Table Of ContentAndrea Moser
Kampfzone Geschlechterwissen
VS RESEARCH
Andrea Moser
Kampfzone
Geschlechterwissen
Kritische Analyse
populärwissenschaftlicher Konzepte
von Männlichkeit und Weiblichkeit
VS RESEARCH
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1. Auflage 2010
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© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2010
Lektorat: Verena Metzger / Britta Göhrisch-Radmacher
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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany
ISBN 978-3-531-17416-7
Vorwort
Das Interesse für das Thema der vorliegenden Arbeit entstand einerseits aus
Verwunderung und andererseits aus Verunsicherung. Verwundert haben mich
das vielfältige Angebot und der große Erfolg von populärwissenschaftlichen
Publikationen zu Männern und Frauen. Ratgeber und Sachbücher die Frauen
bzw. Männern erklären, was es heißt und wie es gelingen kann ganz Frau bzw.
Mann zu sein und Bücher, die Männern bzw. Frauen en Detail erläutern wie sie
das jeweils andere Geschlecht verstehen, behandeln und beeinflussen können,
waren und sind meiner Wahrnehmung nach vielfältig und prominent in Buch-
handlungen platziert. Offensichtlich war und ist die Nachfrage nach dieser Art
von Geschlechterwissen in Kombination mit der entsprechenden inhaltlichen und
(in)formellen Präsentation vorhanden. Verunsichert hat mich demgegenüber die
persönliche Erfahrung, dass sogenanntes feministisches Geschlechterwissen
außerhalb der feministischen Community schwer Anklang findet und kein
ExpertInnenwissen ist, das in Diskussionen und Gesprächen auf fruchtbaren
Boden oder Anerkennung stößt. Dem Eindruck, dass einerseits ein großes Inte-
resse an populärwissenschaftlichen Auseinandersetzungen zu Geschlecht besteht
und andererseits feministisches Geschlechterwissen auf Unverständnis bzw.
Ablehnung stößt und in populärwissenschaftlichen Publikationen kaum
berücksichtigt wird, versuche ich in der vorliegenden Analyse auf den Grund zu
gehen.
Die Untersuchung wurde als Abschlussarbeit für das Studium der Er-
ziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck eingereicht und mit dem
Johanna Dohnal Förderpreis 2009 und dem Preis für frauen- und geschlechts-
spezifische Forschung der Leopold Franzens Universität Innsbruck 2009
ausgezeichnet.
Für die wissenschaftliche Begleitung bedanke ich mich bei Maria A. Wolf.
Für Anregungen, Korrekturen und Unterstützung aller Art gilt mein Dank
Carmen Reider, Elisabeth Jörer, Sabine Moser, Maria Moser, Bernhard Moser
und Robert Possenig.
Andrea Moser
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ................................................................................................. 9
Kapitel 1: Wissensforschung und Geschlechterwissen ...................... 13
1.1 Wissen als Gegenstand der Soziologie ............................................. 13
1.2 Woher wissen wir was wir wissen? .................................................. 15
Michel Foucaults Diskurstheorie .................................................. 15
Wie kommt Wissen zu Stande? .................................................... 15
Wie kommt Wissen in die Menschen? ......................................... 17
Pierre Bourdieus Habitustheorie .................................................. 20
Wie wird Geschlecht zum Habitus? ............................................. 22
1.3 Historisches Geschlechterwissen ...................................................... 25
1.4 Feministisches Geschlechterwissen .................................................. 29
Frauenbewegung und feministische Politik ................................. 29
Feministische Theorie .................................................................. 31
Differenztheoretisches Paradigma ............................................... 37
Dekonstruktivistischer Feminismus ............................................. 42
Geschlechterkonstruktionen heute ............................................... 53
Feministisches Geschlechterwissen als Verunsicherungswissen . 55
Kapitel 2: Geschlechterwissen in Sachbüchern .................................. 59
2.1 Die Qualitative Inhaltsanalyse .......................................................... 59
Rahmenbedingungen ..................................................................... 59
Der Ablauf der Analyse ................................................................ 60
Arbeitsschritte der vorliegenden Analyse ..................................... 61
2.2 Das Sachbuch ................................................................................... 63
Das Sachbuch als Forschungsgegenstand ..................................... 64
8 Inhaltsverzeichnis
Vom „Allbuch“ zur Definition des Sachbuchs ............................. 65
Zur Geschichte des Sachbuchs ...................................................... 66
Inhaltliche Form und Funktion der Sachliteratur .......................... 68
Autoren, Rezeption und das Sachbuch am Buchmarkt ................ 69
2.3 Sachbücher, die Geschlechterwissen vermitteln .............................. 71
Die AutorInnen der Sachbücher ................................................... 79
Allgemeine Aussagen .................................................................. 80
Eine Antwort auf Verunsicherung? .............................................. 82
Die Darstellung des weiblichen Habitus ...................................... 86
Die Darstellung des männlichen Habitus ..................................... 98
Zwischenresümee ....................................................................... 111
Argumentationsfiguren und Argumentationslinien .................... 112
Kapitel 3: Resümee - Kritische Betrachtung .................................... 125
3.1 Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus ............................. 125
3.2 Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen .............. 126
3.3 Männer sind anders. Frauen auch ................................................... 127
3.4 Sachbücher - Resümee ................................................................... 128
3.5 Legitimation und Ordnung ............................................................. 129
3.6 Ausblick .......................................................................................... 134
Literaturverzeichnis ............................................................................ 135
Einleitung
Der Soziologe, die Soziologin ist jemand,
„…der (die) sich Mittel verschafft, um erklären zu können,
was niemand wissen will.“ (Bourdieu 2001: 164)
Was niemand wissen will hat, unter anderem, ein hohes Verunsicherungs-
potential. In der Hoffnung auf Interesse zu stoßen und in dem Bewusstsein, dass
das keineswegs der Fall sein muss, versuche ich mir in der vorliegenden
Untersuchung Mittel zu verschaffen an Hand derer ich die Frage nach einem
potentiellen Zusammenhang zwischen dem Erfolg populärwissenschaftlichen
Geschlechterwissens, der Verunsicherung durch feministisches Geschlechter-
wissen und der Legitimation einer gesellschaftlichen Ordnung bearbeiten kann.
Dabei stelle ich populärwissenschaftliches bzw. alltagsweltliches Geschlechter-
wissen feministischem Geschlechterwissen gegenüber und arbeite unter
Bezugnahme auf theoretische Konzepte, wie Peter L. Bergers und Thomas
Luckmanns gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Pierre Bourdieus
Habitustheorie und Michel Foucaults Diskurstheorie Verknüpfungen zur
symbolischen Sinnwelt einer Gesellschaft heraus.
Die Wissensforschung im Allgemeinen und die Wissenssoziologie im
Besonderen beschäftigen sich mit der Analyse der sozialen Bedingungen und
Bedingtheiten des Wissens. Verschiedene Ansätze in der Wissenssoziologie
lassen sich grundlegend danach unterscheiden, welche Theoriekonzepte sie ihrer
Forschung zu Grunde legen. Welche theoretische Perspektive auf Wissen an
sich, d.h. auf Sozialformen, Funktionalität, Produktionsweisen und Ordnungs-
systeme von Wissen angewandt wird, ist je nach wissenssoziologischem Ansatz
unterschiedlich. Diesbezüglich lässt sich die vorliegende Arbeit in der wissens-
soziologischen Diskursanalyse verorten. Ich beziehe mich auf den Diskursbegriff
von Michel Foucault und in der wissenssoziologischen Tradition auf die
Arbeiten von Peter L. Berger und Thomas Luckmann. In dieser theoretischen
Perspektive gilt Wissen als diskursiv hervorgebracht und kontingent. Es steht in
einer engen Wechselbeziehung zu Macht und ist ein konstitutiver Bestandteil der
symbolischen Sinnwelt einer Gesellschaft.
Der Begriff Geschlechterwissen wurde 2003 von Irene Dölling eingeführt
und zur Analyse verschiedener Arten kollektiven Wissens zu Geschlecht und
deren Begründungen, normativen Implikationen und Handlungsrelevanzen für
10 Einleitung
Individuen verwendet. 2008 unterscheiden Sünne Andresen und Irene Dölling
„…zwischen a) Alltags- und Erfahrungswissen, das die Gegebenheiten der
Geschlechterdifferenz und die hierarchisierenden Geschlechterklassifikationen
meist unreflektiert produziert; b) Expertenwissen, das arbeitsteilig z.B. von den
Wissenschaften produziert wird und in dem konkurrierende Auffassungen zur
Relevanz, zur gesellschaftlichen Verfasstheit und Strukturiertheit des
Geschlechterverhältnisses etc. kursieren sowie c) das in Medien etc. popula-
risierte Wissen, das eine Vielfalt von (konkurrierenden) Meinungen, Stand-
punkten, Interpretations- und Deutungsangeboten für Sinnproduktionen von
Individuen und sozialen Gruppen bereitstellt“ (Andresen; Dölling 2008: 210).
Zuvor stellte Stefan Hirschauer 1996 Überlegungen zur Zweigeschlechtlichkeit
als Wissenssystem an und traf dabei eine systematische Unterscheidung in
kognitives und sprachförmiges (diskursives) Wissen, in bildförmiges Wissen und
in praktisches Wissen der Akteure der Geschlechtsdarstellung (vgl. Wetterer
2008: 25). Angelika Wetterer differenziert Geschlechterwissen in Anlehnung an
Alfred Schütz, Peter L. Berger und Thomas Luckmann nach unterschiedlichen
Praxisfeldern in alltagsweltliches Geschlechterwissen, Gender-Expertenwissen
und wissenschaftliches Geschlechterwissen (vgl. Wetterer 2008: 57). Silvia
Stoller trifft aus phänomenologischer Perspektive schließlich die Unterscheidung
zwischen reflexivem und vorreflexivem oder latentem Geschlechterwissen (vgl.
Stoller 2008: 65). Die breite wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Ge-
schlechterwissen im deutschsprachigen Raum findet unter anderem Ausdruck in
dem interdisziplinären Netzwerk »Geschlechterwissen & soziale Praxis« das seit
2006 an der Universität Graz besteht. In Anlehnung an diese Diskussion widme
ich mich in der vorliegenden Analyse popularisiertem Geschlechterwissen und
stelle dabei Bezüge zu alltagsweltlichem und wissenschaftlichem Geschlechter-
wissen sowie der symbolischen Ordnung einer Gesellschaft her.
Die leitende Erkenntnisfrage ist zunächst, wie und wozu die eine oder
andere Form von Geschlechterwissen in populärwissenschaftlichen Sachbüchern
argumentiert wird und welchen Stellenwert der Feminismus in diesem Diskurs
einnimmt. Die für die Analyse ausgewählten Sachbuch-Bestseller „Warum
Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen“ (Pease 2002), „Männer sind
vom Mars, Frauen von der Venus“ (Evatt 2003) und „Männer sind anders.
Frauen auch“ (Gray 2002) und deren Verkaufszahlen gelten als Beleg dafür, dass
ein breites Interesse und Bedürfnis an populärwissenschaftlich dargestelltem
Geschlechterwissen besteht; an „einfachen“ Erklärungen warum Männer bzw.
Frauen so und nicht anders sind und an unterhaltsamen Darstellungen, wie sich
Frauen bzw. Männer verhalten, wie sie denken, reden und fühlen.
Wie in der theoretischen Beschreibung des Genres Sachbuch heraus-
gearbeitet wird, ist ein markantes Kennzeichen der Sachliteratur, dass sie auf
Einleitung 11
aktuelle Bedürfnisse des Marktes und der Lesenden zu antworten versucht und
folglich oft große, wenn auch kurzzeitige, Verkaufserfolge feiert. Meine
Hypothese ist, dass dieses Bedürfnis nach Erklärungen zu Geschlecht, zu
Weiblichkeit und Männlichkeit aus einer Verunsicherung resultiert. Einer
Verunsicherung, die als eine mögliche Reaktion auf die vermeintliche
Modernisierung des Geschlechterverhältnisses und die daraus hervortretende
„Unordnung der Geschlechter“ auf realer und symbolischer Ebene, so wie auf
die durch den Feminismus vorangetriebene Denaturalisierung von Geschlecht
entstanden ist.
Den theoretischen Rahmen der Analyse bildet einleitend die Frage „Woher
wissen wir, was wir wissen?“, die ich mit Bezug auf den Diskurstheoretiker
Michel Foucault (1926-1984) und seinen grundlegenden Aussagen zu einer
Theorie des Diskurses bearbeite. Wissen wird in dieser Konzeption diskursiv
hergestellt und in ein Feld der symbolischen Ordnung eingeschrieben. Es zeigt
Effekte in der Wirklichkeit und verobjektiviert sich in institutionellen und
individuellen Praktiken und in kulturellen Konfigurationen (vgl. Bublitz 2003).
Die Frage danach, wie dieses diskursiv hergestellte Wissen schließlich in die
Menschen kommt und deren Verhalten mitbestimmt, behandle ich in Anlehnung
an den Sozialtheoretiker Pierre Bourdieu (1930-2002) und dessen Konzept des
Habitus.
Nach der allgemeinen Darstellung von Formierungs- und Verbreitungs-
prozessen von Wissen widme ich mich dem „alltäglichen Geschlechterwissen“
und seinen historischen Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen.
Demgegenüber werden im Anschluss die Entwicklung und die grund-
legende Fassung feministischen Geschlechterwissens auf Basis der Unterschei-
dung der drei prominentesten feministischen Theorie- und Praxiskonzepte –
Gleichheitsfeminismus, Differenzfeminismus und dekonstruktivistischer Femi-
nismus – dargestellt.
Unter Anwendung der qualitativen Inhaltsanalyse von Phillipp Mayring
erfolgt im Anschluss die Bearbeitung und Beantwortung der Fragen, wozu wird
in den Sachbüchern welches Geschlechterwissen wie vermittelt?
Abschließend treffe ich Aussagen zum Zusammenhang der Konkurrenz
zwischen alltagsweltlichem, populärwissenschaftlichem und feministischem
Geschlechterwissen und der Legitimation einer gesellschaftlichen Ordnung.