Table Of ContentMichael G. Festl (Hg.)
Handbuch
Liberalismus
Handbuch Liberalismus
Michael G. Festl
(Hrsg.)
Handbuch Liberalismus
Hrsg.
Michael G. Festl
Universität St. Gallen
St. Gallen, Schweiz
ISBN 978-3-476-05797-6 ISBN 978-3-476-05798-3 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05798-3
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Einleitung: Liberale Tränen
„Make Liberals Cry Again“, ‚bringt die Liberalen nochmals zum Weinen‘,
war nach „Make America Great Again“ der wichtigste Slogan von Do-
nald Trumps 2020er-Kampagne zur Wiederwahl. Und in der Tat, Trump
und andere rechte Populisten haben dem Liberalismus in den letzten Jah-
ren viel Grund zum Heulen gegeben. Aber Tränen sind dem Liberalismus
nicht fremd. Kein Wunder, ist der Liberalismus doch seit über 300 Jah-
ren, seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert, Teil der westlichen Welt, und
wer lange lebt, der weint auch viel. Alle Grundpositionen der politischen
Philosophie, die es heute mit dem Liberalismus aufnehmen können, z. B.
der Konservatismus oder der Populismus, sind jünger als er. Alle Grund-
positionen, die älter sind als er, z. B. der Absolutismus oder die Aristokratie,
sind heute obsolet oder wie der Republikanismus nur mehr dem Namen
nach mit ihrer Ursprungszeit identisch (beim Republikanismus das Alte
Rom). So steht zu vermuten, dass auch ein Donald Trump nicht genügen
wird, um den Lauf des Liberalismus zu beenden. Schon früher erlebte der
Liberalismus seine glücklichsten Tage nach Phasen der Trauer.
Sein Erfolgsgeheimnis ist die Wandelbarkeit. Indem der Liberalismus den
Anti-Dogmatismus zum Dogma erhoben hat, ist er stets in der Lage, sich an
neue Bedingungen anzupassen. Dies ist essentiell, will man als politische
Philosophie in der westlichen Welt, deren Markenzeichen doch die Trans-
formation ist, reüssieren. Andere politische Philosophien wie der Sozialis-
mus sind genau daran gescheitert. Klassenkampf bleibt Klassenkampf –
man braucht mindestens zwei Klassen und einen Kampf. Freiheit, Pluralis-
mus und Toleranz lassen sich dagegen immer wieder anders füllen. So
kann sich der Liberalismus stets neu erfinden. Viele stört genau das. In der
Weimarer Republik bspw. wurde der Liberalismus von Denkern wie Carl
Schmitt, Ernst Jünger und Oswald Spengler als opportunistisch verurteilt,
als eine Doktrin, die sich stets an die Herrschenden ‚ranschmeißt‘ und nur
so ihre jeweiligen Inhalte gewinnt – herrscht gerade die Bourgeoisie, gibt er
sich bürgerlich, steht Nationalismus auf der Agenda, wird er patriotisch und
ist der Sozialismus in Mode, kleidet er sich in Gleichheit. Doch wenn dem
wirklich so wäre, wenn der Liberalismus sich immer nur anbiedern würde,
dann könnte man nicht erklären, wieso es ihn überhaupt braucht. Was etwa
hat der Nationalismus von der liberalen Beigabe, wenn er, so ja die An-
nahme, ohnehin gerade dominiert? Man könnte auch nicht erklären, warum,
V
VI Einleitung: Liberale Tränen
wie das vorliegende Handbuch zeigt, so viele Menschen im Namen des
Liberalismus gehandelt haben, angetrieben durch seine Idee der Befreiung.
Nein, der Liberalismus ist kein Parasit der Ideengeschichte. Er ver-
körpert selbst grundlegende Werte. Er ist sich aber bewusst, dass Werte an-
gesichts gesellschaftlicher Veränderungen immer wieder neu ausgelegt wer-
den müssen. Seine Wandelbarkeit ist nicht Ausdruck von Opportunismus,
sondern Ausdruck der Offenheit, die er propagiert. Wie keine andere politi-
sche Philosophie pocht der Liberalismus auf sein Recht, dazulernen zu dür-
fen, sein Recht, Fehler und Kurzsichtigkeiten zu korrigieren, sein Recht, es
nochmal zu versuchen, wenn er gescheitert ist. Und gescheitert ist er oft –
aus fremdem Verschulden, etwa wenn er wie gegen Ende der Weimarer Re-
publik seinen Gegnern unterlegen war, aber auch aus eigenem Verschulden,
etwa wenn er seine Gegner wie im Falle Trump und Brexit unterschätzte.
Auch ein Unschuldslamm ist er nicht. Seine Beziehungen zu Rassismus,
Kolonialismus und Misogynie belegen dies, Verbrechen, von denen er sich
auf jeden Fall zu spät distanzierte, wenn nicht Schlimmeres. Doch was
den Liberalismus auszeichnet, ist, dass er jedes Mal zurückkommt. Des-
halb wird er auch heute gebraucht. Der Liberalismus ist die Philosophie der
Selbstkorrektur und damit prädestiniert für eine Welt steten Wandels.
Zwei Liberalismen – mindestens
Die Wandelbarkeit, Geheimnis seines Erfolges, macht es schwer, den
Liberalismus auf einen Nenner zu bringen. Dass es, wie oft bemängelt, an
Überblickswerken zur Geschichte des Liberalismus mangelt, dürfte vor
allem darin begründet sein, dass viele verschiedene Dinge mit ihm assozi-
iert werden können. Das erklärt, warum manche den Liberalismus für etwas
schelten, das er für andere nicht einmal ist. Am perplexesten macht hier-
bei, dass der Begriff ‚Liberalismus‘ in Kontinentaleuropa für die Nicht-
Einmischung des Staates in die Wirtschaft steht, im anglo-amerikanischen
Raum für das genaue Gegenteil, die Regulierung der Wirtschaft durch den
Staat, wofür man in Deutschland eher den Begriff ‚Sozialdemokratie‘ ge-
brauchen würde. So ist Barack Obamas Einsatz für eine universelle Gesund-
heitsversicherung in den USA ‚liberal‘ und einer der Gründe, warum
Trumps Anhänger die Liberalen zum Weinen bringen möchten.
Dieser begriffliche Gegensatz ist primär durch den unterschiedlichen
Eindruck bedingt, den der Liberalismus jeweils hinterlassen hat. Die histo-
rische Wurzel für den anglo-amerikanischen Liberalismusbegriff liegt in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Primär als Reaktion auf die Weltwirt-
schaftskrise der 1930er Jahre argumentierten Philosophen wie John Dewey
und Ökonomen wie John Maynard Keynes für staatliche Eingriffe und neue
Institutionen zur Stabilisierung der Wirtschaft. Sie taten dies im Namen des
Liberalismus und dies blieb im anglo-amerikanischen Diskurs hängen.
Die historische Wurzel des kontinentaleuropäischen Begriffs von
Liberalismus liegt dagegen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. An-
gesichts totalitärer Regime, insbesondere Hitler-Deutschlands und Stalin-
Russlands, grenzen Philosophen wie Isaiah Berlin und Friedrich August
Einleitung: Liberale Tränen VII
von Hayek den Liberalismus von allen Versuchen einer Lenkung der Ge-
sellschaft von oben ab. Liberalismus wird ihr Kampfbegriff gegen politische
Einmischung in das private Leben, sehen sie in staatlicher Einmischung
doch den Beginn einer nicht zu stoppenden Kettenreaktion mit der Im-
plosion individueller Freiheit am Ende der kausalen Kette. Dieser Begriff
von Liberalismus setzte sich auf dem europäischen Festland durch.
Doch damit nicht genug des begrifflichen Wandels. Der Beginn des
Liberalismus im ausgehenden 17. Jahrhundert liegt in der Auflehnung gegen
den Absolutismus. Der englische König will werden wie der französische
Sonnenkönig – der Staat soll sein Eigentum werden, l’État, c’est moi –, so
fürchten einflussreiche englische Adlige und starten eine Gegenbewegung.
Die überdauernden Schriften dieser Zeit sind John Lockes Zweite Ab
handlung über die Regierung und sein Brief über die Toleranz. Mindes-
tens mal die Glaubensfreiheit und das Recht auf Eigentum inklusive körper-
licher Unversehrtheit sollen den Individuen gesichert werden. Locke er-
hebt damit den politischen Arm der Aufklärung, welcher im 18. Jahrhundert
Britannien und das europäische Festland (insbesondere Frankreich) intellek-
tuell dominiert.
Als Reaktion auf die Französische Revolution und die anschließenden
Wirren beginnt im frühen 19. Jahrhundert eine neue Epoche des Liberalis-
mus, nun zum ersten Mal unter tatsächlicher Verwendung des Begriffs.
Seine Anhänger, z. B. Benjamin Constant, sind darum bemüht, einen Aus-
gleich zwischen königlicher und bürgerlicher Macht zu finden. Die Zeit vor
der Revolution, so stellen sie fest, überbetonte Erstere, die Französische
Revolution Letztere. Folglich geht es den ersten Liberalen après la lettre
darum, die goldene Mitte zu finden.
Sucht man weiter nach den großen Umschwüngen im Liberalismus –
nach der eingangs beschworenen Wandelbarkeit –, wird man um die Mitte
des 19. Jahrhunderts fündig. Zu dieser Zeit entdeckt Alexis de Tocqueville
die Verwirklichung liberalen Denkens in Amerika, genauer gesagt in der
US-amerikanischen Demokratie. Liberalismus hört auf, Ausgleich zwischen
königlicher und bürgerlicher Macht zu sein. Er wird die Angelegenheit des
Volkes, dessen Macht nur mehr durch den Rechtsstaat begrenzt ist, welcher,
insbesondere, indem er verhindert, dass manche Angelegenheiten überhaupt
zur Abstimmung gestellt werden können, eine Tyrannei der Mehrheit der
Bürger verhindern soll.
Die nächste Umwertung liberaler Werte ist dann schon die bereits be-
schriebene, wohlfahrtsstaatliche Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise,
welche aus Sicht der Liberalen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das
Ende des unregulierten Kapitalismus markiert. Und darauf wiederum folgt,
wie ebenfalls schon erwähnt, die liberale Reaktion auf den Totalitarismus,
welche als Beiprodukt der Angst vor staatlicher Repression wieder stärker
auf die Idee unregulierter Märkte setzt. Mit 1989 und dem Ende des Kal-
ten Krieges beginnt die bis heute andauernde Epoche des Liberalismus. In
vielerlei Hinsicht ist diese um Anschluss an die wohlfahrtsstaatliche Epo-
che der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bemüht. Liberale sehen im staat-
VIII Einleitung: Liberale Tränen
lichen Handeln wieder Lösungen und nicht mehr vor allem Probleme. Dass
Laissez-faire aus der Mode ist, zeigte die US-Präsidentschaftswahl des Jah-
res 2012 als mit Mitt Romney ein Vertreter des Laissez-Faire-Kapitalismus
eindeutig unterlag. Es zeigt sich des Weiteren in den Bemühungen, eine
ökologische Wende mittels nationalstaatlicher Lenkung und internationaler
Abkommen herbeizuführen. Und es zeigt sich insbesondere in den staat-
lichen Reaktionen auf die Finanzkrisen der ausgehenden ersten Dekade des
21. Jahrhunderts und den Stabilisierungspaketen als Reaktion auf die CO-
VID-19-Pandemie der Jahre 2020 und 2021. Im Gegensatz zu den Mahnun-
gen liberaler Denker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts greift der
Staat heute wieder intensiv in die Wirtschaft ein, speziell, wenn es darum
geht, wirtschaftliches Handeln in Krisensituationen wieder anzukurbeln.
Der Erfolg gibt diesen Bemühungen recht. So ist offensichtlich, dass die
Agenda der staatlichen Eingriffe unserer Tage deutlich bessere ökonomische
Ergebnisse zeitigt als die Laissez-Faire-Reaktion auf die Weltwirtschafts-
krise der 1930er Jahre, von der Prävention von Hungersnöten und existen-
zieller Armut ganz zu schweigen.
Jedoch wird es sich der Liberalismus unserer Tage nicht so leicht ma-
chen können und begrifflich-intellektuell einfach an die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts anschließen. Was es heute mehr denn je braucht – und hier
steht der Liberalismus immer noch am Anfang – ist die Ausweitung supra-
nationaler regulierender Aktivität, Exekutivgewalt inklusive. Der National-
staat, in seiner Domäne noch immer mächtig und wichtig, ist zu klein ge-
worden, um eine globale Welt in freiheitliche Bahnen zu lenken. Die zen-
trale Herausforderung für den Liberalismus unserer Tage ist daher die
Globalisierung. Was braucht es, um Freiheit, Pluralismus und Toleranz, aber
auch das Ende radikaler ökonomischer Ungleichheit auf globaler Ebene zu
verwirklichen? Das ist die Frage aller Fragen für den Liberalismus heute.
An ihr muss er sich beweisen.
Aufbau des Handbuchs
Vom Liberalismus wie von einer Person zu sprechen, ist verführerisch, ja,
aus Gründen der Rhetorik eigentlich unvermeidbar – ansonsten muss man
jeden Satz verkomplizieren. Doch natürlich ist der Liberalismus keine Per-
son. Er ist bloß ein Name, ein Name für eine von manchen geliebte, von an-
deren gehasste und von vielen ignorierte Denkgewohnheit. Um zu existie-
ren, braucht der Liberalismus folglich Personen, die ihm Leben einhauchen.
Diese Personen – nicht irgendwelche, sondern diejenigen, die jeweils reprä-
sentativ für den Liberalismus waren und sind – sollen im Mittelpunkt dieses
Handbuchs stehen. Ihnen sind in Teil I exakt 21 Kapitel gewidmet, welche
‚Klassische Vertreterinnen und Vertreter‘ vorstellen. Darunter sind natürlich
die ‚üblichen Verdächtigen‘ wie Locke, Smith, Kant und Mill, aber hoffent-
lich auch manche, die Leserinnen und Leser des Handbuchs überraschen, im
Idealfall gar provozieren werden.
Ich habe die Wandelbarkeit als Kennzeichen des Liberalismus aus-
gewiesen. Doch Wandelbarkeit setzt auch eine gewisse Konstanz voraus –
es braucht ein gewisses Etwas, das gewandelt wird. Die politische Philo-
Einleitung: Liberale Tränen IX
sophie als normative Disziplin hat es bei diesem Etwas mit Prinzipien und
Werten zu tun. Folglich befasst sich Teil II mit den zentralen ‚Prinzipien
und Werten‘ des Liberalismus und zeigt auf, wie diese sich jeweils räumlich
und/oder zeitlich gewandelt haben und weiterhin wandeln.
Die drei darauffolgenden Teile sollen helfen, den Liberalismus zu durch-
dringen. Dies passiert zunächst negativ. Um zu wissen, was jemand ist, ist es
oft hilfreich zu fragen, was er nicht sein will. Teil III beschäftigt sich daher
mit den ‚Konkurrenten‘ des Liberalismus, den politisch-philosophischen
Schulen, von denen er sich abgrenzt. Als wandelbare Philosophie kommt
der Liberalismus aber auch selbst in verschiedenen Gestalten vor. Mit-
unter rivalisiert er sogar mit sich selbst. Dementsprechend stellt Teil IV ver-
schiedene ‚Varianten‘ des Liberalismus vor. Schließlich ist die lange Tradi-
tion des Liberalismus zu berücksichtigen. Um jemanden zu verstehen, muss
man reflektieren, was er erlebt hat. Teil V nimmt daher ‚Historische Ereig-
nisse und Perioden‘ in den Blick, die den Liberalismus beeinflusst haben
und welche er mitunter auch angeschoben hat.
Wer an Liberalismus denkt, denkt zunächst wohl an den Westen. In posi-
tiver Hinsicht, etwa als Durchbruch der Herrschaft des Volkes, aber auch in
negativer Hinsicht, etwa als Narrativ der selbsterklärten ‚Herrenrasse‘. De
facto hat der Liberalismus aber nicht nur die westliche Welt geprägt, son-
dern auch den Rest der Welt beeinflusst. Dem geht Teil VI ‚Über den Wes-
ten hinaus‘ in ausgewählten Ländern und Regionen auf den Grund.
Als Philosophie der Wandelbarkeit setzt der Liberalismus darauf, dass
die Welt sich wandelt. In einer Welt, die nicht im Wandel begriffen ist,
wäre er seiner größten Stärke beraubt. So wird ein Liberalismus, der sich
über sich selbst im Klaren ist, nicht nur zähneknirschend akzeptieren,
dass er auch heute herausgefordert wird, sondern Kraft aus diesen Heraus-
forderungen schöpfen, große Kraft angesichts der Vielzahl der Heraus-
forderungen. Manchen von ihnen widmet sich Teil VII ‚Neue Heraus-
forderungen‘. Dieser abschließende Teil unterstreicht, dass der Liberalis-
mus so schnell nicht arbeitslos werden wird. Ein Ende seiner Geschichte ist
jedenfalls nicht in Sicht. Freilich ist angesichts der genannten Hürden auch
ein Ende seiner Enttäuschungen nicht in Sicht. Der Liberalismus, so viel ist
schon mal sicher, wird noch viele Tränen zu vergießen haben.
Einsicht und Dank
Bis vor einigen Jahren war mir der Liberalismus ziemlich egal. Politisch
kam ich ganz gut ohne ihn zurecht. In Deutschland, dem Land, in dem ich
wahlberechtigt bin, ist die Frage, ob man liberal ist oder nicht, nicht be-
sonders virulent. Im weiteren Sinne des Begriffs sind ja alle deutschen
Parteien, die gebildete Menschen als wählbar in Erwägung ziehen kön-
nen, liberal. In der Schweiz ist die Situation ähnlich. Die hohe Bedeutung
dieser liberalen Selbstverständlichkeit wurde mir erst durch meine Be-
schäftigung mit der politischen Philosophie der Weimarer Republik, wel-
che ich 2012 startete, bewusst. Die in der Republik Weimars von vielen
Seiten, aber insbesondere von rechts, kommenden intellektuellen Angriffe
auf den Liberalismus ließen mich aufhorchen. Die rechten Denker die-
ser Zeit haben verstanden, was es braucht, um Demokratie und Freiheit zu
X Einleitung: Liberale Tränen
zerstören – den Tod des Liberalismus. Wenigstens das kann man von ihnen
lernen. Bestätigt in der Annahme, dass der Zusammenbruch politischen An-
stands über die Leiche des Liberalismus führt, wurde ich in der Zwischen-
zeit durch manch politische Ereignisse in den USA und England, aber natür-
lich auch in Ungarn und Polen, Russland und der Türkei sowie in Brasilien.
Glücklich schätzen können sich die Länder, in denen der Liberalismus den
politischen Grundkonsens darstellt, selbst dann noch, wenn die genaue Aus-
prägung des Liberalismus, etwa in Hinsicht auf Laissez-faire, umstritten
sein mag. Den Liberalismus gegen die Gebildeten unter seinen Verächtern
zu verteidigen, scheint mir daher ein bedeutsames Unterfangen. Das vor-
liegende Handbuch soll den Startschuss dafür abgeben.
Daher bin ich den Beitragenden dieses Handbuchs dankbar – ich, der ich
die Ehre hatte, jedes einzelne der hier versammelten Kapitel mehrmals zu
lesen, durfte viel von ihnen lernen, so wie hoffentlich auch Leserinnen und
Leser des Handbuchs viel von ihnen lernen werden. Dieter Thomä, einem
der Beitragenden, gebührt darüber hinaus mein Dank für die produktive
Arbeitsatmosphäre, die er als Leiter des Fachbereichs Philosophie an der
Universität St. Gallen schafft. Dies wird ergänzt durch den anregenden Aus-
tausch mit den exzellenten Studierenden der genannten Universität und den
Mitgliedern der Philosophischen Gesellschaft Ostschweiz, insbesondere
Armin Wildermuth und Hermann Büchi. Cedric Braun hat hervorragende
Übersetzungen einiger Artikel aus dem Englischen geliefert. Barbara Jung-
claus hat wertvolle und wie immer extrem zuverlässige Arbeit am Manu-
skript geleistet. Nach unserem Handbuch zum Pragmatismus durfte ich auch
dieses Mal wieder von der Kompetenz und den Ideen Franziska Remeikas
vom Verlag J.B. Metzler profitieren – wir haben es wieder geschafft, und
auch dieses Mal, trotz Corona, in angemessener Zeit!
St. Gallen Michael G. Festl
im Januar 2021