Table Of ContentHistorisches Reenactment
Medien der Geschichte
Herausgegeben von
Thorsten Logge, Andreas Körber und Thomas Weber
Band 4
Historisches
Reenactment
Disziplinäre Perspektiven
auf ein dynamisches Forschungsfeld
Herausgegeben von
Sabine Stach und Juliane Tomann
ISBN 978-3-11-073879-7
e-ISBN (PDF) 978-3-11-073443-0
e-ISBN (EPUB) 978-3-11-073446-1
ISSN 2569-7625
Library of Congress Control Number: 2021937383
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
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http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Coverabbildung: © Juliane Tomann
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
www.degruyter.com
Inhalt
Juliane Tomann
Einleitung 1
Ulrike Jureit
Gefühlte Geschichte
Die Schlacht um Großgörschen am 2. Mai 1813 als simuliertes
Geschichtserlebnis 27
Kamila Baraniecka-Olszewska
Der Bezug zur Vergangenheit
Authentizität im historischen Reenactment aus anthropologischer
Perspektive 53
Juliane Tomann
Nur Männer spielen Krieg?
Frauen im Revolutionary War-Reenactment in den USA 75
Andreas Körber (unter Mitarbeit von Anna Bleer, Annika Kopisch, Dennis
Ledderer und Otto Sehlmann)
Didaktische Perspektiven auf Reenactment als Geschichtssorte 97
Nico Nolden
Digitales Spielen als Reenactment
Kollaboratives historisches Handeln durch Verkörperung in digitalen
Räumen 131
Mirko Uhlig und Torsten Kathke
Baumholder 1985 – das „erste deutsche Reenactment“
Zur Formierungsphase von Civil War-Nachstellungen in der
Bundesrepublik Deutschland 155
Steffi de Jong
Vor Gettysburg
Attitüden, lebende Bilder und Künstlerfeste als performative Praktiken
der Vergangenheitsdarstellung im 19. Jahrhundert 181
VI Inhalt
Sabine Stach
Zeit-Reisen?
Ein Ausblick aus tourismustheoretischer Perspektive 209
Biografien 233
Juliane Tomann
Einleitung
ReenactmentisteinschillernderBegriffmitdisparatenVerwendungsweisen.Mit
ihmverbindetsicheinbreitesSetanPraktiken,StrategienundTechniken,diealle
aufdasNachspielen,Wiederholen, RekonstruierenoderReaktualisierenvergan-
generEreignisseabzielen,aufdieseverweisenodersiezitieren.¹DerBegrifffindet
sich folglich in ganz unterschiedlichen institutionellen Konstellationen und
(medialen) Formaten. Er inspiriert als Ansatz zur Generierung von Wissen aka-
demische und außerakademische Diskussionszusammenhänge, fasziniert als
Ereignis Teilnehmer*innen und Zuschauer*innen gleichermaßen – und bietet
nicht zuletzt auch Anlass zu Kritik und Distanzierung. Die Anfänge des gegen-
wärtigenReenactment-BoomsliegeninderFreizeitkulturundlassensichinetwa
auf die 1960er Jahre datieren. Zu dieser Zeit wurde in den USA begonnen, die
Schlachten des Bürgerkriegs zum 100jährigen Jubiläum der Ereignisse in
publikumswirksamer Weise an den Originalschauplätzen nachzuspielen.² In-
zwischen hat sich das Begriffsverständnis erheblich erweitert und Reenactment
steht längst nicht mehr nur für Aktivitäten von Hobby-Historiker*innen auf
Schlachtfeldern.Als„StrategiederWissens(re)produktion“³wirdReenactmentin
manchen Disziplinen als Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses ver-
standen und als analytischer Begriff genutzt. Der Terminus umfasst jedoch
gleichzeitigauchkünstlerisch-ästhetischePraktikenbzw.konzeptionelleZugänge
imTheater⁴,derPerformance-Kunst⁵,derMusik,demTanz⁶undinaudiovisuellen
DieserBeitragfolgtinTeilenmeinemEintragzuLivingHistorybeiDocupedia-Zeitgeschichte.
Tomann, Juliane: Living History. Version: 1.0. docupedia.de/zg/Tomann_living_histo-
ry_v1_de_2020(22.12.2020).DieHerausgeberinnendankenStefanieSamidafürdieanregende
DiskussionüberdenTiteldesBuches.
ZurGenesedesCivilWar-ReenactmentsieheHochbruck,Wolfgang:Geschichtstheater.Formen
der „Living History“. Eine Typologie. Bielefeld 2013 (Historische Lebenswelten in populären
Wissenskulturen 10); Jureit,Ulrike: Magie des Authentischen. Das Nachleben von Krieg und
GewaltimReenactment.Göttingen2020(WertderVergangenheit).Dabeiistzubedenken,dass
die Praktiken des Nachspielens und Reaktualisierens von Vergangenheit kein ausschließlich
postmodernesPhänomensind.ZurHistorisierungvonReenactment-PraktikensieheauchSteffi
deJongsBeitragindiesemBand.
Dreschke,Anja;IlhamHuynh;RaphaelaKnipp;DavidSittler:Einleitung.In:Reenactments.
Medienpraktiken zwischen Wiederholungund kreativer Aneignung. Hrsg.von Anja Dreschke,
IlhamHuynh,RaphaelaKnippu.DavidSittler.Bielefeld2016(Locatingmedia8).S.9–24,10.
EinenÜberblickbietetHeeg,Günther;MichaBraun;LarsKrügeru.HelmutSchäfer(Hrsg.):
ReenactingHistory.Theater&Geschichte.Berlin2014(TheaterderZeit109).
https://doi.org/10.1515/9783110734430-001
2 JulianeTomann
Medien,etwainFilmenoderTV-Formaten.⁷ReenactmentssindfernerBestandteil
derArbeitinMuseensowietouristischerAngeboteundPraktiken.Elementedes
Nachspielens vergangener Ereignisse finden sich während einer kostümierten
Vorführung alter Handwerkstechniken ebenso wie bei einer Stadtführung in
historischen Gewändern oder in Form spielerischer (Selbst)Erfahrungen in
Escape-Rooms.⁸ Das Spiel mit den Zeitebenen ist jedoch nicht begrenzt auf die
Anverwandlung der Vergangenheit in der Gegenwart. Gewissermaßen in Um-
kehrung–oderauchalsWeiterentwicklung–desBegriffsReenactmentspekuliert
neuerlichdasPreenactmentimRahmenkünstlerischerPerformancesundande-
rerTheaterpraktikenanhanderfundenerhypothetischerSzenarienüber„possible
futures“.ZieldesPreenactmentsseies„toexperimentwithfictitioustime(s)and
space(s)inordertogaininsightintothepresent.“⁹
Roselt,Jensu.UlfOtto(Hrsg.):TheateralsZeitmaschine.ZurperformativenPraxisdesReen-
actments.Theater-undkulturwissenschaftlichePerspektiven.Bielefeld2012(Theater45).
DieBedeutungvonReenactmentimBereichTanzdokumentiertdasOxfordHandbookofDance
andReenactment,dasimJahr2018erschienenist.DieBeträgedesHandbuchesreichenjedoch
weitüberdenGegenstandsbereichdesTanzeshinausundberührengrundlegendeFragender
CharakteristikvonReenactmentswieetwadieUnterscheidungzwischenReenactmentundRe-
konstruktionenoderdieFragenachderBeziehungzwischendemKörperunddemArchivals
ModiderProduktionbzw.BewahrungvonWissen.Franko,Mark(Hrsg.):TheOxfordHandbookof
DanceandReenactment.NewYork2018.
EineÜberblicksdarstellungzurEntwicklungdesBegriffesindenverschiedenenBereichenvon
Kunst, Medien und als soziale Praxis findet sich bei Otto, Ulf: History of the Field. In:The
RoutledgeHandbookofReenactmentStudies.KeyTermsintheField.Hrsg.vonVanessaAgnew,
JonathanLambu.JulianeTomann.London2020.S.111–114.
Carnegie,Elizabethu.ScottMaccabe:Re-enactmentEventsandTourism.Meaning,Authen-
ticityand Identity. In: Current Issues in Tourism11 (2008). S.349–368; zu Reenactment und
Living History in Museen siehe Magelssen, Scott: Living History Museums. Undoing History
throughPerformance.Lanham2007.
Oberkrome,Friederikeu.VerenaStraub:PerforminginBetweenTimes.AnIntroduction.In:
PerformancezwischendenZeiten.ReenactmentsundPreenactmentsinKunstundWissenschaft.
Hrsg.von Friederike Oberkrome, Adam Czirak, SophieNikoleit, Friederike Oberkrome,Verena
Straub,RobertWalter-Jochumu.MichaelWetzels.Bielefeld2019(Theater117).S.9–22,9.Die
AutorinnenverweisenaberauchaufdieVerbindungenzwischenRe-undPreenactment:„justas
formsofreenactmentalwayscontainaprospectivedimension,Preenactmentscenariosrequire
andincludearetrospectivedimension.“(S.10).EinbekanntesBeispielfüreinPreenactmentist
Milo Raus General Assembly, das vom 5. bis 7. November 2017 an der Berliner Schaubühne
durchgeführtwurde.ImAnschlussdaranwurdeinAnlehnungandenSturmaufdenWinterpalast
einSturmaufdenReichstaginszeniert,wasdieVerknüpfungvonTeilendesPre-undReenactment
verdeutlicht.SiehedazuWalter-Jochum,Robert:PerformancealsPolitik.MiloRaus(P)reenact-
mentsGeneralAssemblyundSturmaufdenReichstag.affective-societies.de/2018/sfb-1171/per-
formance-als-politik-milo-raus-preenactments-general-assembly-und-sturm-auf-den-reichstag/
(22.12.2020).
Einleitung 3
EntsprechenddieserVielfaltanPhänomenenwirdauchinderwissenschaft-
lichen Auseinandersetzung die Breite des Gegenstandes betont, etwa wenn
Reenactment als „umbrella“ oder „Suchbegriff“ beschrieben wird, „dessen ana-
lytischePotentiale,rhetorischeImplikationenundtheoretischeKonsequenzenes
nochauszumessengilt“.¹⁰WiedieversuchteVergegenwärtigungdesVergangenen
ins Werk gesetzt wird, unterscheidet sich oft erheblich und zieht differenzierte
Fragennach denAkteur*innen,ihren(Erkenntnis)Interessen,denObjektenbzw.
(Hilfs)MittelnderUmsetzung,den(medialen)FormatensowiedemErgebnisnach
sich, die abhängig von Kontext und Konstellation jeweils neu gestellt werden
müssen.DieCharakteristikavonReenactmentsimBereichvonKunstundPerfor-
mancesindwissenschaftlichbereitsausführlichuntersuchtworden.¹¹Historisches
ReenactmentalsTeilderGeschichts-undPopulärkulturisthingegeneinverhält-
nismäßigneuerUntersuchungsgegenstand.¹²HiersetztdieserBandan.Erwidmet
Otto,History(wieAnm.7),S.111;Otto,Ulf:Reenactment.In:MetzlerLexikonTheatertheorie.
Hrsg.vonErikaFischer-Lichte,DorisKoleschu.MatthiasWarstat.Stuttgart2014.S.287–290,288.
SiehedazuetwaLütticken,Sven(Hrsg.): Life,Once More. Formsof ReenactmentinCont-
emporaryArt.Rotterdam2005;Arns,Inkeu.GabrieleHorn:HistoryWillRepeatItself.Strategies
ofRe-enactmentinContemporary(Media)ArtandPerformance.FrankfurtamMain2007.
Einblicke in den Stand der Theoriediskussion zu historischem Reenactment auf Deutsch
(allerdingsmiteinemFokus auf dieengverwandteLivingHistory) gibt Samida,Stefanie:Per
PedesindieGermaniamagnaoderZurückindieVergangenheit?KulturwissenschaftlicheAn-
näherung an eine performative Praktik. In: Doing History. Performative Praktiken in der Ge-
schichtskultur.Hrsg.vonSarahWillner,GeorgKochu.StefanieSamida.Münster2016(Edition
HistorischeKulturwissenschaften1).S.45–62;sieheweiterhindieEinführungdesBandes:Sa-
mida,Stefanie;SarahWillneru.GeorgKoch:DoingHistory–GeschichtealsPraxis.Program-
matischeAnnäherungen.In:DoingHistory.PerformativePraktikeninderGeschichtskultur.Hrsg.
von Sarah Willner,Georg Koch u. Stefanie Samida. Münster 2016 (Edition Historische Kultur-
wissenschaften1).S.1–25;Pleitner,Berit:Erlebnis-underfahrungsorientierteZugängezurGe-
schichte.LivingHistoryundReenactment.In:GeschichteundÖffentlichkeit.Orte–Medien–
Institutionen. Hrsg.von Sabine Horn u. Michael Sauer.Göttingen 2009 (UTB). S.40–51; Gro-
schwitz,Helmuth:Authentizität,Unterhaltung,Sicherheit.ZumUmgangmitGeschichteinLiving
History und Reenactment. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde (2010). S.141–155; Kotte,
Eugen:Reenactment–GrenzenundMöglichkeiten„gefühlter“Geschichte.In:ZugängezurPublic
History. Formate – Orte – Inszenierungsformen. Hrsg.von Frauke Geyken u. Michael Sauer.
Frankfurt am Main 2019. S.120–140. Kürzlich auch Jureit, Magie (wie Anm. 2). Im englisch-
sprachigenRaumgibteseineVielzahlvontheoretischenEinführungenundfallbezogenenStu-
dienzuhistorischemReenactment.EinschlägigsindetwaAgnew,Vanessa:Introduction.WhatIs
Reenactment?In:Criticism46(2004).S.327–339;Daugbjerg,Mads;RivkaSydEisneru.Britta
TimmKnudsen(Hrsg.):Re-EnactingthePast.Heritage,materialityandperformance.London2015
(International Journal of Heritage Studies); McCalman, Iain u. Paul A. Pickering: Historical
reenactment.Fromrealismtotheaffectiveturn.Basingstoke2010(ReenactmentHistory).Über-
sichtsdarstellungenzurUS-amerikanischenReenactment-Szenesindunteranderemzufindenbei
Thompson, Jenny: War Games. Inside the World of Twentieth-Century War Reenactors.
4 JulianeTomann
sichdezidiertderFormdeshistorischenReenactmentalsFreizeitaktivitätmitdo-it-
yourself-Charakter,das jenseits akademischer Diskurse und abseits institutiona-
lisierterund in hohemMaßekuratierterhistorischerNarrationenstattfindet,wie
sie etwa in Museen oder Gedenkstätten anzutreffen sind. Historisches Reenact-
mentistinsofernAusdruckspätmodernerFormendesUmgangesmitGeschichte
und der Aneignung von Vergangenheit, der stark individualisierte Tendenzen
aufweist. Das Nachspielen historischer Ereignisse transformiert Geschichte im
historischen Reenactment nicht nur in ein sinnlich-emotionales Erlebnis; Ge-
schichte wird auch verstärkt zu einer Plattform menschlicher Selbstdefinition.¹³
Historisches Reenactment als Bestandteil der Geschichts- und Populärkul-
tur¹⁴umfasstdasNachspielenvergangenerEreignisse,dasvonReenactor*innen
inVereinenundanderenZusammenschlüssenorganisiertunddurchgeführtwird.
Bevor von dieser spezifischen Art des Reenactment ausführlicher die Rede sein
wird,sollzuBeginneinÜberblickdieVielfaltderKontextegenaueraufzeigen,in
denenReenactmententwederalsanalytischerBegriffverwendetoderineinerder
oben erwähnten Formen praktiziert wird. Diese Verortung ist kein Selbstzweck.
Sie hilft vielmehr, die Konturen dessen zu schärfen, was unter historischem
Reenactment verstanden wird, und soll aufzeigen, wie dieses mit ähnlichen
PraktikenverbundenistundwoUnterschiedebestehen.
Reenactment – Karriere eines Begriffes
Es ist nicht leicht, trennscharf zwischen Reenactment als Praxis des Zitierens,
Aktualisierens und Nachspielens von Vergangenheit sowie Reenactment als
analytischem Zugriff zu unterscheiden.¹⁵ Schauen wir zunächst auf die
Washington2004;Horwitz,Tony:ConfederatesintheAttic.DispatchesfromtheUnfinishedCivil
War.NewYork1998.
Reckwitz,Andreas:DieGesellschaftderSingularitäten.ZumStrukturwandelderModerne.
Berlin2018.
Rüsen,Jörn:WasistGeschichtskultur?ÜberlegungenzueinerneuenArt,überGeschichte
nachzudenken.In:HistorischeFaszination.Geschichtskulturheute.Hrsg.vonJörnRüsen,Theo
Grütteru.KlausFüßmann.Köln1994.S.3–26.ZurDefinitionvonPopulärkultursieheMaase,
Kaspar: Populärkultur. In: Kulturtheoretisch argumentieren. Hrsg.von Timo Heimerdinger u.
MarkusTauschek.Münster,2020.S.380–408.
HäufigistinderLiteraturvonPraxisundPraktikinBezugaufReenactmentsdieRede,ohne
dasseinegenaueUnterscheidungvorgenommenwird.PraxisundPraktikbezeichnendenVollzug
vonTätigkeiten,wobeiPraktikeinespezifischeTätigkeitdarstellt,währendPraxis„dieBündelung
vonAktivitätstypenzueinerumfassenderenTätigkeit“(BarbaraSieferle)bzw.einen„Komplex
ausregelmäßigenVerhaltensaktenundpraktischemVerstehen“(AndreasReckwitzinSieferle)