Table Of ContentMartin Grajner / Guido Melchior (Hg.)
Handbuch
Erkenntnistheorie
Martin Grajner / Guido Melchior (Hg.)
Handbuch
Erkenntnistheorie
J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Dr. Martin Grajner ist nach einem Studium der Philosophie,
Linguistik, Literaturwissenschaft sowie Logik und
Wissenschaftstheorie an der LMU München seit 2006
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden.
PD Dr. Guido Melchior ist nach seiner Promotion in
Philosophie an der Universität Graz und Forschungs-
aufenthalten an der Rutgers University und der
University of Arizona Privatdozent und Projektleiter
an der Universität Graz.
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Inhalt
I Einleitung 1 15 ›Wissen, dass‹ und ›Wissen, wie‹
David Löwenstein 116
1 Handbuch Erkenntnistheorie: Ein Abriss
Martin Grajner und Guido Melchior 3 C Quellen des Wissens
16 Wahrnehmung Eva Schmidt 122
17 Introspektion Wolfgang Barz 129
II Historische Stationen 18 Das Zeugnis anderer Nicola Mößner 136
19 Apriorisches Wissen Martin Grajner 145
2 Antike Johannes Hübner 13 20 Intuitionen Julia Langkau 152
3 Frühe Neuzeit Stephan Schmid 21 21 Imagination Margherita Arcangeli /
4 Kant und nachkantischer Idealismus Julia Langkau 159
Ralf Busse / Ulrich Schlösser 28
5 Phänomenologie Philipp Berghofer /
Harald A. Wiltsche 35 IV Begriff der Rechtfertigung
6 Frühe analytische Philosophie
Joachim Bromand 43 A Theorien der Rechtfertigung
7 Das 20. Jahrhundert Anke Breunig 50 22 Reliabilismus Steffen Koch 169
23 Evidentialismus Katherine Dormandy 178
24 Phänomenaler Konservatismus
III Begriff und Natur des Wissens Michael Huemer 187
A Theorien des Wissens 61 B Fragen und Probleme zum Begriff der Recht-
8 Modale Konzeptionen des Wissens: Safety, fertigung
Sensitivity, Garantie Wolfgang Freitag 61 25 Epistemische Berechtigung ver sus epistemische
9 Kontextualistische Wissens theorien Rechtfertigung Jochen Briesen 198
Erik Stei 70 26 Internalismus und Externalismus
10 Tugendbasierte Theorien des Wissens und Martin Grajner 206
Tugenderkenntnistheorie Dirk Koppelberg 79 27 Gründe und Evidenz Susanne Mantel 212
11 Wissen-Zuerst-Erkenntnistheorie 28 Doxastischer Voluntarismus und epistemisches
Frank Hofmann 87 Handeln Verena Wagner 218
B Fragen und Probleme zur Natur des Wissens C Struktur der Rechtfertigung
12 Das Gettierproblem Gerhard Ernst 94 29 Infinitismus Peter D. Klein / John Turri 225
13 Der Wert des Wissens Christoph Jäger / 30 Kohärentismus Thomas Bartelborth 238
Federica Isabella Malfatti 102 31 Fundamentalismus Christoph Jäger 246
14 Wissen, Verstehen und Weisheit 32 Wissen ohne Fundament Ansgar Seide 257
Christoph Baumberger 110
VI Inhalt
V Epistemische Normen und Werte VIII M ethoden der zeitgenössischen
Erkenntnistheorie
33 E pistemische Normen des Behauptens, des
Glaubens und des praktischen Begründens 46 B egriffsanalyse Gunnar Schumann 383
Pedro Schmechtig 269 47 Naturalistische Erkenntnistheorie
34 Epistemischer Expressivismus und alternative Dirk Koppelberg 391
Positionen Gunnar Schumann 277 48 Experimentelle Philosophie und experimentelle
35 Epistemische Werte Pedro Schmechtig 286 Erkenntnistheorie Jens Kipper 398
36 Epistemologie der Meinungsverschiedenheiten 49 Traditionelle und formale Erkenntnistheorie
Dominik Balg / Jan Constantin 295 Thomas Bartelborth 405
50 Feministische Erkenntnistheorie
Waltraud Ernst 412
VI Skeptizismus
37 A ußenweltskeptizismus Guido Melchior 305 IX Schnittstellen
38 Unterbestimmtheitsargumente
Jochen Briesen 316 51 Kognitionswissenschaft und Erkenntnistheorie
39 Dogmatismus und Skeptizismus Arne M. Weber / Gottfried Vosgerau 421
Sebastian Schmoranzer 320 52 Religion und Erkenntnis Winfried Löffler /
40 Induktiver Skeptizismus Gerhard Schurz 328 Christian Tapp 427
41 Epistemischer Relativismus Martin Kusch 338 53 Kunst und Erkenntnis Jakob Steinbrenner 435
VII Formale Erkenntnistheorie Anhang
42 W ahrscheinlichkeit und Erkenntnis Autorinnen und Autoren 443
Jakob Koscholke 347 Personenregister 445
43 Formale Repräsentation von Überzeugungen und
Theorien der Überzeugungsrevision
Gordian Haas 354
44 Epistemische Paradoxien Martin Fischer 363
45 Epistemische Logik Johannes Stern 372
I Einleitung
1 H andbuch Erkenntnistheorie: Mit der menschlichen Erkenntnis beschäftigen sich
Ein Abriss neben der Philosophie noch andere Disziplinen, wie
etwa die Psychologie, die Soziologie sowie die Kogni-
tionswissenschaft, die eine interdisziplinäre Disziplin
1.1 V orbemerkung ist und sowohl Ansätze aus der Biologie, den Neuro-
wissenschaften und der künstlichen Intelligenz-For-
»Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen« schung vereint. Gemäß dem klassischen, seit Platon
bemerkt Aristoteles zu Beginn seiner Metaphysik (A vorherrschenden Selbstverständnis der Philosophie
980a21). Philosophisch unvoreingenommen gehen ist die Philosophie keine empirische Disziplin und
wir auch davon aus, dass wir zahlreiche Dinge wissen. philosophische Fragen werden entsprechend nicht
Ich weiß beispielsweise, dass Angela Merkel gerade durch empirische Verfahren, wie etwa durch Experi-
Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist, mente, Umfragen oder Laboruntersuchungen beant-
dass Angela Merkel Physik studiert hat und dass Wien wortet. Maßgeblich an der philosophischen Unter-
mehr Einwohner/innen als Zürich hat. Doch was ist suchung der menschlichen Erkenntnis ist gemäß die-
Wissen und wann verfügt eine Person über Wissen? sem klassischen Verständnis, dass man diese Unter-
Wenn Aristoteles Recht hat und wir Menschen nach suchung unabhängig von der Erfahrung, d. h. a priori
Wissen streben, dann muss die Frage, was Wissen betreibt. Traditionellerweise bestand die Herange-
überhaupt ist, von großer Bedeutung für uns sein. In hensweise von Erkenntnistheoretiker/innen darin, die
der zeitgenössischen Erkenntnistheorie steht sie, ob- Begriffe des Wissens oder der Rechtfertigung zu ana-
wohl sie schon in der Antike aufgeworfen wurde, nach lysieren. Und die meisten Dispute in der zeitgenössi-
wie vor im Zentrum der Aufmerksamkeit. Neben der schen Erkenntnistheorie drehen sich auch darum, ob
Frage, was Wissen ist, sind in der gegenwärtigen Er- es einer Theorie gelingt, den jeweiligen Begriff ad-
kenntnistheorie die folgenden Fragen zentral: äquat zu definieren. Empirische Verfahren scheinen
• Wieso ist Wissen wertvoller als eine bloß wahre hierfür ungeeignet und letztlich irrelevant zu sein. Al-
Meinung? lerdings setzen sich Vertreter/innen der sogenannten
• Was ist die sogenannte epistemische Rechtferti- experimentellen Philosophie verstärkt dafür ein, auch
gung? empirische Methoden für die Beantwortung philoso-
• Haben wir überhaupt Wissen? phischer Fragen heranzuziehen.
• Wie sehen die Quellen des Wissens aus?
Diese Liste von Fragen macht deutlich, dass die wich-
tigsten Begriffe oder Phänomene, die man in der Er- 1.2 Z u den einzelnen Teilen
kenntnistheorie untersucht, Wissen und Rechtferti-
gung sind. Die meisten Erkenntnistheoretiker/innen Das Handbuch besteht aus acht thematischen Teilen.
beschäftigen sich dabei mit dem Wissen, das Men- Diese decken unterschiedliche Bereiche der Erkennt-
schen besitzen, oder den gerechtfertigten Überzeu- nistheorie ab. Jedes der 52 Kapitel innerhalb der Teile
gungen von Menschen – was nicht bedeuten soll, dass ist so konzipiert, dass es als eigenständiger Text gele-
nicht auch andere Wesen, wie Tiere oder Maschinen, sen und verstanden werden kann. Dementsprechend
prinzipiell über Wissen oder Rechtfertigung verfügen werden manche Themen und Problemfelder in meh-
können. reren Kapiteln, allerdings unter verschiedenen Ge-
Es gibt zahlreiche weitere Themen, die in der Er- sichtspunkten, diskutiert.
kenntnistheorie eine Rolle spielen. Beispielweise wel-
chen Beitrag die formale Erkenntnistheorie zum Ver- Teil II: Das Handbuch Erkenntnistheorie ist vor allem
ständnis erkenntnistheoretischer Phänomene liefern systematisch ausgerichtet. Teil II bietet einen Über-
kann, welche Rolle Normen in der Erkenntnistheorie blick über den Status und die Entwicklung der Er-
spielen und ob Kunst und Religion Erkenntnisse ver- kenntnistheorie in verschiedenen historischen Epo-
mitteln können. chen, auch mit dem Ziel, die historischen Wurzeln der
J. B. Metzler © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature, 2019
M. Grajner / G. Melchior (Hg.), Handbuch Erkenntnistheorie, https://doi.org/10.1007/978-3-476-04632-1_1
4 I Einleitung
gegenwärtigen systematischen Problemstellungen turn, blieben erkenntnistheoretische Fragen von zen-
und Diskussionen aufzuzeigen. Viele Fragen und Pro- traler Bedeutung. So entwickelte Frege eine Theorie
bleme der zeitgenössischen Erkenntnistheorie wur- zu mathematischer Erkenntnis, Russell erarbeitete in
den bereits in der Antike oder in späteren Epochen Zusammenhang mit seiner Kennzeichnungstheorie
der Philosophiegeschichte aufgeworfen. Dementspre- die Unterscheidung zwischen knowledge by acquain-
chend ist die Beschäftigung mit der Geschichte der tance (Wissen durch Bekanntschaft) und knowledge
Philosophie relevant, um die Ursprünge erkenntnis- by description (Wissen durch Beschreibung) und
theoretischer Fragen und Probleme verstehen zu kön- Moore präsentierte im Rahmen seiner Common Sen-
nen. Die Spannbreite der in diesem Kapitel abgehan- se-Philosophie eine in der gegenwärtigen Erkennt-
delten Epochen reicht dabei von der Antike bis zum nistheorie wieder äußerst einflussreiche Antwort auf
20. Jahrhundert. das skeptische Problem.
Das erste Kapitel befasst sich mit Erkenntnistheorie Abschließend werden in Teil II die erkenntnistheo-
in der Antike, für die insgesamt eine Unterscheidung retischen Positionen einflussreicher Philosophen der
zwischen überlegenen und minderen epistemischen zweiten Hälfte 20. Jahrhunderts vorgestellt, insbeson-
Leistungen charakteristisch ist. Es präsentiert die er- dere die von Wilfrid Sellars, Willard van Orman
kenntnistheoretischen Problemstellungen und Über- Quine, Richard Rorty und Donald Davidson. Auf-
legungen der Vorsokratik, von Sokrates und Platon, grund der besonderen erkenntnistheoretischen Be-
Aristoteles, Epikur, der Stoiker, die der Akademischen deutung werden Quines Angriff auf zwei Dogmen des
Skeptiker und die der Pyrrhonischen Skeptiker. Empirismus, Davidsons drittes Dogma, Sellars Ent-
Das folgende Kapitel ist der Erkenntnistheorie der larvung des Mythos des Gegebenen und die Empiris-
Neuzeit gewidmet, also grob der Zeit von 1550 bis muskritik Rortys herausgegriffen.
1750. Die Neuzeit stellt eine Zeit großen wissenschaft-
lichen Umbruchs dar, in der auch die Erkenntnistheo- Teil III: Wissen gilt als der zentrale Begriff der Er-
rie, wie sie heute betrieben wird, maßgeblich geformt kenntnistheorie und dementsprechend zielen die
wurde, vor allem durch Philosophen wie René Des- meisten Erkenntnistheorien auf eine Definition oder
cartes, John Locke, Gottfried Wilhelm Leibniz, George Klärung dieses Begriffs ab. Teil III ist dem Begriff des
Berkeley oder David Hume. Wissens und seiner Natur gewidmet. Zu den abgehan-
Das dritte Kapitel von Teil II präsentiert Immanuel delten Themen gehören: Theorien des Wissens, Pro-
Kants Erkenntnistheorie und die seiner Nachfolger. bleme und Fragen zum Begriff des Wissens sowie die
Darin wird unter anderem seine kritische Prüfung der Quellen des Wissens. Die ersten vier Kapitel (III.A)
Möglichkeit metaphysischer Erkenntnis, die kanti- beleuchten Theorien des Wissens.
sche Leitfrage nach synthetischen Urteilen a priori, Zunächst werden modale Konzeptionen des Wis-
die kantischen Dualismen von Anschauung und Be- sens thematisiert, denen zufolge im Fall von Wissen die
griff sowie Sinnlichkeit und Verstand und seine trans- Beziehung zwischen einem wahren Glauben und einer
zendentale Analytik, Ästhetik und Dialektik präsen- wahrmachenden Tatsache modal charakterisiert wer-
tiert. Abschließend werden die erkenntnistheoreti- den muss. Die gängigsten modalen Theorien von Sen-
schen Überlegungen seiner Nachfolger Johann Gott- sitivität und Sicherheit und die Beziehungen zwischen
lieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und ihnen werden im Kapitel systematisch dargestellt.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel umrissen. Anschließend werden kontextualistische Wissens-
Das nächste Kapitel ist der Phänomenologie, ent- theorien beschrieben und analysiert, die besagen dass
wickelt von Edmund Husserl, gewidmet. Besonderes die Bedeutung des Wortes ›wissen‹ kontextabhängig
Augenmerk wird in diesem Kapitel auch auf die Ver- ist und durch die (unbemerkte) Bedeutungsverände-
knüpfung der Phänomenologie zu zeitgenössischen rung von ›wissen‹ in verschiedenen Kontexten phi-
erkenntnistheoretischen Strömungen wie dem phä- losophische Rätsel, insbesondere das skeptische Rät-
nomenalen Konservatismus gerichtet. sel, erklärt und aufgelöst werden können.
Nachfolgend werden die erkenntnistheoretischen Das nächste Kapitel stellt tugendbasierte Theorien
Positionen von einflussreichen Mitbegründern der des Wissens vor, die davon ausgehen, dass Wissen auf
analytischen Philosophie dargestellt, insbesondere eine bestimmte Art und Weise auf epistemischen Tu-
von Gottlob Frege, Bertrand Russell, George Edward genden des glaubenden Subjekts basiert, insbesondere
Moore und Ludwig Wittgenstein. Trotz des in der frü- auf spezifischen Fähigkeiten, wahre Glaubenseinstel-
hen analytischen Philosophie eingeleiteten linguistic lungen zu erwerben und falsche zu vermeiden.