Table Of ContentFrank Haase· Kleists Nachrichtentechnik
Frank Haase
Kleists Nachrichtentechnik
Eine diskursanalytische Untersuchung
Westdeutscher Verlag
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Haase, Frank:
Kleists N achrichtentechnik: Eine diskursanalytische
Untersuchung 1 Frank Haase. - Opladen:
Westdeutscher Verlag, 1986.
ISBN-13: 978-3-531-11825-3
D 25
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© 1986 Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen
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ISBN-13: 978-3-531-11825-3 e-ISBN-13: 978-3-322-85798-9
001: 10.1007/978-3-322-85798-9
INHALTSVERZEICHNIS
Vorrede 7
Teil 1: Klingstedt
O. Einleitung 13
1. Auditive Halluzinationen 23
2. Spharenmusik 34
3. Kleinfamilientheater 41
4. Die Stimme und das Bild 57
5. Vbersetzungsschwierigkeiten 67
Teil 2: Das literarische Partisanentum Kleists
O. Kleists Autorschaft 83
1. Vorgeschichte 100
2. Der andere "Michael Kohlhaas" und der "Kleine Krieg" 119
3. Die Indivjdualisierung des Kohlhaas 135
4. Die Produktion der Schuld 140
5. Die Wahrsagerin-Episode 145
6. Kleists Kriegsliteratur 155
7. Nachrichtentechnik 162
Anmerkungen 175
Literaturverzeichnis 207
Vorrede
Kleists Sonderstellung in der deutschen Literaturgeschichte ist ein
offenes Geheimnis. Offen, weil Kleist neben Holderlin und Jean Paul der
Dritte in jenem Triumvirat von Schriftstellern ist, der sich nicht der
klassisch-romantischen Literatur zuordnen lafit; geheim, weil, wie Fritz
Martini in seiner "Deutschen Literaturgeschichte" schreibt, "die Ausein
andersetzung Uber das rechte Verstandnis von Kleists Werk noch nicht zu
einem Ende der Vbereinstimmung gelangt" (1) ist. Martinis Urteil hat heute
noch Gliltigkeit. Selbst Versuche, die Auseinandersetzung urn Kleist Uber
die Grenzen literaturwissenschaftlicher Betrachtung hinaus interdisziplinar
zu flihren, haben bislang zu keiner "Vbereinstimmung" gefUhrt, geschweige
denn Licht in das Dunkel der Kleistschen Texte gebracht. Die GrUnde sind
im Methodischen zu suchen. Kleists Texte haben sich werkimmanenten, lite
ratursoziologischen, literaturpsychologisch-psychoanalytischen und histo
risch-materialistischen Interpretationsansatzen verweigert (2). Statt einer
Bestandsaufnahme der bisherigen Kleist-Forschung und der Diskussion ihrer
Ergebnisse gilt es, die Diagnose zu stellen.
Kleists politisches Wirken im Kreise preufiischer Patrioten gegen Napo
leon ist von der Kleist-Forschung stiefmUtterlich behandelt worden. Nur
wenige Kleist-Forscher haben sich mit dieser Seite Kleists beschaftigt, die
der Zugang zu Kleist ist. Ais rUhmliche Ausnahmen sind zwei Namen hervor
zuheben: An vorderster Stelle ist Richard Samuel zu nennen, der seit seiner
Dissertation "Heinrich von Kleist's Participation in the Political Move-
ments of the Years 1805 to 1809" (3) in zahlreichen Veroffentlichungen Kleists
Verflechtungen mit dem preufiischen Wider stand untersuchte. In neuester Zeit
ist es Hermann F. Weiss, der Kleists politische Aktivitaten minutios zu re
konstruieren sucht (4). Doch gelingt es diesen Arbeiten, nur bei den expli
zit politischen Texten Kleists Literatur in Beziehung zu seinen politischen
Aktivitaten zu denken. Einzige Ausnahme ist natUrlich Kleists vaterlandisches
Drama "Die Hermannsschlacht", das Richard Samuel schon 1961 in seinem Auf
satz "Kleists 'Hermannsschlacht' und der Freiherr vom Stein" (5) auf seine
Zeitbezlige hin dechiffrierte. Auch wenn man Samuels Ausflihrungen zum Drama
"Der Prinz von Homburg" berUcksichtigt, bleibt die philologische Beschafti
gung mit Kleists politischem Wirken auf den Engen Bereich der politischen
Schriften begrenzt. Hinweise, wie sie Carl Schmitt in seiner "Theorie des
-8-
Partisans" (6) zu Kleists Verarbeitung der militarischen Innovation des
Partisanenkriegs gab, blieben ungenutzt, weil man deren Bedeutung fUr die
literarischen Texte Ubersah (7). Erst F.A. Kittler hat in seinem Aufsatz
"Ein Erdbeben in Chili und PreuBen" (8) zum ersten Mal die Umsetzung der
politischen Welt Kleists ins Literarische aufgezeigt.
Die Uberwindung der Trennung von Literatur und Politik kann auch der
Essay von Mathieu Carri~re "FUr eine Literatur des Kriegs, Kleist" (9) nicht
leisten. Seine Beschreibung von Kleists "Kriegsmaschine" laboriert an der
Ahistorizitat des methodischen Ansatzes, der an der Schizo-Analyse von De
leuze / Guattari orientiert ist. Dennoch sind Carri~res Ergebnisse nicht un
bedeutend. Der Beschreibung der "Kriegsmaschine", die aus den Elementen "Ge
heimuis, Geschwindigkeit und Affekt" (10) besteht, fehlt nur die historische
Konkretisierung, um ihre Bedeutung fUr das Denken des preuBischen Widerstands
erkennen zu konnen. Carri~res Verzicht auf das Historische hat zur Folge,
daB Kleist zu einem staatenlosen, heiligen Anarchisten verabsolutiert wird
- die andere Seite einer ideologisch gefarbten 'Ehrenrettung' Kleists -
der sich als Schriftsteller seine eigene Welt schaffte. Zu bedenkenlos Uber
nimmt Carri~re das erste Axiom Uber die Kriegsmaschine von Deleuze/Guattari,
das besagt: "La Machine de guerre est exterieure a l'appareil d'Etat" (11).
Diesen Ansatz auf die Texte Kleists zu Ubetragen, muB zu MiBverstandnissen
und Fehlinterpretationen fUhren, solangeman nicht die Bedeutung von Kleists
Kriegsmaschine fUr die Reorganisation PreuBens und den Widerstand gegen Na
poleon erkannt hat. Gerade der Blick ins Urkundliche, und d.h. ein diskurs
analytisches Arbeiten, hatte gezeigt, daB Kleist in Zusammenarbeit mit den
preuBischen Patrioten eine Staats-Kriegsmaschine grUndet, wobei Staatsapparat
und Kriegsmaschine sich nicht gegenUberstehen, sondern zwei Namen fUr ein
und diesselbe Sache sind. Erst die Einsicht in diese Funktion von Kleists
Texten klart, wie das Militarische bei Kleist zu denken ist.
Es ist die Nachrichtentechnik, die als stimmloser Schatten die postalische
differance (12) von Kleists Texten ist. DaB sie bislang Ubersehen wurde, grUn
det in einem Vergessen, das nach Derrida (13) im Denken der abendlandischen
Metaphysik grUndet.
Yom cursus publicus bis hin zum Glasfaserkabel ist die abendlandische
Kultur eine postalische, deren Postalitat vergessen wurde. Innerhalb der
abendlandischen Geschichte und ihrer unterschiedlichsten postalischen Neue
rungen geschah um 1800 eine technologische Umwalzung, mit der das Zeitalter
der Telekommunikation beginnt. Claude Chappes Erfindung des optischen Tele
graphen machte moglich, was Kant noch als unmoglich dachte: Die Uberwindung
-9-
der nattirlichen Raum-Zeit-Grenze durch die telekommunikative Nachrichtentiber
mittlung. Gleichzeitig erhalten Phanomene Zeichencharakter, denen bislang der
Status von Sprache abgesprochen wurde. Das Naturereignis 'Blitz' kann das
Telegraphieren einer Nachricht, das Lauten der Kirchenglocken der Aufruf zum
Volksaufstand sein.
Der Rahmen, in welchem den Dingen Zeichencharakter zugesprochen wird, be
stimmt sich aus der Funktion der Medien, die zunachst einmal eine militarische
und dann eine politische ist. Das schlagt sich in der Literatur nieder, ohne
eigens von ihr thematisiert zu werden. Literatur ist " im allgemeinen wesent
lich kriminalistisch und brieflich, auch wenn in ihr das kriminalistische
oder briefliche Genre sich mehr oder weniger auf sich selbst umklappt" (14).
Bei Kleist ist es die Nachrichtentechnik, die auf sich selbst umgeklappt ist,
weil sie die Information selbst ist, die an den Leser gebracht werden solI.
Gerade dieser 'blinde Fleck', der sich in allen Texten Kleists findet, ist
jeweils ein Medium. Weil im Zeitalter'der Telekommunikation das Zusammenle
ben der Menschen ein medial produziertes ist, schicken sich in Kleists Tex
ten Ereignisse, die sich einer werkimmanenten oder psychoanalytischen Her
meneutik verweigern.
Vor dieser militarisch-politischen Funktion der Medien ist Kleists
literarisches Partisanentum zu sehen.
Die anstehende Untersuchung hat zu zeigen, daB Kleists literarische Texte
Politik sind, deren Selbstverstandnis sich aus der Funktion des Schriftstel
lers beim Entwurf einer neuen Gesellschaftsordnung definiert. Der Schrift~
steller Kleist hat daher den Status eines Diskursivitatsbegrtinders, wobei
die Funktion 'Autorschaft' die Tarnkappe ist (15); Kleists Leistung ist die
Kopplung von Nachrichtentechnik und sozialen Zeichensystemen ftir die Ver
wirklichung einer auf dem Prinzip 'Krieg' grtindenden btirgerlichen Gesell
schaft. Die Funktion von Kleists Literatur ist eine doppelte: Sie hat die
Aufgabe, subversives Sprachrohr der Ideen der preuBischen Patrioten in ihrem
Wider stand gegen Napoleon zu sein, zugleich aber entwirft sie die Mittel und
MaBnahmen ftir den Aufbau eines reorganisierten PreuBens und der nationalen
Einheit Deutschlands. Deshalb sind Kleists Texte buchstablich zu lesen. Das
wird eine exemplarische Analyse von Kleists bertihmter Novelle "Michael Kohl
haas" zu zeigen haben.
Kleists nachrichtentechnisches Denken ist auch der Schltissel zum Ver
standnis des frtihen Kleist der Jahre 1800 bis 1804/05. Das Modell des medial
produzierten Staatskorpers enthalt jene Beztige, mit welchen vor dem Hinter
grund von Kleists Gehorhalluzinationen dessen Wtirzburger Reise und sein Wunsch,
Schriftsteller zu werden, analysiert werden konnen. Kleists Auseinandersetzung
-10-
mit seinen auditiven Ha1luzinationen, die die Kleist-Forschung tiberlesen
hat, ftihrt ihn zur Imitation der klassisch-romantischen Literaturkonzeption.
Die Inszenierung von Kleists Autorschaft sind die Liebesbriefe an Wilhelmine
von Zenge, die den Status von Literatur haben. An ihnen sind jene Elemente
herauszuarbeiten, die es Kleist erlauben, sich als neuzeitlicher Autor dar
zustellen. Dabei wird einsichtig, was Kleist uneinholbar von seinen roman
tischen Dichterkollegen trennt. Ziel des frtihen Kleist der Jahre 1800 bis
1804/05 ist der Versuch, literarisch das Sprechen seiner auditiven Hallu
zinationen niederzuschreiben. Das Ergebnis ist die "Familie Schroffenstein".
Das Scheitern seines Vorhabens begrtindet seine Selbstmordabsichten; seine
Einsicht in die Undurchftihrbarkeit seiner Absicht ftihrt zur Genesung.
Mit dem Aufsatz "Ober die allmahliche Verfertigung der Gedanken beim
Reden" gelingt es Kleist, das Verhaltnis von BewuBtsein und auditiven Hallu
zinationen zu durchdenken. Das Ergebnis ist die Obertragung der innerpsy
chischen Verhaltnisse in Terms der Nachrichtentechnik und -tibermittlung,
worin Kleists Wirken als Schriftsteller im preuBischen Widerstand gegen
Napoleon grtindet.
T e ill
Klingstedt
-13-
O. Einleitung
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts reist ein vom Potsdamer Garderegiment
verabschiedeter Leutnant der Reserve durch Mitteleuropa. Sein Name: Hein
rich von Kleist (1). Seine einzigen Kontaktstellen zur Heimatstadt Frank
furt an der Oder sind seine Verlobte Wilhelmine von Zenge und die Stief
schwester Ulrike, die beide von der geheim gehaltenen Reise wissen, aber
zu absolutem Stillschweigen verpflichtet wurden.
Die Abreise kam fUr die Frauen Uberraschend. Nach seinem freiwilligen
Abschied aus dem Militardienst war Kleist im Marz 1799 nach Frankfurt an
der Oder zurUckgekehrt, urn an der dortigen Universitat die "Wissenschaf
ten" zu studieren (2). Auch gesellschaftlich avancierte der ehemalige Sol
dat: Ganz im Sinne bUrgerlicher Lebensplanung hatte er sich mit der Toch
ter des Frankfurter Garnisonschefs, Wilhelmine von Zenge, verlobt und
wuBte im Kreise der Frankfurter Gesellschaft sich und seine Bildung dar
zulegen, wiewohl er sonst eher einen schUchternen und zurUckgezogenen Ein
druck auf seine Umgebung machte. Auch wenn ihn manchmal Skepsis gegenUber
dem eingeschlagenen Weg befiel, gedieh dem Anschein nach alles zum Be
sten (3). - Nun reist er am 14.August 1800 vallig unerwartet nach Berlin
ab (4), von wo aus er zunachst seine Stiefschwester Ulrike Uber die Uber
stUrzte Abreise zu beruhigen versucht:
"Noch am Abend meiner Ankunft an diesem Orte melde ich Euch, daB
ich gesund und vergnUgt bin, und bin darum so eilig, weil ich
fUrchte, daB Ihr, besonders an dem letzteren zweifelt. Denn eine
Reise, ohne angegebenen Zweck, eine so schnelle Anleihe, ein un
unterbrochenes Schreiben und am Ende noch obenein Tranen - das
sind freilich Kennzeichen eines Zustandes, die dem Anschein nach,
BetrUbnis bei Freunden erwecken mUssen." (5)
In den nachsten Tagen trifft sich Kleist mit seinem Freund Ludwig Brockes,
den er wahrend eines Urlaubs auf RUgen 1796 kennengelernt hatte, und ge
meinsam treten sie jene mysteriase Reise an.
Anfang September 1800 (6) erreicht Kleist WUrzburg, das in jenen Tagen
in die Wirren der Koalitionskriege verwickelt ist. Zwar herrscht momentan
Waffenstillstand, den die Osterreicher im Juli gegenUber den Franzosen er
reicht hatten, doch die ungewisse Situation halt die Stadt in Atem, lebt
doch noch die Erinnerung an die Schlacht von WUrzburg, die nur zu genau
vier Jahre ( 3.9.1796 ) zurUckliegt. Zivilist Kleist nutzt die wenigen Wo
chen seines Aufenthaltes zum Kennenlernen der Stadt, aber auch zu ausgie-