Table Of ContentWolfgang Imo / Jens Philipp Lanwer
Interaktionale
Linguistik
Eine Einführung
Wolfgang Imo/Jens Philipp Lanwer
Interaktionale Linguistik
EineEinführung
Mit40AbbildungenundGrafiken
J.B. Metzler Verlag
DieAutoren
WolfgangImoistProfessorfürgermanistischeLinguistikanderUniversität
Hamburg.
JensPhilippLanweristakademischerRatamGermanistischenInstitutderUni-
versitätMünster.
ISBN978-3-476-02659-0
ISBN978-3-476-05549-1(eBook)
https://doi.org/10.1007/978–3-476–05549–1
DieDeutscheNationalbibliothekverzeichnetdiesePublikationinderDeutschen
Nationalbibliografie;detailliertebibliografischeDatensindimInternetüber
http://dnb.d-nb.deabrufbar.
J.B.Metzler
©Springer-VerlagGmbHDeutschland,einTeilvonSpringerNature,2019
DasWerkeinschließlichallerseinerTeileisturheberrechtlichgeschützt.
JedeVerwertung,dienichtausdrücklichvomUrheberrechtsgesetzzugelassenist,
bedarfdervorherigenZustimmungdesVerlags.DasgiltinsbesonderefürVer-
vielfältigungen,Bearbeitungen,Übersetzungen,MikroverfilmungenunddieEin-
speicherungundVerarbeitunginelektronischenSystemen.
DieWiedergabevonallgemeinbeschreibendenBezeichnungen,Marken,
Unternehmensnamenetc.indiesemWerkbedeutetnicht,dassdiesefreidurch
jedermannbenutztwerdendürfen.DieBerechtigungzurBenutzungunterliegt,
auchohnegesondertenHinweishierzu,denRegelndesMarkenrechts.
DieRechtedesjeweiligenZeicheninhaberssindzubeachten.
DerVerlag,dieAutorenunddieHerausgebergehendavonaus,dassdieAngaben
undInformationenindiesemWerkzumZeitpunktderVeröffentlichungvoll-
ständigundkorrektsind.WederderVerlag,nochdieAutorenoderdieHeraus-
geberübernehmen,ausdrücklichoderimplizit,GewährfürdenInhaltdes
Werkes,etwaigeFehleroderÄußerungen.DerVerlagbleibtimHinblickaufgeo-
grafischeZuordnungenundGebietsbezeichnungeninveröffentlichtenKartenund
Institutionsadressenneutral.
Einbandgestaltung:Finken&Bumiller,Stuttgart(Foto:shutterstock.com)
J.B.MetzleristeinImprintdereingetragenenGesellschaft
Springer-VerlagGmbH,DEundisteinTeilvonSpringerNature
DieAnschriftderGesellschaftist:HeidelbergerPlatz3,14197Berlin,Germany
Inhaltsverzeichnis
VorwortundDanksagung ........................................................ VII
Zeichenerklärung ................................................................... IX
1 InteraktionaleLinguistik:einersterEinstieg ........................ 1
2 TerminologischeKlärung.................................................. 9
2.1 Kommunikation ............................................................. 9
2.2 MonologundDialog ....................................................... 10
2.3 TextundDiskurs ............................................................ 14
2.4 GesprocheneundgeschriebeneSprache ............................ 17
2.5 Interaktion .................................................................... 30
3 InteraktionaleLinguistik:Entstehungundtheoretische
Annahmen .................................................................... 39
3.1 DieUrsprünge:DieSoziologiedesAlltagsnachSchütz ......... 39
3.2 DerWegvonderTheoriezurMethode:DieEthno-
methodologienachGarfinkel............................................ 43
3.3 DieethnomethodologischeKonversationsanalyse ................ 48
3.4 VonderSoziologiezurLinguistik:dieInteraktionale
Linguistik...................................................................... 59
3.5 DieGrenzenderInteraktionalenLinguistik:Multimodale
Analysen....................................................................... 66
4 InteraktionaleLinguistik:MethodeundUmgangmitDaten ... 69
4.1 DieempirischeGrundhaltungderInteraktionalenLinguistik.. 71
4.2 InteraktionaleSprachdaten............................................... 72
4.3 DerUmgangmitGesprächsdaten:Transkription .................. 81
4.4 TechnischeHilfsmittel ..................................................... 105
4.5 MultimodaleTranskripte.................................................. 120
4.6 LeitfragenfürdieAnalyse ............................................... 132
5 InteraktionaleSpracheundZeitlichkeit............................... 139
5.1 DasKonzeptderOnline-Syntax........................................ 140
5.2 Online-vs.Offline-Syntax .............................................. 143
5.3 ProjektionenundRetraktionenalsGrundoperationeneiner
Online-Syntax................................................................ 146
5.4 GestaltenundpotenzielleGestaltschlüsse........................... 151
5.5 Zeitlichkeit .................................................................... 154
5.6 ZukünftigeForschungsfragen............................................ 170
6 Sequenzialität................................................................ 171
6.1 DasTurn-Taking-System .................................................. 172
6.2 DasReparatursystem....................................................... 175
V
Inhaltsverzeichnis
6.3 Nachbarschaftspaare....................................................... 177
6.4 ThemenundgrößereSequenzen....................................... 179
6.5 EllipsenundsequenziellePosition..................................... 180
6.6 RoutinierteSequenzmusterzurLösungkommunikativer
Probleme:kommunikativeGattungen ................................ 187
7 InteraktionaleSpracheundProsodie .................................. 191
7.1 Prosodie:EinPhänomenmitvielenGesichtern.................... 191
7.2 Diephonetisch-phonologischeBeschreibungprosodischer
Gestaltungsmittel ........................................................... 198
7.3 RelevanzfürdieeigeneForschungspraxis ........................... 215
8 BedeutungskonstitutioninderInteraktion.......................... 217
8.1 Verstehendokumentieren,thematisierenundmanifestieren .. 220
8.2 Wortbedeutunginteraktional:Washeißtquasi? ................... 236
9 InteraktionaleSpracheundMultimodalität ......................... 245
9.1 EingrenzungdesGegenstandsbereichs ............................... 246
9.2 BestimmungsstückemultimodalerInteraktion ..................... 249
9.3 MöglicheThemenfeldermultimodalerUntersuchungen......... 259
9.4 ImplikationenfürdieeigeneForschungspraxis ................... 263
10 InteraktionaleSpracheundVarietäten................................ 265
10.1 VarietätenauslebensweltlicherPerspektive......................... 265
10.2 SprachvariationimGespräch............................................ 270
10.3 ProblemedesmethodischenZugriffs ................................. 278
11 InteraktionaleSchriftlinguistik.......................................... 283
11.1 FallstudieI:Nachbarschaftspaare ...................................... 286
11.2 FallstudieII:Emojis ....................................................... 289
11.3 ZukünftigeForschungsfragen............................................ 293
12 AngewandteInteraktionaleLinguistik................................ 295
12.1 ›Reine‹und›angewandte‹Linguistik .................................. 295
12.2 Fallbeispiel:DerEinsatzvonKurznachrichteninteraktionen
zurVermittlungvonModalverben ..................................... 300
13 Literatur ....................................................................... 307
14 Sachregister .................................................................. 335
VI
Vorwort und Danksagung
BeidiesemBuchhandeltessichumeineanBachelor-undMasterstudie-
rende adressierte Einführung in die Interaktionale Linguistik. Natur-
gemäß ist es in einem solchen Rahmen nicht möglich, auf alle For-
schungsbereiche innerhalb der Interaktionalen Linguistik einzugehen.
ParallelzurFertigstellungdieserEinführungerschienvondenBegründe-
rinnenderInteraktionalenLinguistikdasTextbookInteractionalLinguis-
tics(Couper-Kuhlen/Selting2018)mitdembeeindruckendenUmfangvon
über 900 Seiten. Es liegt auf der Hand, dass sich eine solche Seitenzahl
für ein Einführungswerk verbietet, so dass manche Forschungsbereiche
wie die Interkulturelle Kommunikation, sprachkontrastive Ansätze, die
Analyse von Erzählungen, die Analyse institutioneller Kommunikation,
Stance-Taking und Positionierung, die Konstruktion sozialer Identitäten
oderdieAnalysemassenmedialerKommunikationhiernichtodernuram
Rande dargestellt werden konnten. Zur entsprechenden Vertiefung und
zueinemÜberblicküberweitereThemengebietederInteraktionalenLin-
guistik als die in dieser Einführung vorgestellten sei daher u.a. auf das
obengenannteTextbookverwiesen.Wirhoffen,dassunsereThemense-
lektiondennocheinengutenÜberblickundEinstiegindasThemabietet.
Zu besonderem Dank sind wir vor allem Susanne Günthner für ihre de-
tailliertenundäußerstwertvollenKommentareverpflichtet.Ebensodan-
ken wir den Teilnehmer/innen des Seminars »Interaktionale Linguistik«
imSoSe2018anderUniversitätHamburg,andenendasManuskriptso-
zusagen getestet wurde, für ihre Kritik und Kommentare. Außerdem
möchtenwirunsbeiNathalieBauer,IsabellaBuckundJulianeSchopffür
die akribische Durchsicht einzelner Manuskriptteile bedanken. Bleibt
schließlich noch die schöne Formulierung aus englischsprachigen Vor-
worten:Allremainingerrorsareourown!
VII
Zeichenerklärung
Audiodaten: Für alle Transkriptbeispiele, die mit dem Lautsprechersym-
bol gekennzeichnetsind,liegenAudiodatenvor.
DiesestammenausdreiQuellen:
1. Gespräch »Rohrbruch«. Dieses Gespräch wird oft verwendet. Es wird
mit dem Lautsprechersymbol, gefolgt von einem R, gekennzeichnet:
R
Download unter: http://www.verlag-gespraechsforschung.de/2006/
raabits.htm
1. Gespräch»widerlicherKerl«.AuchdiesesGesprächwirdmehrfachver-
wendet. Es handelt sich um das Illustrationsbeispiel des GAT-Tran-
skriptionssystemsundwirdmit Ggekennzeichnet.
Downloadunter:http://agd.ids-mannheim.de/gat.shtml
Esempfiehltsich,diesebeidenGesprächevorabherunterzuladen,da
oftmitihnengearbeitetwird.
1. DieübrigenGesprächestammenausdemForschungs-undLehrkorpus
FOLK des IDS Mannheim,für die man sichzunächst anmelden muss
(s.Kap.4.2.1).DieseBeispielewerdendurchdasLautsprechersymbol,
gefolgt von der Datenbanknummer des betreffenden Gesprächs, ge-
kennzeichnet:z.B. FOLK_E_00190
Anmeldung FOLK: http://dgd.ids-mannheim.de/dgd/pragdb.dgd_ex
tern.welcome
Kurznachrichtendaten: Neben Audiobeispielen werden für die Illustra-
tion schriftlicher Interaktion Beispiele aus der Mobile Communication
DatabaseMoCoDa1(vonderinzwischenmitderMoCoDa2eineNach-
folgeversion vorliegt) verwendet. Diese werden durch MoCoDa 1 oder 2
sowiediejeweiligeDatenbanknummer(z.B.#2320)gekennzeichnet.Mit
der Datenbanknummer lassen sich die Kurznachrichteninteraktionen
schnellinderDatenbankauffinden.
MoCoDa1 MoCoDa2
URL http://mocoda.spracheinteraktion.de/ https://db.mocoda2.de/
Passwort deutschunterricht2018 [wirdelektronischvergeben]
IX
1
1 Interaktionale Linguistik:
ein erster Einstieg
LinguistikistdiewissenschaftlicheDisziplin,dieessichzurAufgabege-
machthat,Sprachezubeschreibenundzuerklären.Soeinfachsieklingt,
sokompliziertistdieseAufgabe:AufdereinenSeitekannmansichbei-
spielsweisedafürentscheiden,alleSprachenderWeltzuanalysierenund
zu kontrastieren, um die Funktionsweise von menschlicher Sprache zu
ermitteln – eine gewaltige, praktisch nicht zu bewältigende Arbeit. Auf
deranderenSeitekannmansichaufdieBeschreibungundErklärungei-
nerEinzelsprachebeschränken,wiezumBeispielaufdasDeutsche.Doch
selbst bei der Beschränkung auf nur eine Sprache gibt es unzählige He-
rangehensweisen:
Man kann versuchen, eine formale Beschreibung einer Sprache zu
■
liefern – im Extremfall z.B. eine computerlesbare Version der deut-
schenGrammatikzuentwickeln,
mankannversuchen,dieFunktionenderSprachezuerfassen,
■
mankanndiehistorischenStufenunddieEntwicklungnachzeichnen,
■
man kann die verschiedenen medialen Formen von Sprache (Laute,
■
Schriftzeichen,Gebärden)oder
die unterschiedlichen Beschreibungsebenen (Phonologie, Morpholo-
■
gie, Syntax, Semantik, Pragmatik) in den Blick nehmen oder schließ-
lich
sprachliche Variation (Dialekte, Soziolekte, Jugendsprache, Fachspra-
■
chenetc.)untersuchen(einAbrissüberdieunterschiedlichenZugänge
innerhalb der Linguistik findet sich im ersten Kapitel der Einführung
Sprachwissenschaft: Grammatik – Interaktion – Kognition von Auer
2013).
ZieldiesesBuches:IndieserEinführungstehteinweiterermöglicherZu- Spracheinsozialer
gangzuSpracheimMittelpunkt,deringewisserWeisequerzudenbis- Interaktion
her genannten liegt: Man kann die Frage stellen, was Sprache auszeich-
net,dieinsozialerInteraktionverwendetwird,beideralsoeinmehroder
weniger spontaner, sich zeitlich entwickelnder Austausch zwischen den
Interaktionspartner/innenstattfindet,beidemineinergemeinsamen›Ar-
beit‹situations-undkontextabhängigBedeutungundStrukturhergestellt
wird (z.B. ein Gespräch mit Freunden beim Abendessen, ein Telefon-
gesprächodereinWhatsApp-ChatzwischenGeschwisternetc.).Entspre-
chende Untersuchungen beziehen dabei selbstverständlich immer auch
unterschiedliche mediale Formen, Beschreibungsebenen, Varietäten etc.
ein, wobei der Gegenstandsbereich aber eben auf Sprachgebrauch ein-
gegrenzt wird, dem eine kollaborative und sequenzielle Struktur zu-
grunde liegt. Im Kontrast dazu steht entsprechend Sprachgebrauch, der
vorgeplantundmöglicherweisesogarmehrfachredigiertist,beidemalso
Bedeutung und Struktur vorab von der Sprecherin oder dem Schreiber
gesetztwurdenundbeidemdieKommunikationspartnerkeine(odernur
J.B.Metzler©Springer-VerlagGmbHDeutschland,einTeilvonSpringerNature,2019
W.Imo/J.P.Lanwer,InteraktionaleLinguistik, 1
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05549-1_1
1
InteraktionaleLinguistik:einersterEinstieg
sehr eingeschränkte) Möglichkeit der Reaktion haben (z.B. ein Roman,
einZeitungstext,einePredigt,NachrichtenimRadioetc.).
Interesse der Interaktionalen Linguistik: Die Interaktionale Linguistik
interessiert sich für jede Art interaktionaler Sprachverwendung, also für
Sprachverwendung, bei der ein sequenziell strukturierter, kollaborativer
und situationsgebundener Bedeutungs- und Strukturaufbau die Grund-
lage bildet. Der mediale Aspekt ist dabei nicht entscheidend: Interaktio-
naleSprachekannüberdasMediumSchallvermitteltwerden(Unterhal-
tung mit einer Bekannten im Café), es können technische Apparate zur
Übertragung dazwischengeschaltet sein (Telefonat) oder sie kann über
Schrift, Bilder (Emojis wie im Messenger-Chat) oder Gesten wie Kopf-
schüttelnrealisiertwerden.AuchGebärdensprachenkönnenForschungs-
gegenstandderInteraktionalenLinguistiksein.
ZurVertiefung Gebärdensprachen
Häufig werden Gebärdensprachen fälschlicherweise als rein ikonische,
d.h.abbildendeSprachenbezeichnet.Diestrifftjedochnichtzu.Gebär-
densprachen haben zwar tendenziell einen höheren Grad an Ikonizität
alsLautsprachen,siehabenaber»nichtsmitPantomimeoderLautspra-
chebegleitendenGestenzutun.SiesindebensovollausgebauteSprach-
systeme wie Lautsprachen und haben ihre eigenen Muttersprachler«
(Wälchli/Ender2013:115).Gebärdensprachenlassensichsomitebenfalls
mit den Mitteln der Interaktionalen Linguistik analysieren wie gespro-
cheneEinzelsprachen.
InteraktionaleSprachebestimmtunserLeben.Selbstnachdemnormori-
entierten und am Verfassen monologischer Textsorten (Bewerbungs-
schreiben; Aufsatz; Bildbeschreibung etc.) orientierten Schrifterwerb in
derSchuleverliertsienichtanBedeutung.AuchdieVerfasserdieserEin-
führung, für die eine der Hauptaufgaben in ihrem Beruf im Schreiben
monologischer, schriftsprachlicher Texte besteht, kommunizieren einen
GroßteilihrerZeitmündlichoderschriftlichinteraktionalundnichtmo-
nologisch: In Seminardiskussionen, im Gespräch mit Kolleg/innen und
selbstverständlich auch in der Freizeit beim Gespräch mit Freund/innen
oderbeimSchreibenvonE-MailsoderChatbeiträgen
KontrastzwischeninteraktionalerundmonologischerSprachverwen-
dung: Die Erforschung von interaktionaler Sprachverwendung benötigt
nun aber andere methodische und theoretische Konzepte als die von
monologischer Sprachverwendung, denn diese beiden Varianten der
Sprachverwendung unterscheiden sich sowohl formal als auch hinsicht-
lich der Aufgaben (und der Gewichtung der Aufgaben), die dort typi-
scherweiseerledigtwerden.Umdieszuillustrieren,sollalsEinstiegeine
interaktional-mündlichemiteinermonologisch-schriftlichenBeschwerde
kontrastiert werden. Es handelt sich dabei um ein authentisches Be-
schwerdetelefonat sowie einen Musterbrief für eine schriftliche Be-
schwerdeauseinemRatgeberfürdasVerfassenvonGeschäftsbriefen.
Zuerst wird das Transkript eines authentischen Beschwerdetelefonats
präsentiert. Die Aufnahme stammt aus einer von Becker-Mrotzek/Brün-
2