Table Of ContentLore Voigt-Weber
Inklusive Organisationen
Lore Voigt.Weber
Inklusive
Organisationen
Genese, Struktur, Chancen selbstverwalteter
Betriebe
~ !:\{J DeutscherUniversitätsVerlag
~ GABlER'VIEWEG'WESTDEUTSCHERVERlAG
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Voigl-Weber, lore:
Inklusive Organisationen: Genese, Struktur, Chancen
selbstverwalteter Betriebe / Lore Voigt-Weber. - Wiesbaden:
Dt. Univ.-Verl., 1993
(DUV : Wirtschaftswissenschalt)
Zugl.: Bielefeld, Univ., Diss., 1991
Der Deutsche Universitäts-Verlag ist ein Unternehmen der
Verlagsgruppe Bertelsmann International.
© Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1993
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Gedruckt auf chlorarm gebleichtem und säurefreiem Papier
ISBN 978-3-8244-0148-2 ISBN 978-3-322-96412-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-96412-0
Geleitwort
In der vorliegenden Arbeit, einer Dissertation an der Fakultät fur Soziologie
der Universität Bielefeld, fragt die Verfasserin nach den Stabilitätsbe
dingungen alternativer Wirtschaftsorganisationen, denen sie aufgrund ihrer
Organisationseigenschaften den Tenninus "inklusive Organisationen" zu
schreibt.
Sie erarbeitet sich ein theoretisches Fundament, in dem ausgewählte Konzep
te der Organisation von Wirtschaftsunternehmen kritisch rezipiert und fur den
Zweck einer idealtypischen Kontrastierung traditioneller und innovativer
Organisationen im Wirtschafts system ausgewertet werden. Der Untersu
chungsansatz stützt sich auf detaillierte Kenntnisse der Verfasserin der vorlie
genden einschlägigen Studien zur alternativen Ökonomie sowie auf umfas
sende eigene Forschungsergebnisse. Die theoretischen Fragestellungen ihres
ausgewiesenen Problembezugs der Untersuchung arbeitet die Autorin in ein
umfassendes empirisches Untersuchungsdesign ein. Der Aufbau der Auswer
tung der empirischen Ergebnisse verfolgt die klare soziologische Fragestellung
nach den Bestandsbedingungen inklusiver Organisationen und differenziert
diese in plausibel begründeten Untersuchungs schwerpunkten aus.
Die Untersuchung kommt zu einem Ergebnis, das in der Bezugnahme auf die
erkenntnisleitende Fragestellung ausgewiesen ist. Das Forschungsergebnis, das
die relative Stabilität inklusiver Organisationen im Konkurrenzgefiige be
grenzter Märkte aufweist, korrigiert bisher vorliegende empirische Darstellun
gen zum gleichen Untersuchungsgegenstand sowie besonders skeptische
Einschätzungen ihrer organisatorischen Stabilitätsbedingungen. Diese Korrek
turen werden durch ausdifferenzierte empirische Belege und durch den sy
stematisch verfolgten Erklärungsansatz überzeugend dargelegt.
Aufgrund ihrer interessanten Fragestellung und ihres neuartigen Untersu
chungsdesigns ist dieser Arbeit eine möglichst breite Resonanz zu wünschen.
Prof. Dr. Jürgen Feldhoff
v
Vorwort
Im Mittelpunkt des Buches stehen Betriebe, für die in Öffentlichkeit und
Wissenschaft unterschiedliche Begriffe verwendet werden. Das Spektrum
reicht von "neuen Selbständigen", "neuen Kooperativen", über "alternative
Betriebe" bis zu "selbstverwalteten Unternehmen".
Anstelle der vielfältigen Bezeichnungen, die jeweils spezifische Aspekte
betonen, liegt dieser Arbeit ein anderer, eigenständiger Begriff zugrunde, der
aus der modernen systemtheoretischen Soziologie entlehnt ist: Inklusive
Organisationen. Inklusion meint dort die Einbeziehung von Individuen in
gesellschaftliche Funktionsbereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc ..
Dieser Begriff ist m.E. besonders geeignet, weil er den spezifischen Charakter
der untersuchten Betriebe betont, indem er sie von konventionellen
Wirtschafts organisationen -wie der Firma -abgrenzt, die durch ein hohes Maß
an Exklusion charakterisiert sind: die Mehrheit der Mitarbeiter ist von
betrieblichen Entscheidungs- und Verfügungsrechten ausgeschlossen, Effekte
des Wirtschaftens der Unternehmung auf Gesellschaft, Politik, Ökologie
werden infolge der Dominanz einzelwirtschaftlicher Rationalitätskriterien aus
internen Kalkülen weitgehend "exkludiert" -mit bislang noch nicht absehbaren
Effekten für Umwelt, Menschheit etc ..
Der Typus der hier untersuchten Betriebe stellt einen Antitypus zur
konventionellen Unternehmung dar: er schließt ein, wo die Firma ausschließt -
etwa die Mitarbeiter, die Umwelt - und weist in seinen Reflexionen, im
Gegensatz zur monetären Eindimensionalität konventioneller Unternehmen,
mehrdimensionale Bezüge auf. Dies gilt - zumindest in der Mainstream
Literatur -jedoch zugleich als ihr (Existenz-) Risiko, da Marktgesellschaften
bislang vorrangig eindimensionale, exklusive Wirtschaftsorganisationen
honorieren. Damit stellt sich zugleich die Frage nach den Chancen inklusiver
Betriebe, den verschiedenartigen Anforderungen gerecht zu werden.
In der vorliegenden Arbeit wird diese Fragestellung aufgegriffen und auf der
Basis eines im deutschsprachigen Raum neuartigen Untersuchungsdesigns zu
beantworten versucht. Gegenstand der Analyse sind hierbei nicht singuläre
Organisationen, wie sie etwa im Rahmen von Fallstudien untersucht werden,
sondern eine Vielzahl gleichartiger Organisationen, d.h. Organisations-
VII
populationen. Dieser Ansatz ennöglicht es, das jeweils spezifische Verhältnis
dieser Populationen sowie von Teilpopulationen zu ihrer spezifischen Umwelt
zu thematisieren und ist deshalb für die Beurteilung der Stabilisierungschancen
dieses Typus von Wirtschaftsorganisationen besonders geeignet.
Die Arbeit basiert auf empirischen Erhebungen, die im Rahmen eines von der
Stiftung Volkswagenwerk geförderten Forschungsprojektes zum Thema
"Infonneller Sektor und Alternative Ökonomie" an der Fakultät für Soziologie
der Universität Bielefeld durchgeführt wurden. Weitere Mitglieder der
Projektgruppe waren Johannes Berger, Volker Domeyer und Maria Funder.
Die Untersuchung wäre nicht möglich gewesen ohne die Bereitschaft der
Mitarbeiterlinnen der untersuchten Betriebe, trotz ihrer meist sehr hohen
Arbeits- und Zeitbelastung für die mehrstündigen Interviews zur Verfügung zu
stehen -ihnen gilt an dieser Stelle besonderer Dank.
Lore Voigt-Weber
VIII
Inhalt
1. Anpassung oder Untergang
• ein Strukturdilemma inklusiver Wirtschaftsorganisationen? 1
2. Inklusive Betriebe· zu gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen
einer neuen Population von Wirtschaftsorganisationen 7
2.1. Krise der "Arbeitsgesellschaft" und Wertewandel 8
2.2. Ökonomische und ökologische Grenzen des
Wirtschaftswachstums 11
3. Theorien zur Entstehung und Erklärung der unterschiedlichen
Dominanz von Organisationsformen 17
3.1. Theorien der Unternehmung: "Transaktionskostenansatz"
und "New Radicals" 17
3.2. "Organizational Ecology Ansatz" und "Resource Dependence
Ansatz" als Erklärungsmodelle 24
3.3. Organisationseigenschaften dominanter Organisationsformen 38
4. Analytische Dimensionen eines Vergleichs unterschiedlicher
Populationen von Wirtschaftsorganisationen 41
4.1. Organisationseigenschaften der Firma und inklusiver Betriebe
. ein idealtypisches Modell 41
4.2. Zu Anlage und Ansatz der Untersuchung 48
5. Mitglieder in inklusiven Betrieben: Gründungsmotive und
Kompetenzen 51
5.1. GTÜndungsmotive eines neuen Organisationstypus:
Zwischen Ausgrenzung und Ausstieg 52
5.2. "Qualifizierte Laien"? Die Kompetenzen der Mitglieder 58
5.3. Zwischen Instabilität und Professionalisierung:
Fluktuation und Rekrutierung neuer Mitglieder 61
5.4. Angestellte in selbstverwalteten Betrieben·
Erosion des Identitätsprinzips? 67
6. Organisation und Entscheidung. die operationsleitenden
Strukturen inklusiver Betriebe 77
6.1. Arbeitsorganisation zwischen Differenzierung
und Entdifferenzierung 77
IX
6.2. Entscheidungsstrukturen in selbstverwalteten Betrieben -
Lähmung durch Partizipation? 86
6.2.1. Das Plenum als Entscheidungsinstanz -
Chancen und Risiken 88
6.2.2. Von der Anweisung zum Konsens
Entscheidungsmodi inklusiver Organisationen 91
6.2.3. Zeitintensität und Inhalte konsensueller
Entscheidungsprozesse 93
6.2.4. Kommunikationsstrukturen und Konflikte 95
7. Zum ökonomischen Status inklusiver Organisationen 105
7.1. Kostendeckung versus Profitmaximierung -zur ökonomischen
Situation inklusiver Betriebe 107
7.2. Alternatives "Controlling"? Zur Reflexion des ökonomischen
Status inklusiver Betriebe 112
7.3. Einkommen und soziale Sicherung: Zwischen Armut,
Subvention und Prosperität 116
7.3.1. 'Selbstausbeutung' als Überlebensstrategie? 118
7.3.2. Stabilität durch Ressourcendiversifikation? 122
7.3.3. Einkommensprinzip: Egalität statt Differenzierung 126
7.3.4. Form und Umfang sozialer Absicherung:
Free rider im sozialen Netz? 129
8. Märkte: Ressourcenallokation und Konkurrenz 135
8.1. Beschaffungsmärkte: Kapital, Güter und Dienstleistungen 137
8.2. Absatzmärkte: Überleben in Nischen? 141
8.3. Kundenpotential zwischen Mittelstand und Szene 148
8.4. Werbung -das alternative Marketing 160
9. Selektion, Transformation oder Stabilisierung
- Überlebenschancen inklusiver Organisationen 165
9.1. Das Scheitern von Produktivgenossenschaften
- ein 'Naturgesetz' auch für inklusive Organisationen? 167
9.2. Entwicklungsphasen inklusiver Betriebe
- Transformation zur Firma? 172
9.3. Zwischen Erfolg und Mißerfolg -Stabilitätspfade inklusiver
Betriebe 176
Appendizes
1. Anmerkungen 183
2. Erhebung und Methode 186
3. Beschreibung der Stichprobe 189
4. Literaturverzeichnis 191
x
Verzeichnis der Tabellen
Tab. 1: Situation der Betriebsgründer vor der Gründung
Tab. 2: Gründungsmotive
Tab. 3: Schulausbildung
Tab. 4: Fachrichtung des Studiums
Tab. 5: Gründe für die Umsatzsteigerung
Tab. 6: Strategien zur Bewältigung von Umsatzrückgängen/-stagnation
Tab. 7: Umsatzhöhe
Tab. 8: Nettoeinkommen
Tab. 9: Zusätzliche Finanzierungsquellen
Tab. 10: Art der Versicherung
Tab. 11: Konkurrenzsituation
Tab. 12: Zusammensetzung des Kundenpotentials
Tab. 13: Einkommenssituation der Kunden
Tab. 14: Probleme mit den Kunden
XI
1. "Anpassung" oder "Untergang"
- ein Strukturdilemma inklusiver Wirtschaftsorganisationen?
Mit der Auflösung der ständisch gegliederten Gesellschaft und dem Entstehen
der modernen "polyzentrischen" Gesellschaft erhalten die Menschen auf der
Basis universalistischer Regeln Zugang und Beteiligungsmöglichkeiten an ge
sellschaftlichen Funktionssystemen. Anknüpfend an Luhmann kann diese Ein
beziehung der Bevölkerungen in die Leistungen gesellschaftlicher Funktionssy
steme als Inklusion!) bezeichnet werden.
Während in den Sozialwissenschaften die Möglichkeiten, Grenzen und
Folgen der Inklusion auf Gesellschaftsebene analysiert und diskutiert werden -so
sorgte etwa im Bereich der Politikwissenschaft das mit der Inklusion in Zusam
menhang gebrachte Anwachsen staatlicher Aktivitäten unter dem Stichwort
"Wohlfahrtsstaat" längere Zeit für umfassende Diskussionen -läßt sich bei der
Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von Inklusion auf der Ebene von
ökonomischen Organisationen, die in den SOer und 60er Jahren lange Zeit
Politiker, Unternehmer und Wissenschaftler bewegte, in den 70er und 80er
Jahren ein eher nachlassendes Interesse beobachten -sieht man von gelegentli
chen Äußerungen einzelner Vertreter der Managementlehre und der Gewerk
schaften ab, die mehr oder minder kraftvoll die "Beteiligung von Mitarbeitern"
fordern.
Ohne die Konjunkturen oder einzelnen Facetten des Themas "Mitarbeiter
beteiligung" oder "Mitbestimmung" weiter ausleuchten zu wollen, erscheint die
Zentrierung der Diskussion um Inklusion auf der Ebene von Gesellschaft und
die weitgehende Vernachlässigung auf der Ebene Organisation insofern als
bemerkenswert, als insbesondere Wirtschaftsorganisationen für die Lebens
chancen der Mitglieder moderner Gesellschaften ein zentraler Stellenwert
zukommt, der Grad der Inklusion hier jedoch bislang -sieht man von den (deut
schen) institutionellen Möglichkeiten der Mitbestimmung auf Unternehmens
ebene und der der Betriebsräte ab -nur wenig entwickelt ist.
Man könnte stattdessen sogar einen eher gegenläufigen oder zumindest unsyn
chronisierten Trend der Inklusionsmöglichkeiten in den beiden sozialen Syste
men aufzeigen: der vielleicht zunehmenden Inklusion auf der Ebene von Ge
sellschaft steht eine stagnierende Inklusion auf der Ebene von Organisation
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