (Fracturas'
10
Verlag: Editorial scientifico medica Barcelona), Chi u r c 0 b) Gelenkschüsse :
(Organizzazione dell-ospedale Universitario italiano nella
guerra di Spagna. Communicazione della Universita di Siena 1 Fälle Infiziert Steril
15. 11. 1938) und anderen veröffentlicht worden.
Meine eigenen Ergebnisse habe ich in der Zeitschrift Schultergelenkschüsse :
für orthopädische Chirurgie, Bd. XLV, 1924, veröffentlicht. Gewehr ................... 12 8= 66% 4=34%
Sie sollen hier wiedergegeben werden. Granate und Mine ......... 16 16= 100% 0= 0%
Schrapnell ................. ° 0= 0% 0= 0%
Die einzelnen Knochenschußbrüche und Gelenkschüsse
28 24= 86% 4= 14%
verteilen sich bei mir folgendermaßen:
Ellbogengelenkschüsse :
Gewehr ................... 13 9= 69% 4=31%
Tabelle 1 Granate und Mine ......... 28 26= 93% 2= 7%
Schrapnell ................. 5 4= 80% 1=20%
1 Fälle Gestorben Amputiert 46 39= 85% 7= 15%
Hüf~~~~~~s~~~~~~:
Oberarm .... 197 7= 3'5% ( 4= 2%) 0=0% ............. 1 6 3= 50% 3=50%
Vorderarm ... 162 1= 0'6% ( 0= 0%) 0=0% Granate und Mine ........ '1 3 3= 100% 0= 0%
Unterschenkel 131 2= 1'5% ( 0= 0%) 1= 0'7% (Knie) Schrapnell ................. ° 0= 0% 0= 0%
Oberschenkel 111 13 = 11'7% (12 = 10'8%) 3= 2'7% (1 Knie) 9 6= 67% 3=33%
601 23= 3'8%(16= 2'6%) 4= 0'66% Kniegelenkschüsse : 1
Gewehr ................... 11 2= 18% 9=82%
Knie ........ 64 10 = 15'6% ( 9 = 14%) 6= 9'4% Granate und Mine ......... \ 50 44= 88% 6=12%
Ellb.ogen " .. 46 1= 2% . 0=0% Schrapnell ................. 3 2= 67% 1=33%
Sprunggelenk 29 1= 3-4% (Knie) 2= 6'8% 64 48= 75% 16= 25%
Schulter .... 28 1= 3-5% 0=0% Sprunggelenkschüsse :
Hüfte ...... 9 0= 0% .0=0% Gewehr ................... 13 8= 61% 5=39%
1176 13= 7'3% (12 = 6'8%) 8=4'5% Granate und Mine ......... 11 11= 100% 0= 0%
Schrapnell ................. 5 4= 80% 1=20%
Summe ..... 1777 36= 4'6% (28 = 3'6%) 12= 1'6% I
29 23= 79% 6=21%
Summe der Gelenkschüsse:
Bei den Gestorbenen bedeuten die eingeklammerten Gewehr ................... 55 30= 55% 25= 45%
Zahlen die Anzahl der an der Verwundung Gestorbenen Granate und Mine ......... , 108 100= 92% 8= 8%
und bei den nichteingeklammerten sind auch jene dazu Schrapnell ................. 13 10= 77% 3=23%
gezählt, welche aus anderer Ursache, die weiter hinten I 176 140= 79% 36= 21%
angegeben ist, gestorben sind.
Die Tabelle 2 gibt Aufschluß über die Geschoß 66 Fälle, das sind 590/0 der Gesamtzahl, wurden inner
art und über die Zahl der infizierten und sterilen Fälle. halb der ersten' 5 Tage nach der Verwundung aufgenommen.
Von den 111 Oberschenkelschußbrüchen Von den 131 U n t e r s c h e n k eIs c h u ß b r ü c he n
wurden 9 am 1. Tage eingeliefert, 18 am 2., 12 am 3., wurden 8 am 1. Tage eingeliefert, 8 am 2., 13 am 3.,
14 am 4., 13 am 5., 5 am 6., 2 am 7., 5 am 8., 6 am 9., 16 am 4., 16 am 5., 8 am 6., 13 am 7., 8 am 8., 8 am 9.,
2 am 10., 2 am 11., 2 am 13., 2 am 14., 3 am 15., 1 am 16., 8 am 10., 2 am 11., 2 am 12., 2 am 13:, 3 am 14., 3 am 15.,
2 am 18., 1 am .21., 2 am 25., 1 am 30., 1 am 33., 1 am 42., 1 am 16., 1 am 17., 1 am 18., 1 am 19., 2 am 20., 4 am 21.,
1 am 46., 1 am 51., 2 am 58., 1 am 86., 1 am 90. und 1 am 23., 2 am 26. Tage.
1 am 104. Tage. 61 Fälle, das sind 460/0 der Gesamtzahl, wurden inner
halb der ersten 5 Tage nach der Verwundung aufgenommen.
Tabelle 2
Von den 197 0 b erarmsch ußb rüch e n wurden
a) Schußbrüche: 17 am 1. Tage eingeliefert, 22 am 2., 40 am 3., 39 am 4.,
24. am 5., 9 am 6., 4 am 7., 7 am, 8., 6 am 9., 2 am 10.,
1 Fälle Infiziert Steril 5 am 11., 2 am 12., 3 am 13., 1 am 14., 3 am 15., 3 am 16.,
1 am 19., 3 am 21., 1 am 29., 2 am 30., 1 am 32., 1 am 50.,
Oberschenkelschußbrüche : 1 am 56. Tage.
Gewehr ................... 46 31= 67% 15= 33% 142 Fälle, das sind 720/0 der Gesamtzahl, wurden
Granate und Mine ......... 59 56= 95% 3= 5% innerhalb der ersten 5 Tage nach der Verwundung aufge
Schrapnell .•............... 1 6 5=83% 1= 17% nommen.
111 92= 83% 19= 17% Von den 162 Vor der arm s c h u ß b rü c h e n wurden
Unterschenkelschußbrüche: 14 am 1. Tage aufgenommen, 12 am 2., 25 am 3., 3-1 am 4.,
Gewehr _. ................. 42 31= 74% , 11= 26% 23 am 5., 10 am 6., 8 am 7., 4 am 8., 7 am 9., 4 am 10.,
Granate und Mine ......... 83 80= 97% 3= 3% 2 am 11., 4 am 12., 4 am 13., 1 am 14., 3 am 15., 1 am 16.,
Schrapnell ................. 6 5=83% 1= 17% 3 am 17., 2 am 19., 1 am 21. Tage.
131 116= 88% 15= 12% 108 Fälle, das sind 660/0 der Gesamtzahl, wurden inner
Oberarmschußbrüche : halb der ersten 5 Tage nach der Verwundung aufgenommen.
Gewehr ... ,. ............... 87 69= 79% 18= 21% Von den 9 H ü f t gel e n k s c h ü s sen wurde 1 am
Granate und Mine ......... 93 92= 99% 1=; 1% 1. Tage eingeliefert, 1 am 2., 1 am 3., 1 am 4., 1 am 5.,
Sclu:apnell ................. 17 15= 88% 2= 12% 1 am 6., 1 am 9., 1 am 11., 1 am 18. Tage.
197 176= 89% 21= 11% 5 Fälle, das sind 550/0 der Gesamtzahl, wurden inner
Vo rderarmschußbfÜche: halb der ersten 5 Tage nach der Verwundung aufgenommen.
Gewehr ...... '. ............ 72 51= 71% 21= 29% Von den 64 K nie gel e n k s c h ü s sen wurden 3 am
Granate und Mine ......... 72 64= 89% 8= 11% 1. Tage eingeliefert, 9 am 2., 12 am 3., 16 am 4., 3 am 5.~
Schrapnell ................ , 18 14= 78% 4=22%
4 am 6., 3 am 8., 3 am 9., 3 am 10., 1 am 11., 1 am 12.,
162 129= 80% 33= 20% 1 am 13., 1 am 14., 1 am 20., 1 am 24., 1 am 26., 1 am
Summe' der Schußbrüche : 43. Tage.
Gewehr •...... _. .......... 247 182= 74% 65= 26% 44 Fi;ille, das sind 680/0 der Gesamtzahl, wurden inner
Granate und Mine ......... 307 292= 95% 15= 5% halb der ersten 5 Tage nach der Verwundung aufgenommen.
Schrapnell ..............•.. 47 39= 83% 8= 17%
Von den 29 Sprunggelenkschüssen wurde 1,
601 513= 85% 88= 15% am 1. Tage eingeliefert, 1 am 2., 8 am 3., 4 am 4., 7 am 6.,
1