Table Of ContentIntellektuelle und Sozialdemokratie
Ulrich von Alemann
Gertrude Cepl-Kaufmann
Hans Hecker
Bernd Witte
(Hrsg.)
Intellektuelle und
Sozialdemokratie
unter Mitarbeit von
Dietmar Lieser
Tanja Reinlein
Leske + Budrich, Opladen 2000
Gedruckt auf siiurefreiem und alterungsbestiindigem Papier.
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Ein Titeldatensatz fUr diese Publikation ist bei Der Deutschen Bibliothek erhiiltlich
ISBN 978-3-8100-2921-8 ISBN 978-3-322-93209-9 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-93209-9
© 2000 Leske + Budrich, Opladen
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Inhaltsverzeichnis
Ulrich von Alemann, Bernd Witte
Vorwort .................................................................................................... 7
Hans Hecker
Intellektuelle und Sozialdemokratie. Einleitung .................. .................. 11
Thomas Meyer
Intellektuelle Politik und Sozialdemokratie. Eine Einfiihrung ............... 19
Sektion I
Intellektuelle und Soziale Frage im Kaiserreich
Gangolf Hiibinger
Intellektuelle und Soziale Frage im Kaiserreich. Ein Uberblick ............ 29
Thomas Welskopp
"Arbeiterintellektuelle", "sozialdemokratische Bohemiens" und
"Chefideologen": Der Wandel der Intellektuellen in der friihen
deutschen Sozialdemokratie. Ein Fallbeispiel ....................................... .43
Walter Fahnders
Naturalisten, Sozialisten, Anarchisten. Dispositionen der
literarischen Intelligenz im ausgehenden 19 lahrhundert.
Ein Fallbeispiel ...................................................................................... 59
Sektion II
Die linken Intellektuellen und die gespaltene
Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik
Helga Grebing
Die linken Intellektuellen und die gespaltene Arbeiterbewegung
in der Weimarer Republik. Ein Uberblick .............................................. 79
Wolfgang Bialas
Weimarer Intellektuelle und die Politik. Facetten eines
schwierigen Verhiiltnisses. Ein Fallbeispiel ........................................... 91
5
Elke Suhr
"Lenin, es sei in RuBland geschehen was immer, hat
sein Yolk jedenfalls glUcklicher gemacht." (Heinrich Mann
1924) Deutsche Intellektuelle und Lenin. Ein Fallbeispiel ..................... 11
Sektion III
Sozialdemokratie und Intellektuelle seit 1945:
eine komplizierte Beziehung
Helmut Morchen
Sozialdemokratie und Intellektuelle seit 1945:
eine komplizierte Beziehung. Ein Uberblick ........................................ 137
Sabine Cofalla
Die "Gruppe 47" und die SPD. Ein Fallbeispiel ................................... 147
Petra Weber
Carlo Schmid und Adolf Arndt.
Zwei Intellektuelle in der SPD. Ein Fallbeispiel .................................. 167
Gegenwartsdiagnose und Ausblick
lohano Strasser
Intellektuellendammerung?
Die deutschen Intellektuellen nach 1989 .............................................. 183
Anhang
Auswahlbibliographie ................................................................................. 199
Bio-bibliographische Angaben .................................................................... 203
Sach- und Namenregister ............................................................................ 209
6
Vorwort
Kein Zweifel: das Generalthema der im vorliegenden Band versammelten
Beitrage steht quer zum bundesrepublikanischen Zeitgeist. Denn so wie ge
genwartig eine gemeinsame Lebenswelt der Intellektuellen und der Politik
tiberhaupt abhanden gekommen scheint, so scheint im besonderen auch das
Verhaltnis zwischen Sozialdemokratie und Intellektuellen in eine Phase
merklicher Distanzierung und Entfremdung getreten zu sein. Dafiir gibt es
gute Grtinde. So wird man vor allem die auffallige, da weit verbreitete Ab
wendung der Linksintellektuellen yom politischen Diskurs als Reflex auf
einen Geschichtsverlauf begreifen mtissen, der ihre traditionellen Bezugsgro
Ben zum Verschwinden gebracht hat. Zu ihnen zahlte einst wie selbstver
standlich die Arbeiterklasse. Seit deren klassische Gestalt aber in den wirt
schaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen der Zweiten
Moderne ihre konturscharfe Physiognomie eingebtiBt und der epochale Zu
sammenbruch der sozialistischen Systeme zudem selbst ihr ideologisch kon
serviertes Erscheinungsbild noch zerstOrt hat, sieht sich das intellektuelle
Engagement endgiiltig seines vordringlichen Adressaten und Objekts beraubt.
Hinzu kommt, daB auch die weiteren historisch verbtirgten Bezugspole und
Motive der intellektuellen Intervention kaum noch konsensflihig scheinen und
ihr pathetischer Klang weitestgehend verhallt ist. Universalistische Losungen
wie jene etwa von der Vertretung des Gemeinwohls und der
Menschheitsinteressen, immerhin Fixpunkte der europaischen Aufklarung,
reklamieren hierzulande nur noch einige wenige als genuinen Bestandteil
ihres offentlichen Auftrags. Wie sonst ware zu erklaren, daB Gtinter Grass, ihr
renommiertester Advokat, inzwischen immer haufiger und unverhohlener mit
dem Etikett eines im schlechten Sinne unzeitgemaBen Autors bedacht wird -
und zwar von Kritikern und Kollegen gleichermaBen. Untibersehbar aber ist
dartiber hinaus auch der Mangel an konkreten politis chen Identifika
tionsfiguren geworden, an politisch Verantwortlichen also, deren Programm
erkennbar und glaubhaft tiber jene Grenze okonomischer MaBgaben und
Notwendigkeiten hinausweist, an der das Feld partikularer Interessenvertre
tung endet und das Terrain ideeller Zielentwtirfe allererst beginnt. Statt, urn
mit Musil zu reden, auf diese Weise das Gebiet des bloB Wirklichen hin zum
Moglichen als der Sphare des intellektuellen Gesprachs par excellence zu
tiberschreiten, haben sich im Gegenteil die politischen Funktions- und Wtir
dentrager der Ara Kohl sogar darin gefallen, auf die Intellektuellen dieses
Landes mit der verachtlichen Geste der Geringscharzung herabzusehen. Ge
wiB, dieser ressentimentgeladene Ton ist inzwischen deutlich seltener zu
horen, doch hat es auch die Regierung Schroder nicht vermocht, die vorherr
schende Abstinenz der Intellektuellen yom politischen Diskurs aufzuheben.
Allzu frisch ist dieser Zuriickhaltung offenkundig noch immer die Erfahrung
dessen eingeschrieben, was Martin Walser die "vorhersehbare Wirkungslo
sigkeit" des intellektuellen Engagements genannt hat.
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Ulrich von Alemann, Bernd Witte
Diesem MiBstand wollten wir entgegenwirken, als wir vor zwei Jahren
das Projekt ins Auge faBten, den Zusammenhang von Politischer Kultur und
Intellektuellen naher zu untersuchen. 1m Unterschied zu vielen Zeitgenossen
erscheint uns jene Aufgabe, die der archetypische Intellektuelle schlechthin,
Walter Benjamin, einst als Zielvorgabe seines eigenen Schreibens auf den
Begriff "Politisierung der Intelligenz" brachte, keineswegs anachronistisch
und iiberholt, sondern im Gegenteil von geradezu dringender Aktualitat. Dies
aber setzt zunachst die Selbstaufklarung der Intellektuellen iiber ihre eigene
Rolle voraus, die als konkreter und praktischer Zweck im Rahmen eines
wissenschaftlichen Projekts natiirlich nur mittelbar verfolgt und angestrebt
werden kann. Leitend muB das Prinzip der historischen Rekonstruktion blei
ben, das auf dem Weg der paradigmatischen Veranschaulichung die ge
schichtlich ausgewiesene Funktion der Intellektuellen ins Gedachtnis zuriick
ruft und vergegenwartigt. Dazu leisten die Uberblicks- und Einzelbetrach
tungen dieses Bandes einen, so meinen wir, wichtigen Beitrag, indem sie, bei
allen Unterschieden der terminologischen Herleitung und des Sprachge
brauchs, den Intellektuellen als eine pragnante und in seiner gesellschaftlichen
Bedeutung unverzichtbare Sozialfigur der Moderne kenntlich machen. Sie
erinnern daran, daB der Intellektuelle als "exemplarischer citoyen" (J.
Strasser), als "geistiger Stellvertreter des Ganzen" (W. Bialas) und "Verteidi
ger der Ideen" (G. Hiibinger) im politischen Kraftefeld die provozierende
Rolle eines notorischen Unruhestifters und konstruktiven Radikalen zugleich
einnimmt: sein Engagement orientiert sich nicht am kleinsten gemeinsamen
Nenner pragmatischer Handlungskompromisse, die ihm als Ausdruck einer
vorschnellen und allzu bequemen Bereitschaft zum Konsens in der Regel eher
verdachtig sind. Es richtet sich vielmehr am Erwartungshorizont einer
utopischen Perspektive aus, fiir die das faktisch Erreichte darum immer nur
eine relative GroBe darstellen kann. Das daraus resultierende Spannungsver
haltnis zum Politiker, der als Vertreter und Schiedsrichter der partikularen
gesellschaftlichen Interessen zu wirken hat, findet sich im vorliegenden Band
vielfach bezeugt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Dabei
dokumentiert gerade das konkrete Beispiel der Beziehung zwischen Sozial
demokratie und Intellektuellen, welch extreme Stadien der Distanz und der
gegenseitigen MiBachtung dieses konstitutive Spannungsverhaltnis durchlau
fen kann, wenn beide Partner ihre Positionen dogmatisch vertreten und die
Miihen der Vermittlung scheuen. Es dokumentiert aber auch, daB diese stets
krisenanfallige Beziehung zwischen Politik und "freischwebender Intelligenz"
zu einer konstruktiven Partnerschaft fiihren kann, wenn beide Seiten den
Willen und die Fahigkeit zur rationalen Auseinandersetzung erkennen lassen
und aufuringen. Dies erscheint uns heute notwendiger denn je.
Die Resonanz, die diese erste Veranstaltung bei den Teilnehmern gefun
den hat und deren Ergebnisse mit der Publikation dieses Bandes auch einer
breiteren Offentlichkeit vorgelegt werden, ermutigt uns, die Reihe der Ta-
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Vorwort
gungen wie geplant im nachsten Jahr mit Symposien zur Rolle der Intellektu
ellen in Europa. Frankreich, Deutschland, Polen und zum Themenkomplex
Intellektuelle und Konservatismus fortzusetzen. Der interdisziplinare Cha
rakter des Projekts wird dabei strikt gewahrt bleiben. Denn die Aufgabe, die
Geschichte des Verhaltnisses zwischen Politischer Kultur und Intellektuellen
nachzuzeichnen, kann nur im Verbund der Disziplinen bewaltigt werden. Und
nur durch ein moglichst breites wissenschaftliches Engagement laBt sich auch
das Ziel erreichen, verandernd auf die gegenwartige Situation einzuwirken.
Die Tagung Intellektuelle und Sozialdemokratie fand am 09./10. Dezember
1999 als Kooperationsveranstaltung des Germanistischen Seminars, des Hi
storischen Seminars und des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Heinrich
Heine-Universitat Dusseldorf sowie der Friedrich-Ebert-StiftunglA kademie
der Politis chen Bildung statt. Unser Dank gilt allen, die organisatorisch, ideell
und materiell zum Gelingen der Tagung beigetragen und das Erscheinen
dieses Sammelbandes ermoglicht haben. Er gilt vor allem der Friedrich
Ebert-Stiftung, die uns durch die Vermittlung von Prof. Dr. Thomas Meyer
die Finanzierung der Tagung ermoglicht hat. Zu Dank verpflichtet sind wir
uberdies dem Stadtmuseum Dusseldorf und seinem Leiter Dr. Wieland Konig,
der uns gastfreundlich in den Raumen seines Hauses aufgenommen hat. Eine
groBzugige finanzielle Unterstutzung erhielten wir daruber hinaus von der
Gesellschaft von Freunden und Forderern der Heinrich-Heine-Universitat
Dusseldorf, durch die die redaktionelle Bearbeitung der vorliegenden Beitrage
allererst ermoglicht wurde. Auch hierfiir danken wir herzlich.
SchlieBlich gilt unser Dank unseren Mitarbeitern Tanja Reinlein und
Dietmar Lieser, die diese Tagung kompetent organisiert und damit fur ihren
reibungslosen Verlauf und ihre freundliche Atmosphare gesorgt haben. Mit
Umsicht, Ausdauer und Sachverstand haben sie uberdies die Drucklegung
dieses Bandes entscheidend befordert und vorangetrieben.
Dusseldorf, im Juli 2000 Ulrich von Alemann
Bernd Witte
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Intellektuelle und Sozialdemokratie
Einleitung
Hans Hecker
" ,Freiheit, Gleichheit, Bruderlichkeit!' Aber wie gelangen wir zu den Tatig
keitswortern?" Dieser Aphorismus aus den Unfrisierten Gedanken des Sta
nisoaw Jerzy Lec kennzeichnet treffend die Problematik, urn die es in diesem
Sammelband geht. Er enthalt die Druckfassung der Vortrage, die im Dezem
ber 1999 auf der Dusseldorfer Tagung tiber Intellektuelle und Sozialdemo
kratie gehalten worden sind. Damit trat erstmals eine Arbeitsgemeinschaft aus
Germanisten, Historikern und Politikwissenschaftlern der Heinrich-Heine
Universitat Dusseldorf an die Offentlichkeit, die sich ein Projekt mit dem
Gesamtthema Politische Kultur und Intellektuelle vorgenommen hat.
Ausgangspunkt des Projektes war die Uberlegung, daB Politik, insbeson
dere diejenigen, die Politik machen, in Deutschland traditionell in keinem
guten Ruf stehen: "Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!" Politik gilt als
eine unsaubere Angelegenheit, in der schlechte Eigenschaften wie Verlogen
heit, Betrug, Schonrednerei, Korruption und Opportunismus bltihen. Eines der
wichtigsten - und schwierigsten - Instrumente demokratischer Politik, die
Einigung divergierender politischer Krafte auf ein gemeinsames Konzept,
wird auch von Kommentatoren, die es eigentlich besser wissen mtissten,
immer wieder als "fauler KompromiB" verunglimpft. Nun ist zuzugeben, daB
es Politiker gegeben hat und gibt, die in geradezu erschreckender Weise dazu
beigetragen haben, diese V orurteile nicht nur zu bestatigen, sondern auch
noch durch die Realitiit zu ubertreffen. Gerade diese Erfahrung sollte jedoch
nicht zu naserumpfendem Abwenden fUhren, sondern AniaB geben, der Frage
nachzugehen, ob es in Deutschland nicht so etwas wie politische Kultur gebe
und wie sie sich hierzulande und im europaischen Vergleich darstelle. So liegt
es nahe, daB die fUr 2001 geplante nachste Tagung sich mit dem Vergleich
zwischen Frankreich, Deutschland und Polen befassen solI.
Die Intellektuellen stellen diejenige BevOikerungsgruppe, die sich we
sentlich von ihrer Fiihigkeit zum offentlichen Nachdenken und Artikulieren
ihrer Meinung, zum diskursiven Orientierungsangebot an die Gesellschaft her
definiert. Sie sind die Menschen, die sich eben nicht nur mittels des
Stimmzettels oder der Beteiligung an einer Demonstration auBern, sondern
das Tagesgeschehen in groBere Zusammenhange einordnen und - fUr jeden
Interessierten nachlesbar - kritisch kommentieren. Sie werden in diesem
Projekt auf ihr Verhaltnis zur Politik oder, urn es auf eine tiber die Tagespo
litik hinausreichende thematische Ebene zu bringen: auf ihr Verhaltnis zur
politischen Kultur untersucht. Nun handelt es sich bei den Intellektuellen urn
einen Teil unserer Gesellschaft, der bei den tibrigen Teilen derselben Gesell
schaft nicht unbedingt im besten Ruf steht. Wie Dietz Bering in seinem be-
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Hans Hecker
kannten Buch, Die lntellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes, gezeigt
hat und viele andere im Weiteren und Einzelnen nachgewiesen haben, gilt die
Bezeichnung ,Intellektueller' fUr weite Kreise, fUr einen erheblichen Teil der
verOffentlichten Meinung in Deutschland, als Schimpfwort. Der Intellektuelle
erscheint hier als der Storenfried, als Norgler, als arroganter Besserwisser, der
nicht mitmacht, wenn alle sich schon auf eine einfache Formel einigen
konnten, als einer, der die Dinge kompliziert, als einer, der sich schon
dadurch verdachtig macht, daB er mehr dem Verstand als dem GefUhl vertraut
- als einer, der das groBe Bekenntnis, die vorbehaltlose Bindung scheut.
Somit liegt es auf der Hand: Der Intellektuelle befindet sich immer in der
Minderheit und schlagt sich gem auf die Seite der Opposition.
Dies alles stimmt so und wiederum nicht. Denn was den Umgang mit
Intellektuellen so schwierig, ja lastig macht, ist ihre grundlegende, perma
nente Uneinigkeit und standige Flucht vor der Konformitat. Man braucht aber
gar kein Historiker zu sein, urn andererseits Intellektuelle aufzufinden und zu
benennen, die sich von politischer Macht verfUhren lieBen, wenn sie geballt,
hochorganisiert, womoglich in einer einzelnen Person konzentriert auftrat, die
dem Rausch der groBen Gemeinschaft, der Faszination der umfassenden,
erlosenden Ideologie und den VerheiBungen des epochemachenden Zieles
verfielen. Die so1chen Bewegungen der Massen und Parolen theoretische
Begriindungen und propagandistische Argumentationshilfen lieferten, urn die
Ehrungen zu genieBen und die Moglichkeiten zu nutzen, die ihnen fUr ihr
Wohlverhalten zuteil wurden. Auch die Intellektuellen wollen nicht
grundsatzlich in der Isolation leben, auch sie haben den Wunsch, irgendwo
"dazu zu gehoren", wobei sie fatalerweise dazu neigen, die ErfUllung gerade
dieses Wunsches so gut wie unmoglich zu machen. GewiB wollen sie anre
gen, zu bedenken geben, hinweisen - wollen sie auch iiberzeugen? Ja und
nein. Wenn sie nicht wtinschten, daB man ihren Gedankengangen folge,
wiirden sie sie gar nicht erst vortragen, aber das Uberzeugen ist eigentlich ihre
Sache nicht, eher die der Politiker. Mit der Uberzeugung ist der Diskurs erst
einmal an sein Ende gelangt, und da liegt der Hase im Pfeffer. Das, was die
Intellektuellen denken und tun, wird wesentlich von der Fahigkeit bestimmt,
Distanz zu wahren - zu ihrem Gegenstand, zu den Anderen, zu sich selbst.
Die Uberzeugung hebt die Distanz auf. Aber die Distanz ist notwendig, urn
weiterdenken zu konnen.
Zur Politik haben die Intellektuellen in Deutschland traditionell Distanz
gehalten. Mit ihr machte man sich nicht ohne Not die Finger schmutzig.
Umgekehrt waren die Intellektuellen den Politikem ebenfalls stets als "unsi
chere Kantonisten" verdachtig, zumindest lastig als Leute, die die Beachtung
von Werten und Grundsatzen einklagten, wo pragmatisches Handeln erfor
derlich schien. So hat Intellektuelle und Politik in Deutschland ein intensives
beiderseitiges MiBtrauen fest verbunden. Intellektuelle, die sich politisch
auBerten, hat es gleichwohl immer gegeben, wenn sie auch die politische
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