Table Of ContentKinderarmut und Generationengerechtigkeit
Christoph ButterweggelMichael Klundt (Hrsg.)
Kinderarmut und
Generationengerechtigkeit
Familien- und Sozialpolitik
im demografischen Wandel
Leske + Budrich, Opladen 2002
Gedruckt auf alterungsbestandigem und saurefreiem Papier
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
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Der Deutschen Bibliothek erhiiltlich
ISBN 978-3-8100-3082-5 ISBN 978-3-322-93259-4 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-93259-4
© 2002 Leske + Budrich, Opladen
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Satz: Leske + Budrich, Opladen
Inhalt
Einleitung . ................. .... ....................... ........... ............. .... .... ... ... ... ... ........ 7
(Kinder-)Armut, Reichtum und Generationen(un)gerechtigkeit:
Hintergriinde -Zusammenhange - Wechselwirkungen
Friedheim Hengsbach
Gerechtigkeit ist nicht nur ein Wort ......................................................... 11
Irene Becker/Richard Hauser
Zur Entwicklung von Armut und Wohlstand in der Bundesrepublik
Deutschland - eine Bestandsaufnahme ..... ....... ....... .... .... .... .... ...... ... ........ 25
Ernst-Ulrich Huster
Kinder zwischen Armut und Reichtum .................................................... 43
"Generationengerechtigkeit" als Ideologie undloder Leitlinie
der Sozialpolitik?
Christoph Butterwegge/Michael Klundt
Die Demografie als Ideologie und Mittel sozialpoiitischer Demagogie?
Bevolkerungsrtickgang, "Vergreisung" und
Generationengerechtigkeit ............. ..... ........................... ..... ... ............. ..... 59
Norbert Reuter
Generationengerechtigkeit als Richtschnur der Wirtschaftspolitik? .. ...... 81
Thomas Ebert
Beutet der Sozialstaat die Familien aus? - Darstellung und Kritik einer
politisch einflussreichen Ideologie .......................................................... 99
6 lnhaLt
Erscheinungsformen, Auswirkungen und Foigen von Kinderarmut
Jurgen Mansel
Lebenssituation und Wohlbefinden von Jugendlichen in Armut ............. 115
RoLand Merten
Psychosoziale Folgen von Armut im Kindes- und Jugendalter ............... 137
Wolfgang Lauterbach/Andreas LangelRolf Becker
Armut und Bildungschancen: Auswirkungen von Niedrigeinkommen
auf den Schulerfolg am Beispiel des Ubergangs von der Grundschule
auf weiterflihrende Schulstufen .......... ..................................................... 153
Sozialpolitische, familienpolitische und padagogische
Gegenma6nahmen
DetlefBaum
Armut und Ausgrenzung von Kindem: Herausforderung flir eine
kommunale Sozialpolitik .................... ..................................................... 173
Gerd lben
Die Forderung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher als
Beitrag zur Generationengerechtigkeit ................. ....... ...... ..... ................. 189
Ellen Esen
Uber Armut reden! - Padagogisch-didaktisches Material zum Thema
,,(Kinder-) Armut" flir Schule und Weiterbildung .................................... 201
Brigitte Stolz-Willig
Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder: Familienarbeit neu
bewerten - aber wie? ............................................................................... 213
Christoph Butterwegge
Familie und Familienpolitik im Wandel.................................................. 225
Die Autor(inn)en . ........ ...... ....... ............. ..... ........... ...... .............. ....... ....... 243
Einleitung
In einer reichen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland sind viele
Kinder arm, was umso mehr erstaunen muss, als man gleichzeitig die Uberal
terung, den fehlenden Nachwuchs sowie den nachlassenden Kinderreichtum
der Familien beklagt. Gegentiber anderen Armutsformen weckt die Kinder
armut mehr negative Assoziationen und noch starkere Emotionen, z.B. im
Zusammenhang mit Reizthemen wie "Altersvorsorge" und "Generationen
vertrag". In der Offentlichen Diskussion tiber die Riester'sche Rentenreform,
aber auch zur wachsenden Staatsverschuldung und bei vielen anderen Gele
genheiten wurde bzw. wird die Frage gestellt, ob man nicht starker zwischen
Alt und Jung umverteilen mtisse, urn einen ansonsten drohenden "Krieg der
Generationen" zu verhindern.
"Generationengerechtigkeit" ist eines der am meisten bemtihten sozial
politischen Schlagworter in der Bundesrepublik. Darunter versteht man die
Forderung nach fairer Aufteilung der Ressourcen und Lasten zwischen den
Generationen (z.B. ftir das Sozialversicherungssystem). Ihre gegenwiirtig
massive Propagierung setzt implizit oder explizit eine ungerechte Verteilung
zu Lasten einer, und zwar der jtingeren, Generation voraus (vgl. Alterssiche
rung, Staatsverschuldung etc.). Mittels der Forderung nach (mehr) Genera
tionengerechtigkeit werden soziale Ungerechtigkeiten innerhalb aZZer Gene
rationen in einen "Kampf von Alt gegen Jung" umgedeutet.
Familien- und Sozialpolitik konnen als Instrumentarien eines Wohl
fahrtsstaates gelten, urn soziale Notlagen bzw. Ungerechtigkeiten durch staat
liches Handeln zu verringern. Sie sind Politikfelder, auf denen urn die Inten
tion bzw. die Qualitat (un)sozialer Politik gerungen wird. Das AusmaB der
Armut (von Kindern und Jugendlichen) sowie die gesellschaftliche Zerkltif
tung insgesamt stell en die Familien- und Sozialpolitik gegenwartig vor ihre
groBte Herausforderung.
Thema dieses Sammelbandes sind sowohl das gesellschaftliche Problem
der (Kinder-)Armut als auch seine Verschrankung mit der Debatte tiber "Ge
nerationengerechtigkeit". Deren wachsendes Gewicht im Offentlichen Dis
kurs lenkt von einer dramatisch wachsenden Ungleichheit innerhalb aller
8 Einleitung
Generationen abo Kinderarrnut wird als politisch-ideologischer Hebel benutzt,
urn Teile der Arrnutspopulation, aber auch Eltem und Kinderlose, gegenein
ander auszuspielen. Ahnliches gilt fUr Diskussionen zurn dernografischen
Wandel, zur "Vergreisung" der Gesellschaft und zu den daraus (angeblich)
erwachsenden Finanzierungsproblernen fUr die Systerne der sozialen Siche
rung.
Vor diesern Hintergrund behandeln die Autor(inn)en unseres Sarnrnel
bandes das Verhiiltnis von Kinderarrnut und Generationengerechtigkeit, wo
bei sie den gesellschaftlichen Zusarnrnenhang mit der Reichtumsentwicklung
berUcksichtigen, welcher besonders fUr das Wohlbefinden und die Bildungs
chancen benachteiligter (junger) Menschen ausschlaggebend ist. AuBerdem
skizzieren die Beitriige sozial-, familien- und geschlechterpolitische sowie
piidagogische GegenmaBnahmen und Alternativen zu gesellschaftlichen Spal
tungstendenzen.
Die meisten Beitriige entstanden im Umfeld eines Forschungsprojekts
"Infantilisierung der Armut? - Gesellschaftspolitische Ursachen und psycho
soziale Folgen in Ost- und Westdeutschland", das Teil eines Projektverbun
des ,,Duale Armutsforschung und Kindheit" ist und vom Ministerium flir
Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen im
Rahmen des Programms "Offensive zukunftsorientierte Spitzenforschung"
gefordert wird. Unser besonderer Dank fUr seine UnterstUtzung gilt Herrn
Ministerialrat Dr. Wolf Jenkner, DUsseldorf.
Koln, im Winter 200112002 Christoph ButterweggelMichael Klundt
(Kinder-)A rmut, Reichtum und
Generationen(un)gerechtigkeit:
Hintergrtinde - Zusammenhange -
Wechselwirkungen
Friedheim Hengsbach
Gerechtigkeit ist nicht nur ein Wort
Die tiffentliehe Debatte tiber "Kinder in Armut" ist voll explosiver Dynamik.
AIle, die davon erfahren, wirken emotional betroffen. Das verdeekt zugestan
dene Faktum der Armut in einem reichen Land gewinnt ein konkretes Ge
sieht. Aueh wird im FaIle der Kinder deutlieh, dass die Armut nieht eigenem
Versagen anzulasten, sondern das Endglied einer Kette der geseIlsehaftliehen
Ausgrenzung ist. Umso intensiver steIlt sieh die Frage naeh den struktureIlen
Ursaehen der Armut von Kindem. Ich will im Folgenden drei aktueIle Dis
kurse eharakterisieren, die mittelbar den Horizont der Thematik "Kinderar
mut, Sozialpolitik und Generationengereehtigkeit" ausleuehten.
Wolfgang Thierse hat behauptet, die Gereehtigkeitsfrage sei in die Ge
seIlsehaft zurtiekgekehrt. Ich moehte diese These prtifen. Dabei steIlt sich
heraus, dass die Frage naeh der Gereehtigkeit diffus gesteIlt und interessen
geleitet beantwortet wird; Gereehtigkeit klingt wie ein leeres Wort. Gleieh
zeitig moehte ieh jedoeh naehweisen, dass die diffuse Fragerichtung naeh der
Gereehtigkeit eine prazisierende Antwort in drei Wortbedeutungen gestattet
und reehtfertigt.
1. Mehr Gerechtigkeit durch begrenzte Ungieichheit
Als ieh den Spuren der offentliehen Gereehtigkeitsdebatte naehging, stieG ieh
nieht nur auf einen beaehtenswerten Artikel des Bundeskanzlers Gerhard
SchrOder zum Verhaltnis von Sozialstaat und "btirgerlicher ZivilgeseIl
schaft", sondern auch auf eine von seinem Parteifreund Wolfgang Clement,
Ministerprasident des Landes Nordrhein-Westfalen, im April 2000 in Berlin
gehaltene programmatische Rede.
12 Friedheim Hengsbach
1.1 Neue Gerechtigkeit
Clement ruft dazu auf, die eingefahrenen Wege, auf denen man das Ziel der
Gerechtigkeit bisher ansteuerte, sowie die vertrauten Gerechtigkeitsideale
selbst zu Uberprufen. In der neuen Weltwirtschaft konnten Traditionen nieht
mehr auf traditionellen Wegen verteidigt werden. Wer Gerechtigkeit und
verteilungspolitische Ziele auf diese Weise anstrebe, werde Schiftbruch er
leiden. Deshalb seien Regierung und SPD gut beraten, rechtzeitig die her
kommlichen Gerechtigkeitsideale zu Uberdenken und sie den Realitliten der
neuen Weltwirtschaft anzupassen.
Clement sieht den archimedischen Punkt der Programmdebatte in Europa
darin, dass Gerechtigkeit nieht mit Ergebnisgleiehheit verwechselt werden
dUrfe. Sie sei als Chancengleichheit zu definieren, wenngleich Korrekturen
von Chancen und Ergebnissen gerechtfertigt blieben. Nieht alles sei gerecht,
was die Ungleichheit in der Einkommens- und Vermogensverteilung verrin
gere. Denn die Produktion des Wohlstandes komme vor seiner Verteilung.
Begrenzte, vertretbare Ungleichheit konne individuelle und gesellschaftliche
Entfaltungsmoglichkeiten, mehr Wohlstand und ein realistisches Mehr an
Gerechtigkeit schaffen.
An vier Beispielen veranschaulicht Clement seine Behauptung:
1. Besteuerung: Eine progressive Besteuerung, welche die Ungleichheit der
Einkommen und Vermogen zu verringern sucht, aber potenziellen gesell
schaftlichen Wohlstand verschenkt sowie Innovation und Dynamik ins
gesamt Hihmt, sei ungerecht.
2. Arbeitsmarkt: Die Verteidigung von Standards, Rechten und Institutio
nen sei ungerecht, wenn dadurch mensch lie he Talente und individuelle
Entfaltungsmoglichkeiten vergeudet wUrden.
3. Bildungspolitik: Eine besondere Forderung von Spitzenbegabungen und
Hochstleistungen ohne Hemmungen und Halbherzigkeiten mit dem Ziel,
in der weltweiten Standortkonkurrenz zu bestehen, widerspreche nicht
dem BemUhen urn Chancengleichheit und Integration aller.
4. Leitbild der Selbstverantwortung: Das Postulat einer zeitgemaBen Ge
rechtigkeit habe zwei Adressaten: Der Sozialstaat mUsse sich auf seine
Kernaufgaben zurUckziehen, namlich den Schutz vor den groBen Lebens
risiken und dem Absinken in Armut; die Einzelnen hatten die Pflicht, ei
ne neue Verantwortungskultur anzuerkennen.
1.2 Schieflage der Verteilung
Der kritische Hinweis auf eine Gleichheit von Einkommen und Vermogen, die
dysfunktional sei, weil sie das Entwicklungspotenzial einer Wirtschaft blo
ckiere, mag gerechtfertigt sein, wenn die Gefahr einer nivellierenden Vertei
lung des gesellschaftlichen Reichtums unmittelbar droht. Umso auffalliger er-