Table Of ContentGewalt an Schulen
Reihe Schule und Gesellschaft
Herausgegeben von
Pranz Hamburger
Marianne Horstkernper
Wolfgang Melzer
Klaus-Jürgen Tillmann
Band 11
Wilfried Schubarth/
Fritz-Ulrich Kolbe/
Helmut Willems (Hrsg.)
Gewalt an Schulen
Ausmaß, Bedingungen und
Prävention.
Quantitative und qualitative
Untersuchungen in den
alten und neuen Ländern
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 1996
ISBN 978-3-663-10172-7 ISBN 978-3-663-10171-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-10171-0
© 1996 Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Leske+Buderich, Op1aden 1996
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Inhalt
Zum vorliegenden Band . . . . . . ... .. ... .. . . . . . . . . . .. . . . .. . . . . . . . .. .. ............ ...... . . ..... 7
1. Gewalt an Schulen: Ausmaß, Erscheinungsformen und
Bedingungsfaktoren -Ergebnisse einer vergleichenden
Schulleiterbefragung in Sachsen, Hessen, Baden
Württemberg und Thüringen
Wolfgang Melzer!Wilfried Schubarth
Zur Studie ........................................................................................... 21
Wi/fried Schubarth
Je liberaler, desto mehr Gewalt an Schulen?
Ergebnisse eines Ost-West-Vergleichs................................................. 29
Fritz-Ulrich Kolbe
Schulformspezifische Belastung durch abweichendes
Verhalten in bundeslandeigener Problemkonstellation
Ergebnisse einer vergleichenden Schulleiterbefragung.......................... 48
Horst Weishaupt
Der Einfluß schulorganisatorischer Bedingungen auf Gewalt
an Schulen -Befunde zur Situation in Thüringen .. .. ........................ .... 71
2. Gewalt aus der Perspektive von Schülern und Lehrern
Stefanie Wartz/Sabine Hamm/Helmut Willems/Roland Eckert
Gewalt und Fremdenfeindlichkeit in der Erfahrung
von Schülern und Lehrern .. .. .... .. .. .. .. ................................ .......... ......... 85
Wolfgang Melzer!Parviz Rostampour
Schulische Gewaltformen und
Opfer-Täter-Problematik...................................................................... 131
Hartmut Knopf
Gewaltauflällige Schüler -
eine Charakterisierung anband von Einzelfallstudien .......................... 149
3. Stand und Perspektiven schulischer Intervention
und Prävention gegen Gewalt
Wilfried Schubarth!Dorit Stenke
Gewaltintervention und -prävention als Merkmale
von Schulqualität Zwei Schulbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . .. .. . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . .. . 173
Christoph Ackermann
Interventions-und Präventionspraxis an Schulen -
Ergebnisse einer vergleichenden Schulleiterbefragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
Hermann Rademacker
Schulsozialarbeit vor neuen Herausforderungen -
Bilanz und Perspektiven der Schulsozialarbeit in
den alten und neuen Bundesländern..................................................... 216
Literatur . . . . .. .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . 23 9
Autorinnen und Autoren . . . . . . ...... ...... .. .. . .. . . .. . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . 248
Zum vorliegenden Band
Als das Thema "Gewalt an Schulen" Anfang der neunziger Jahre in die
Schlagzeilen1 geriet, schien für die breite Öffentlichkeit schon bald kein
Zweifel mehr zu bestehen, daß an vielen deutschen Schulen Gewalt vorherr
sche und diese eine völlig neue Qualität und Quantität erreicht habe. Nach
dem "Gewalt an Schulen" (wieder) zu einem Medienereignis2 und zu einem
bildungspolitisch brisanten Thema avancierte, reagierte auch die Wissen
schaft. Mittlerweile liegen neben zahlreichen empirischen Studien auch er
ste Überblickspublikationen und Sammelbände vor (vgl. z.B. Bründel/Hur
relmann 1994, Hornberg/Lindau-Bank/Zimmermann 1994, Tillmann 1994,
Lamnek 1995, GewaltLösungen 1995, Helsper/Wenzel1995, Kultusministe
rium des Landes Sachsen-Anhalt 1995, Schubarth/Melzer 1995, 2. Auflage,
Schwind u.a. 1995). Trotz dieser Forschungsaktivitäten bestehen jedoch
nach wie vor eine Reihe von Forschungsdesideraten, z.B. hinsichtlich ver
gleichbarer und verallgemeinerbarer empirischer Befunde zu Ausmaß, Er
scheinungsformen und Entwicklungstendenzen von Gewaltphänomenen an
Schulen und deren (schulspezifischen) Determinanten sowie hinsichtlich des
Standes und möglicher Perspektiven schulischer Gewaltprävention und -in
tervention, auch im Kontext der Schulentwicklung insgesamt.
Anliegen des vorliegenden Sammelbandes ist es, die genannten For
schungslücken schließen zu helfen, indem neuere quantitative und qualita
tive empirische Forschungsergebnisse und Analysen in den alten und neuen
Bundesländern vorgestellt werden. 3 Diese beziehen sich vor allem auf drei
Bereiche: Erstens werden Ergebnisse zu Ausmaß, Erscheinungsformen und
Entwicklungstendenzen von Gewalt an Schulen präsentiert (z.B. anband ei
ner vergleichenden Schulleiterbefragung in den Bundesländern Hessen,
Vgl. z.B. "ScWachtfeld große Pause" (Focus), "Schulalltag in OstdeutscWand. Die Gewalt ex
plodiert" (BILD am Sonntag), "Aufrüstung im Klassenzimmer - Die Gewalt macht Schule"
(Psychologie Heute), "Das hier ist brutaler Krieg" (STERN), "Die rasten einfach aus. An deut
schen Schulen explodiert die Gewalt" (SPIEGEL), "Tatort Schule -jeder flinfte ist bewaffitet"
(BILD), "Kinder-Mafia regiert im Klassenzimmer'' (Ruhr-Nachrichten), "Schießerei in der
Schule. Jugendliche immer brutaler'' (Dresdner Morgenpost) usw. usf.
2 Vgl. dazu z. B. Friedrichs 1995, Schubarth 1995, Schwind u.a. 1995.
3 Die Untersuchungen in Sachsen wurden durch das Aktionsprogramm der Bundesregierung
gegen Aggression und Gewalt (AgAG) gefOrdert.
8 Zum vorliegenden Band
Sachsen, Baden-Württemberg und Thüringen), wobei auch der Ost-West
Vergleich eine wichtige Rolle spielt. Zweitens werden Untersuchungsergeb
nisse zur Frage nach den gewaltlordemden bzw. -hemmenden Bedingungen
und Ursachenfaktoren, vor allem solcher, die innerhalb der Schule selbst
begründet sind und dort wirksam werden, vorgestellt. Dabei kommt der The
matisierung des Zusammenhangs von Schulqualität bzw. Schulentwicklung
und Gewalt besondere Bedeutung zu. Schließlich geht es drittens um die
Analyse der gegenwärtigen schulischen Interventions- und Präventionspra
xis und um Perspektiven ihrer weiteren Gestaltung auch mit Blick auf die
notwendige innere Schulreform.
Die Beiträge des vorliegenden Bandes wollen somit auf folgende Fragen
eine Antwort geben:
- Welche Gewalthandlungen kommen wie häufig vor, und wie stark wird dadurch
das Schulleben beeinträchtigt? Haben gewaltförmige Verhaltensweisen aus Sicht
der Lehrer/innen und Schüler/innen eher zu-oder abgenommen?
- Welche Unterschiede bestehen zwischen verschiedenen Bundesländern, zwi
schen Ost und West sowie zwischen verschiedenen Schulforrnen/Schulstruktu
ren?
- Wie nehmen Schüler/innen und Lehrer/innen Gewalterscheinungen wahr, und
wie deuten sie diese?
- Was sind strukturelle, situative, interaktionale und personale Bedingungen für
Gewalt? Welcher Stellenwert kommt in diesem Zusammenhang schulinternen
Faktoren zu?
- Wie reagieren die Schulen bzw. die Lehrer/innen auf Aggression und Gewalt?
Welche pädagogischen Handlungskonzepte sind verbreitet? Welcher Zusammen
hang besteht zur Schulqualität bzw. Schulentwicklung?
Welche (schul)pädagogischen Präventions- und Interventionsmöglichkeiten gibt
es? Welche Rolle spielt dabei die Schulsozialarbeit bzw. welche Rolle könnte sie
perspektivisch übernehmen?
Indem der Sammelband verschiedene inhaltliche und methodische Aspekte
bzw. Perspektiven miteinander verbindet, geht er z. T. über bisher vorlie
gende Publikationen zum Themenfeld "Schule und Gewalt" hinaus. Damit
sind insbesondere folgende Verknüpfungsdimensionen gemeint: Zum einen
werden verschiedene Analyseebenen und Perspektiven einbezogen - neben
der Perpektive der Schulleitung auch die der Lehrer- und der Schülerschaft.
In methodischer Hinsicht kommen sowohl quantitative als auch qualitative
Forschungsansätze zum Tragen. Unter dem Vergleichsaspekt werden Er
gebnisse angeführt, die eine Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Bun
desländern (einschließlich zwischen alten und neuen Bundesländern) erlau
ben. Schließlich ist auch das immanente Bestreben hervorzuheben, die Er-
Zum vorliegenden Band 9
gebnisse der empirischen Analysen mit schulpraktischen Folgerungen, ins
besondere fiir die Gewaltprävention und -intervention, zu verknUpfen.
Die Erforschung von Gewaltphtinomenen an der Schule ist mit vielftiltigen
forschungsmethodischen Problemen behaftet. Diese reichen z.B. von den
Definitionsschwierigkeiten des Gewaltbegriffs über den hohen Grad der Ta
buisierung von Gewalt in Schule und Gesellschaft und der Schwierigkeit,
Gewaltäußerungen empirisch zu erfassen, bis zu den methodischen Proble
men der Vergleichbarkeit von Untersuchungen. So ist der Gewaltbegriff ein
überaus schillernder Begriff, weil er im Verständnis verschiedener Men
schen oder Gruppen in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen
Bedeutungen verwendet wird (vgl. Willems 1993). Ob etwas als Gewalt an
gesehen wird oder nicht, ist also auch eine Frage der Interpretation und Be
wertung. Mitunter wird der Gewaltbegriff auch zum Kampfbegriff. Wem es
gelingt, die eigene Definition von Gewalt durchzusetzen, der kann daraus
Vorteile ziehen, z.B. den Gegner anklagen, ihn diskreditieren oder die eige
ne Gewalt legitimieren. Aufgrund der Vieldeutigkeit von "Gewalt" muß fiir
Analysezwecke der zugrundeliegende Gewaltbegriff stets definiert werden.
"Gewalt" kann als Teilmenge von Aggression verstanden werden. Gewalt
im engeren Sinne ist eine "zielgerichtete, direkte physische Schädigung von
Menschen durch Menschen" (Schwind u.a. 1990). Unter "Aggression" wird
im allgemeinen das absichtliche und zielgerichtete Austeilen schädigender
Reize verstanden. Aggressionen können verbal oder physisch, nach außen
(gegen Personen oder Sachen) oder nach innen gerichtet sein. Unter "Ge
walt an Schulen" kann im weiteren Sinne (d.h. über den engen Begriff der
physischen Gewalt hinausgehend) subsumiert werden: physische Gewalt
(Schädigung und Verletzung durch körperliche Kraft und Stärke), psychi
sche Gewalt (Schädigung und Verletzung durch Ablehnung, Abwertung und
emotionales Erpressen), verbale Gewalt (Schädigung und Verletzung durch
Worte) und Vandalismus (Beschädigung von Schuleigentum bzw. von Ei
gentum anderer) (vgl. Bründel/Hurrelmann 1994, S. 23f.). Der oben ange
fiihrte, eng gefaßte Gewaltbegriff ist deshalb nicht unumstritten, weil er psy
chische Zwangsmittel und Zwangsmerkmale in sozialen Systemen ("struktu
relle Gewalt") ausklammert. Da "Schulgewalt" in einem engen Zusamen
hang mit "Schülergewalt" steht, muß die Gewalt, die von der Institution
Schule selbst ausgeht, die "institutionelle" bzw. "strukturelle Gewalt", als
Erklärungsfolie und wichtiger Bedingungsfaktor fiir Gewalt mit herangezo
gen werden (vgl. Tillmann 1994).
Ungeachtet des "Steigerungsdiskurses" in den Medien (vgl. Hamburger
1995) ist aggressives und gewaltförmiges SchUlerhandeln kein neues Phti-
10 Zum vorliegenden Band
nomen. Aus historischen Quellen, Dokumenten, Biografien, Bildern u.ä. ist
bekannt, daß Raufereien und Prügeleien auch früher zum Alltag meist
männlicher Heranwachsender gehörten. Körperkraft und körperliches Kräf
temessen ist in der Menschheitsgeschichte seit jeher ein "Merkmal gelebter
Männlichkeit" (vgl. Tillmann 1994, Schwind 1995). Schulstreiche, jugendli
che Bandenkämpfe, die Zerstörung von Schulinventar, aber auch prügelnde
und sadistische Lehrer zeugen davon, daß es eine "gewaltfreie Schule" nie
gegeben hat. Gerade in Biografien und Berichten, aber auch in Filmen und
literarischen Werken aus verschiedenen Zeitepochen werden eine Reihe von
z. T. auch extremen Beispielen fiir Gewalt an der Schule beschrieben (vgl.
Papesch 1993). Schließlich ist auch zu bedenken, daß an bundesdeutschen
Schulen bis in die sechziger Jahre hinein die Schüler/innen noch völlig legal
gezüchtigt werden konnten. Institutionelle Gewalt zeigt sich heute allerdings
weniger in Gestalt der physischen Gewalt, sondern eher in Form der psychi
schen Gewalt (z.B. Notendruck, Bloßstellen, abfällige Bemerkungen). Ein
Blick in die Geschichte verdeutlicht somit, daß Formen von Gewalt sowohl
seitens der Schüler als auch seitens der Institution Schule stets immanenter
Bestandteil des Schullebens waren, auch wenn sich die Ausdrucksformen
von Gewalt gewandelt haben. Eine Dramatisierung heutiger Gewalt würde
die Gewalterscheinungen in früherer Zeit leicht verharmlosen. Darüber hin
aus ist in Rechnung zu stellen, daß durch die öffentliche Thematisierung
von Gewalterscheinungen und durch die Ausweitung des Gewaltbegriffs die
Sensibilisierung fiir Gewaltphänomene in den letzten Jahren und Jahrzehn
ten angestiegen ist und so letztlich kaum zu sagen ist, ob es sich bei der der
zeitigen Situation an Schulen tatsächlich um qualitativ neue Phänomene
handelt, ob wir nur sensibler auf Gewalt reagieren und/oder dem suggerie
renden Einfluß der Medien unterliegen. Indem der vorliegende Band ein
(quantitativ und qualitativ) empirisch fundiertes Bild von der Schulsituation
in den alten und neuen Bundesländern zeichnet, kann er zur Versachlichung
der Diskussion um "Schule und Gewalt" beitragen und -so die Hoffnung der
Herausgeber -auch der Debatte um "Schulqualität" und "Schulentwicklung"
einige Impulse verleihen.
Zu den einzelnen Beiträgen
Der vorliegende Sammelband ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil
umfaßt drei Beiträge, die Ergebnisse aus der vergleichenden Schulleiterbe
fragung vorstellen. Im Mittelpunkt des ersten Beitrages von Wil.fried Schu-