Table Of ContentGeorg Kneer · Markus Schroer (Hrsg.)
Handbuch Spezielle Soziologien
Georg Kneer
Markus Schroer (Hrsg.)
Handbuch
Spezielle
Soziologien
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
1. Auflage 2010
Alle Rechte vorbehalten
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2010
Lektorat: Frank Engelhardt
VS Verlag für Sozialwissenschaften ist eine Marke von Springer Fachmedien.
Springer Fachmedien ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media.
www.vs-verlag.de
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für
Vervielfälti gungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung
und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk
berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im
Sinn e der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher
von jedermann benutzt werden dürften.
Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Ten Brink, Meppel
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in the Netherlands
ISBN 978-3-531-15313-1
Inhalt 5
Inhalt
Vorwort 9
Arbeits- und Industriesoziologie 11
Rudi Schmiede und Christian Schilcher
Architektursoziologie 37
Bernhard Schäfers
Bevölkerungssoziologie 51
Torsten Schröder und Michael Feldhaus
Bildungs- und Erziehungssoziologie 67
Heike Kahlert
Biographieforschung 85
Werner Fuchs-Heinritz
Entwicklungssoziologie 105
Heiko Schrader
Familiensoziologie 123
Günter Burkart
Geschlechtersoziologie 145
Michael Meuser
Jugendsoziologie 163
Dagmar Hoffmann und Jürgen Mansel
Konsumsoziologie 179
Kai-Uwe Hellmann
Kultursoziologie 197
Markus Schroer
Kunstsoziologie 221
Thomas Schwietring
6 Inhalt
Land- und Agrarsoziologie 243
Claudia Neu
Literatursoziologie 263
Nicole Köck
Mediensoziologie 277
Michael Jäckel
Medizinsoziologie 295
Sigrid Graumann und Gesa Lindemann
Militärsoziologie 309
Sabine Collmer
Musiksoziologie 325
Katharina Inhetveen
Organisationssoziologie 341
Veronika Tacke
Professionssoziologie 361
Michaela Pfadenhauer und Tobias Sander
Rechtssoziologie 379
Stefan Machura
Religionssoziologie 393
Winfried Gebhardt
Soziologie der Freizeit 405
Hans-Werner Prahl
Soziologie der Generationen 421
Heinz Bude
Soziologie der Kindheit 437
Doris Bühler-Niederberger
Soziologie des Körpers 457
Gabriele Klein
Soziologie der Migration 475
Ludger Pries
Inhalt 7
Soziologie der Politik: Akteure, Konflikte, Prozesse 491
Trutz von Trotha
Soziologie Sozialer Kontrolle 509
Birgit Menzel und Jan Wehrheim
Soziologie sozialer Ungleichheit 525
Nicole Burzan
Soziologie der Sozialisation 539
Matthias Grundmann
Soziologie der Sozialpolitik 555
Stephan Lessenich
Soziologie des Sterbens und des Todes (Thanatosoziologie) 569
Klaus Feldmann
Sportsoziologie 587
Karl-Heinrich Bette
Stadt- und Raumsoziologie 605
Martina Löw
Techniksoziologie 623
Roger Häußling
Umweltsoziologie 645
Matthias Groß
Wirtschaftssoziologie 663
Jörn Lamla
Wissenschaftssoziologie 685
Mario Kaiser und Sabine Maasen
Wissenssoziologie 707
Georg Kneer
Autorenverzeichnis 725
Vorwort 9
Vorwort
Das vorliegende Handbuch Spezielle Soziologien gibt einen Überblick über die weit ver-
zweigte Landschaft soziologischer Teildisziplinen und Forschungsfelder. Die insgesamt 40
Einzelbeiträge führen grundlegend in die verschiedenen Teilgebiete der Soziologie ein und
informieren über Genese, Entwicklung und den gegenwärtigen Stand der einzelnen Ar-
beitsbereiche. Für die Geschichte des Faches ist es dabei eine keineswegs unerhebliche
Frage, welche spezielle Soziologie sich zu welcher Zeit herausgebildet hat. Zumindest
dann, wenn man davon ausgeht, dass es dabei nicht um eine rein zufällige Entwicklung
handelt oder um eine ausschließlich innerdisziplinäre Angelegenheit. Näher liegend ist
davon auszugehen, dass die Etablierung einzelner Bindestrichsoziologien mit einer auch
außerhalb der Soziologie zu beobachtenden Aufmerksamkeitskonzentration auf bestimmte
Themenfelder und gesellschaftliche Prozesse einhergeht. Diesen Prozess einmal näher zu
analysieren wäre eine ganz eigene, im vorliegenden Band nicht zu leistende Aufgabe. Auf
jeden Fall hätte eine solche Analyse als einen ihrer Ausgangspunkte die zunehmende inter-
ne Differenzierung des Faches in eine Vielzahl von Arbeitsbereichen, Forschungsfeldern
und Perspektiven zu berücksichtigen. Das Handbuch Spezielle Soziologien verfolgt die
Absicht einer möglichst weit gehenden Erfassung der Themengebiete, mit denen sich die
Soziologie gegenwärtig in Forschung und Lehre beschäftigt. Es ist an der Zeit, die mannig-
faltigen Arbeitsbereiche und Gegenstandsfelder der Soziologie an einem Ort zu versam-
meln. Neben den einschlägigen, in keiner Sammlung fehlenden Bindestrichsoziologien wie
etwa der Arbeits- und Industriesoziologie, der Familiensoziologie, der Religionssoziologie,
finden sich im vorliegenden Band auch häufig vernachlässigte Themen der Soziologie wie
etwa die Soziologie des Sterbens und des Todes, die Militärsoziologie, die Soziologie des
Körpers, die Musiksoziologie, die Literatursoziologie und die Kunstsoziologie. Die letzten
drei sind nicht wie sonst üblich unter der Kultursoziologie subsumiert worden, sondern
werden in eigenständigen Beiträgen dargestellt. Der Reichtum an Themen- und For-
schungsfeldern der Soziologie, der durch die Engführung des Faches auf einige wenige
‚Basics‘ im Rahmen der Neuordnung der Studiengänge in Gefahr geraten ist, soll hier auf
breiter Basis dokumentiert werden.
Häufig ist bemerkt worden, dass es die Soziologie mit einer schier unerschöpflichen
Anzahl von Gegenstandsbereichen und Fragestellungen zu tun bekommt. Von Niklas Luh-
mann ist die Selbstauskunft überliefert, er habe eine Professur für Soziologie der einer für
Rechtswissenschaft vorgezogen, weil er als Soziologe eben einer Vielzahl von thematischen
Interessen nachgehen könne. Zuvor hatte schon Theodor W. Adorno in seiner Einleitung in
die Soziologie notiert, dass „es wirklich nichts [...] gibt, was man nicht auch soziologisch
betrachten kann“ und davon berichtet, dass er als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft
für Soziologie eine nicht enden wollende Anzahl von Anträgen zur Neugründung einer
neuen speziellen Soziologie zur Entscheidung vorgelegt bekommen habe. Dieser Trend
dürfte sich im Anschluss an die Ära Adorno weiter fortgesetzt haben. Gerade in den letzten
Jahren ist es zur Neugründung weiterer Sektionen gekommen. Offenbar nicht zuletzt um
10 Vorwort
dem schon von Adorno geschilderten Andrang Einhalt zu gebieten, hat man sich darauf
geeinigt, einzelne Arbeitsgruppen zu bilden, um nicht jedem Teilgebiet bzw. Themenfeld
der Soziologie gleich den Status einer Sektion zuzusprechen. Überhaupt warnen kritische
Stimmen mit Blick auf die organisatorische Feingliederung schon seit längerem vor einer
Unübersichtlichkeit und Zerrissenheit des Faches. Befürworter begreifen diese Entwicklung
dagegen als Ausdruck einer ungemeinen Produktivität der Soziologie. Wie dem auch sei:
Uns war wichtig, die Vielfalt der soziologischen Themenfelder und Arbeitsbereiche mög-
lichst breit aufzuführen. Auf eine Einteilung bzw. klassifikatorische Zuordnung der Beiträ-
ge zu übergeordneten Kategorien wurde bewusst verzichtet. Mit der alphabetischen Anord-
nung der einzelnen Arbeitsfelder und Themenbereiche möchten wir allerdings keineswegs
bestreiten, dass zwischen diesen vielfältige Verbindungen und Zusammenhänge existieren.
Auch hierauf gehen die nachfolgenden Beiträge ein. Eine stärkere Integration der einzelnen
Teilbereiche, nicht im Sinne der Vereinheitlichung, sondern im Sinne des Ausbaus der dis-
kursiven Bezüge und Diskussionen ist sicherlich möglich und wünschenswert. Insofern
knüpfen wir an die Herausgabe des Handbuchs Spezielle Soziologien zugleich die Hoff-
nung, mit der Übersicht über das breite Spektrum soziologischer Themenbereiche und For-
schungsfelder derartige Kontakte, Bezugnahmen und Debatten zwischen den verschiedenen
soziologischen Teilgebieten zu erleichtern und zu intensivieren.
Wie die meisten Handbücher ist auch dieses Handbuch ein Mammutunternehmen, das
sehr viel Arbeit gemacht, Zeit gekostet und Energie absorbiert hat. Das kurzfristige Ab-
springen einiger Autoren kurz vor Abgabetermin hat Neuorientierungen erforderlich ge-
macht, die wiederum Zeit gekostet haben. Den pünktlichen und zuverlässigen Autorinnen
und Autoren, deren Geduld über die Maßen beansprucht wurde, gilt ebenso unser ganz
besonderer Dank wie den kurzfristig Eingesprungenen, die das nicht Akzeptable verhindert
haben: den ersatzlosen Verzicht auf aus unserer Sicht unverzichtbare Beiträge. Ebenso herz-
lich möchten wir dem Verlag für Sozialwissenschaften danken, namentlich Herrn Frank
Engelhardt, der uns die Herausgabe des Handbuchs Spezielle Soziologien ermöglicht hat.
Göppingen und Karlsruhe, im Februar 2010
Georg Kneer, Markus Schroer
Arbeits- und Industriesoziologie 11
Arbeits- und Industriesoziologie
Rudi Schmiede und Christian Schilcher
Die Arbeits- und Industriesoziologie1 beschäftigt sich mit den Inhalten und Formen der
Arbeit als einer der wichtigsten Ausprägungen menschlicher Betätigung und mit ihren ge-
sellschaftlichen Bedingungen, die nicht nur sozialer, sondern auch ökonomischer, techni-
scher und politischer Art sind. Sie steht in einer wissenschaftlichen Tradition, die mit den
frühen Klassikern der Analyse gesellschaftlicher Arbeit, vor allem Karl Marx und Max
Weber, begann und im 20. Jahrhundert ständig an Bedeutung gewonnen hat, wenn auch in
Form leichter „Konjunkturzyklen“ der Aufmerksamkeit. Als spezifische Teilsoziologie hat
sie sich jedoch, mit wenigen Vorläufern in den 1920er Jahren, erst nach dem Zweiten Welt-
krieg herausgebildet, und zwar bis vor wenigen Jahren2 unter der Bezeichnung Industrie-
und Betriebssoziologie. Gerade in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, in dem
für die Sektion Personen wie Hans Paul Bahrdt, Ludwig von Friedeburg, Burkhard Lutz,
Heinrich Popitz, Theo Pirker und andere einen breiten, gesellschaftstheoretisch geprägten
Blick signalisierten, stand die Industrie- und Betriebssoziologie für eine weit gefasste Per-
spektive auf Wirtschaft, Arbeit, Technik und Organisation. Heute benachbarte Sektionen
wie die Wirtschaftssoziologie oder die Wissenschafts- und Technikforschung haben sich
deswegen erst sehr viel später im Rahmen der zunehmenden inhaltlichen und vor allem
institutionellen Differenzierung der Soziologie herausgebildet; eine Sektion Organisations-
soziologie gibt es bis heute nicht.
Solange man die bestehenden fortgeschrittenen Gesellschaften mit einigem Recht als
„Industriegesellschaften“ bezeichnen konnte, war die Industriesoziologie mehr als eine der
speziellen Soziologien, denn sie bezog sich auf den reproduktiven Kern dieser Gesell-
schaften. Noch Anfang der 1980er Jahre schrieben in dieser Tradition drei (damals) jüngere
Autoren: „Industriesoziologie schließt Betriebssoziologie, Arbeitssoziologie und soziolo-
gische Arbeitsmarktforschung ein. Industriesoziologie hat darüber hinaus in vielen Sach-
fragen enge thematische und theoretische Verbindung mit anderen Forschungsdisziplinen,
wie Organisationssoziologie, Berufs- und Bildungssoziologie ...“ (Braczyk/v.d. Knesebeck/
Schmidt 1982, S. 17) Es hätten sich die Themen und Fragen innerhalb der zentralen The-
menbereiche der Industriesoziologie (Technik und Arbeitsorganisation, industrielle Bezie-
hungen und industrieller Konflikt, Entwicklung der Qualifikationsstruktur und Wandel der
Berufe, Arbeitsorientierung und Arbeiterbewusstsein) „erheblich verändert – ohne daß
freilich eine Gesellschaftsformation sich ankündigen würde, in der industrielle Produktion
1 Aus Platzgründen konzentrieren wir uns auf die Entwicklung der Arbeits- und Industriesoziologie in Deutschland
und verweisen nur gelegentlich auf wichtige Einflüsse aus anderen Ländern.
2 Die Sektion Industrie- und Betriebssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie war in den fünfziger
Jahren die erste und blieb lange auch die bedeutendste Sektion der deutschen Soziologie. (Vgl. Lutz/Schmidt
1977; Deutschmann 2002, S. 19) Sie wurde erst vor einigen Jahren in die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie
umbenannt.
12 Rudi Schmiede und Christian Schilcher
und Industriearbeit Randerscheinungen des Geschehens wären.“ (ebd.) Hier schwingt un-
ausgesprochen die aus der Marx-/Weberschen Tradition herrührende Überzeugung mit, dass
Industriearbeit nicht nur die Tätigkeit von Arbeitern in der industriellen Güterproduktion
ist, sondern allgemeiner als arbeitsteilige, maschinell unterstützte bzw. geprägte, durch ein
hierarchisches Direktionsrecht geleitete Herstellung von Gütern und Dienstleistungen für
einen mehr oder weniger anonymen Markt zu verstehen sei. Industrie steht nach diesem
Verständnis nicht für laute Maschinen, harte körperliche Arbeit, Öl und Dreck, sondern
bezeichnet die Arbeits- und Produktionsweise insgesamt – eine Auffassung, die heute im
angelsächsischen Sprachbereich, in dem selbstverständlich von der „banking industry“ oder
der „insurance industry“ gesprochen wird, verbreiteter ist als in Deutschland. Insofern ist
der von Hans Paul Bahrdt wiedergegebene Satz des Mathematikers Horst Rittel zutreffend,
dass für die Industriesoziologen das 13. Kapitel im 1. Band des „Kapital“ von Marx über
„Maschinerie und große Industrie“ etwa die gleiche Rolle wie der Römerbrief für die pro-
testantischen Theologen spiele (Bahrdt 1982, S. 14). Ebenso ist Bahrdts Frage, ob die In-
dustriesoziologie als exemplarische Disziplin mehr als eine spezielle Soziologie sei, einen
pars pro toto-Charakter habe (ib. S. 12), für die Autoren bis in die 1980er Jahre mehr oder
weniger pointiert zu bejahen.3
Aus der von Marx schon in seinen frühesten Schriften vertretenen und zeitlebens bei-
behaltenen Auffassung, dass die Art und Weise, wie die Menschen sich und ihr Leben re-
produzieren, auch ihre ganze Lebensweise bestimme (Marx 1969, S. 21, 28 u. passim), und
der von Max Weber auf den modernen Kapitalismus bezogenen, in ihrer Substanz ähnli-
chen Einschätzung, dass die von diesem geprägte Gesellschaft nur durch das Verständnis
des „bürgerlichen Betriebskapitalismus mit seiner rationalen Organisation der freien Ar-
beit“ (Weber 1964, S. 349) und der mit ihr einhergehenden wachsenden Rolle der moder-
nen Wissenschaften begreifbar sei, zog die Industriesoziologie bis zum letzten Drittel des
20. Jahrhunderts die Überzeugung, sich mit Kernfragen der modernen Gesellschaft zu be-
fassen. Allerdings hat man es hier mit zwei unterschiedlichen oder zumindest unter-
schiedlich gewichteten Formen der Anknüpfung an diese Klassiker, insbesondere an Marx,
zu tun: Auf der einen Seite steht die Fortführung ihrer Kapitalismusanalyse mit dem Blick
auf die objektiven Entwicklungstendenzen der Produktionsweise, also die Veränderungen
von Arbeit und Arbeitsteilung, des Verhältnisses von Arbeit, Wissenschaft und Technik, der
Unternehmens- und Organisationsformen, der Macht- und Herrschaftsverhältnisse im Wirt-
schaftsprozess selbst und der Weltmärkte. Auf der anderen Seite geht es um die gesell-
schaftlichen Konflikt- und Klassenstrukturen, also um die politische Dimension und vor
allem die theoretische wie die praktische Kritik dieser Gesellschaftsformation. Viele Nach-
folger waren überzeugt, dass diese beiden Seiten mehr oder weniger eng zusammenhingen,
und wurden in dieser Einschätzung durch Marxens revolutionstheoretische Ausführungen
speziell in seinen politischen Schriften bestärkt; zudem waren die sozialdemokratischen
und kommunistischen Internationalen bis nach dem Zweiten Weltkrieg der Überzeugung,
dass die Krisenhaftigkeit und Widersprüchlichkeit des Kapitalismus notwendig zu seinem
schließlichen Sturz durch die sich empörenden Lohnabhängigen führen müssten. Dass
Marx zugleich eine gegensätzliche Position vertreten hat – dass nämlich das Kapital sich
seine eigenen, in der Form ihrer Arbeit von ihm abhängigen Arbeitskräfte schaffe und diese
3 So schreibt Lepsius (1960, S. 8): „Die Industriesoziologie beschränkt sich jedoch keineswegs nur auf den Be-
trieb, dessen isolierte Betrachtung gerade eine Verfälschung seiner sozialen Problematik bedeuten würde. Die
soziale Struktur des Betriebes ist vielfältig in die Struktur der Gesellschaft verflochten“.