Table Of ContentSamuel Salzborn (Hg.)
Handbuch
Politische Ideen
geschichte
Zugänge – Methoden – Strömungen
Samuel Salzborn (Hg.)
Handbuch Politische
Ideengeschichte
Zugänge – Methoden – Strömungen
J. B. Metzler Verlag
Der Herausgeber
Prof. Dr. Samuel Salzborn ist Gastprofessor für Antisemitis-
musforschung am Zentrum für Antisemitismusforschung
der Technischen Universität Berlin und apl. Professor für
Politikwissenschaft am Institut für Politikwissenschaft der
Justus-Liebig-Universität Gießen. Im Dezember 2015 erhielt
er den Preis der Stiftungsrates der Universität Göttingen
in der Kategorie »Wissenschaft und Öffentlichkeit« für
den »vorbildlichen Transfer aktueller wissenschaftlicher
Themen in eine breite Öffentlichkeit«.
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Inhalt
Einleitung VII B Mittelalter
13 Mittelalter: Christlich Peter Nitschke 92
14 Mittelalter: Islamisch Geert Hendrich 103
I I deengeschichtliche Zugänge 15 Mittelalter: Jüdisch Karl E. Grözinger 113
1 Politikwissenschaftlicher Zugang zur Ideen- C Frühe Neuzeit
geschichte Grit Straßenberger 2 16 Staatsraisonlehre/Souveränismus
2 Philosophischer Zugang zur Ideen- Rüdiger Voigt 124
geschichte Frauke Höntzsch 9 17 Rationalismus und Aufklärung
Helmut Reinalter 131
18 Kontraktualismus Ingo Elbe 141
II Methoden der ideengeschichtlichen 19 Repräsentationsideen Paula Diehl 154
Forschung
D Moderne
3 Hermeneutik Hans-Jörg Sigwart 16 20 Liberalismus Walter Reese-Schäfer 164
4 Textanalyse/Dokumentenanalyse 21 Konservatismus Klaus von Beyme 174
Thomas Noetzel 24 22 Sozialismus und Kommunismus
5 Diskursanalyse Martin Nonhoff 29 Felix Sassmannshausen 183
6 Ideologiekritik Titus Stahl 35 23 Anarchismus Dominique Miething 196
7 Theorienvergleich Holger Zapf 40 24 Republikanismus Emanuel Richter 208
8 Historischer Kontextualismus 25 Antikolonialismus Thomas Schmidinger 220
(Cambridge School) Oliver Hidalgo 45 26 Feminismus Beate Rosenzweig 227
9 Politische Kulturforschung Samuel Salzborn 51 27 Nationalismus und Antisemitismus
Patrick Eser / Dana Ionescu 239
28 Faschismus/Nationalsozialismus
III D enkströmungen Stefan Breuer 253
A Antike
10 Antike: Griechenland Barbara Zehnpfennig 58 IV I deengeschichtlicher Ausblick
11 Antike: Rom Peter Kuhlmann 70
12 Antike: China/Ostasien Eun-Jeung Lee 82 29 Die Zukunft der politischen Ideen-
geschichte Samuel Salzborn 266
Autorinnen und Autoren 276
Personenregister 277
Einleitung
Die Rekonstruktion der Geschichte politischer Ideen torischen Orte kenntlich zu machen, an denen politi-
unterliegt fortlaufenden Konjunkturen und stellt sche Theorien formuliert worden sind – wobei diese
gleichermaßen in ihrem dialektischen Verhältnis von historischen Orte stets auch einen räumlichen und
Formierung, Verfestigung und Revision der Kano- zeitlichen Kern inkorporieren, also niemals kontext-
nisierung politischen Denkens stets einen neuen los formuliert werden. Ideengeschichtlich fundamen-
Quell für Adaptionen von politischen Ideen in der Ge- tal dürfte es sein, neben dem Raum-Zeit-Kern auch in
genwart dar. Denn die Frage, welcher Gedanke, wel- den Blick zu nehmen, worin die Potenziale des politi-
che Reflexion und welche Utopie sich als ideen- schen Denkens liegen, die über die damit anvisierte
geschichtlich relevant herausstellt, wird stets neu dis- empirische Analyse konkreter gesellschaftlicher und
kutiert und unter dem Primat des retrospektiven politischer Konstellationen, die politische Theorien
Blicks neu justiert: Galt der eine Autor in seinem zeit- zum Zeitpunkt ihrer Verfassung ja letztlich immer
genössischen Kontext als theoretisch ambitioniert, sind, hinausgehen – also auf die konkreten Geltungs-
wird sich seine Idee in der Retrospektive als vielleicht ansprüche politischer Theorie zu fokussieren und da-
doch weniger innovativ und revolutionär erweisen, als bei stets ihr abstraktes Generalisierungspotenzial im
das erst Jahre später in der ideengeschichtlichen For- Blick zu behalten.
schung rezipierte, aber zeitgleich entstanden Werk Die politische Ideengeschichte generiert insofern
einer anderen Autorin. Insofern unterliegt die His- einen Wissensvorrat, der auch unter methodologi-
toriografie des politischen Denkens Konjunkturen, schen Gesichtspunkten bedeutsam ist. Denn es sind
die nicht allein von Originalität, Innovationspotenzial gerade die methodologischen Potenziale der Ideen-
oder gar Genialität politischer Denkerinnen und geschichte, die dazu in die Lage versetzen, metho-
Denker abhängen, sondern die maßgeblich von ihrem dische Schwächen anderer analytischer Herangehens-
politischen, gesellschaftlichen und sozialen Kontext weisen auszugleichen. Denn methodische Integration
und dessen Rezeptionen geprägt sind. Liegen die Ent- sollte ja, wie Gary Goertz und James Mahoney (2012)
stehungsbedingungen für politische Theorien in poli- argumentiert und einer tradierten Undifferenziertheit
tischen und sozialen Interessenkonflikten begründet, widersprochen haben, gerade nicht aufgrund von Ge-
so sind sie auch die Ursache für die Wirkmächtigkeit meinsamkeiten, sondern aufgrund von methodologi-
von politischen Theorien über den engen, histori- schen Differenzen begründet werden – denn nur die
schen Bezug hinaus. Denn allein der Umstand, dass Differenz zeigt die Stärken der jeweiligen Methoden
eine Idee politisch-theoretisch konzipiert und von ei- (und eben auch: ihre Schwächen). Die Differenz in er-
ner Gruppe von Intellektuellen und politisch Aktiven kenntnistheoretischer Perspektive liegt dabei in den
angenommen und vorangetrieben wird, klärt nicht ih- Überzeugungen über die Form, die Aussagen über po-
re legitimatorische Durchsetzungsstärke. litische und gesellschaftliche Fragen haben müssen,
Aufgabe der Historiografie der politischen Theo- um tatsächlich Aussagefähigkeit über politische und
rien sollte es sein, ein möglichst umfassendes Bild der gesellschaftliche Fragen zu besitzen.
im Laufe der Geschichte formulierten, sich teils er- In der theoretischen Logik der ideengeschichtlichen
gänzenden, teils widersprechenden, aber immer im Forschung ist der epistemologische Primat die Theo-
intellektuellen Kampf um Interpretations- und Deu- rie, in der dem Sollen ein Vorrang vor dem Sein ein-
tungshoheiten stehenden Ideen zu skizzieren. Wichtig geräumt wird, wobei der methodologische Blick auf
erscheint es besonders, die Relationalität der Ideen- gesellschaftliche wie politische Strukturen und damit
geschichte im Spannungsfeld von Politik und Gesell- auf die Makro-Ebene gerichtet ist. Es werden struktu-
schaft zu reflektieren und damit die spezifischen his- relle Aspekte von Politik und Gesellschaft analysiert,
VIII Einleitung
die gleichzeitig auch im Zentrum der formulierten Er- samtüberblicks über die politische Ideengeschichte,
kenntnisse und Annahmen stehen. Theoretische An- in der manche – sicher nicht alle – Leerstellen der po-
sätze versuchen Aspekte von Vergesellschaftung zu litischen Ideengeschichtsforschung mit Inhalt gefüllt
verstehen und zu erklären, allerdings fokussieren sie werden. Denn während sich viele Gesamtdarstellun-
nicht auf den subjektiven, sondern primär auf den ob- gen zur politischen Ideengeschichte in jüngerer Ver-
jektiven Sinn als Erkenntnisanspruch. Hypothesen gangenheit vor allem an einer westlichen Kanonbil-
werden in theoretischen Methoden bestätigt und/ dung orientiert haben, in der nicht nur zahlreiche in-
oder verworfen, nehmen damit aber in Differenz zu ternationale Dimensionen unterkomplex reflektiert
rein empirischen Methodologien einen signifikant ge- worden sind, war ein Teil dieser Orientierung auch,
ringeren Stellenwert in ihrer Explizitheit ein. Denn das Hauptaugenmerk auf normative Momente der Ide-
der epistemologische Kern von politischer Theorie ist engeschichte zu richten, die als emanzipativ und/oder
nicht die Hypothese, sondern die Wahrheit – und der fortschrittlich galten oder im weitesten Sinne eher mit
Streit, Konflikt, Disput oder Kampf um die diesem einer affirmativen Hinwendung denn einer dezidier-
Anspruch zugrundeliegenden Geltungsansprüche in ten Ablehnung rekonstruiert und analysiert wurden.
der Theorie wie Praxis und damit zugleich auch jeder Insofern erfolgt der außereuropäische Blick auf die
empirischen Wirklichkeit als im Kern letztlich theo- Ideengeschichte oftmals nicht integral, sondern sepa-
retischer Faktizität (vgl. Salzborn 2017). riert in den entsprechenden Perspektiven der Regio-
Politische Ideengeschichte ist nicht nur eine um nalstudien, was insbesondere die interaktive und da-
akademische und außerakademische Wahrheitsan- mit interdependete Dimension von politischer Theo-
sprüche in Dialog tretende Wissensdisziplin, sie ist riebildung im Weltmaßstab verkennt. Die Rekonstruk-
auch eine Wissenschaftsdisziplin, die sich mindestens tion des politischen Denkens sieht bisweilen gern über
die Fächer Politikwissenschaft, Philosophie und Ge- die dunklen Orte und destruktiven Schattenseiten der
schichtswissenschaft teilen und insofern zugleich auch Ideengeschichte hinweg, auch im internationalen Kon-
durch sie miteinander verbunden sind, jeweils mit ei- text. Das erweist sich nicht nur als historisch proble-
genen Spezifika der methodischen und konzeptionel- matische Auslassung, sondern angesichts des aktuellen
len Hinwendung auf die politische Ideengeschichte, je- Erstarkens antidemokratischer und gegenaufkläreri-
weils also mit spezifischen Stärken und Schwächen in scher Bewegungen, die an faschistisches, nationalso-
der analytischen Erkenntnisfähigkeit des politischen zialistisches, antisemitisches, rassistisches und islamis-
Denkens. Das Handbuch Politische Ideengeschichte ver- tisches Denken anschließen und es zu reaktualisieren
folgt einen Zugang, der wissenschaftsdisziplinumfas- trachten, im Besonderen als Manko einer politischen
send systematische mit historischen Dimensionen ver- Ideengeschichtsforschung. Denn diese versteht sich ja
bindet. Dabei wird die Pluralität der Ideengeschichte eigentlich – aus gutem erkenntnistheoretischen und
abgebildet (Kapitel I: Ideengeschichtliche Zugänge) methodologischen Grund – als grundlegende und da-
und gezeigt, dass eine Reihe von Methoden in der ide- mit letztlich jede empirische Forschung unterlegende
engeschichtlichen Forschung existieren, die aber nur Teildisziplin der Politikwissenschaft. Denn was auch
selten explizit gemacht werden, weshalb theoretische immer Gegenstand empirischer Forschung ist: Die ab-
Forschung völlig zu Unrecht als methodenfrei oder strakte Frage, welche theoretischen Konzepte sich im
unempirisch gilt, während sie faktisch die erkenntnis- untersuchten Material verwirklichen und welche Refe-
theoretische und methodologische Grundlegung je- renzialität in diesem objektiv mit Blick auf Facetten der
der empirischen Forschung ist (Kapitel II: Methoden Ideengeschichte besteht – ungeachtet dessen ob dies
der ideengeschichtlichen Forschung). Herzstück des Forschenden auch subjektiv bewusst ist –, stellt sich
Handbuches ist ein historisch-systematisch unterglie- besonders für diejenigen empirischen Forschungs-
derter Zugang zur Ideengeschichte (Kapitel III: Denk- ansätze, die sie in ihrer eigenen Ideologie der Ideo-
strömungen), der Pluralität wie Referenzialität (in) der logiefreiheit am offensivsten von sich weisen. Empirie
Ideengeschichte abbildet und historisch rekonstruiert, ohne Theorie ist nicht nur hypothetisch unmöglich,
wobei besonders auf die Pluralität der Ideengeschichte, die empirische Realität von Politik und Gesellschaft ist
ihre Wechselwirkungen und damit die fortwährende immer Verwirklichung und Affirmation von politi-
Frage nach Kontinuitäten und Brüchen im politischen schen Theorien, in positiver Referenznahme wie in ne-
Denken fokussiert wird. gativer Abgrenzung.
Was das Handbuch Politische Ideengeschichte leisten Auch wenn das Handbuch philosophische und ge-
will, ist insofern die Herstellung eines kritischen Ge- schichtswissenschaftliche Perspektiven auf die politi-
Einleitung IX
sche Ideengeschichte integriert und für unverzichtbar sem Handbuch für wichtig erachtet werden, werden in
für die Forschung hält, ist seine Ausrichtung dennoch Zukunft vielleicht nicht mehr als relevant eingestuft.
primär auf die Politikwissenschaft orientiert. Das hat Folglich ist dieses Handbuch Politische Ideengeschichte
zum einen systematische Gründe, denn das Feld »Po- ein ideengeschichtlicher Zwischenstand, der vor al-
litische Theorie und Ideengeschichte« ist mit Blick auf lem, weil die jüngere Vergangenheit in weitaus höhe-
die fachdisziplinären Differenzierungslogiken beson- rem Maße Deutungs- und Relevanzinterpretations-
ders stark in der Politikwissenschaft verankert; das hat veränderungen unterliegt, seinen zeitlichen Fokus mit
zum anderen aber auch methodologische Gründe, dem Jahr 1945 und nur einem skizzenhaften darüber
da die politikwissenschaftliche Perspektive auf die hinaus weisenden Ausblick (Kapitel IV: Ideenge-
politische Ideengeschichte auch als Angebot gelesen schichtlicher Ausblick) beendet, aber bis dahin den
werden kann, die spezifischen Fachkompetenzen von Anspruch erhebt, den aktuellen Zwischenstand der
Philosophie und Geschichtswissenschaft zu vermit- ideengeschichtlichen Debatte kompakt zusammen-
teln und auf diese Weise integrativ zu wirken: Liegt die zufassen – so lange, bis wieder der Versuch unternom-
vielleicht stärkste Kompetenz der Philosophie in der men werden wird, die Historiografie der politischen
intensiven Auseinandersetzung mit dem textuellen Ideengeschichte mit neuem Wissen und neuen An-
Gedanken, der intellektuellen Tiefbohrung einer ar- sprüchen abermals zu rekonstruieren.
gumentativen Präzision und damit der Frage nach ih- Kontroversen innerhalb der politischen Ideen-
rer universalen Potenzialität, so scheint die exponier- geschichtsforschung werden dabei in diesem Hand-
teste Stärke der Geschichtswissenschaft vielleicht im buch bewusst nicht nivelliert, die Autorinnen und Au-
Bereich der umfangreichen historischen Kontextua- toren sind ausgewiesene Expertinnen und Experten in
lisierung von Ideen und damit genau umgekehrt der ihrem Feld, was für die Leserinnen und Leser neben
Akzentuierung ihrer Zeit- und Ortgebundenheit zu fach- und sachkundigen Darstellungen einschließlich
liegen. Vor diesem Hintergrund lokalisiert sich das der Debatten im jeweiligen Feld auch bedeutet, die
Feld der politischen Ideengeschichte in der Politikwis- hier und da zwischen den Beiträgen des Handbuches
senschaft sowohl mit Blick auf seine methodologische, in der Interpretation und Deutung einzelner Au-
wie methodische Herangehensweise genau dazwi- tor(inn)en und theoretischen Strömungen bestehen-
schen. Die Politikwissenschaft macht hermeneuti- den Differenzen konstruktiv als Wesen von Aufklä-
sche, textanalytische und diskursive Zugänge zur po- rung reflektieren zu müssen. Und dazu gehört auch,
litischen Ideengeschichte gleichermaßen fruchtbar, dass in diesem Handbuch bewusst und vorsätzlich auf
wie historisch-kontextualisierende, politisch-kul- eine Vereinheitlichung der Sprachregelungen mit Blick
turelle oder vergleichende Zugänge, um deren inte- auf eine geschlechtergerechte Sprache verzichtet wur-
grative und (ideologie-)kritische Integration die poli- de: Der Herausgeber hält diese zwar für unverzichtbar,
tische Ideengeschichte bemüht ist im Spannungsfeld ob, wie und in welcher Weise dies aber die Autor(inn)
von universalen Geltungsansprüchen und zeitlich- en sehen, liegt in ihrer Freiheit – so dass auch hier im
räumlich kontextualisierten Begründungszusammen- differenten Umgang in den einzelnen Beiträgen des
hängen des politischen Denkens. Handbuches dem Pluralismus der politischen Ideen-
Auch wenn dieses Handbuch versucht, die politi- geschichte Rechnung getragen wird und insofern jeder
sche Ideengeschichte in ihren wesentliche Zügen zu Autorin und jedem Autor die Freiheit gelassen wurde,
rekonstruieren und in ihren weltweiten Interaktions- ihre und seine eigenen Position damit kenntlich zu
prozessen erkennbar werden zu lassen, wird dieser machen, die ja selbst wiederum Teil ideengeschicht-
Anspruch freilich stets wieder aufs Neue einzulösen licher Deutungen und (Selbst-)Reflexionen ist.
sein – denn auch dieses Handbuch wird, wie sich in
Literatur
einige Jahren oder Jahrzehnten zeigen wird, abermals
Goertz, Gary/Mahoney, James: A Tale of Two Cultures.
Leerstellen hinterlassen, wichtige Autorinnen und
Qualitative and Quantitative Research in the Social Sci-
Autoren der politischen Ideengeschichte sind auch
ences. Princeton/Oxford 2012.
vielleicht heute noch nicht bekannt, rekonstruiert Salzborn, Samuel: Kampf der Ideen. Die Geschichte politi-
oder kontextualisiert, der Zugang zu Archiven und scher Theorien im Kontext. 2. akt. Aufl. Baden-Baden
Nachlässen, die Befassung mit theoretischen Strö- 2017.
mungen in Teilen der Welt, die heute aus nicht zuletzt
Samuel Salzborn
sprachlichen Gründen noch nicht hinreichend erfolgt
ist, wird sich erweitern, manche Gedanken, die in die-
I I deengeschichtliche
Zugänge
1 Politikwissenschaftlicher Zugang Die Politische Theorie und Ideengeschichte als der
zur Ideengeschichte vierte klassische Teilbereich der Politikwissenschaft
ist weder dem von der modernen Governancefor-
schung noch einmal forcierten Ausdifferenzierungs-
Die Politikwissenschaft ist eine relativ junge akademi- und Professionalisierungstrend gefolgt noch der Ab-
sche Disziplin. Im universitären Kampf um Anerken- grenzung der Politikwissenschaft gegenüber angren-
nung als eigenständiger, von den kanonisierten Dis- zenden Disziplinen. Stattdessen bildete die politische
ziplinen der Geschichte, Rechtswissenschaft, Philoso- Ideengeschichte eine inter- und transdisziplinäre Pra-
phie und Soziologie klar zu unterscheidender Lehr- xis politikwissenschaftlicher Theoriebildung aus. Aus
und Forschungsbereich stand die Politikwissenschaft dieser Methodenvielfalt oder Methodenkonkurrenz
vor dem Problem, dass weder über den Gegenstand erwächst der ambivalente Status der politischen Ide-
Einigkeit erzielt werden noch eine einzelne politikwis- engeschichte innerhalb der Politikwissenschaft. Sie
senschaftliche Methode für sich in Anspruch nehmen bildet einerseits das Scharnier der in Subdisziplinen
konnte, das Fach insgesamt zu repräsentieren. Nor- ausdifferenzierten Politikwissenschaft, andererseits
mative Perspektiven auf das Politische, das seinerseits unterläuft sie ›material‹ und methodisch sowohl die
umkämpft ist, konkurrieren hier mit institutionellen innerdisziplinäre Ausdifferenzierung der Politikwis-
Fragestellungen nach den Mechanismen und Funk- senschaft als auch ihre disziplinäre Außenabgren-
tionen bestehender politischer Ordnungen. Umstrit- zung. Daher wird der Politischen Theorie gelegentlich
ten ist dabei nicht nur, was eigentlich die Analysegrö- auch eine subversive Rolle im Fach insgesamt zu-
ßen der Politikwissenschaft sind – der Staat, Födera- gesprochen (Brown 2010).
tionen oder internationale Beziehungen –, es existie- Die ambivalente Position der Ideengeschichte in-
ren auch unterschiedliche Auffassungen darüber, was nerhalb der Politikwissenschaft soll in drei Schritten
als ›realistische‹ politische Theorie zu gelten hat (vgl. aufgezeigt werden: Zunächst wird die politische Ide-
Geuss 2011) und in welchem Verhältnis normativ- engeschichte als verschiedene politikwissenschaftli-
analytische Ansätze zu ›empirischen‹ Theorien stehen che Theorien und Forschungsansätze verbindender
(vgl. Richter 2016, 18–28). Ansatz vorgestellt (I). An diese Überblicksdarstellung
Die Politikwissenschaft hat auf die Unentschieden- schließt sich eine differenzierte Betrachtung konkur-
heit hinsichtlich der Bestimmung ihres Gegenstandes rierender ideengeschichtlicher Methoden an (II). Ab-
und des methodischen Zugriffs auf das ›Material‹ mit schließend werden die disparaten Zugänge zur Ideen-
der Ausdifferenzierung in vier klassische Lehr- und geschichte exemplarisch im »Challenge-and-Respon-
Forschungsbereiche reagiert: Innenpolitik bzw. Regie- se-Ansatz« zusammengefasst (III).
rungslehre, Vergleichende Politikwissenschaft, Inter-
nationale Politik sowie Politische Theorie und Ideen-
geschichte. Die ersten drei Subdisziplinen, die sich in 1.1 Die Ideengeschichte als Scharnier
den letzten Jahrzehnten weiter ausdifferenziert haben politikwissenschaftlicher Forschung
und auch mancherlei Allianzen eingegangen sind – so
verbindet etwa die mittlerweile recht gut ausgestattete Seit ihrer Etablierung als eigenständige universitäre
politikwissenschaftliche Subdisziplin Europäische Po- Disziplin ist die Frage nach dem Gegenstand der Poli-
litik eine vergleichend angelegte Regierungslehre mit tikwissenschaft identisch mit der Frage nach dem
dem Forschungsbereich der Internationalen Beziehun- Wesen bzw. dem Begriff des Politischen. Im An-
gen –, folgen überwiegend der institutionellen Per- schluss an die klassische Unterscheidung von Dolf
spektive. Politische Institutionen, formalisierte Verfah- Sternberger zwischen drei Wurzeln der Politik – die
ren und etablierte Arrangements gesellschaftlicher In- mit dem Werk von Aristoteles verbundene »Polito-
teressenvermittlung werden hier hinsichtlich ihrer Sta- logik«, die an Machiavellis Principe exemplifizierte
bilitäts- und Veränderungspotenziale auf nationaler, »Dämonologik« und die auf Augustinus zurück-
supranationaler oder internationaler Ebene analysiert. geführte »Eschatologik« (Sternberger 1978, 159–265)
J. B. Metzler © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature, 2018
S. Salzborn (Hg.), Handbuch Politische Ideengeschichte, https://doi.org/10.1007/ 978-3-476-04710-6_1