Table Of ContentThomas Hecken / Marcus S. Kleiner (Hg.)
Handbuch
Popkultur
Thomas Hecken / Marcus S. Kleiner (Hg.)
Handbuch Popkultur
J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Thomas Hecken ist Professor für Neuere deutsche
Literaturwissenschaft an der Universität Siegen.
Marcus S. Kleiner ist Professor für Kommunikations-
und Medienwissenschaft an der SRH Hochschule der
populären Künste, Berlin.
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ISBN 978-3-476-05601-6 (eBook) [email protected]
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Inhalt
I Einleitung C Kino
Thomas Hecken / Marcus S. Kleiner 1 26 Genrekino Marcus Stiglegger 139
27 B-Movie Marcus Stiglegger 147
28 Autorenfilm Marcus Stiglegger 152
II Gattungen und Medien
D Fernsehen
A Musik 29 TV-Formate Axel Schmidt / Daniel Klug 159
1 Rhythm & Blues Martin Pfleiderer 16 30 TV-Serien Thomas Hecken /
2 Country Ralf von Appen 21 Annemarie Opp 164
3 Rock ’n’ Roll Christian Bielefeldt 25 31 Musikfernsehen Marcus S. Kleiner 169
4 Beat Laura Patrizia Fleischer / 32 Musikvideo Henry Keazor /
Thomas Hecken 30 Thorsten Wübbena 173
5 Rock Thomas Hecken 35
6 Pop Thomas Hecken 44 E Print
7 Soul/Funk Thomas Wilke 53 33 Literatur Thomas Hecken / Niels Werber 178
8 Reggae Benjamin Burkhart / 34 Feuilleton Thomas Hecken 188
Martin Pfleiderer 57 35 Musikzeitschriften André Doehring 193
9 Glam Elena Beregow 62 36 Comics Felix Brinker / Christina Meyer 198
10 Disco Thomas Wilke 67
11 Punk Thomas Hecken 72 F Design, Werbung und Kunst
12 New Wave / Post-Punk Barbara Hornberger 78 37 Mode Sonja Eismann 203
13 Hardcore Jonas Engelmann 82 38 Werbung und Warenästhetik
14 Metal Dietmar Elflein 87 Wolfgang Ullrich 207
15 Gothic Alexander Nym / Marcus Stiglegger 91 39 Camp und Trash Jörg Scheller 216
16 Industrial Marcus Stiglegger 97 40 Pop-Art Joseph Imorde 222
17 Electronic Body Music Timor Kaul 102 41 Fotografie Thomas Hecken /
18 Techno Timor Kaul 106 Annekathrin Kohout 226
19 Electro Hans Nieswandt 111
20 Hip-Hop Michael Rappe 113 G Internet
21 Sound Holger Schulze 119 42 Blogs Ole Petras 231
22 Produktion Jens Gerrit Papenburg 123 43 Soziale Medien Carolin Gerlitz 235
44 Computerspiele Jochen Venus 239
B Radio
23 Radio-DJs Hans Nieswandt 129
24 Radiosender/Radiosendungen III Begriffe und Konzepte
Winfried Longerich 133
25 Radioformate Walter Klingler 135 45 Populär und Pop Marcus S. Kleiner 246
46 Pop-Theorie Marcus S. Kleiner 252
47 Populäre Kultur, Massenkultur, hohe Kultur,
Popkultur Thomas Hecken 256
VI Inhalt
48 Lebensstil und Zeitgeist Thomas Hecken 265 57 Bildungswissenschaft Olaf Sanders 326
49 Öffentliche Meinung und Politik 58 Kommunikationswissenschaft
Thomas Hecken 275 Marcus S. Kleiner 330
50 Mainstream und Subkulturen 59 Medienwissenschaft Marcus S. Kleiner 335
Elena Pilipets / Rainer Winter 284 60 Germanistik Heinz Drügh 340
61 Anglistik Anette Pankratz 345
62 Amerikanistik Daniel Stein 349
IV Wissenschaft 63 Geschichtswissenschaft Detlef Siegfried 354
51 Musikwissenschaft Florian Heesch 296
52 Soziologie Elena Beregow / Urs Stäheli 302 V Anhang
53 Ökonomie Andreas Gebesmair 306
54 Ethnologie Moritz Ege 311 Auswahlbibliografie 360
55 Cultural Studies Elena Pilipets / Autorinnen und Autoren 363
Rainer Winter 316 Register 366
56 Kulturwissenschaft Thomas Düllo 321
I Einleitung
T. Hecken, M. S. Kleiner (Hrsg.), Handbuch Popkultur,
DOI 10.1007/978-3-476-05601-6_1, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
Pop als Kultur Verteidigung oder gar Affirmation von Pop setzte wis-
senschaftlicher an, entweder im Ausgang empirischer
Unter ›Pop‹ und ›Popkultur‹ ist im Lauf der Jahrzehn- Studien oder bei theoretischen Grundsatzdebatten.
te nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis auf den heuti- Hier ging es vor allem um den Nachweis, dass die Pop-
gen Tag vieles verstanden und versammelt worden. kultur nicht bloß (oder sogar wenig) zur Passivität,
Seit Anfang der 1960er Jahre wird nicht nur regel- Verrohung, Verdummung, Stereotypenbildung, Stan-
mäßig in journalistischen Fachorganen, sondern sehr dardisierung beiträgt. Von liberalen Systemtheoreti-
häufig auch in alltäglichen Zusammenhängen darüber kern über sozialdemokratische Pädagogen bis hin zu
gesprochen. In den Geistes-, Kultur- und Sozialwis- sozialistischen oder radikaldemokratischen Vertre-
senschaften verbreitet sich die Popforschung seit 1970 tern der Cultural Studies haben sich viele Richtungen
zwar langsam, aber in stetig zunehmendem Maße. um diesen Nachweis bemüht.
Anfänglich kommt der Pop-Art eine wichtige Rolle Offenkundig verfingen die ästhetischen Überzeu-
zu, im Zentrum stehen jedoch rasch die verschiede- gungsversuche und wissenschaftlichen Argumente;
nen Stile der Popmusik und ihre Anhänger, daneben nicht wenige Popartefakte – nicht nur von Andy War-
die Auseinandersetzung mit Literatur und Film. hol, Jean-Luc Godard oder Frank Zappa, sondern auch
Dass Journalisten und Akademiker oft das Wort vom frühen Elvis Presley bis zu heutigen Formen elek-
›Popkultur‹ verwenden, zeigt einen noch größeren tronischer Musik – finden sich gegenwärtig im oberen
Umfang der Bedeutung an. Pop muss offenkundig Bereich der kulturellen Hierarchie wieder (s. Kap. 34,
nicht auf Kunstgattungen beschränkt bleiben, son- 47). Einige Argumente für diese Hochwertung sind
dern wird in allen möglichen Freizeitbereichen am mittlerweile zumindest im Feuilleton der großen
Werk gesehen. Ob in den Massenmedien oder in klei- Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine (bzw. ih-
nen, speziellen Organen, ob in Hotelzimmern oder in rer Websites) fest verankert: Individualität, Ambi-
der eigenen Wohnung, ob in Stadien oder Clubs, auf valenz, Raffinesse, Verfremdungseffekte, avantgardis-
Laufstegen oder der Straße, allerorten sind die Zeug- tische Reize, kultivierten Minimalismus, Formen der
nisse der Popkultur zu finden – und nicht nur dort, Intertextualität und Hybridisierung, den Hang zum
mittlerweile trifft man auf Popmusik und auf beson- Gesamtkunstwerk, einen subversiven, kreativen Ge-
dere popkulturelle Formen der Werbung, des Life- brauch von Alltags- und Kulturindustrieobjekten finde
styles, der Modefotografie, der Clubszenen etc. eben- man auch oder gerade in Popszenen und ihren Werken.
falls in Museen und Bibliotheken, in öffentlich-recht- Teilweise erfahren diese Argumente und Wertungs-
lichen Medien und zögerlich in den Schulen. Dadurch weisen sogar institutionelle, staatliche Anerkennung:
wird unmissverständlich angezeigt, dass Pop noch an- Auch Museen veranstalten mittlerweile Ausstellungen
dere Meriten besitzt, als sie allein aufgrund weiter Ver- zu Punk und David Bowie, zu Hip-Hop und Rockfoto-
breitung und wirtschaftlicher Profite gemeinhin zu er- grafie, auch Universitäten setzen mitunter nicht nur
zielen sind. Zweifellos ist das ein Erfolg all jener, die Pop-Art und Popliteratur, sondern auch Popvideos
seit den 1950er Jahren für eine positive kulturelle und und queere Subkulturen auf den Vorlesungsplan.
künstlerische Bewertung von Pop eingetreten sind.
Ein großer Teil des allgemeinen Redens über Pop
bestand genau darin, kulturelle Anerkennung errei- Pop-Abgrenzungen
chen zu wollen. Dies geschah auf drei Arten und Wei-
sen: Erstens durch den Versuch, die künstlerische Ori- All die genannten Akteure, Richtungen und Institu-
ginalität und/oder Komplexität sowie die kulturelle tionen verfügen intuitiv oder ausdrücklich über eine
Bedeutsamkeit der Popkultur-Phänomene heraus- Vorstellung, was unter ›Popkultur‹ fällt oder wie der
zustellen. Zweitens durch die Behauptung, dass Flüch- Zuschnitt von ›Pop‹ aussehen sollte. Das Handbuch
tigkeit, Oberflächlichkeit, Eingängigkeit, Künstlich- Popkultur will sich diesen Vorgaben nicht entziehen,
keit positive (und nicht, wie zuvor üblicherweise an- bedeutende Begriffsverwendungen finden sich in vie-
genommen, negative) Eigenschaften seien. Die dritte len einzelnen Kapiteln wieder oder prägen bereits die
I Einleitung 3
Titel und die thematische Auswahl dieser Kapitel: Das nen Grund, ein Handbuch Popkultur herauszugeben.
zweite Hauptkapitel »Gattungen und Medien« über- Gerechtfertigt werden kann solch ein Unternehmen
nimmt durchgesetzte Kategorien (der Pop-Art ist ein nur, wenn für die Eigenständigkeit der Popkultur über-
eigener Abschnitt gewidmet, zur Popliteratur gibt es zeugende Gründe vorliegen. Diese Gründe dürfen sich
längere Ausführungen im »Literatur«-Kapitel), vor al- nicht in einer Periodisierung erschöpfen, die Pop als
lem beschäftigt es sich mit den zahlreichen Genres – zeitgenössischen Abschnitt der Populärkultur ansieht
Rock, Disco, New Wave, Reggae, Techno usf. –, die in (eine Populär- bzw. Volkskultur, die durchgehend etwa
der Alltagskommunikation ebenso wie in wissen- durch Standardisierung, Einfachheit, starke Reize, nar-
schaftlichen Texten häufig unter dem Oberbegriff rativ-semantische Schließung gekennzeichnet sei).
›Popkultur‹ oder ›Popmusik‹ versammelt werden. Im Handelte es sich bei der Popkultur bloß um eine mo-
vierten Hauptkapitel des Handbuchs gibt es zudem dernisierte, technologisch vorangeschrittene Variante
zahlreiche Hinweise zum ›Pop‹-Verständnis einschlä- der Populärkultur, könnte man es beim Begriff der
giger Forschungsarbeiten vieler wissenschaftlicher ›modernen Populärkultur‹ belassen.
Disziplinen. Dennoch hilft natürlich der Blick in die Geschichte,
Diese Fortführung eines etablierten Sprachge- um Unterschiede zu erkennen, die von kategorialer
brauchs trägt dem Charakter eines Handbuchs Rech- Bedeutung sind. Ein wichtiger historischer Moment
nung, das zu wichtigen historischen Tendenzen und ist die Durchsetzung des Rock ’n’ Roll, der für längere
Begriffen zusammenfassende Analysen bieten sollte, Zeit exklusiver Besitz der Teenager bleibt und teilwei-
die sich auf dem aktuellen Stand der Überlegungen se die ›race‹-Trennungen überwindet. ›Pop music‹ löst
und Forschungen befinden. Dennoch möchte das sich damit von jener wirkungsmächtigen Bedeutung
Handbuch – im Sinne seiner weiteren Aufgabe, Orien- des Populären, die sich auf das ungeteilte niedere
tierung zu ermöglichen – über diese Angaben hinaus Volk, die zahlenmäßige Mehrheit oder den hegemo-
eine eigenständige Konzeptualisierung begründen. Sie nialen Kern der Nation erstreckt. Mit der Beat- und
soll nicht alle anderen Begriffsbestimmungen außer Rockmusik der 1960er Jahre, die zunehmend auch
Kraft setzen, sondern eine sinnvolle Neukonfiguration von Twens der Mittel- und Oberschicht geschätzt
manch anderer Theorien und Konzepte darstellen. wird, verfestigt sich die Dimension von Pop als einer
Ein Blick in die Geschichte ist dafür hilfreich. ›Pop‹ eigensinnigen jugendlichen Kultur, die sich von den
wird nach 1920 bloß vereinzelt, erst seit den 1960er Vorlieben und Verhaltensanforderungen der älteren
Jahren häufig als Abkürzung für ›popular‹ gebraucht: Generation bewusst abhebt.
›pop songs‹ für ›popular songs‹, ›pop culture‹ für ›po- Wegen dieser Neuerung, die Mitte der 1960er Jahre
pular culture‹, usf. Mit ›popular‹ (und im deutschen zunehmend mit dem kurzen angloamerikanischen
Sprachraum seit den 1960er Jahren mit ›populäre Kul- Wort ›pop‹ angesprochen wird, gewinnt ›pop culture‹
tur‹) rücken bei unterschiedlichen Rednern und Au- hinreichend Distanz zur philosophischen und politi-
toren teilweise äußerst unterschiedliche Eigenschaf- schen Diskussion des Phänomens, die in vielen An-
ten in den Blick: das Sinnliche, Einfache, Authenti- läufen um Fragen des Volks, um die Einteilung und
sche, Manipulierte, Vulgäre, Niedere, Kommerzielle, Abgrenzung dieses Volks sowie um die Grenzen und
Widerständige, Massenhafte, Massenmediale, Ge- Möglichkeiten seiner (demokratischen) Fähigkeiten
meinschaftliche, Alltägliche, völkisch Reine, Erfolg- und seines (kulturellen) Verständnisses kreist. Auch
reiche oder gegen die Machthaber Gerichtete. zur soziologischen und sozialpsychologischen Wei-
Unabhängig davon, welche der genannten Merkma- terführung solcher Fragen, die (unter dem Titel der
le dominieren, herrscht aber immerhin Einigkeit darü- ›mass culture‹ bzw. ›Massenkultur‹) lange Zeit auf die
ber, dass der Begriff ›popular‹ Phänomene einer größe- Diagnose atomisierter, irrationaler, manipulativ leicht
ren Menge oder Gemeinschaft betrifft: weite Verbrei- zu vermassender Gesellschaftsmitglieder hinauslief,
tung, starke Rezeption, massenhafte Reproduktion, signalisiert der ›Pop‹-Begriff oftmals beträchtlichen
von vielen geteilte Einstellungen und Anschauungen. Abstand (s. Kap. 46, 47, 48).
Zahlreiche Theorien und Analysen liegen zur populä- Ein gutes Beispiel bietet dafür gleich die erste Ver-
ren Kultur vor (s. Kap. 47), auch an Übersichtsdarstel- wendung des Wortes ›pop‹ in intellektuellen Kreisen
lungen und Handbüchern (etwa Maase 1997; Hügel (s. Kap. 45). In den Schriften des losen Verbunds und
2003; Storey 2003; Warneken 2006; Hecken 2007) Debattierzirkels einiger junger englischer Theoretiker
herrscht kein Mangel. Wenn ›pop‹ bloß das Kürzel für und bildender Künstler, der Londoner Independent
›popular‹ oder für ›populär‹ wäre, gäbe es darum kei- Group, besitzt ›pop‹ einen positiven Klang, der Begriff
4 I Einleitung
wird von ihnen im Sinne einer positiven Variante von entleerung, Komplexitätssteigerung sowie von der At-
›mass culture‹ gebraucht; ausdrücklich weisen sie da- titüde einer kreativen, antikommerziellen Enttäu-
rauf hin, dass die Produkte der zeitgenössischen Mas- schung der Erwartungen eines vermuteten ›Main-
senproduktion nicht einheitlich und standardisiert an- stream‹-Publikums. Auch wenn sie mitunter trotzdem
geeignet würden. Teilweise versieht die Independent Erfolg bei einem großen, vielleicht sogar in unter-
Group Attribute, die man schon überaus häufig in kri- schiedlichen sozialen Sphären angesiedelten Publi-
tischer Manier den Produkten der Populär- und Mas- kum erzielen, unterscheidet sie der Anspruch von An-
senkultur, den Produkten des ›Kitsches‹, des ›Schunds‹ hängern der populären Kultur, deren höchstes Ideal
etc. angehängt hat – dass sie unseriös seien, flüchtig, darin liegt, viele zu erreichen oder zu einem Volk oder
von Effekten bestimmt –, einfach mit einem anderen einer Klasse zu vereinen.
Wertungsakzent: Dem Flüchtigen, Dekorativen, Ef- Mit dieser Methode der Differenzierung, die ›Pop‹
fektvollen wird von Seiten der Independent Group von Begriffen trennt, die von anderen mitunter als Sy-
höchstes Lob zuteil. Es werden aber auch neue Merk- nonyme von ›Pop‹ gebraucht werden, sind neben der
male wie ›jung‹, ›glänzend‹, ›witzig‹, ›technisch avan- entscheidenden Auflösung der Identifikation von ›po-
ciert‹ positiv hervorgehoben. Fasziniert zeigen sich pulär‹ und ›Pop‹ noch andere Abgrenzungen durch-
Mitglieder der Independent Group besonders von der zuführen: (1) die von Pop und Jugendkultur, (2) von
technischen Qualität amerikanischer Autos, Illustrier- Pop und kapitalistischer Marktwirtschaft, (3) von Pop
ten, Hollywoodfilme und Werbeanzeigen; sie markie- und Massenmedien, (4) von Pop und Rock.
ren aus ihrer Sicht den aktuellen Stand der Design- (1) Pop und Jugendkultur gilt es zu unterscheiden,
und Produktionsinnovationen (vgl. Robbins 1990). weil Pop selbst historisch geworden ist. Wenn auch
Dass es sich bei den Beschreibungen und Klassifi- vielleicht nicht zur Reife gelangt, zählt Pop doch zu
kationen der Independent Group um zukunftsweisen- den Vorlieben auch älterer Menschen. Die Devotiona-
de Einordnungen handelt, wird bereits beim Blick auf lien und Werke aus der Zeit des Rock ’n’ Roll, der Pop-
die 1960er Jahre schnell deutlich. Von jetzt an wird Art und des Beat befinden sich längst in Museen und
›Pop‹ international nicht selten als Begriff für das anderen Sammlungen, nicht wenige ihrer musika-
Oberflächliche, Künstliche, grell Bunte, zum Image lischen Nachfolger – sei es auf Produzenten-, sei es auf
Verdichtete, spielerisch Bedeutungslose und Unessen- der Rezipientenseite – etwa aus Reihen von Soul,
tielle, Aufreizende, technologisch Zeitgemäße ge- Techno, Indie-Rock weigern sich, in fortgeschritte-
braucht. Unter anderem wegen der Pop-Art-Dimensi- nem Alter ›erwachseneren‹ Berufen und Hobbys
on verliert Pop bereits wieder den exklusiven Bezug nachzugehen. Der Anspruch, nur im gegenwärtigen
zur Teenagergruppe, rasch gehören auch Erwachsene Moment aufgehen zu wollen, wird zur Worthülse, so-
zu den Künstlern wie zu den Zuschauern oder Hö- bald sich stilistische und biografische Routinen und
rern. Mit der großen Zahl, mit dem Mainstream, mit Kontinuitäten einstellen und gepflegt werden. Pop ist
der Massenproduktion, mit einer schichtenspezi- mittlerweile zu einer generationenübergreifenden So-
fischen oder schichtenübergreifenden populären Kul- zialisationsagentur geworden, die nicht nur als ein le-
tur sind diese Pop-Phänomene dennoch nicht zwin- benslanger Biografiebegleiter fungiert, sondern auch
gend verbunden. Man erkennt es seit den 1960er Jah- als ein lebenslanger popkultureller Bildungsprozess
ren besonders daran, dass ›Pop‹ nicht selten von Un- beschrieben werden kann. Mit der Verbreiterung der
derground- und Subversionsverfechtern bemüht wird Pop-Anhängerschaft über Teenager und dann Twens
(s. Kap. 49), auch an der Bedeutung von ›Pop‹ für in- hinaus bis mittlerweile zu Rentnerjahrgängen treten
tellektuelle und avantgardistische Camp- und Post- Pop und Jugendkultur häufiger auseinander. Popkul-
moderne-Strategien (ausführlich dazu Hecken 2009). tur ist schon länger nicht mehr nur eine Kultur der
Diesen Grundzug wollen wir übernehmen: Ein Jungen für die Jungen, wenn auch Teenager und
Pop-Phänomen ist nach unserer Auffassung auch Twens nach wie vor die führende Rolle dabei inneha-
dann eines, wenn es nicht populär wird. Manchmal ben, Popartefakte im Alltag zu präsentieren und teil-
geben Pop-Akteure sogar als ihre Absicht aus, gar kei- weise selbst zu schaffen oder in Kombinationen zu
ne Popularität erzielen zu wollen. Sie favorisieren eine überführen, die nicht allein von den Produzenten vor-
Formensprache, die der modern-autonomer Kunst gegeben wurden.
entweder entlehnt oder verwandt ist, geprägt von den (2) Es lag lange Zeit nahe, Pop als Inbegriff kapita-
Mitteln und Verfahren der Fragmentarisierung, listischen Unternehmertums im Bereich von Kunst
Mehrdeutigkeit, Ironisierung, Selbstreflexivität, Sinn- und Unterhaltung einzustufen, schließlich gab es kei-
Description:von Anregungen und Vorgaben anderer bilden kann, analytisch nicht .. Images and Things, der wichtige Konzeptualisierungen und Analysen zur