Table Of ContentJahrbuch
des Staatlichen Instituts
für Musikforschung
Preußischer Kulturbesitz
1977
Merseburger
JAHRBUCH DES STAATLICHEN IN TITUTS Fl"R ~L' IKFORSCHUNG
Jahrbuch
des Staatlichen Instituts für Musikforschung
Preußischer Kulturbesitz
1977
Herausgegeben von Dagmar Droysen
Verlag Merse burger Berlin
Edition Merseburger 14 7 7
© 1978 Verlag Merseburger Berlin GmbH, Kassel
Alle Rechte vorbehalten · Printed in Germany
Composersatz: Staatliches Institut für Musikforschung
Preußischer Kulturbesitz
Christa Czerson, Karin Mattoni
und Heidemarie Schwarz
Druck: Arno Brynda GmbH, Berlin
ISBN 3-87537-165-8
INHALT
KRICKEBERG, Dieter
Die alte Musikinstrumentensammlung der Naumburger St. Wenzelskirche
im Spiegel ihrer Verzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
KÖNIG, Werner
Über frühe Tonaufnahmen der Firma Welle und die Werke
für das Welle-Mignon-Reproduklionsklavier •... .. .. .. . .. . '.II
DAHLHAUS, Carl
Geschichle eines Themas
Zu Mahlers Erster Symphonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
WAELTNER, Ernst Ludwig
Lieder-Zyklus und Volkslied-Metamorphose
Zu den Texten der Mahlerschen Gesellenlieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
HESSE, Horst-Peter
Klangexperimente und ihre Beziehung zur zeitgenössischen Musiktheorie . . . . 96
DIE ALTE MUSIKINSTRUMENTENSAMMLUNG DER NAUMBURGER
ST. WENZELSKIRCHE IM SPIEGEL IHRER VERZEICHNISSE
DIETER KRICKEBERG
1890 oder 1891 gelangte ein Bestand von Blasinstrumenten aus der Naumburger Stadt
kirche St. Wenzel in die Sammlung alter Musikinstrumente bei der Königlichen akade
mischen Hochschule für Musik in Berlin, das heutige Musikinstrumenten-Museum des
Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz. Diese größtenteils
noch vorhandenen Instrumente haben aus mehreren Gründen besondere Bedeutung:
1. Sie stammen aus einer Zeit (1 7. Jahrhundert, hauptsächlich erste Hälfte), aus der
verhältnismäßig wenig Instrumente überliefert sind.
2. Es handelt sich um Instrumente, von denen zumindest ein großer Teil zu einem
Ensemble für die Kirchenmusik in St. Wenzel - einer wichtigen Stätte der Musik
pflege - vereinigt wurde.
3. Sie erscheinen in drei alten Verzeichnissen, die 1658, um 1 720 und 1728 verfaßt
wurden. Daß Instrumente mit zeitgenössischen Verzeichnissen überliefert sind, ist
ebenso selten wie aufschlußreich. Noch seltener ist der Umstand, daß zu einem Be
stand mehrere Listen - aus einem Zeitraum von siebzig Jahren - überliefert sind, an
denen bestimmte Entwicklungen sichtbar werden.
Im folgenden werden die Instrumente und Verzeichnisse aufeinander bezogen; daraus
ergeben sich erste Erkenntnisse über Datierung, Terminologie, Stimmung und histori
sche Bedeutung. Da sich bestimmte Aussagen über die Geschichte der Blasinstrumente
(z.B. im Riemann Musiklexikon sowie in Musik in Geschichte und Gegenwart) auf das
Naumburger Instrumentarium stützen, ergeben sich auch entsprechende Korrek
turen.
Von den fraglichen Verzeichnissen stand keines im Original zur Verfügung (Anfragen
in Naumburg blieben bisher ohne Antwort). Der vermutlich um 1720 verfaßte Katalog
liegt in einer Fotokopie (Abb. 1) vor, die beiden anderen sind in Arno Werners Aufsatz
Die alte Musikbibliothek und die Instrumentensammlung an St. Wenzel in Naumburg
a,d.S. abgedruckt. Ein Vergleich von Abb. 1 mit Werners Wiedergabe zeigt, daß der
Abdruck im ganzen buchstabengetreu ist. Eine gravierende (absichtliche? ) Verände
rung liegt vor, wenn bei den Trompeten der Zusatz über die Stimmungen fehlt. In der
a
Zeile „1. Chor teutsche Fagotten, 8. Stck." hat Werner das „l" offenbar übersehen.
In behutsamer Modernisierung hat er die Punkte hinter denjenigen Zahlen weggelassen,
die eine Menge angeben. Der gleichen Tendenz folgt die Umwandlung von „Stim
werck" in „Stimmwerck". Hier zeigt sich ein Mangel an Konsequenz, denn die Schreib
weise „Krum Bogen" der Vorlage übernimmt Werner. Um Verbesserungen - korrekt
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auch im Sinn des 18. Jahrhunderts handelt es sich, wenn er aus „Violin Cello"
„Violon-Cello" und aus „Baß Violon" „Baß-Violon" macht oder bei „uber" die Punk
te über dem u zu „über" ergänzt. Ein grobes Mißverständnis in der Vorlage - „2. alte
Posaunen" statt „2. Alt-Posaunen" - hat er durch Hinzusetzung von Anführungszei
chen („alte") kenntlich gemacht, ohne es zu tilgen. Die Zeilenanordnung der Vorlage
ist allerdings nicht mehr erkennbar. Dennoch darf man Werners Wiedergabe der Ver
zeichnisse als Grundlage für eine nähere Erörterung ansehen; hierfür spricht nicht
zuletzt die Beibehaltung antiquierter und befremdlicher Einzelheiten wie des zitierten
Mißverständnisses bei den Posaunen oder der Schreibweisen „Schrey-Arien" statt
„Schreyarien" und „Brallo" statt „Bratsche". Als Verfasser der Verzeichnisse muß
man aufgrund der Angabe von Einzelheiten wie der Stimmlagen Fachleute annehmen,
wahrscheinlich Naumburger Stadtmusiker, Kantoren oder Organisten (zur Zeit der
Abfassung der ältesten Liste war kein Kantor im Amt, der falsche Genitiv „Rectores"
schließt einen Akademiker ohnehin aus). Fehler in dem Katalog aus der Zeit um 1720
- die soeben zitierten „befremdlichen Einzelheiten" sowie „Violin Cello" - deuten
allerdings darauf hin, daß hier ein Sachverständiger einem Schreiber den Text diktiert
hat.
Die Instrumente stammen größtenteils aus dem Nachlaß von Andreas Unger, einem
Kantor der Wenzelskirche1. Am 24. Dezember 1657 verfaßte dieser Pin Testament,
demzufolge sein Notenmaterial und seine M us1kinstrumente der Stätte seines Wirkens
zufallen sollten. Er starb bereits in den Weihnachtstagen des gleichen Jahres; der Rats
beschluß vom 26. Dezember wurde wohl nach seinem Tod gefaßt: „Weyl derselbe in
seinem Testament der Kirchen alle seine partes und Instrumenta musicalia vermacht
und darnach begehrt, daß man ihn in die Kirche begraben lassen wolle, als ist darüber
delibriret und beschlossen worden, seinem letzten Willen vür Genüge zu thun". Unger
wurde am 29. Dezember 1657 „an der Chortreppe von St. Wenzel" beigesetzt.
Zu Beginn des nächsten Jahres wurde das älteste der drei oben erwähnten Verzeich
nisse aufgestellt. Auf die Wiedergabe der Überschrift bei Werner (St. Wenzel, S. 403)
folgt gleichfalls in wörtlichem Zitat der Titel eines weiteren Verzeichnisses von Noten
aus Ungers Nachlaß sowie ein alphabetisches Verzeichnis dieser Musikalien, das in
Anordnung und Formulierung teilweise von der Vorlage abweicht. Danach ist eine
Aufzählung der Instrumente abgedruckt, die sich offensichtlich in fast getreuer Weise
an das Verzeichnis von 1658 hält (ebenda, S. 415). Bei Werner lesen wir weitf'r:
„Dieser Instrumentensammlung .>ei ein späteres Verzeichnis hinzugefügt, das keine
Jahreszahl trägt, vermutlich aber der Zeit um 1 728 entstammt." Es ist mit Abb. 1
identisch. Dann folgt die Liste von 1728.
Zur zeitlichen Einordnung des undatierten Verzeichnisses ist folgendes zu sagen: Anlaß
für eine Inventur könnte gewesen sein, daß ein neuer Kantor sein Amt antrat. So war
es 1663. Ein anderer Katalog wurde jerio.::h erst vier Jahre nach dem Amtsantritt von
Unger, nämlich 1638, angefertigt. Geht man vom Wechsel der Kantoren aus, so zeigt
sich, daß 1663 das Verzeichnis der Instrumente nur durchgesehen und verbessert, für
die Noten dagegen ein neuer Katalog verfaßt wurde. Das lag offenbar daran, daß sich
der Instrumentenbestand der Kirche nur geringfügig verändert hatte; zwei „Discant
und 2 Querflöten" wurden nämlich dem Rektor als Schuleigentum übergeben. Vermut
lich gehörten sie ebensowenig zu Ungers Nachlaß wie einige der „Geigen" (vgl. unten
den Abdruck des Verzeichnisses von 1658). Wechsel im Kantorat fanden danach,
soweit bekannt (Hoppe, Musik in Naumburg), in den Jahren 1690. 1717. 1720 und
1 Zum folgenden s. Werner, St. Wenzel, S. 395.
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