Table Of ContentAnna Goppel / Corinna Mieth /
Christian Neuhäuser (Hg.)
Handbuch
Gerechtigkeit
Anna Goppel / Corinna Mieth / Christian Neuhäuser (Hg.)
Handbuch Gerechtigkeit
J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Anna Goppel ist Assistenzprofessorin für Praktische
Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie
an der Universität Bern.
Corinna Mieth ist Professorin für Philosophie an der Ruhr-
Universität Bochum.
Christian Neuhäuser ist Professor für Praktische Philosophie
an der TU Dortmund.
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Nationalbibliothek
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Inhalt
I Der Begriff der Gerechtigkeit 18 Soziale Gerechtigkeit Peter Koller 118
19 Strafgerechtigkeit Jan C. Joerden 124
1 Einleitung Anna Goppel / Corinna Mieth / 20 Generationengerechtigkeit
Christian Neuhäuser 2 Michael Schefczyk 130
2 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: 21 Verfahrensgerechtigkeit Wilfried Hinsch 138
Antike und Mittelalter Christoph Horn 6 22 Ergebnisgerechtigkeit
3 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Stephan Schlothfeldt 143
Neuzeit Peter Koller 14 23 Historische Gerechtigkeit
4 Grundpositionen der Gerechtigkeitstheorie Michael Schefczyk 147
in Neuzeit und Gegenwart Corinna Mieth / 24 Personale Gerechtigkeit
Christian Neuhäuser / Alessandro Pinzani 20 Alessandro Pinzani 154
5 R eligiöse Wurzeln und Perspektiven: 25 Das Differenzprinzip Christine Bratu 158
Buddhismus und Konfuzianismus 26 Chancengleichheit Kirsten Meyer 164
Paulus Kaufmann 30 27 F airness Sonja Dänzer 168
6 R eligiöse Wurzeln und Perspektiven: Judentum 28 Gleichheit Stefan Gosepath 173
und Christentum Gerhard Kruip 35
7 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Islam
Christine Schirrmacher 41 III Gerechtigkeits konzeptionen
8 Inter- und transkulturelle Perspektiven
Sarhan Dhouib / Franziska Dübgen 47 29 Gerechtigkeit als Tugend
9 Ungerechtigkeit Dagmar Borchers / Svantje Guinebert 182
Oliver Flügel-Martinsen / Franziska 30 Kontraktualistische Gerechtigkeit
Martinsen 53 Peter Rinderle 191
10 Kritik am Gerechtigkeitsbegriff 31 Liberale Gerechtigkeit Jörg Schroth 199
Martin Hartmann 60 32 Libertäre Gerechtigkeit Fabian Wendt 205
33 Sozialistische Gerechtigkeit
Christoph Henning 211
II Gerechtigkeitstypen und Aspekte 34 Utilitaristische Gerechtigkeit
des Gerechtigkeitsbegriffs Ulla Wessels 217
35 Kosmopolitische Gerechtigkeit
11 Empirische Gerechtigkeitsforschung Andreas Niederberger 223
Alexander Lenger / Stephan Wolf 68 36 Kommunitaristische Gerechtigkeit
12 Distributive Gerechtigkeit Martin Beckstein 230
Wilfried Hinsch 77 37 Gerechtigkeit in der Diskursethik
13 Tauschgerechtigkeit Peter Koller 86 Regina Kreide 236
14 F eministische Gerechtigkeit Beate Rössler 92 38 Gerechtigkeit in der Kritischen Theorie
15 Internationale Gerechtigkeit Esther Neuhann / Bastian Ronge 241
Steve Schlegel / Christoph Schuck 98 39 Luck Egalitarianism Gabriel Wollner 249
16 T ransnationale Gerechtigkeit
Regina Kreide 105
17 Globale Gerechtigkeit Henning Hahn 111
VI Inhalt
IV Gerechtigkeit im Kontext 59 Demokratie und Selbstbestimmung
Robin Celikates 368
40 Menschenwürde Peter Schaber 256 60 Enhancement Jan-Christoph Heilinger 373
41 Moral Ludwig Siep 262 61 Familie Magdalena Hoffmann 375
42 Gutes Leben Eva Weber-Guskar 268 62 Geschlecht Franziska Martinsen 380
43 Grundgüter und Fähigkeiten 63 Gesundheit Stefan Huster 386
Jan-Hendrik Heinrichs 274 64 Gewalt und Krieg Johannes Müller-Salo /
44 Moralische Rechte Markus Stepanians 280 Reinold Schmücker 392
45 Menschenrechte und Grundrechte 65 Institutionen und Organisationen
Arnd Pollmann 287 Cord Schmelzle 400
46 Verantwortung und Pflicht 66 Klima und Umwelt Dominic Roser 406
Corinna Mieth / Christian Neuhäuser 295 67 Konsum Daniel Saar 413
47 Positives Recht und Völkerrecht 68 Lohn und Leistung Carsten Köllmann 417
Andreas Fischer-Lescano / Johan Horst 301 69 Migration Andreas Cassee 423
48 Staat Francis Cheneval 305 70 Politische Zugehörigkeit Anna Goppel 429
49 M ensch, Bürger, moralische Person 71 Ressourcen Eugen Pissarskoi 434
Bernd Ladwig 309 72 Risiko Klaus Steigleder 438
50 Politik und Demokratie 73 Soziale Ungleichheit und Sozialwesen
Robin Celikates 316 Gottfried Schweiger 443
51 Gesellschaft und Kultur 74 Sprache Hannes Kuch 447
Maria-Sibylla Lotter 323 75 Steuern Felix Koch 451
52 Anerkennung und Toleranz 76 Strafe und Strafvollzug
Susanne Schmetkamp 328 Thomas Hoffmann 456
53 Macht Katrin Meyer / Martin Saar 334 77 Tiere Johann S. Ach 462
78 Unternehmen Jens Schnitker 467
79 Weltwirtschaft und Finanzmärkte
V Anwendungsfragen Klaus Steigleder 472
80 Zukünftige Generationen Sabine Hohl 478
54 Alter Mark Schweda 340
55 Arbeit und Einkommen
Walter Pfannkuche 344 VI Anhang
56 Armut Valentin Beck 350
57 Behinderung Franziska Felder 358 Autorinnen und Autoren 486
58 Bildung Kirsten Meyer 363 Personenregister 489
I Der Begriff
der Gerechtigkeit
A. Goppel et al. (Hrsg.), Handbuch Gerechtigkeit, DOI 10.1007/978-3-476-05345-9_1,
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2016
1 Einleitung zeichnen in den obigen Beispielen etwa die Entschei-
dung des Schiedsrichters als ungerecht. Ebenso kann
In seiner Theorie der Gerechtigkeit baut John Rawls man eine Gesellschaft als ungerecht bezeichnen, die
darauf, dass Menschen normalerweise über einen Ge- manchen Kindern gleiche Chancen vorenthält. Wenn-
rechtigkeitssinn verfügen. Es spricht einiges dafür, gleich unterschiedliche Güter betroffen sind, geht es
dass dies auf die allermeisten Menschen zutrifft und im Beispiel des Kindergeburtstags wie im Beispiel der
Gerechtigkeit in unserem Leben und unserer Wahr- Schulbildung um die gerechte Verteilung von Chan-
nehmung eine wichtige Rolle spielt. Das zeigen nicht cen, d. h. um Verteilungsgerechtigkeit. Im Beispiel des
nur die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung, Richters hingegen ist die Strafgerechtigkeit betroffen,
die auch über Kulturen hinweg die große Bedeutung d. h. die Bestrafung ist Gegenstand der Gerechtigkeits-
des Gerechtigkeitsdenkens bestätigen. Das zeigt auch überlegungen. Im Falle der unterschiedlichen Bezah-
die schiere Anzahl der Themenfelder, mit Blick auf die lung der Nationalspielerinnen besteht die Ungerech-
sich Menschen immer wieder darüber auseinander- tigkeit in der Ungleichbehandlung. Dabei können in
setzen, was gerecht ist und was nicht. Bezug auf alle drei Beispiele auf den ersten Blick be-
Schon in der Alltagssprache kommt der empörte stimmte Regeln oder Verfahren gerecht oder unge-
Vorwurf ›das ist ungerecht‹ oder ›das ist unfair‹ sehr recht sein oder auch das Ergebnis als ungerecht be-
oft vor. Wenn Bayern gegen Dortmund spielt und der zeichnet werden. Was den Maßstab der Verteilung an-
Schiedsrichter für ein Foul eines Dortmunder Spielers geht, ist hinsichtlich der Verteilung von Gütern wohl
eine Rote Karte zückt, aber in einer vergleichbaren Si- unsere erste Alltagsintuition, dass Gleichverteilung ge-
tuation den Bayern-Spieler nur verwarnt, so werden recht ist: Beim Kindergeburtstag sollte jedes Kind ein
viele diese Ungleichbehandlung als Ungerechtigkeit ähnlich großes Stück vom Kuchen erhalten. Doch es
anprangern. Ebenso könnten die deutschen National- kann Gründe geben, von einer Gleichverteilung von
spielerinnen es als ungerecht empfinden, dass sie we- Gütern abzusehen; etwa, wenn ein Kind beim Backen
niger verdienen als ihre männlichen Counterparts. geholfen hat, könnte ihm im Sinne der Leistungs-
Wenn ein Kind auf einem Kindergeburtstag kein gerechtigkeit mehr zustehen, oder wenn ein Kind zwei
Stück des Geburtstagskuchens bekommt oder aber ein Stücke braucht, weil es den ganzen Tag noch nichts ge-
deutlich kleineres als die anderen Kinder, wird es sich gessen hat, könnte es aufgrund der Idee der Bedarfs-
ungerecht behandelt fühlen. Ein Strafrichter, der für gerechtigkeit gerechterweise mehr erhalten als die an-
Bagatelldelikte Gefängnisstrafen verhängt, ist dem deren Kinder. Da verschiedene Verteilungsregeln (z. B.
Vorwurf der Ungerechtigkeit ausgesetzt. Der derzei- Leistungsgerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit) mit-
tige Ressourcenverbrauch wird als ungerecht ge- einander konkurrieren können, müssen wir auch die
genüber zukünftigen Generationen bezeichnet. Und Frage nach der Rechtfertigung dieser Ansprüche stel-
schließlich prägen ungerechte Benachteiligungen be- len: Welche Verteilungsregeln können mit welcher Be-
stimmter Gruppen unseren Alltag: z. B. dass der er- gründung Akzeptanz durch diejenigen, die ihnen un-
worbene Schulabschluss von Kindern in vielen Län- terworfen sind, beanspruchen? Wird eine bestehende
dern statistisch signifikant vom Bildungsniveau ihrer Güterverteilung verletzt, z. B. durch einen Diebstahl,
Eltern abhängt. so tritt die korrektive Gerechtigkeit auf den Plan: Die
Alltagssprachlich meist generell als ›ungerecht‹ be- ursprüngliche Güterordnung muss wiederhergestellt
zeichnet, illustrieren die angeführten Beispiele unter- werden. Sowohl hinsichtlich des Gegenstands als auch
schiedliche Aspekte von Gerechtigkeit bzw. Ungerech- hinsichtlich des Maßstabs der Gerechtigkeitsbeurtei-
tigkeit und werfen unterschiedliche Fragen und Pro- lung illustrieren die Beispiele also wesentliche Unter-
bleme auf. Die Begriffe ›Gerechtigkeit‹ und ›Ungerech- schiede und beleuchten unterschiedliche Typen und
tigkeit‹ können wir – wie dies auch in der Antike im Aspekte von Gerechtigkeit.
Mittelpunkt stand – zum einen auf Personen und ihre Naheliegenderweise stehen darüber hinaus sub-
Handlungen beziehen. Zum anderen können speziell stanziell andere Fragen auf dem Spiel, will man für die
Institutionen in den Blick genommen werden. Wir be- genannten Beispiele eine gerechte Lösung finden. Im
1 Einleitung 3
Bereich der Strafe stellt sich beispielsweise die Frage, für die meisten Menschen eine wichtige Rolle spielt, es
wann eine Strafzumessung gerecht ist. Dies betrifft zu- aber weder in alltäglichen Auseinandersetzungen
nächst die Verhältnismäßigkeit der Strafe. Jemanden noch in der philosophischen Debatte vollständige Ei-
für einen Ladendiebstahl lebenslänglich einzusperren, nigkeit darüber gibt, was als gerecht zu gelten hat. Für
ist ungerecht. Ferner gilt der Gleichbehandlungsgrund- diese Uneinigkeit lassen sich mindestens zwei Gründe
satz, wonach die Strafe für die Tat und unabhängig von anführen. Vor allem alltagssprachliche Vorstellungen
der Person festzulegen ist. Es wäre beispielsweise un- von Gerechtigkeit basieren häufig auf ganz unter-
angemessen, Frauen anders als Männer oder Aka- schiedlichen historischen und religiösen Wurzeln.
demikerinnen anders als Handwerkerinnen zu bestra- Und im gegenwärtigen philosophischen Diskurs exis-
fen. Gleichzeitig gilt jedoch, dass die Strafe vom Aus- tieren – wie bereits an den verschiedenen Beispielen
maß des persönlichen Verschuldens abhängen sollte. möglicher Grundlagen der Güterverteilung deutlich
Dafür ist es wiederum notwendig, sich die zu bestra- geworden ist – darüber hinaus sehr verschiedene Aus-
fende Person, ihre Fähigkeiten und Eigenschaften ganz arbeitungen der Gerechtigkeitsidee, die die Vielfalt
genau anzuschauen. Weiterhin muss bestimmt wer- vor allem gegenwärtiger westlicher Gerechtigkeits-
den, welche Strafformen sich überhaupt rechtfertigen vorstellungen in unseren Gesellschaften widerspie-
lassen. Üblich sind in Ländern wie Deutschland haupt- geln. Wie unterschiedlich die Wurzeln sind, zeigt sich
sächlich Freiheits- und Geldstrafen. Körperliche Stra- beispielsweise, wenn man antike und buddhistische
fen und vor allem die Todesstrafe sind verboten. Doch Gerechtigkeitsvorstellungen betrachtet. Wie groß die
viele andere Länder strafen noch körperlich, beispiels- Unterschiede zwischen gegenwärtigen westlichen
weise mit Stockschlägen, und zahlreiche Länder voll- Vorstellungen sind, zeigt ein Vergleich libertärer und
strecken die Todesstrafe. Ist das ungerecht? Bezieht sozialistischer Gerechtigkeitsvorstellungen.
sich die Gerechtigkeitsfrage nur darauf, ob das Straf- In der Antike beispielsweise wurde eine viel engere
maß im Verhältnis zur Tat steht, oder auch darauf, ob Verbindung zwischen dem gerechten und dem guten
bestimmte Strafformen zu grausam sind? Hier können Staat einerseits und dem gerechten und dem guten
wir Fragen der ausgleichenden Gerechtigkeit von Fra- Menschen andererseits hergestellt, als dies in heutigen
gen der Rechtfertigung trennen. Gerechtigkeitsvorstellungen in Europa und Nordame-
Im Themenfeld der Bildungsgerechtigkeit geht es rika der Fall ist. Außerdem spielte die Idee der kos-
vor allem darum, wie sich im Bildungssystem mehr mischen Gerechtigkeit in Form eines Gleichgewichts,
Chancengleichheit herstellen lässt. Doch was bedeutet das es zu wahren gilt, eine wichtige Rolle. Deswegen
Chancengleichheit überhaupt? Müssen nur soziale war etwa die vergeltende Strafe eine Angelegenheit
oder auch natürliche Unterschiede zwischen den der Gerechtigkeit, denn sie stellte die kosmische Ord-
Menschen ausgeglichen werden? Und auf welche Wei- nung wieder her. Außerdem wurde Gerechtigkeit vor
se dürfen Unterschiede ausgeglichen werden, um für allem personal und nicht institutionell verstanden. Es
eine größere Gleichverteilung der Chancen zu sorgen? ging darum, dass erst die Menschen und dann die po-
Ist es sogar rechtfertigbar, Unterschiede durch leis- litischen Institutionen gerecht sind, weil sich in der
tungsverbessernde Medikamente auszugleichen? Wie antiken Vorstellung das Zweite aus dem Ersten ergibt.
stark darf der Staat in die Erziehung der Eltern ein- Auch im Buddhismus herrscht die Idee einer kos-
greifen, um für mehr Chancengleichheit bei den Kin- mischen Ordnung. Diese stellt sich, so die Vorstel-
dern zu sorgen? Müssen Schulen auch erziehen oder lung, allerdings selbst immer wieder neu her, indem
nur bilden? So gibt es beispielsweise einen Streit zu der alle Wesen gemäß ihrem Karma, also der Balance ih-
Frage, ob die Bildungsmöglichkeiten für Kinder unge- rer guten und schlechten Taten, so lange wiedergebo-
fähr gleich gut sein müssen oder ob es reicht, wenn al- ren werden, bis sie Erleuchtung erreichen. Selbst die
le Kinder hinreichend gute Bildungsmöglichkeiten körperliche Verfassung und der soziale Status bestim-
besitzen. Davon hängt auch ab, was die konkreten men sich über ihr Karma, so dass auf sehr differenzier-
Maßnahmen und Institutionen sind, die für mehr Bil- te Weise Lohn und Strafe über die Zeit hinweg gerecht
dungsgerechtigkeit benötigt werden. Sorgt etwa eine verteilt werden. Gerechtes Handeln bedeutet dem-
Gesamtschule für mehr Bildungsgleichheit und ist sie nach ganz allgemein, das moralisch Richtige zu tun,
daher aus Gerechtigkeitsperspektive zu fordern? und stellt stets eine gute Investition in die Zukunft dar.
Wenn man eine Weile über die genannten Beispiele Moderne Buddhisten betonen darüber hinaus die
nachdenkt und andere Menschen nach ihrer Meinung wichtige Rolle der Demokratie und der Ehrfurcht vor
fragt, dann zeigt sich bereits, dass Gerechtigkeit zwar der Natur als Erfordernisse der Gerechtigkeit, denn
4 I Der Begriff der Gerechtigkeit
beide leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, mehr nehmen. Auch das Verhältnis von Gerechtigkeit zu
Menschen die Möglichkeit zu geben, das Leiden der anderen wichtigen normativen Konzepten lässt sich
Wiedergeburt zu überwinden. aufgrund dieser Problematik der Pluralität nur schwer
In der gegenwärtigen philosophischen Debatte ist bestimmen. Dennoch sind allgemeine Antworten auf
für die libertäre Gerechtigkeitstheorie die Idee ent- Fragen wie die folgenden möglich: Was hat Gerechtig-
scheidend, dass die Menschen im Naturzustand sich keit mit dem guten Leben zu tun? Wie verhalten sich
selbst besitzen und dadurch auch ein natürliches Gerechtigkeit und Demokratie zueinander?
Recht am Privatbesitz äußerer Gegenstände erwerben In Bezug auf die Theorie des guten Lebens werden
können. Gerechtigkeit herrscht dann, wenn dieser na- gegenwärtig drei Theoriegruppen unterschieden: He-
türliche Besitz respektiert wird. Das muss auch die donistische Theorien, Wunschtheorien und objekti-
freie Übertragung dieses Besitzes ermöglichen. Unge- vistische Theorien. Hedonistischen Theorien zufolge
rechter Erwerb oder ungerechte Übertragung sind ist ein Leben gut, wenn es besonders viel Lust und we-
hingegen auf gerechte Weise auszugleichen. Darüber nig Leid mit sich bringt. Wunschtheorien gemäß ist
hinaus gibt es keine Gerechtigkeitsansprüche. Man ein Leben gut, wenn sich die subjektiven Wünsche ei-
kann die Gerechtigkeit einer Gesellschaft also nicht nes Menschen erfüllen. Bei objektivistischen Theorien
daran bemessen, wie gleich oder ungleich die Güter zu hängt das gute Leben an der Verwirklichung objektiv
einem bestimmten Zeitpunkt verteilt sind. wichtiger Werte. Aus Gerechtigkeitsperspektive lässt
Ganz anders stellt sich die Lage aus einer sozialisti- sich bei allen drei Theorien danach fragen, ob die
schen Gerechtigkeitsposition heraus dar. Die auf Marx Chancen auf ein gutes Leben gleich verteilt sind. Aus
zurückgehende Formel ›Jeder nach seinen Fähigkei- Sicht der Theorie des guten Lebens ist der Wert der
ten, jedem nach seinen Bedürfnissen‹ verlangt zwar Gerechtigkeit selbst jedoch unterschiedlich zu beur-
keine absolute Gleichverteilung von Gütern, aber im- teilen. Für hedonistische Theorien ist Gerechtigkeit
merhin eine Verteilung, die den verschiedenen Be- nur dann ein wichtiger Bestandteil des guten Lebens,
dürfnissen der Menschen zu jedem Zeitpunkt glei- wenn sie zur Steigerung von Lust und Vermeidung
chermaßen gerecht wird. Verdienst bestimmt sich in von Leid führt. Für Wunschtheorien ist Gerechtigkeit
dieser sozialistischen Vorstellung nicht aus der Ar- nur relevant, wenn sich ein Mensch auch Gerechtig-
beitsleistung, sondern aus den individuellen Bedürf- keit bzw. ein gerechtes Leben wünscht. Allein die ob-
nissen. Eine schwangere Frau beispielsweise hat bei jektivistischen Theorien sehen in der Gerechtigkeit
einem höheren Bedarf auch mehr Nahrungsmittel als üblicherweise einen zwingenden Bestandteil des gu-
eine andere Frau verdient, ganz unabhängig davon, ob ten Lebens. Wer sich nicht um Gerechtigkeit bemüht,
sie arbeitet oder nicht. Ihr stehen beispielsweise so verfehlt demnach, um was es im Leben geht.
viele Nahrungsmittel zu, wie sie braucht, um ein ge- Wie verhält es sich mit Demokratie und Gerechtig-
sundes Kind zur Welt zu bringen. Was der Schwange- keit? Sie stehen in einem gewissen Spannungsverhält-
ren zusteht, bemisst sich an ihren Bedürfnissen und nis zueinander. Einerseits ergeben sich gerechte Ge-
nicht, wie in der libertären Theorie, an ihrem Ein- setze unmittelbar aus vernünftigen Überlegungen da-
kommen oder ihrem Besitz. Durch die Bemessung rüber, was gerecht und was ungerecht ist. Andererseits
der Bedürfnisse lässt sich der sozialistischen Position sollen in einer Demokratie die Gesetze in demokrati-
gemäß an der Güterverteilung zu einem bestimmten schen Verfahren bestimmt werden. Dabei ist nicht
Zeitpunkt feststellen, wie gerecht oder ungerecht die selbstverständlich, dass sich die politische Mehrheit in
Gesellschaft ist. Gerecht ist die Gesellschaft, wenn der Gesetzgebung auch an Gerechtigkeit und nicht an
die Güterverteilung sich an den Grundbedürfnissen ihren Gruppeninteressen orientiert. Gleichzeitig ist es
der Menschen ausrichtet, also etwa niemand Armut jedoch so, dass die Einrichtung eines demokratischen
leidet. Staatswesens selbst als Erfordernis der Gerechtigkeit
Es gibt selbstverständlich noch viel mehr als diese erscheint. Denn erstens sind demokratische Staaten
zwei dargestellten philosophischen Gerechtigkeits- besser als andere in der Lage, für Gerechtigkeit zu sor-
konzeptionen und ebenfalls noch viele verschiedene gen, indem sie besser als andere Systeme Kriege und
historische und religiöse Ausgangspunkte für die Ge- Hunger vermeiden sowie für Wohlstand und seine
nese verschiedener Gerechtigkeitsvorstellungen. Des- breite Verteilung sorgen. Zweitens lässt sich argumen-
wegen ist es nicht leicht, abstrakt viel dazu zu sagen, tieren, dass die möglichst gleiche und weitreichende
was Gerechtigkeit überhaupt ist, ohne auf die eine Beteiligung aller Bürger_innen an der kollektiven
oder andere dieser Positionen unmittelbar Bezug zu Selbstbestimmung selbst einen Gerechtigkeits-