Table Of Content~
J.B.METZLER
Handbuch
der Kulturwissenschaften Band2
Paradigmen
und Disziplinen
Herausgegeben von Friedrich ]aeger
und ]ürgen Straub
Sonderausgabe
Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
Bibliografische Information Der Deutschen
Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
ISBN 978-3-476-02400-8
ISBN 978-3-476-02398-8
ISBN 978-3-476-00627-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-00627-1
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urhe
berrechtlich geschützt. jede Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zu
stimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt
insbesondere für Vervielfältigungen, Obersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und
Verarbeitung in elektronischen Systemen.
© 2011 Springer-Verlag GmbH Deutschland
Ursprünglich erschienen bei ). B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poesehel Verlag GmbH in Stuttgart 2011
www.metzlerverlag.de
[email protected]
V
Inhalt
Vorwort VII 8.5 Erklären und Ve rstehen: Tradition, Trans
formation und Aktualität einer klassischen
Kontroverse (Gerhard Schurz) 156
8.6 Quantitative und qualitative Methoden:
Einführung
Methodenpluralismus in den Kultur-
(Friedrich ]aeger I ]i.lrgen Straub) IX
wissenschaften? (Michael Corsten) 175
7 Kulturwissenschaften und Lebenspraxis 9 Handlungstheoretische Ansätze in den
Kulturwissenschaften
7.1 Stufen der Reflexion: Die Kultur
wissenschaften in der Kultur 9.1 Die Kulturwissenschaften zwischen
(Hartmut Böhme) 1 Handlungs- und Systenitheorie
7.2 •Praktische Künste« und •kulturelle (Andreas Göbel) 193
Praxis«. Kulturwissenschaftliche 9.2 Handeln in Widerfahrniskontexten. Hand
Reflexionen moderner Sinn-Bildung lungsabsichten, Handlungsbedingungen
(Eckart Pankake) 16 und Bedingungen von Handlungsabsichten
7.3 Die gesellschaftliche Orientierung der (Werner Greve) 220
Kulturwissenschaften (Elisabeth List) 34 9.3 Sinn, Kultur und •Rational Choice«
7.4 Die Vielfalt der Kulturen und die (H artmut Esser) 249
Metboden des Kulturvergleichs 9.4 Habitus und sozialer Sinn: Der Ansatz
(]llrgen Osterhammel) 50 der Praxistheorie Pierre Bourdieus
7.5 Alltagsweltliche Praxis und Rationalitäts (Lutz Raphael) 266
ansprüche der Kulturwissenschaften 9.5 Rollen, Rituale und Inszenierungen
(Dietrich Böhler I Micha H. Werner) 69 (Doris Kolesch) 277
9.6 Handern in Institutionen und handemde
Institutionen (Uwe Schimank) 293
8 Grundlegende wissenschaftliche 9.7 Kollektives Handeln und kollektive Akteure
Problemstellungen (Frank Adlojf) 308
9.8 Die Leiblichkeit des Handeins
8.1 Kultur als Progranim - jenseits der Dicho
(Karl Mertens) 327
tomie von Realismus und Konstruktivismus
(Siegfried ]. Schmidt) 85
8.2 Kulturrelativismus der Sprache und
10 Die Kulturwissenschafte und das
Wirklichkeit? (Walter Zitterbarth) 101
Paradigma der Sprache
8.3 Postmoderner Historismus -
Das kollektive Gedächtnis als neues 10.1 Positionen des Verslehens-Hermeneutik
Paradigma der Kulturwissenschaften zwischen Wissenschaft und Lebenspraxis
(Wulf Kansteiner) 119 (Axel Horstmann) 341
8.4 Geschichten erzählen, Geschichten 10.2 Was ist Neostrukturalismus? Derridas
analysieren. Das narrativistische sprachphilosophische Grundoperation ini
Paradigma in den Kulturwissenschaften Ausgang vom klassischen Strukturalismus
(Norbert Meuter) 140 (Manfred Frank) 364
VI Inhalt
10.3 Dekonstruktion-Philosophie? Programm? 11.5 Kultur und Auslegung der Kultur.
Verfahren? (Petra Gehring) 377 Kultursoziologie als sozialwissenschaftliche
10.4 Das Unbewusste als Sprache: Strukturale Hermeneutik
Psychoanalyse (Hans-Georg Soeffner I ]ürgen Raab) 546
(Michael Schödlbauer) 395 11.6 Kulturwissenschaftliche Psychologie
10.5 Wahrheit, Macht, Subjekt. Historische (]ilrgen Straub) 568
Kategorien im Werk Michel Foucaults 11.7 Psychoanalyse als Kulturanalyse
(Angelika Epple) 416 (Matthias Kettner) 592
10.6 Perspektiven einer sprachpragmatischen 11.8 Kulturwissenschaftliche Pädagogik
Kulturtheorie (loachim Renn) 430 (Käte Meyer-Drawe) 6oz
10.7 übersetzung als Medium interkultureller 11.9 Kulturwissenschaftliche Ansätze in den
Kommunikation und Auseinandersetzung Literaturwissenschaften
(Doris Bachmann-Medick) 449 (Georg BoUenbeck!Gerhard Kaiser) 615
11.10 Kunst, Medien, Kultur.
Konjunkturen des Wissens
11 Kulturwissenschaftliche Methoden (Stefan Rieger) 638
und Ansätze in den Disziplinen 11.11 Protestantische Theologie im Horizont
der Kulturwissenschaften
11.1 Cultural studies - Forschungsfelder
und Begriffe (Heidrun Friese) 467 (Petra Bahr) 656
11.12 Philosophie als Theorie der Kultur
11.2 Methodenfragen einer kultur
und der Kulturwissenschaften
wissenschaftlichen Politologie
(Frank Nullmeier) 486 (Oswald Schwemmer) 671
11.3 Der cultural turn in der Ethnologie
und der Kulturanthropologie
(Werner Schiffauer) 502
11.4 Historische Kultorwissenschaft
(Friedrich ]aeger) 518 Autorinnen und Autoren 687
VII
Vorwort
Die Kulturwissenschaften befinden sich momentan ditionen kulturwissenschaftlichen Denkens wurden
in einer ambivalenten Lage. Einerseits gewinnen sie bislang in ausreichender Klarheit herausgearbeitet.
zunehmendes Gewicht für die Prozesse der kulturel Infolge dieser unübersichtlichen Diskussionslage
len Deutung und Orientierung gegenwärtiger Gesell droht •Kultur« zu einem Allgeroeinplatz zu werden,
schaften, nicht zuletzt im Kontext der interkulturel der keinerlei analytische Trennschärfe mehr besitzt
len Verständigung in einer globalisierten Welt. An und die Fragestellungen, Perspektiven, Methoden,
dererseits ist ihr fachliches, theoretisches und metho Funktionen und Erkermtnisleistungen der mit ihr be
disches Selbstverständnis keineswegs hinreichend fussten Wissenschaften nicht mehr zu bündeln und zu
geklärt Auch gibt es derzeit keinen Konsens in der begründen vermag. Damit stehen nicht nur der fach
Frage, ob die Kulturwissenschaften im Sinne einer liche Zusammenhaag und die Dialogfiihigkeit, son
einheitlichen Disziplin institutionalisiert, oder ob sie dern auch die Legitimität der Kulturwissenschaften als
in der Pluralität teils traditioneller, teils neuer Fach Instanzen der kulturellen Deutung und Orientierung
wissenschaften betrieben werden sollen. Das vorlie auf dem Spiel. Angesichts dieser schwierigen Situation
gende Handbuch plädiert für den zweiten Weg. Dazu möchte das vorliegende Handbuch, das die Kultur
sollen die trans-und interdisziplinären Fragestellun wissenschaften mit ihren bereits erwiesenen Stärken,
gen, die sich bislang erst sehr vereinzelt bemerkbar aber auch mit ihren offenen Fragen vorstellt und auf
machen, stärker vernetzt werden, um sie als kultur einander bezieht, einen überblick über den Stand der
wissenschaftliche Forschungsperspektiven in den Diskussion bieten, der zu weiterer Klärung und Ko
verschiedenen Disziplinen fruchtbar zu machen. Die operation motiviert Zu diesem Zweck wurden von
se Tendenz zu einer flicherübergreifenden Koope nahezu einhundert Autoren Beiträge erarbeitet, die
ration entspricht zwar einer seit Iängerern erhobenen einen weit geflicherten Einblick in Grundfragen der
Forderung, hat sich aber in jüngerer Zeit verstärkt kulturwissenschaftlichen Forschung eröffnen.
und zeitigt ermutigende Ergebnisse. Im ersten Band •Grundlagen und Schlüsselbegrif
Die Schwierigkeit, das interdisziplinäre Proffi der fe« wird die derzeitige Lage der Kulturwissenschaften
Kulturwissenschaften und die Spezifik ihrer jeweiligen anband der theoretischen Leitkategorien Erfahrung,
Erkenotnisleistungen zu bestimmen, hat nicht zuletzt Sprache, Handlung, Geltung, Identität und Ge
mit der wachsenden Internationalität der Disknssion schichte sondiert Dabei werden diese Begriffe stets
zu tun. Sie hat dazu gefilhrt, dass eine Verständigung auch mit ihrem Gegenstand konfrontiert: mit der
über disziplinäre Strukturen und Abgrenzuogen, über •gelebten Kultur« und mit den lebenspraktischen
methodische Konzepte und Forschungsstrategien so HerausfOrderungen, die sie beinhaltet. Die Konzep
wie schließlich über praktische Aufgabenfelder und tion des Bandes ist von der Oberzeugung geleitet,
Funktionsbestimmungen der Kulturwissenschaften dass die Kulturwissenschaften sich nicht seihst genü
komplexer geworden ist. »Kuiturwissenschaften« im gen. Vielmehr sollen sie die dem kulturellen Leben
Sinne deurscher Traditionen des frühen 20. Jahrhun selber inhärenten Ansprüche, Herausforderungen,
derts meinen offensichtlich etwas anderes als die Problerne und Aporien zur Sprache bringen. Ob
•Cultural Studies« britischer und amerikanischer Prä das bislang wirklich in aogeroessener Weise gesche
gung oder als die aus der Annales-Tradition, der hen ist, wird ausdrücklich zur Diskussion gestellt. In
Phänomenologie oder dem Poststrokturalismus her diesem Sinne präsentieren die Beiträge nicht etwa
vorgegangenen französischen Strömungen kulturwis einen letzten Erkenotnisstand, sondern sollen die
senschaftlichen Denkens. Weder die Verwandtschaf kulturwissenschaftliche Arbeit neu inspirieren.
ten und Gemeinsamkeiten noch die Unterschiede Im hier nun vorliegenden zweiten Band geht
und Divergenzen zwischen diesen verschiedenen Tra- es unter dem Titel »Paradigmen und Disziplinen«
VIII Vorwort
um die epistemologischen, methodologischen und Vielfalt von Positionen, Zugriffen und Disziplinen
fachlichen Grundlagen der Kulturwisseoschaften in dokornentiert und ein Beitrag zur Klärung ihres
einem weiten Sinne. Die Hauptthemen sind der Verhältnisses zueinander geleistet werden. Zugleich
Zusammenhang von methodischer Rationalität geht es darum, diese Vielfalt der kulturwissenschaft
und Lebenspraxis, die grundlegenden wissenschaft Iichen Forschung auf übergreifende Fragen und
lichen Problemstellungen, einflussreiche theoreti Problemstellungen hin zu beziehen. Daher wurden
sche Ansätze wie Handlungs- und Systemtheorie, die einzelnen Bände, Kapitel und Artikel des Pro
Sprachpragrnatik, strukturalistische und poststruk jekts so weit wie möglich aufeinander abgestimmt,
turalistische Konzeptionen oder allgernein relevante um die Verzahnung der Grundbegriffe, Methoden
Methodenkonzepte. Schließlich werden zahlreiche und Themen der Kulturwissenschaften transparent
traditionelle Disziplinen - teilweise gegen den werden zu lassen.
Strich ihres jeweils dominierenden Selbstverständ Realisiert werden konnte das Unternehmen allein
nisses - als Kulturwissenschaften präsentiert, wobei aufgrund der engagierten Mitwirkung seiner Auto
sowohl historische Rekonstruktionen als auch sys rinnen und Autoren. Ihnen sei dafür an erster Stelle
tematische Reflexionen angestellt werden. herzlich gedankt. Nur in wenigen Fällen konnten
Im dritten Band »Themen und Tendenzen« liegt ursprünglich vorgesehene Artikel und Themen kei
der Schwerpunkt auf den in den Kulturwissenschaf ne Berücksichtigung finden, da ihre Bearbeiter die
ten gegenwärtig favorisierten und angewandten In zugesagten Beiträge nicht fertig gestellt haben.
terpretationsmodellen von Kultur, Wirtschaft, Ge Der Arbeit der Autorinnen und Autoren gingen
sellschaft, Politik und Recht. In ihm ziehen die jedoch mehrere Schritte voraus, die fiir die Reali
Autoren eine Zwischenbilanz aktueller Forschungs sierung dieses Handbuchs ebenfalls wichtig waren:
trends und präsentieren wichtige Ergebnisse der Hervorgegangen ist es aus Diskussionen, die seit
empirisch-analytischen Arbeit. 1997 innerhalb der Studiengruppe >Sinnkonzepte
Diese Gliederung soll die Diskussion darüber, was als Iebens- und handlungsleitende Orientierungs
Kulturwissenschaft ist, zusammenfassen und einen systeme« und seit Oktober I999 zusärzlich in der
überblick bieten, der mehr als nur eine Bestands Studiengruppe »Lebensformen im Widerstreit.
aufnahme darstellt. Sie versucht eine Ordnung in die Identität und Moral unter dem Druck gesellschaft
Debatte zu bringen, die sie einen Schritt weiterführt licher Desintegration« am Kulturwissenschaftlichen
zu einer systematischen Rellexion von Grundlagen, Institut in Essen geführt worden sind. Allen Wis
Kategorien und Erkenntnisfeldem, von transdiszipli senschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich
nären Voraussetzungen, Implikationen und Fuok entweder als Mitglieder oder als Gäste dieser beiden
tionen des kulturwisseoschaftlichen Denkens, von Studiengruppen an der Vorbereitung des Unter
interdisziplinären Konstellationen, V erllechtungen nehmens beteiligt haben, gilt unser Dank.
und überschneidungen. Schließlich werden tnit aus Neben ihnen danken wir den Mitarbeiterinnen
gewählten Forschungsparadigmen auch Praktiken und Mitarbeitern des Kulturwissenschaftlichen Insti
der kulturwissenschaftchen Erkenntnisarbeit prä tuts in Verwaltung und Bibliothek fiir ihre Hilfe bei
sentiert. Theoretische Grundlagenrellexion, metho der Durchf!lhrung dieses Unternehmens, vor allem
dologische Selbstvergewisserung und forschungs Ursula Sanders fiir die Sorgfalt und Kompetenz, mit
praktische Erfahrungen werden in ein systematisches der sie fiir die formale Gestaltung und Vereinheitli
Verhältnis zueinander gesetzt. Dadurch soll die De chung aller Manuskripte gesorgt hat sowie Kerstin
batte um den cultural turn in den Humanwissen Nethövel und Annelie Rammsbrack fiir ihre Unter
schaften angeregt, erweitert und vertieft werden, - stützung bei der Endkontrolle des Textes. Bernd Lutz
ein Überblick über das Ganze, das dem Einzelnen vom Verlag J.B. Metzler danken wir schließlich fiir
zugute kommen kann und weitere Erkenntnisfort die verlegerische Betreuung des Handbuchs.
schritte stimulieren soll.
Essen im März 2003
Andererseits soll tnit diesem Handbuch kein be
stimmtes Verständnis von Kultur und Kulturwis Friedrich Jaeger I Burkhard Liebsch I Jörn Rüsen I
senschaft festgeschrieben werden. Vielmehr soll die Jürgen Straub
IX
Einführung
Friedrich Jaeger I fürgen Straub
Der zweite Band dieses Handbuchs der Kulturwis Begriffsbilduog uod Darstelluog verpflichtet sind,
senschaften weist die Kulturwissenschaften als In die die Enrwickluog theoretischer Begriffe und Re
stanzen der methodischen Erforschuog uod Refle präsentationsfonnen an die vorwissenschaftliche
xion derjenigen »Kultur« aus, die im ersten Band Praxis bindet, wobei sie durchaus konzedieren
entlang kulturwissenschaftlicher Gruodbegriffe ab mag, dass diese Praxis von wissenschaftlichen, sys
gesteckt wordeo ist. Er ist dabei im Einzelnen den tematisch-methodischen Bernühuogen um Er
lebenspraktischen Kontexten, den paradigmati kenntnis unterschieden bleibt.
schen Methodenkonzepten sowie den disziplinären Ein wesentliches Ziel von Kapitel 7 ist es, die
Ausprägungen der gegenwärtigen Kulturwissen kulturwissenschaftliche Erfuhruogs-und Erkenntnis
schaften gewidmet: Kapitel 7 behandelt zunächst bildung als ein Unternehmen darzulegen, das sich in
Gruodfragen des Verhältnisses zwischen Kulturwis vieleo Hinsichten nur graduell von andereo Formen
senschaften uod Lebenspraeis; Kapitel 8 widmet kulturellen Wissens und kultureller Orientierung un
sich in fileherübergreifender Perspektive zentralen terscheidet. V erwandtschafteo mit lebensweltlichen
Problemstelluogen uod Ausätzen kulturwissen V erfuhren der Reflexion von Sinnstruktureo sind
schaftlicher Arbeit; Kapitel 9 und 10 zielen jeweils nicht zuletzt in genetischen Beziehungen begründet,
auf die handluogs-oder sprachtheoretische Gruod ist doch die wissenschaftliche Erkenntnis in der kul
struktur kulturwissenschaftlichen Wissens; in Kapi turellen Praxis der Lebenswelt verwurzelt und dieser
tel 11 steht schließlich seine disziplinäre Verfasst letztlich auch unter pragmatischen Aspekten ver
heil im Vordergrund, so dass der Band auch eine pflichtet. Daran ändert auch die Tatsache, dass die
exemplarisch gehaltene Obersicht über fuchspezi methodischen Operationen kulturwissenschaftlicher
fische Methoden und Zugrifßweisen der einschlä Forschung in (weitgehend) handlungsentlasteten Si
gigen Disziplinen bietet. Der Oberblick berücksich tuationen erfolgen und nicht unmittelbar unter Ent
tigt jene Disziplineo, die dem cultural turn der scheidungsdrock und Handlungszwängen vollzogen
letzten Jahre seine wesentlichen Konturen verliehen werden, nichts Entscheidendes. Die Kulturwissen
habeo, aber auch solche, die erst allmählich ins schafteo haben ihren Ort nicht außerhalb, sondern
Einflussfeld dieser komplex angelegten »Wende« innerhalb der Kultur.
geraten. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage
Epistemologische, methodologische und metho nach den lebenspraktischen Funkrioneo der Kultur
dische Reflexionen, wie sie in diesem Band ange wissenschaften. Gegenwärtig wird diesen Disziplinen
stellt werden, tragen nicht zuletzt der Tatsache von verschiedenen Seiten eine gewichtige Rolle im
Rechnung, dass »Kultur« nicht als etwas schlechter kulturellen Haushalt moderner Gesellschaften zuge
dings Vorfindbares, als factum brutum zum Gegeo sprochen. Ihre öffentlich erörterten Aufgaben um
stand kulturwissenschaftlicher Erkenntnis werden Jassen empirische Forschuogen, interpretative Ana
kann, sondern stets im Zuge theoretischer Konzep lysen und politische Aufklärung sowie Kritik und
tualisierungen und methodisch-empirischer Zu Orieotieruogshilfe (teilweise sogar bis hin zur Poli
gänge thematisch wird. Dies gilt selbst dano, wenn tikberatung) in Konflikt- oder Krisensituationen,
die empirische Arbeit in den Kulturwissenschaften wie sie für moderne, multikulturelle Gesellschaften
den Ansprücheo lebensweltlicher, nicht schon wis uod ihr Verhältnis zu ihren Umwelten typisch ge
senschafrlich-methodisch ausgewiesener Erfuhruo worden sind. Die gewiss legitimen Anaprüche, die an
gen gerecht zu werden und an diese anzuschließen die Kulturwissenschaften im Sinne des Aufgreifuns
sucht. Dies ist etwa dort der Fall, wo sinnverstehen praktischer Orientierungs-, Verständigungs-und In
de Methoden einer Logik kulturwissenschaftlicher teralctionsprobleme gestellt werden, bergen freilich
X Einführung
auch eine Gefahr in sich. Diese besteht darin, dass Differenzen Möglichkeiten rationaler, nicht von
die Kulturwissenschaften (sukzessiv) ihrer wissen vornherein arn starren Maßstab des jeweils »Eige
schaftsspezifischen Autonomie beraubt und einseitig nen« ausgerichteter Kulturvergleiche offen stehen.
für lebenspraktische Interessen in Dienst genommen Wie solche vergleichenden Untersuchungen metho
werden. Dem entgegenzuwirken gehört zu den Auf dologisch konzipiert und methodisch durchgeflihrt
gaben der heutigen Kulturwissenschaften. Diese werden können, ist eine der wichtigen und keines
müssen in einem Konfliktfeld, in dem sich berech wegs abschließend beantworteten Fragen heutiger
tigte, in der Öffentlichkeit erhobene Legitimations Kulturwissenschaften, die ebenfalls zum Unter
ansprüche allzu leicht in Faktoren der lnstrwnenta suchungsgegenstand dieses Kapitels gehört
lisierung verwandeln, das Verhältnis zwischen Wis
senschaft und Lebenspraxis in eigener Regie zu be Eine Erörterung des Verhältnisses von Kulturwis
stimmen suchen. senschaft und Lebenspraxis wäre unvollständig,
wenn nicht auch die Spezifik kulturwissenschaftli
Der innere Zusammenhang zwischen der inunanen cher Geltungsansprüche thematisiert würde. Zwar
ten Reflexivität praktischer Lebensvollzüge auf der partizipieren die Kulturwissenschaften an einer im
einen Seite und der methodengeleiteten Reflexion mer schon existierenden inneren Selbstreflexivität
der Kulturwissenschaften auf der anderen legt es der Lebenspraxis und der in ihr präsenten kulturel
ferner nahe, die Kulturwissenschaften als Prob len Sinnkonzepte. Jedoch realisieren und steigern
lemwissenschaften zu charakterisieren: Sie begreifen sie diese Reflexivität auf eine besondere Weise:
kulturelle Konflikte, Ktisenerfahrungen und Orien nämlich im Rückgriff auf explizite Theorieannah
tierungsprobleme als Herausforderungen und be men und methodische Verfahren. Sie sind es, die
schreiben bzw. interpretieren sie im Rahmen ihrer den Kultutwissenschaften ein Maß an Reflexivität
methodischen Arbeit Eine interessante und bislang verleihen, das ihnen einen besonderen Ort im Ge
allenfalls in Ansätzen beantwortete Frage lautet, ob füge einer kulturell immer schon reflektierten Le
sich zwischen dem Wandellebenspraktischer Krisen benspraxis zuweist. Der Frage nach dieser spezifisch
erfahrungen oder Orientierungsprobleme und der methodischen Rationalität der Kulturwissenschaf
Entwicklung der Kulturwissenschaften ein Zusam ten wird vornehmlich im letzten Beitrag dieses Ka
menhang nachweisen lässt. Eine wissenschafts pitels nachgegangen.
geschichtlich informierte Methodologie, die diesen
Zusammenhang zumindest an exemplarischen Fällen KapitelS widmet sich fundamentalen Problemstel
zu rekonstruieren hätte, ließe sich als eine Art kul lungen, die in den aktuellen Debatten einen heraus
turwissenschaftliche »Fundarnentalheuristik« aus ragenden Stellenwert besitzen und in der Methodo
weisen. Auch zu deren Explikation versuchen die logie, Methodik und Praxis empirischer Forschung
Beiträge dieses Kapitels einen Beitrag zu leisteiL ihre Spuren hinterlassen haben. Zu ihnen gehört
etwa der alte, aber bis in die Gegenwart andauernde
Eine besondere Schwierigkeit im Verhältnis zwi Streit darwn, ob die Wissenschaften ihren Gegen
schen Kulturwissenschaften und Lebenspraxis hängt stand zumindest partiell erst durch spezifische
mit der Tatsache zusammen, dass Kulturwissen Handlungen, Operationen und Verfahren konstitu
schaften nicht nur disziplinär, theoretisch und me ieren und ob diese wissenschaftlichen Konstituti
thodisch plural strukturiert sind, sondern auch mit ons- oder Konstrulrtionsleistungen die Ansprüche
verschiedenen Kulturen und deren Vergleich befasst realistischer Epistemologien und Methodologien
sind. Neben historisch konstitnierten Differenzen untergraben. Mit dieser Frage steht nicht zuletzt
finden in jüngerer Zeit verstärkt die Unterschiede der Empiriebegriff selbst auf dem Prüliitand.
synchron existierender Kulturen und ihrer Lebens
formen Beachtung. Im Zentnun steht dabei die Fra Nicht nur dort, wo eine nomologische Wissen
ge, ob verschiedene Kulturen als heterogene, prinzi schaftsauffassung vorherrschend ist, gehört der
piell inkommensurable Wirklichkeiten aufgefasst Universalismus zu den stillschweigenden metatheo
werden müssen, oder ob trotz aller beobachtbaren retischen Grundannahmen, die die Ziele, die Me-