Table Of ContentHandbuch Stadtsoziologie
Frank Eckardt (Hrsg.)
Handbuch Stadtsoziologie
Herausgeber
Frank Eckardt Bernhard Schmidt
Voestalpine Langenhagen, Deutschland
Linz, Österreich
Springer VS
ISBN 978-3-531-17168-5 ISBN 978-3-531-94112-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-531-94112-7
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografi e;
detaillierte bibliografi sche Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufb ar.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht aus-
drücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das
gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfi lmungen und die
Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk
berechtigtauch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der
Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann
benutzt werden dürft en.
Satz: text plus form, Dresden
Einbandentwurf: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Springer VS ist eine Marke von Springer DE.
Springer DE ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media
www.springer-vs.de
Inhalt
Frank Eckardt
Stadtsoziologie als transdisziplinäres Projekt ................................. 9
Referentielle Ausgangspunkte
Jan Kemper
Max Weber .................................................................. 31
Markus Schroer & Jessica Wilde
Emile Durkheim ............................................................. 59
Matthias Junge
Georg Simmel ............................................................... 83
Eike Hennig
Chicago School .............................................................. 95
Roland Lippuner
Pierre Bourdieu .............................................................. 125
Benno Werlen
Anthony Giddens ............................................................ 145
Stefan Kipfer, Parastou Saberi & Thorben Wieditz
Henri Lefebvre ............................................................... 167
Julia Lossau
Spatial Turn ................................................................. 185
Konzeptionelle Debatten
Walter Siebel
Die europäische Stadt ....................................................... 201
6 Inhalt
Kathrin Wildner
Transnationale Urbanität ..................................................... 213
Johanna Hoerning
Megastädte ................................................................. 231
Frank Eckardt & Johanna Hoerning
Postkoloniale Städte ......................................................... 263
Sybille Frank
Eigenlogik der Städte ........................................................ 289
Detlef Sack
Urbane Governance ......................................................... 311
Annette Harth
Stadtplanung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
Bernhard Schäfers
Architektur .................................................................. 365
Themenfelder der Stadtsoziologie
Andreas Farwick
Segregation ................................................................. 381
Annika Müller
Soziale Exklusion ............................................................ 421
Olaf Schnur
Nachbarschaft und Quartier ................................................. 449
Jürgen Hasse
Wohnen ..................................................................... 475
Oliver Frey
Städtische Milieus ........................................................... 503
Wolf-Dietrich Bukow
Multikulturalität in der Stadtgesellschaft ..................................... 527
Inhalt 7
Katharina Manderscheid
Mobilität .................................................................... 551
Detlef Baum
Soziale Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 571
Bernhard Frevel
Kriminalität und lokale Sicherheit ............................................ 593
Rainer Kilb
Die Stadt als Sozialisationsraum .............................................. 613
Nina Schuster
Queer Spaces ................................................................ 633
Andrej Holm
Gentrification ............................................................... 661
Janet Merkel
Kreative Milieus ............................................................. 689
Rauf Ceylan
Islam und Stadtgesellschaft .................................................. 711
Paula Marie Hildebrandt
Urbane Kunst ................................................................ 721
Michael Spörke
Die behindernde/behinderte Stadt ........................................... 745
Martin Klamt
Öffentliche Räume ........................................................... 775
Constanze A. Petrow
Städtischer Freiraum ......................................................... 805
Autorenangaben ............................................................ 839
Stadtsoziologie als transdisziplinäres Projekt
Frank Eckardt
Die Beschäftigung mit der Stadt in der Soziologie fällt mit dem Entstehen der Disziplin
als solcher zusammen und scheint eine der Voraussetzungen überhaupt gewesen zu sein,
sich mit der Dynamik moderner Gesellschaften wissenschaftlich auseinanderzusetzen.
Die Reflexion der Bedeutung des urbanen Raums für das Entstehen der Moderne hat von
daher die Gründungsväter der Soziologie (Weber, Simmel, Durkheim) und insbesonde-
re ihre Weiterentwicklung zu einer empirischen Wissenschaft durch die Chicago School
maßgeblich beeinflusst. Aus diesem Grunde scheinen die Begriffe Stadt und Gesellschaft
nahezu synonym geworden zu sein. Das Entstehen einer Stadtsoziologie als Bindestrich-
Disziplin hat diesen Gründungszusammenhang von moderner Gesellschaftswissenschaft
und der Entwicklung der modernen Großstadt in den Hintergrund gerückt. In der So-
ziologie nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem sich die Stadtsoziologie als Teildisziplin
national und international konstituierte, wurde die Stadt mehr oder weniger auf die me-
thodische Dimension sozialwissenschaftlichen Forschens reduziert. Die Stadt war in ers-
ter Linie das Spiegelbild der Gesellschaft, in der Konflikte und soziale Ungleichheiten
sich abbildeten. Das Städtische als solches, die Erfahrung also in einer städtischen Ge-
sellschaft, aufzuwachsen, zuzuwandern, sich dort aufzuhalten und zu orientieren, diese
sich anzueignen und in ein vielfältiges und widersprüchliches Verhältnis zu ihr zu tre-
ten, konnte mit einem Stadtverständnis, in dem Städte lediglich die Bühne für die Gesell-
schaft darstellen, nicht mehr thematisiert werden. Doch die heutigen Debatten um die
Stadt und die Bedeutung der räumlichen Dimension für die Erforschung und das Ver-
ständnis des Gesellschaftlichen weisen auf die große Komplexität hin, mit der sich die
Soziologie wieder der Stadt annähert.
Heute, in Zeiten der „Krise der Soziologie“, wie sie prominente Vertreter des Fachs
diagnostizieren, wird die Stadtsoziologie mit der Frage konfrontiert, welche Bedeutung
sie haben kann, wenn tatsächlich die übergroße Mehrheit der Menschen in Städten lebt
und es kaum mehr relevante soziologische Forschungsthemen außerhalb von Städten
geben kann. Diese grundsätzliche Frage an die Stadtsoziologie ist Motivation für eine
grundlegende Rekapitulation des Faches und für dieses Handbuch. Hierbei soll auf die
Frage der möglichen Bedeutung der Stadtsoziologie in einer nahezu vollkommen urba-
nisierten Welt mit der Annahme geantwortet werden, dass die Selbstverständlichkeit des
Städtischen die eigentliche Bedeutung der gesellschaftlichen Urbanität verdeckt und da-
durch auch mögliche Wandel in der Struktur städtischer Gesellschaften nicht erkennbar
werden. Die Stadtsoziologie beharrt deshalb darauf, dass das Leben in einer städtischen
F. Eckardt (Hrsg.), Handbuch Stadtsoziologie,
DOI 10.1007/978-3-531-94112-7_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
10 Frank Eckardt
Gesellschaft als eine besondere Erfahrung weiterhin als Forschungsgegenstand und nicht
lediglich als Forschungsrahmen zu betrachten ist.
Mit dem überholten Ansatz, die Stadtsoziologie über ihren Forschungsgegenstand zu
definieren, ging bislang die konzeptionelle Herausforderung einher, sich der „Stadt“ in
ihrer Bedeutungsvielfalt und Vielschichtigkeit von unterschiedlichen Perspektiven zu nä-
hern. Wenn sich aber nun die Stadtsoziologie nicht mehr durch ihren Forschungsgegen-
stand definieren kann, weil dieser omnipräsent geworden ist, stellt sich die Frage, ob sich
der Begriff des Städtischen, ja der Stadt überhaupt, noch rechtfertigt. Da der Begriff der
„Stadt“ kein diskursiv erzeugter ist, der lediglich auf wissenschaftliche Referenzen oder
aus der Deutungshoheit einzelner Fachdisziplinen zurückzuführen ist, bedarf es einer
konzeptionellen und forschungsbezogenen Fundierung der Stadtsoziologie. Die Erfah-
rung des städtischen Lebens wird öffentlich reflektiert, und die Soziologie der Stadt ist
Teil dieses Prozesses. Ziel des vorliegenden Handbuches ist es, die Stadtsoziologie wieder
näher an die öffentliche Diskursivität heranzuführen. Dazu ist eine Neuausrichtung der
Stadtsoziologie in ihren theoretischen Ausgangspunkten, den disziplinären und transdis-
ziplinären Anschlüssen und längerfristigen und aktuellen Themengebieten darzustellen,
notwendig. Das Handbuch Stadtsoziologie will für alle interessierten Leser einerseits ein
profundes Überblickswissen zu den einzelnen behandelten Themen anbieten und an-
dererseits auch aktuelle Kontroversen und verschiedene Interpretationen zu den unter-
schiedlichen Positionen in der Stadtsoziologie wiedergeben.
Das Handbuch geht von der Tatsache aus, dass die Stadtsoziologie ein nur teilweise
institutionalisiertes Forschungsfeld der Soziologie ist und dass sie ihre theoretische Viel-
falt und Attraktivität durch eine hohe Aufmerksamkeit für andere Teildisziplinen der
Soziologie und andere Disziplinen (Geografie, Politikwissenschaften, Architekturtheorie,
Philosophie, Migrations- und Genderstudies, Kulturwissenschaften etc.) verdankt. Aus
diesem Grunde werden auch Themen und Autoren zu Wort kommen, die teilweise nicht
im engeren Sinne der (Stadt-)Soziologie zugerechnet werden können. Nicht zuletzt da-
durch soll das Handbuch auch für Leser in anderen (Teil-)Disziplinen interessant und für
die Lehre in dem breiten Feld der Stadtforschung, Stadtplanung und Sozialwissenschaf-
ten einsetzbar sein.
An dieser Stelle soll einleitend anhand einiger illustrativer Darlegungen die transdiszi-
plinäre Verortung der Stadtsoziologie ansatzweise beschrieben werden, die sich zunächst
in einer längeren Tradition in der Beschäftigung mit der Frage nach dem Städtischen zu
behaupten hätte. In der rund sechstausendjährigen Erfahrung der menschlichen Zivili-
sation mit dem Zusammenleben in Städten ist die wissenschaftliche Reflexion, wie sie
mit der Soziologie begonnen hat, eine relativ neue Art der Auseinandersetzung. Hat sie
einen neuen Erkenntnisstand auf die Frage nach der Bedeutung der urbanen Erfahrung
erzielen können ? In einem ersten Argumentationsschritt wird deshalb die Diskussion
um die Tradition der Stadtforschung in der vorwissenschaftlichen oder allgemein geis-
tigen Diskursivität darzustellen sein. Rom ist hierfür das paradigmatische Vorbild. Mit
der Beobachtung der modernen Großstadt, für die die Beobachtungen Engels (1970) zu
Stadtsoziologie als transdisziplinäres Projekt 11
Manchester und der Soziologie in Chicago maßgeblich waren, dürfte dann erkennbar
werden, in welcher Weise die Soziologie Neuland in der Stadtbetrachtung betritt, welche
andere Herangehensweisen und neuen Vorannahmen damit verbunden waren, dass die
Stadt nun im Lichte der objektiven Erkenntnis und einer naturalistischen Attitüde be-
schrieben werden soll. Anschließend an kritischen Debatten über die soziale Konstruk-
tion von Erkenntnissen und der notwendigen Akzeptanz der Multiperspektivität in der
Soziologie wird hier schließlich die Kernthese vertreten, dass die Stadtsoziologie im Zu-
sammenhang mit einer sich neu ausrichtenden Wissensgesellschaft sich nur als ein trans-
disziplinäres Vorgehen entwickeln lässt.
Die urbane Erfahrung
B: „Qui est (…) iste tandem urbanitatis color ?“
C: „Nescio (…) tantum esse quondam scio“
(Cicero, Brut. 171)
In diesem Dialog Ciceros lautet die Frage – ketzerisch gestellt – : welche Farbe hat denn
diese Urbanität, von der Du immer redest, Cicero ? Die weise Antwort lautet: Das weiß
ich auch nicht, aber ich weiß, dass sie eine hat. Der römische Politiker, berühmt wegen
seiner brillanten Redekunst, befand sich damals in keiner leichten Situation. Nach und
nach untergrub der erfolgreiche Feldherr Julius Cäsar die Grundrechte des Senats und
schuf damit die Basis für seine spätere Alleinherrschaft. Wenn Cicero dagegen opponier-
te, konnte er leicht verdächtigt werden, das Ansinnen Cäsars nur deshalb zu torpedie-
ren, weil er sich selbst mehr Macht aneignen wolle. Die Berufung auf die Götter schien
schließlich ebenso wenig zu wirken wie das Beschwören der tradierten Römischen Re-
publik. Ciceros Argument ist vielmehr: Eine Alleinherrschaft passe nicht zu der Art und
Weise, wie man in Rom zusammen lebe. Das Ideal einer sich selbst regierenden Stadt, die
sich an Tugenden orientiert über das Zusammenleben verständigt, das ist der Grundge-
danke Ciceros, dem „Gralshüter republikanischer Werte“ (Reinhardt, 2008, 16).
Doch das Festhalten an der Idee einer republikanischen Stadt, im ursprünglichen
Sinne, dass die Stadt eine „res publica“ – also eine Angelegenheit der Öffentlichkeit – sei,
dies ist Cicero noch bei der Aufdeckung der berühmten Verschwörung des Catilina ge-
lungen, aber auch er konnte mit all seiner Eloquenz und Rhetorik nicht die weitere Ent-
Republikanisierung Roms verhindern. Denn Rom war schon lange nicht mehr der Ort
einer sich überschaubar und abgrenzbar gestaltenden Stadt. Rom war Chaos, zerrissen
zwischen den Ansprüchen einer antiken Weltmacht und den Notwendigkeiten lokaler
Selbstverwaltung. Der Dichter Vergil beschreibt sie in einem Brief an Meliboeus:
„urbem quam dicunt Romam, putavi
Stultus ego huic nostrae similem, quo saepe solemus