Table Of ContentIsabel Neto Carvalho
Gymnasium
und Ganztagsschule
Videographische Fallstudie zur
Konstitution pädagogischer Ordnung
Gymnasium und Ganztagsschule
Isabel Neto Carvalho
Gymnasium
und Ganztagsschule
Videographische Fallstudie zur
Konstitution pädagogischer Ordnung
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Till-Sebastian Idel
Isabel Neto Carvalho
Kaiserslautern, Deutschland
Dissertation, Universität Bremen, 2014
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ISBN 978-3-658-18357-8 ISBN 978-3-658-18358-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-18358-5
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Geleitwort
Das Gymnasium spielt in der Ganztagsschulforschung bislang eine e-
her marginale Rolle. Ganztagsschulentwicklung wird eher mit den an-
deren, sogenannten neuen Sekundarschulen in Verbindung gebracht.
Im Zuge der Strukturveränderungen in der Sekundarstufe I wächst
aber auch der Transformationsdruck auf das Gymnasium. Die Einrich-
tung von ganztagsschulischen Angeboten stellt einen Modernisie-
rungspfad dar, und zwar nicht nur hinsichtlich der Bearbeitung von
Strukturproblemen, die sich mit der Verkürzung der gymnasialen
Schullaufbahn auf 8 Jahre ergeben haben. Auf der einen Seite ist das
Gymnasium nach wie vor die Leitfigur im deutschen Schulsystem, auf
der anderen Seite wächst der Druck, angesichts eines fehlenden Um-
gangs mit der wachsenden Heterogenität der Schülerschaft und einer
bislang kaum ausgebauten Kultur der individuellen Förderung die
Lern- und Schulkultur an Gymnasien zu verändern.
Isabel Neto Carvalho setzt in ihrer äußerst anregenden Dissertation an
diesem Problemkontext an. Sie zeichnet in einer differenzierten dich-
ten Beschreibung auf der Grundlage qualitativer Rekonstruktion von
Angebotsvideografien nach, wie der Ganztag in der Lernkultur eines
Gymnasiums Gestalt gewinnt. Das von ihr untersuchte Gymnasium ist
gerade nicht eine traditionelle exklusive Bildungsanstalt, sondern eine
‚Schule für die Meisten’, die sich am mittelstädtischen Standort mit
konkurrierenden Gymnasien positionieren muss.
Theoretisches Rüstzeug ihrer Arbeit ist zum einen eine Lernkultur-
analyse, in deren Mittelpunkt die Frage steht, wie Schüler/innen im
Vollzug der pädagogischen Ordnungen von konkreten Angeboten als
Lernende subjektiviert werden. Zum anderen geht Isabel Neto Car-
valho vom schultheoretischen Rahmen der Hallenser Schulkulturfor-
schung aus. Außerdem wird methodologisch innovativ die Se-
quenzanalyse der Objektiven Hermeneutik auf die verschriftlichten
Lerngeschichten bezogen. An fünf ausführlich dargestellten und mit
größter Sorgfalt und Tiefenschärfe rekonstruktiv erschlossenen Fäl-
6 Geleitwort
len aus unterschiedlichen Ganztagsangebotselementen (vom Freizeit-
angebot über unterrichtsergänzende Angebote bis hin zur Hausaufga-
benbetreuung) diskutiert Isabel Neto Carvalho Frage nach schulischer
Subjektivierung im Ganztag. Sie kommt zum Schluss, dass die Praxis
der von ihr analysierten Angebote hinter den von den schulischen Akt-
euren selbst proklamierten Erwartungen an einen reformierten, geöff-
neten Gymnasialunterricht, der den Schüler/innen erweiterte Lern-
räume bietet, zurücksteht. Vielmehr reproduziert sich die schul-
kulturelle Ordnung und die mit ihr verbundenen pädagogischen Ori-
entierungen, die Isabel Neto Carvalho auch an der objektiv hermeneu-
tischen Rekonstruktion von Interviews mit Professionellen herausar-
beitet. Es wird ein gymnasiales Subjekt kultiviert, das sich als sog.
‚Einzelleister’ zu verstehen lernen und selbständig und diszipliniert
mit Aufgaben umgehen soll, die für alle gleich sind. Der Ganztag dient
– so lässt sich in diesem Fall zusammenfassen – der Gymnasialisierung
eines Klientels, das nicht schon aus dem traditionellen gymnasialen
Milieu herkommt. Welche Facetten diese Subjektivierungsform in
praxi charakterisieren, kann in den instruktiven Fallstudien von Isabel
Neto Carvalho nachgelesen werden.
Mit der Dissertation wird ein materialreicher, empirisch fundierter
Aufweis einer Adaptionsform an einem Gymnasium ausgebreitet, das
sicherlich für ein Segment der gymnasialen Kultur exemplarisch ist,
nämlich Gymnasien, die weniger von ihrer Exklusivität zehren, son-
dern eher einen niedrigschwelligen Zugang zur gymnasialen Bildung
bieten und sich so aufstiegsorientierten Milieus öffnen. Die Studie von
Isabel Neto Carvalho vermittelt so einen vorzüglichen Eindruck davon,
wie Ganztagsschule als bildungspolitisches Reformprogramm nicht
einfach übernommen, sondern in das Setting der einzelschulspezifi-
schen Lernkultur und ihrer Geschichte übersetzt wird.
Isabel Neto Carvalho bearbeitet mit ihrer fallrekonstruktiven Studie
ein Desiderat, das sich einerseits aus dem Fehlen schulformspezifi-
scher Fall- und Detailstudien zur Ganztagsschulentwicklung ergibt.
Andererseits trägt sie zur Empirisierung der schultheoretischen Dis-
kussion um den Strukturwandel der gymnasialen Schulkultur bei. Die
Studie stellt also eine Pionierarbeit zur Ganztagsschulempirie wie
Geleitwort 7
auch zur Forschung über das Gymnasium dar. Aus der überzeugenden
und wegweisenden Studie ergeben sich weiterführende Forschungs-
fragen, die in zukünftigen Forschungsvorhaben zum Strukturwandel
des Gymnasiums, zu Verschiebungen gymnasialer Subjektformungs-
prozesse und zu Veränderungen der pädagogischen Arbeit in der hö-
heren Schule angegangen werden sollten.
Dankeschön
Die vorliegende Studie entstand auf der Grundlage eines videogra-
phisch-rekonstruktiven Dissertationsvorhabens, mit dem aufwendige
qualitative Auswertungsverfahren verbunden waren. Das bedeutet in
besonderem Maße, dass nur wenige der Kapitel dieser Arbeit – schon
weil es die gute Forschungspraxis vorgibt – alleine aus meiner Feder
entstanden sind, gezückt am einsamen Schreibtisch zuhause. Auch
deshalb bedanke ich mich bei einigen Menschen.
Vor allen anderen bedanke ich mich bei Sebastian Idel für die sehr gute
Betreuung: Für die Inspirationen auf unzähligen Ebenen, aber auch für
den seelischen Beistand und den anerkennenden, immer auch freund-
schaftlichen Zuspruch. Bei der konzeptionellen Gestaltung meiner Ar-
beit haben mich die Teilnehmer*innen des Mainzer Forschungskollo-
quiums der AG Schulforschung/Schulpädagogik in den Jahren 2007
bis 2011 unterstützt. Ihnen an dieser Stelle vielen Dank und alles Gute
für die weitere Forschungsarbeit. Großen Anteil an Interpretationsan-
sätzen, aber vor allen an der Entwicklung meiner theoretischen und
methodischen Zugänge hatte das Mainzer und Berliner LUGS-Team.
Von ihnen waren besonders am Feinschliff einiger Interpretationen
Kerstin Rabenstein und Anna Schütz beteiligt. Anna danke ich eben-
falls für das umfangreiche Beraten, Feedback geben und Händchenhal-
ten zur schwierigsten Zeit. Sebastian Veits danke ich neben der ge-
meinsamen Interpretationsarbeit für die akribische und feingeistige
Überarbeitung der szenischen Beschreibungen. Vielen Dank auch an
Hanna Berger und Daniel Carvalho für die notwendigen Korrekturen.
Danken möchte ich auch Oliver Carvalho, für die liebevolle Umsor-
gung, für das stete Zutrauen und Vertrauen und für das an der Hand
nehmen beim Parcourlauf durch den Formatierungsdschungel. Eine
weitaus weniger „schwere Geburt“ war die meiner Tochter Leyla ge-
gen Ende des Dissertationsprojektes. Sie hat mich sehr für sich einge-
nommen und mir neue Perspektiven eröffnet. Vielen Dank meinen
starken „Meenzer Mädels“ für die ablenkenden und entspannenden
Momente.
10 Dankeschön
Dieses Buch wurde in Erinnerung an Fritz-Ulrich Kolbe und Bernhard
Stelmaszyk geschrieben. Viele ihrer Gedanken haben hier Einzug ge-
funden.
Gewidmet ist es meinen Eltern. Danke. Obrigada.
Isabel Carvalho, Kaiserslautern im Februar 2017
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 21
2. Wandel der gymnasialen Schulkultur:
Transformation des Gymnasiums und Konstitution
des gymnasialen Subjekts 29
2.1. Der Weg des Gymnasiums von der „Schule für die Elite“
zur „Schule für die Meisten“ 30
2.1.1. Wandel des Gymnasiums von der Jahrhundert- bis zur
Jahrtausendwende 32
2.1.2. Unter erhöhtem Transformationsdruck: Das
Gymnasium des neuen Jahrtausends 39
2.2. Ganztagsschule als Entwicklungsperspektive 43
2.3. Das Gymnasium im Spiegel empirischer Schulforschung 48
2.4. Zusammenfassung und Herleitung der Fragestellung:
Ein kulturtheoretischer Zugang zur Schulkultur und
zur pädagogischen Ordnung des Gymnasiums 56
3. Schulkultur- und Lernkulturtheorie als
theoretischer Bezugsrahmen 63
3.1. Schulkulturtheorie als Heuristik gymnasialer
Transformationsprozesse 65
3.1.1. Der Hallenser „Schulkulturbegriff“ 67
3.1.2. Schulkulturtheorie als schultheoretischer Bezugs-
rahmen und ihre Weiterführung 72
3.2. Lernkulturtheorie als Heuristik pädagogischer
Praktiken 75
3.2.1. Lernkultur und pädagogische Praktiken 75