Table Of ContentHeimatschichten
Joachim Klose (Hrsg.)
Heimatschichten
Anthropologische Grundlegung
eines Weltverhältnisses
Herausgeber
Joachim Klose
Dresden, Deutschland
ISBN 978-3-658-04739-9 ISBN 978-3-658-04740-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-04740-5
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Wir danken der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. für die großzügige finanzielle
Unterstützung, welche die Drucklegung dieses Buches ermöglichte.
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Joachim Klose: Heimatschichten ........................................................... 19
Orts- und Zeitbezüge von Heimat
Beate Mitzscherlich: Heimat. Kein Ort. Nirgends. ................................. 47
Hans-Dieter Zimmermann: Der Ort als Heimat ..................................... 69
Edward S. Casey: How the Place of Landscape Ends in Edges ............. 85
Sönke Friedreich: Das „Weihnachtsland“ und die Heimat.
Zum Wandel der Kulturlandschaft Erzgebirge ............................. 105
Werner Barlmeyer: Heimat ist Herkunft – Identität und Geschichte .... 115
Manfred Entrich: Orte der Kindheit? Stabilität anstatt Mobilität .......... 127
Niels-Christian Fritsche: Wird Heimat mobil?
Die akademischen und professionellen Wanderjahre als Muster
für die „Entortung“ des Menschen ................................................ 133
Michael Löhner: Zuhause – lokal oder sozial?
Aus der Welt der Heimatgeber und Heimatnehmer ...................... 151
Jalda Rebling: Makom ist der Ort.
Mokum nennen die Amsterdamer liebevoll ihre Stadt .................. 159
8 Inhalt
Heimat und Leiblichkeit
Karl-Siegbert Rehberg: „Heimat mit Haut und Haaren?“
Ein Sehnsuchtsbegriff gegen die Heimatlosigkeit der Moderne ... 165
Walter Schweidler: Heimat im Leib
Zur ontologischen Bedeutung des Leibes ..................................... 181
Klaus Wiegerling: Von Leibern und Körpern zur sekundären
Leiblichkeit ................................................................................... 211
Bernd Wannenwetsch: Ein Laib – ein Leib?
Eucharistische Zugänge zur Leiblichkeit des Menschen .............. 239
Harald Seubert: Zuhause sein im Leib?
Überlegungen zu Gender und Sexualität ...................................... 257
Gabriele Marx: Entfremdung vom Leib bringt den Körper in Not ........ 291
Heimat in Familie und Gemeinschaft
Albin Nees: Kindheit als Heimat ........................................................... 305
Irene Schneider-Böttcher: Das Ende der Familie?
Fakten über das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und
deren Folgen ................................................................................. 311
Inge Seiffge-Krenke: Wann sind Kinder (endlich) erwachsen?
Veränderte Zeitstrukturen und ihre Folgen für Eltern und Kinder..325
Hanim Ezder: Zugehörigkeit zwischen Integration und Ausgrenzung
sowie zwischen Familie und Gemeinschaft .................................. 341
Haci-Halil Uslucan: Ubi bene, ibi patria?
Türkeistämmige Migranten in Deutschland zwischen
Beheimatung und Heimweh .......................................................... 347
Inhalt 9
Heimat in der Religion
Hans-Joachim Sander: Religion am Thirdspace von Beheimatung.
Eine heterotope Herausforderung ................................................. 367
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Heimat im Glauben.
Gelungenes Leben: über religiöse Glücksvorstellungen ............... 389
Eveline Goodman-Thau: Aufgehoben in der Arche des Textes
Tradition als Heimat ..................................................................... 407
Eduard Berger: Heimat und Religion .................................................... 427
Wilhelm G. Jacobs: Was ist unsere Heimat?
Zwischen Transzendenz und Immanenz ....................................... 433
Albert Franz: Unsere Heimat ist im Himmel!
Christliche Existenz zwischen Heimatlosigkeit und Beheimatung 445
Ulrich Beuttler: Ist Gott auch im Raum oder nur am Ort?
Ein theologisches Plädoyer für den gelebten Raum als
Ort religiöser Beheimatung ........................................................... 457
Peter Zimmerling: Wozu brauchen wir religiöse Orte? ......................... 473
Mediale Heimat
Andrea Lobensommer: Heimat erzählen ............................................... 487
Anja Gerigk: Glücksort Sprache.
Einkehr und Ereignis in der Literatur ........................................... 509
Sabine Wienker-Piepho: Heimat als Narration und Sprache ................. 521
Andreas Henning: Beheimatung in der Kunst.
Vom Glück in der Malerei und vom Glück ihrer Betrachtung ...... 533
10 Inhalt
Thierry Bruehl: Lieben oder verlassen?
Wenn die Heimat anders wird ....................................................... 551
Robert Seifert: Orientierungssuche im Virtuellen.
Computerspiele als Heimat ........................................................... 557
Walter Schmitz: Die Zeichen der „Heimat“:
Zur Semiotik eines wandelbaren Konzeptes
in der deutschen Kultur.................................................................. 569
Aufgabe Heimat
Fritz Hähle: Kommunalpolitik – Heimat gestalten ................................ 603
Ralph Lindner, Manuel Frey: Heimat gestalten –
Kulturinfarkt verhindern ............................................................... 607
Christoph Türcke: Nation und Volk ...................................................... 619
Rüdiger Voigt: Volk und Nation im Fokus der Politikwissenschaft ..... 627
Werner J. Patzelt: Heimat, Vaterland und Patriotismus ........................ 643
Jürgen Schröder: Ein europäischer Patriotismus? ................................. 663
Günther Rüther: Cadenabbia und der Comer See.
Konrad Adenauers zweite Heimat ................................................ 679
Autorenverzeichnis............................................................................... 691
Vorwort
Wenn vieles sich rasch ändert, wird bedeutungsvoll, was einem Halt und Orien-
tierung gibt, werden Verankerungen in Milieus und Wertegemeinschaften wich-
tiger. Europa ist nach dem Ende des Kalten Krieges wirtschaftlich und politisch
zügig zusammengewachsen: Grenzen wurden abgebaut, eine gemeinsame Wäh-
rung wurde geschaffen. Seine Bürger genießen die neuen Freiheiten, bedauern
aber zugleich, weniger Einfluss auf regionale Entwicklungen zu haben. Der
Wegzug junger Menschen aus den ländlichen Räumen und die Auswirkungen
von Finanzkrisen bereiten ihnen Sorgen und stellen die Lebensleistung in Frage.
Die Welt ist aufgrund der hohen Kommunikationsgeschwindigkeit der In-
formationsgesellschaft für den Einzelnen kleiner und vernetzter geworden. Pro-
zesse, die vorher weit entfernt waren, rücken näher heran und werden zur Bedro-
hung. Möglichkeiten, sie zu kontrollieren und sich einzubringen, erscheinen
geringer. So entsteht das Bedürfnis nach Identität in „kleinen Lebenskreisen“, in
Lebensstilen, im Konsumverhalten und in politischen Entscheidungen. Damit
wird ein Begriff aktuell, den die Älteren dachten, längst abgelegt zu haben:
„Heimat“.
Wurden nicht genügend Anstrengungen unternommen, um den politisch so
missbrauchten Heimatbegriff aus dem öffentlichen Sprachgebrauch zu verban-
nen? Beide deutsche Diktaturen versuchten, „Heimat“ für ihre Zwecke umzu-
münzen. Aber ein politisch korrekter Sprachgebrauch führt nicht zur Verhinde-
rung dessen, was Heimat für den Einzelnen bedeutet. Als Edgar Reitz in den
1980er Jahren „Heimat“ in den öffentlichen Diskurs wieder einführte, indem er
filmisch die Bilder und Mythen zeigte, mit denen sich die Gesellschaft im 20.
Jahrhundert auseinandersetzte, erschien es den Zuschauern, als würde ein verlo-
rengegangenes Gefühl geweckt. Im Zeitalter von Globalisierung und weltweiter
Vernetzung scheint die Betonung von Heimat wieder notwendig geworden zu
sein.
„Heimat“ ist allgemein der Ort der Herkunft mit allen Entsprechungen, der
gemeinsamen Sprache, der Landschaft, den gebräuchlichen Traditionen und
Sitten usw. Sie ist zugleich aber auch der Ort der Vertrautheit, wo man versteht
und verstanden wird. Hier fühlt man sich geborgen und sicher, angenommen und
zu Hause. So zeichnet sich Heimat vor allem auch durch soziale Bezüge aus, wie
die Familie, Kirchgemeinde oder Dorfgemeinschaft. Im vertrauten Sozialraum
entwickeln sich die gemeinschaftlich sinnstiftenden Narrationen und haben Be-
stand.
Aus anthropologischer Sicht liegt Heimat nicht einfach statisch vor, sodass
sie vom Einzelnen nur antizipiert wird, sondern man muss sie sich immer wieder
neu aneignen und erarbeiten. Der Mensch befindet sich im übertragenen Sinn auf