Table Of ContentGewalt und Geschlecht
Frauke Koher · Katharina Pühl (Hrsg.)
Gewalt und Geschlecht
Konstruktionen, Positionen, Praxen
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2003
Titelabbildung: Regina Kirsch, Kassel, o.T., 1999 Acryl
Bildbearbeitung: Wolfgang Hörbe, Frankfurt/M.
Korrektorat Matthias Pühl, Thomas Schwietring
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier.
Die Deutsche Bibliothek-CIP-Einheitsaufnahme
Ein Titeldatensatz für die Publikation ist bei
Der Deutschen Bibliothek erhältlich
ISBN 978-3-8100-3626-1 ISBN 978-3-663-10174-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-10174-1
© 2003 Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Leske + Budrich, Opladen 2003
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Inhalt
Katharina Pühl
Zwischen Diskurs und Subjekt. Einleitung.............................................. 7
I. Gewaltdiskurse, Geschlecht und Recht
1. Konstanze Plett
Intersexuelle-gefangen zwischen Recht und Medizin .................... 21
2. Regina-Maria Dackweiler
Rechtspolitische Konstruktionen sexueller Verletzungsoffenheit
und Verletzungsmächtigkeit Zur Verrechtlichung von
Vergewaltigung in der Ehe in der Schweiz und der Bundesrepublik
Deutschland ...................................................................................... 43
3. Jens Dobler
Antischwule Gewalt: Hintergründe und Gegenperspektiven ............ 67
II. Kulturelle Repräsentationen und Grenzen von
Zwei-Geschlechtlichkeit und Gewalt
4. Urte Böhm und Daniela Marx
(K)Ein Spiel ohne Grenzerfahrung? Gewalt und vergeschlechtlichte
Konstruktionen ,kultureller Differenz' in multikulturalistischen
Repräsentationen . . .. . . . .. . . ... . . . . ... ....... .. .. . ... .. .. . . . . . . . . .. .. . .. .. . . .. . .... .. . .. .. .... .. 85
5. Doro Wiese
Das Zerschlagen todbringender Eindeutigkeit im Film Dandy Dust
oder: Wie man aus dem Körper ein Vermögen macht ...................... 117
6 Inhalt
111. Psychoanalytische Positionen zum Verhältnis von Gewalt und
Geschlecht
6. Frauke Koher
Friedfertige Mädchen? Psychoanalytische Diskurse über
Geschlecht und Aggression in der Adoleszenz ................................. 141
7. RolfPohl
Paranoide Kampfhaltung. Über Fremdenhass und Gewaltbereitschaft
bei männlichen Jugendlichen ................................................................ 161
IV. Neu-Konstruktionen der Geschlechterverhältnisse im
Gewalthandeln? Praxen
8. Mechthild Bereswill
Gewalthandeln, Männlichkeitsentwürfe und biographische
Subjektivität am Beispiel inhaftierter junger Männer ....................... 189
9. Kirsten Bruhns
Gewaltbereitschaft von Mädchen und jungen Frauen -
Ausdruck einer Neupositionierung im Geschlechterverhältnis? ....... 213
Autorinnen ... ...... ....... .. ............ .. ... ...... .. .... .. .......... .... .............. ... .. .... .. . .. .... 229
Katharina Pühl
Zwischen Diskurs und Subjekt. Einleitung
Dieses Buch ist aus einer Vortrags- und Filmreihe hervorgegangen, die wir im
Rahmen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechterfor
schung (lAG FG) der Universität Kassel im Jahr 2001 veranstaltet haben. Für
diesen Band, in den weitere Texte aufgenommen worden sind, war unser An
liegen, praxisbezogene Überlegungen, Repräsentationsformen von Gewalt- und
Geschlechterverhältnissen und theoretische Analysen zu versammeln. An die
Autorinnen und Autoren richteten wir die Frage, wie sie die geschlechtsbezo
gene Ausübung von Gewalthandeln in Geschlechterverhältnissen hinsichtlich
unterschiedlicher Männlichkeits-und Weiblichkeitskonstruktionen analysieren.
Die Diskussion über geschlechtsspezifische Gewalt steht vor neuen Auf
gaben der Verknüpfung theoretischer Perspektiven. Einerseits hat die Main
stream-Sozialwissenschaft für ihre Diskussion von Gewalt noch einiges an
Lektüren feministischer Analysen zum Thema nachzuholen (vgl. bspw. das
Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie 1997). Regina Dackweiler
und Reinhild Schäfer sprechen von einer Rezeptionssperre gegenüber der
zahlreichen feministischen Literatur zum Thema geschlechtsspezifischer Ge
walt (2002). Aber auch zwischen feministisch orientierten Positionen zeich
nen sich Differenzierungen ab, die sich zum Teil aus dem Bezug auf unter
schiedliche theoretische Traditionen ergeben.
Viele reflektieren inzwischen selbstkritisch, welche Folgen Konzepte ei
nes binären Geschlechtermodells für ihre Analysen haben können und inwie
fern dies u.U. selbst zur verkürzenden Perspektive auf geschlechtsspezifische
Gewalt beiträgt, in der Männer mehrheitlich als Täter und Frauen mehrheit
lich als Opfer gesehen werden. Insofern gälte es, so Margrit Brückner, die
Beziehung zwischen der Konstruktion sozialer Phänomene und theoretischer
Gedankengebäude im Forschungsprozess zu beobachten, um Möglichkeiten
und Begrenztheiten der eigenen Deutung wahrnehmen zu können (2000, S. 3;
vgl. auch Hagemann-White 2002). Sie plädiert für einen geschlechtertheore
tisch reflektierten Gewaltbegriff, der von Vereinfachungen des Opfer-Täter
Verhältnisses absieht, und fordert die Neuformulierung von Konzepten ge
schlechtsspezifischer Gewalt aus kontextbezogenen Analysen.
8 Katharina Pühl
Auch wenn statistisch erhobene Zahlen wie auch das Ausmaß nur zu ah
nender Delikte geschlechtsspezifischer Gewalt nach wie vor mehrheitlich
darauf verweisen, dass geschlechtsspezifische Gewalt zumeist von Männern
ausgeübt wird, so rückt doch zunehmend in den Blick, dass auch Frauen (vor
allem im privaten Raum) gewalttätig sind. Zu erklären bleibt aber, wie sich
geschlechtsspezifisches Verhalten je nach Geschlecht und Kontext in Bezug
auf Gewalt unterschiedlich konstituiert, ohne Gewaltdiskurse auf die Be
schreibung dichotomisierender, von zweigeschlechtliehen Zuschreibungen
geprägter Vorstellungen von entweder aktiven oder passiven Subjekten zu
reduzieren (vgl. auch Harvey 1997). Mit dieser Reduktion ist die Gefahr ver
bunden, die Widersprüche sozialer Situationen und die Wirkungen asymme
trischer Geschlechterverhältnisse, in denen geschlechtsspezifische Gewalt
ausgeübt wird, durch unterstellte geschlossene Opfer- und Täteridentitäten
unsichtbar zu machen-und mit ihnen auch gesellschaftliche Wertvorstellun
gen und Vorstellungen über soziale Räume, die Gewalt geschlechtsspezifisch
konnotieren.
Welche veränderten Konzeptionen von Geschlechterverhältnissen zeich
nen sich nun in wissenschaftlichen Fragestellungen nach dem Zusammen
hang von Gewalt und Geschlecht ab? Eine Tendenz der letzten Jahre ist si
cherlich im Bereich der Gender Studies bzw. der Männerforschung zu ver
folgen. Sie formulieren Fragen nach den sozialen und individuellen "Kosten"
bestimmter Männlichkeitskonstruktionen. Sie untersuchen aber auch, wie ge
sellschaftlich neuere Selbstentwürfe von Geschlechterkonstruktionen bspw.
des "neuen Mannes" in Hinsicht auf Gewaltanteile der eigenen Person wie
derum oft ,nur' von einer im jeweils eigenen Leben verankerten Perspektive
ausgehen, die vorwiegend mit einem Emanzipationsverständnis der Gleich
stellung von Frauen und Männern in Erwerbsarbeit und Partnerschaft geerdet
ist, aber nicht insgesamt gesellschaftlich veränderte Geschlechterverhältnisse
fordert (vgl. Pech 2002).
Veränderungen in Geschlechterverhältnissen lassen aber Gewalt zuneh
mend auch als ,,Ressource" z.B. von Mädchen und weiblichen Jugendlichen
erkennen. In der bislang noch stark von zwei als entgegengesetzt wahrge
nommenen Geschlechtscharakteren geprägten öffentlichen Diskussion wer
den diese Handlungsformen tendentiell als männliches Verhalten kopierende
Strategie gelesen. Ob dies so ist oder sich hier nicht vielmehr ein ge
schlechtsspezifischer Diskurseffekt öffentlicher Wahrnehmung erkennen
lässt, muss an dieser Stelle und in dieser Allgemeinheit offen bleiben. Deut
lich wird aber, warum die Frage nach Konstruktionen von Weiblichkeiten
und Männlichkeiten und dem zwischen ihnen unterstellten Verhältnis pro
duktiv und wichtig sind. Es geht nicht nur um den Fokus auf individuelle
Handlungsstrategien, sondern auch um deren diskursiven Rahmen, Deu
tungshorizont und den lokalen wie auch den gesellschaftlichen Kontext von
Alltags-, Familien- und Gruppenpraxen, die Gewalthandeln legitimieren oder
delegitimieren. Dies für sich genommen ist kein Novum feministischer Ge-
Zwischen Diskus und Subjekt. Einleitung 9
waltanalysen. Was aber weiter vorangetrieben werden muss, ist die Frage
nach der Verfasstheit hegemonialer Geschlechterverhältnisse, die im Begriff
des Patriarchats nicht aufgehen. Er ruft die historisch geprägte begriffliche
Konnotation einer nur über eine bestimmte Geschlechterrelation organisier
ten Herrschaftsstruktur auf, die ein Neben- oder Unterordnungsverhältnis zu
anderen gewaltförmig strukturierten Herrschaftsverhältnissen nahezulegen
scheint. U.E. eröffnen sich hier neue Forschungsfragen, die demgegenüber
insbesondere die wechselseitige Artikulation unterschiedlicher Herrschafts
verhältnisse im Blick haben, wie insbesondere die von Sexismus und Ras
sismus. Damit steht Gewalt nicht so sehr als konstitutive Ressource von
Männlichkeit im Vordergrund, sondern eher die Frage nach der wechselseiti
gen "Verschlüsselung" (Bereswill i.d.B.) von Gewalt und Geschlecht, von
biographischen Optionen und gesellschaftlichen Geschlechterkonstruktionen.
In einer Zeit, in der sich in westlichen Gesellschaften wie auch der Bun
desrepublik tradierte Rollenvorstellungen vervielfältigen, teilweise ins Wan
ken geraten oder nebeneinander her unterschiedliche Vorstellungen von Ge
schlechterentwürfen existieren, stellt sexualisierte Gewalt erneut eine be
stimmte Form der Herstellung von (insbesondere heterosexueller, hegemonial
männlich kodierter) ,Ordnung' dar. Andererseits sind role models von Frau
en, die mit Gewaltanwendung als Machtpotential in Verbindung gebracht
werden, bislang eine nur subkulturell oder medienvermittelt mögliche Insze
nierung von Weiblichkeit. Diese sich widersprechenden Artikulationen von
Gewalt und ihre jeweilige Bedeutung für die Konstitution vergeschlechtlich
ter Subjekte - und damit den Handlungsrahmen von Individuen - lassen sich
sicher nur am Kreuzungspunkt der Auseinandersetzung unterschiedlicher
Theorieperspektiven weiter erhellen.
Unter diesem Aspekt beleuchten die hier versammelten Texte Fragen
nach der Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit im und durch Ge
walthandeln und in Gewalterfahrungen sowie die Bedeutung diskursiver
Räume von Gewaltverhältnissen. Wir verstehen Gewalt im Geschlechterver
hältnis mit Carol Hagemann-White als ,jede Verletzung der körperlichen
oder seelischen Integrität einer Person, welche mit der Geschlechtlichkeit des
Opfers und Täters zusammenhängt und unter Ausnutzung eines Machtver
hältnisses durch die strukturell stärkere Person zugefügt wird." (1992, S. 23)
Verbunden mit der individuellen körperlichen und/oder psychischen Verlet
zung sind also soziale Positionierungen, die über Gewaltanwendung organi
siert werden (können). Damit umfasst die Bedeutung von Gewalt nicht nur
den gewalttätigen Akt (violence), sondern auch soziale Machtverhältnisse,
deren Repräsentation oder im Gegenteil das Unsichtbarmachen von Personen
und Verhältnissen. Den hier versammelten Perspektiven ist gemeinsam, dass
sie Gewalt als soziales Verhältnis begreifen, das durch diskursive, institutio
nelle, individuelle und kollektive Aspekte konstitutiert, strukturiert und ge
staltet wird. Eines der Erkenntnisinteressen ist, Bedingungen und Möglich
keiten der sozialen Veränderbarkeit geschlechtsspezifischer Gewaltverhält-
10 Katharina Pühl
nisse zu eruieren (vgl. auch Szemeredy 1996). Für dieses Interesse spielen
Diskurse über Gewalt eine ebenso wichtige Rolle wie Institutionen oder Sozi
alstrukturelle Umfeldbedingungen von Gewalthandeln. In Zusammenhang
damit stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Diskursen und materiel
len sozialen Verhältnissen nicht als die von unterschiedlichen Problemhori
zonten, sondern als konstitutives Problem der Definition, Wahrnehmung und
Ausübung von Gewalt (vgl. Ehrlich 2002).
Die Kategorie Geschlecht bezieht sich in weitgefasster Definition damit
nicht nur auf Heterosexualität, sondern auf damit verbundene Formen von
Dominanz-, Hierarchie- und Gewaltverhältnissen zwischen heterosexuellen
und homosexuellen Personen sowie zwischen jeweils homosexuellen Perso
nen - oder solchen, die überhaupt nicht in diesem immer noch Zweige
schlechtlichen Schema verortet sind, z.B. Intersexuelle (vgl. Kessler 1998
und Hausman 1995) und TransGenderPersonen. Tomsen und Mason (2001)
zeigen bspw. für Australien, dass queere Aktivistinnen die Verkürzungen auf
ein heterosexuelles Verständnis von Geschlechterdifferenz deutlich gemacht
haben. Sie definieren Gewalt als abwehrende Antwort auf "gender disorder"
zur Bestätigung und Festigung der Grenzen und Hierarchien zwischen Män
nern und Frauen und zwischen Männern. Anknüpfend an Robert Connells
Theorem hegemonialer Männlichkeit (1995) als Gegenperspektive zu einem
verkürzten Patriarchatsbegriff wird deutlich, dass zwar heterosexuell organi
sierte Männlichkeiten das Dominanzmuster westlicher Gesellschaften sind
und darüber spezifische soziale Konflikte organisiert werden, die mit der ein
fachen Trennung Männer-Frauen nicht zu erfassen sind. Für die mit diesem
Dominanzmuster verbundenen sozialen Privilegierungsverhältnisse spielt
Homosexualität eine konstitutive (oft verdrängte) Rolle und ist nicht nur ein
,Sonderfall' sexueller Orientierung und sozialer Organisation. Die Konfron
tion von Perspektiven eines gesellschaftlichen Genderregimes mit einem Se
xualitätsregime und damit ein Anknüpfen an queere Theorieperspektiven
könnten für die Diskussion geschlechtsspezifischer Gewalt zukünftig ein um
fassenderes und nicht über eine Matrix argumentierendes Verständnis von
Gewalt erschliessen.
Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen von Täter-Opfer-Bezügen
variieren kontextuell (vgl. auch Richardson/May 1999): Während z.B. lesbi
sche Frauen vorwiegend im öffentlichen Raum von Männern als vermänn
lichte Frauen angegriffen und diskriminiert werden (Balsam 2001), sind die
Angriffsmuster gegenüber Schwulen eher von deren behaupteter Verweibli
chung bzw. dem Nicht-Männlichsein geprägt (vgl. Pohl, Dobler i.d.B.). Diese
Muster sind nicht übertragbar, wenn es gilt, das bislang verhältnismäßig we
nig untersuchte Feld von Gewalt etwa in lesbischen Beziehungen zu verste
hen, das von feministischen Perspektiven auf Gewalt gegen Frauen oft nicht
mitgedacht wird (vgl. Holzbecher u.a. 2000; Soine 2002). Balsam zeigt, dass
dies u.a. mit den Widersprüchen emanzipativer homosexueller und queerer
Politiken zusammenhängt, Schwule und Lesben gegen die Pathologisierungs-