Table Of ContentJAHRBUCH DES STAATLICHEN INSTITUTS FÜR MUSIKFORSCHUNG
Jahrbuch
des Staatlichen Instituts für Musikforschung
Preußischer Kulturbesitz
1998
Herausgegeben von
Günther Wagner
Verlag J.B. Metzler
Stuttgart . Weimar
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Staatliches Institut für Musikforschung <Berlin>:
Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung
Preußischer Kulturbesitz. - Stuttgart; Weimar: Metzler.
Erscheint jährlich. - Früher im Verl. Merseburger, Kassel. -
ISSN 0572-6239
Aufnahme nach 1993
ISSN 0572-6239
ISBN 978-3-476-01627-0
ISBN 978-3-476-03756-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-03756-5
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© 1998 Springer-Verlag GmbH Deutschland
Ursprünglich erschienen bei 1.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 1998
INHALT
Vorwort.. ... .. .. . .. .. .. ... .. ... . . .. .. .. ... .. .. .. . .. .. .. . 7
WERNER BRAuN
Deutsche Passionen und europäische Musikkultur 9
CLEMENS GOLDBERG
Honni soit qui mal y pense
Deutsch-französische Musikreflexionen von Lasso bis Gounod . . . . . . . 31
PIERANGELO SCHIERA
Wesenszüge der neuzeitlichen Kultur: "Melancholie" und "Disziplin"
im menschlichen Umgang der Bach-Zeit ....................... 51
KONSTANTIN RESTLE
Die Anfänge des Hammerklaviers in Italien 70
CHRISTIAN AHRENs
Prellmechanik und Dämpfungsauthebung
Zu den Besonderheiten des frühen Hammerklavierbaus in Deutschland 77
DIETER KRICKEBERG
Johann Sebastian Bach und die Hammerflügel von Gottfried Silbermann 98
CHRISTOPH HENZEL
Von Wien nach Berlin
Neue Dokumente zu den Beziehungen Haydns und Dittersdorfs
zum preußischen Hof 1786/87 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 106
CHRISTOPH HENZEL
Zur Frage der Graun-Autographen 115
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PETER W OLLNY
Anmerkungen zu einigen Berliner Kopisten im Umkreis
der Amalien-Bibliothek .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
FRIEDHELM KRUMMACHER
Concordantia dissonans
Zum Quartettsatz Paul Hindemiths 163
MARTINA SICHARDT
"Die Zusammenklänge sind nicht zur Diskussion gestellt"
Zum Verhältnis der Dimensionen des musikalischen Satzes
in Amold Schönbergs Neubestimmung ........................ 195
W ALTER WERBECK
Tempo und Form bei Mahler und Strauss 210
REGINA BuscH
Über die Artikulation der Zeit durch Form 225
CLAUDIA MAuRER ZENCK
Gegenprobe: Das Überleben traditionellen Formdenkens
bei Schönberg ........................................... 245
JANINA KLASSEN
Theologischer Regenbogen
Les affrandes oubliees von Olivier Messiaen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
ERNST-JÜRGEN DREYER
Salieris zweiundzwanzigster Schüler
Der Muskauer Dichterkomponist Leopold Schefer . . . . . . . . . . . . . . . . 277
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VORWORT
Der vorliegende Band ist weitgehend den bisherigen thematischen Schwer
punkten des Jahrbuchs verpflichtet. Werner Braun zeigt am Beispiel der evan
gelisch-lutherischen Passion im deutschsprachigen Raum, daß auch in dieser
,urdeutschen' Gattung Einflüsse aus Frankreich und Italien nachweisbar sind.
Die deutsch-französischen Wechselbeziehungen über vier Jahrhunderte hin
weg beleuchtet Clemens Goldberg, während Pierangelo Schiera interdiszipli
när Hauptlinien der geistigen und gesellschaftlichen Entwicklung im neuzeit
lichen Europa aufzeigt, indem er die Fülle der Einzelfakten im Spannungsfeld
zwischen Melancholie und Disziplin gruppiert und den Bogen zur Musik Jo
hann Sebastian Bachs schlägt. Diese drei Beiträge sind die schriftlichen Fas
sungen der bei den Bach Tagen Berlin 1997 gehaltenen Vorträge. Auf die
Frühgeschichte des HammerflügeIs gehen die Arbeiten von Konstantin Restle,
Christian Ahrens und Dieter Krickeberg ein. Die Aufsätze von Christoph Hen
zel und Peter Wollny sind der Ertrag unmittelbarer Quellenforschung, wobei
die in Berlin wirkenden Komponisten Carl Heinrich Graun und Carl Philipp
Emanuel Bach im Mittelpunkt des Interesses stehen.
Bei den dann folgenden Beiträgen handelt es sich um sechs von neun Vor
trägen, die im Rahmen des Symposiums "Formkategorien in Instrumentalwer
ken des Fin de Siede und der Neuen Musik" zu Ehren Werner Breigs 1997 in
Bochum gehalten wurden; die drei restlichen werden im nächsten Band abge
druckt. Friedhelm Krummacher widmet sich dem Quartettschaffen Paul Hin
demiths, Martina Sichardt setzt sich mit den theoretischen Voraussetzungen
der Zwölftonmethode Schönbergs auseinander. Claudia Maurer Zenck betont
in der Untersuchung Schönbergscher Formstrukturen die traditionellen Mo
mente im Denken dieses Komponisten. Formale Gliederung, das Verhältnis
von Form und Zeit am Beispiel einiger Extremfälle Neuer Musik rückt Regi
na Busch in den Mittelpunkt ihrer Erörterung. Walter Werbeck zeigt am Bei
spiel von Mahler und Strauss gegensätzliche Möglichkeiten des Komponisten
auf, das Tempo als formstabilisierendes bzw. formgefährdendes kompositori
sches Mittel einzusetzen. Janina Klassen geht am Beispiel von Olivier Mes
siaens frühem Orchesterwerk Les offrandes oubliees auf den Einfluß der Modi
und spezifische Farbvorstellungen als formale Mittel ein.
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Den Abschluß bildet Emst-Jürgen Dreyers Erörterung zu Salieris "zwei
undzwanzigstem Schüler". Anhand zahlreicher Beispiele weist der Autor auf
die gespaltene KünstIerpersönlichkeit Leopold Schefers hin.
Berlin, im Juli 1998 Günther Wagner
8
*
DEUTSCHE PASSIONEN UND EUROPÄISCHE MUSIKKULTUR
WERNER BRAUN
In seinem noch immer grundlegenden Werk über Die ältesten Passionskompo
sitionen nennt Otto Kade 1893 in einem Ausblick auf Bach die großen Passio
nen dieses Meisters eine "urdeutsche Kunstschöpfung", auf alten einheimi
schen "Grundpfeilern" errichtet.! Mißtrauisch gegenüber solchem nationalen
Pathos suchen wir das seitdem besser und breiter erforschte Gebiet der alten
Kirchenmusik nach Zeugnissen ab, die Kades Behauptungen außer Kraft set
zen können, um dann doch ihre grundsätzliche Richtigkeit anerkennen zu
müssen: Es gibt außerhalb des evangelisch-lutherisch deutschsprachigen Raums
nichts den jährlichen musikalischen Aufführungen der Leidensgeschichte Jesu
Vergleichbares, nicht in Italien, dem ,Mutterland' der neueren deutschen Mu
sik, nicht in Frankreich, dem Orientierungsland der deutschen Hofkultur. Die
hier und in Spanien und Portugal belegten Passionsvertonungen haben - um
es vorsichtig zu sagen - keine bis ans Ende des 18. Jahrhunderts reichenden
Traditionen begründet, sondern blieben lediglich Stimmen im gesamteuropäi
schen Konzert.2 Werke der musikalischen Weltliteratur, wie sie mit den Na
men Leonhard Lechner, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach und earl
Heinrich Graun verbunden sind, befinden sich nicht darunter. Und das gilt
auch für die Randgebiete des evangelischen Glaubens, in Skandinavien, in
Böhmen oder in Ungarn, wo die gesungene nationalsprachige Passionshistorie
ein eher verborgenes Dasein fristete.3
* Die im Vortrag am 10. Juli 1997 im Rahmen der Bach Tage Berlin vorgeführten Ton
beispiele werden im folgenden nur ausschnitthaft im Notenbild gezeigt.
I O. Kade, Die Ältere Passionskomposition bis zum Jahre 1631, Gütersloh 1893 (Olms
1971), S. 245.
2 K. von Fischer, Zur mehrstimmigen Passions-Vertonung des 16. Jahrhunderts in Spa
nien und Böhmen, in: Archiv für Musikwissenschaft 52, 1995, S. 10.
3 Zu Skandinavien: Vergleiche die Rezension des Verfassers in: Die Musikforschung
20, 1967, S. 236 f.; zu Ungarn: K. Bardos, Die Variation in den ungarischen Passionen, in:
Studia musicologica 4, 1963, S. 289-323, ders., Volksmusikartige Variierungstechnik in
den Ungarischen Passionen (15. bis 18. Jahrhundert), Budapest 1975.
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Werner Braun
Andererseits liegt im Anspruch "urdeutsche Kunstschöpfung" und im Prä
dikat "musikalische Weltliteratur" ein Widerspruch, der, wenn auch nicht auf
gelöst, so doch diskutiert werden muß. Er ist der Gegenstand dieser Abhand
lung. Da im Sinne des Generalthemas dieser Bach Tage Berlin "Begegnungen.
Frankreich. Italien. Deutschland" vergleichende Untersuchungen nahegelegt
sind, müssen wesentliche Fragen zur Deutschen Passion im Hintergrund blei
ben, etwa das Geistliche/Kirchliche darin, das Problem des Mit-Leidens, die
Dialektik von Schmerz und Freude. Nur wenn ein Durchblick sich förmlich
anbietet, sei der Versuchung nachgegeben. Ich werde das Thema in sieben Ka
piteln abzuhandeln versuchen.
1. Gattungen der musikalischen Passion
Zunächst ist auf die Formenfülle - im geschichtlichen Nacheinander wie im
aktuellen Nebeneinander - der musikalischen Passion hinzuweisen. Wir haben
im Zeitraum von 1500 bis 1800 grob zu unterscheiden zwischen der Vokal
passion (bis 1650) und der instrumental begleiteten Passion. In feinerer Glie
derung stellt sich die Vokalpassion dreifach dar: als Rezitationsfolge von ein
stimmiger Rede und chörigen Aussprüchen der Menge, zweitens als teilweise
mehrstimmiges Gebilde auch für Einzelreden und drittens als durchweg mehr
stimmiges Werk, das heißt als Passionsmotette. Von diesen drei Typen kann
man nach Herkunft oder Verbreitung den zweiten als "oberitalienisch", den
dritten als "niederländisch" kennzeichnen.
Die instrumentalbegleitete Passion präsentiert sich uns entweder als Strei
cherpassion (Violen-Gamben-Begleitung zu Einzel- und Mengenreden, auch
ein paar rein instrumentale Abschnitte) oder als Streicher-Bläser-Passion: zu
sätzlich mit Blockflöten und Oboen. Blechbläser (Hörner) sind etwa ab 1720
bezeugt, zunächst bei textlich sehr freien Werken, dann auch im Zuge einer
Rückbesinnung auf Luthers "fröhliche Theologie" in gottesdienstlichen Pas
sionen, zumal bei Georg Philipp Telemann in Hamburg. Doch bei asketisch
gesinnten Kirchenmännern konnte der prächtige Klang, der dann auch bei
neugedichteten Chorpartien sich entfaltete, zur Feier des Leidens Jesu weiter
hin Anstoß erregen. Der "Stillen Woche" und zumal dem "Stillen Freitag"
hatte eine "Stille Musik" zu entsprechen: mit allenfalls noch Streichern zum
Vokalensemble (und zur Basso-continuo-Gruppe). Insofern wird hier (und in
analog gestalteten Begräbniskompositionen des ausgehenden 17. Jahrhun
derts) die Tradition des spätmittelalterlichen "bas musique" fortgeführt.4 Un-
4 E. A. Bowles, Haut and bas; the grouping of musical instruments in the Middle Ages,
in: Musica Disciplina 8, 1954, S. 115-140. Zu den Begräbniskompositionen etwa die aus
Stettin 1683 in: Threnodiae sacrae, hrsg. von W. Reich, Wiesbaden 1975 (= Erbe deutscher
Musik 79), Nr. 20.
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