Table Of ContentGesellschaftsspiel Fußball
Christian Brandt • Fabian Hertel
Christian Stassek (Hrsg.)
Gesellschaftsspiel Fußball
Eine sozialwissenschaftliche
Annäherung
Herausgeber Voestalpine
Christian Brandt, Linz, Österreich
Fabian Hertel,
Christian Stassek, Bernhard Schmidt
Hamburg, Deutschland Langenhagen, Deutschland
ISBN 978-3-531-19676-3 ISBN 978-3-531-19677-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-531-19677-0
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Inhalt
Einleitung
Christian Brandt, Fahian He11el & Christian Stassek
Vorwort 7
Christian Brandt, Fahian He11el & Christian Stassek
Einleitung - Zur Popularität des Fußballs 9
Theorie
Ste/an Hebenstreit
Sozialwissenschaftliehe FußbalIforschung 19
Timo Tabery
Apotheose: Fußball als Lebens-Schau-Spiel 39
Fabrizio Maser
Das FußbalIritual als negativer Spiegel der Gesellschaft 67
Gabriel Zimmerer
Existenzphilosophie des Fußballs 85
Philipp-Daniel Fischer
Moral im Profifußball 107
Interview
Interview mit Uwe Harttgen, Hansruedi Hasler & RolfH usmann
Innenansichten zur Fußballpopularität 125
6 Inhalt
Empirie
Christian Brandt & Fabian Hertel
Fußballbegeisterung in Schottland 139
Leona Dotterweich
Fußball in Indien - Vom nationalen Symbol ins Abseits 159
Lutz Scharj'
Aus der Tiefe des urbanen Raumes 177
RoySiny
Tbe Gold Mine ofthe Next Revolution 195
Ste/an Heissenberger
Entgrenzte Emotionen 209
Johannes Breuer & Jessica Trixa
11.000 Freunde müsst ihr sein 227
Register 249
Autor innenverzeichnis 253
Vorwort
,,Ihr drei Lausejungen veröffentlicht also dieses Buch!?"
(Fabrizio Moser)
Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Die Mannschaften Frankreichs und
Uruguays stehen sich am ersten Spieltag der Gruppe A gegenüber. Weltweit
verfolgen Millionen Menschen an den TV- Geräten diesen abendlichen Vergleich
zwischen einem Topfavoriten auf den Turniersieg und dem Altmeister aus Süd
amerika. Les Bleues und La Celeste lassen sich von diesem schönen Rahmen
allerdings nicht beeinflussen. Es schleppt sich ein dröger Kick zwischen einer
unmotivierten Equipe Tricolore und destruktiven CharrUas dem todosen Ende
entgegen. Warum wenden sich Menschen weltweit, auch wir drei Hersusgeber,
nicht Spannenderem zu? Wieso überhaupt interessieren sich die Menschen fiir
den Fußballsport?
Fußball ist heute vielerorts allgegenwärtig. Kein Wahlkampf ohne Fotos
von Politiker_innen auf dem Fußballplatz. Der Hamburger Sportverein verfügt
über einen c\ubeigenen Friedhof und in den Zimmern der Jugendlichen hängen
neben Popstars Fußballer an den Wänden.
Weshalb ist der Fußball so populär? Eine Frage, die uns nicht nur am Abend
des obigen Spiels umtrieb. Wir suchten nach Erklärungen, in Bibliotheken und
Gesprächen. Schließlich beschlossen wir, diese Diskussion öffentlich zu führen
und in ein Buch münden zu lassen. Das Ergebnis dieses Prozesses halten Sie nun
in den Händen. Das Werk richtet sich zum einen an Sozialwissenschaftier_ innen.
Zum anderen an alle Fußballfans, die mehr über ihren Sport erfahren möchten.
Die meisten Autoren_innen, wie auch wir Herausgeber, waren während der
Arbeit an Gesellschaftsspiel Fußball parallel mit dem Stodium beschäftigt, was
den Prozess der Entstehung nicht vereinfachte. Umso mehr gilt es dem Team von
Springer VS fiir deren Vertrauensvorschuss und Hilfe zu danken.
Ohne die Unterstützung vieler Menschen wäre die Realisierung von Gesell
schaftsspiel Fußball eine Herkulesaufgabe gewesen. All den Autoren und Autor
innen, die mit ihren nachfolgenden Artikeln die Notwendigkeit und Frende an
der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem fußball beweisen und stets, naja
einigermaßen, die Deadlines und Vorgaben einhielten, gebührt Applaus. Wir
danken Dr. Uwe Harttgen, Dr. Hansruedi Hasler und Dr. Rolf Husmann fiir an
regende Fachgespräche. Unser besonderer Dank gilt Lea Christoph, die mit küh
lem Kopf das ganze Buch fantastisch lektorierte. Ein großes Dankeschön gilt
8 Christian Brand!, Fabian Hertel & Christian Slassek
ebenfalls den vielen Freunden, die uns entweder intellektuell durch kritische
Diskussionen oder sonstige Hilfe unterstützten, besonders: Tobi, Jonathan,
Mario, Fowzia und Sven.
Danke.
Hamburg, März 2012
Christian Brandt, Fabian Hertel & Christian Stassek
Einleitung - Zur Popularität des Fußballs
Christian Brandt, Fabian Hertel & Christian Stassek
In nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens lassen sich Beispiele fiir
die Wirkungskraft des Fußballs finden. Entsprechend umfangreich ist auch die
sozialwissenschaftliehe' Literatur zum Thema. Die gesellschaftspolitische Di
mension des Fußballs legen bspw. Klein und Meuser in ihrem Sammelband
Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs (2008) dar. Hervorragend
veranschaulicht werden die Zusammenhänge zwischen Fußball und Globalisie
rung von Giulianotti und Robertson (2009). Diese zwei Bände sind Beispiele fiir
viele honorable Fußballpublikationen, die unzählige Regaimeter in den Biblio
theken fiillen. Allen diesen Bänden ist die Beschäftiguug mit dem Sport gemein
und doch verlieren sie oft den Fußball aus den Augen: Wichtige Publikationen
über Fußball und Diskriminierung (z. B. BleckinglDembowski 2010) oder Fan
chöre (z. B. BrinkIKopiez 1998) geben wichtige Einblicke in die Felder Diskri
minierung und Fanchöre. Unter dem Oberbegriff des Fußballs werden oft andere
gesellschaftliche Phänomene erklärt - nicht aber der Fußball an sich. Eine be
sondere Stellung unter den Fußballpuhlikationen nimmt der von Wilhlem Hopf
herausgegebene Sammelband Fußball. Soziologie und Sozialgeschichte einer
populären Sportart ein (1979), da er die Popularität des Fußballs explizit thema
tisiert. Doch über weite Strecken argumentiert der Band beschreibend und streift
Erklärungsmodelle nur am Rande. Die Erklärung der Popularität des Fußballs
möchten wir mit der vorliegenden Publikation vertiefen. Einen ähnlichen Ansatz
verfolgen Ladewig und Vowinckel mit ihrem Sammelband Am Ball der Zeit.
Fußball als Ereignis und Faszinosum (2009). Auch sie widmen sich der Erklä
rung der Popularität des Fußballs. Von uns unterscheiden sich deren Ansätz
durch die stärkere Akzentnierung von Fußball "als Körperpraxis, als kiinstle
risch-ästhetische Performance, als Medienereignis und Imaginationsraum" (ebd.:
16). Überscimeidungen mit unserem Werk finden sich in medialen und drarna
turgischen Erklärungen. Darüber hinaus betonen wir u. a. historische, zivilisato
rische und funktionalistische Aspekte.
I Unter Sozialwissenschaften verstehen wir jene theoretischen Erfahrungswissenschaften, die reale
Erscheinungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens systematisch erforschen (vgl. HillmaJm 2007:
833). Dazu zählen unter anderem Soziologie, Ethnologie, Politikwissenschaften oder auch Medien
wissenschaften. Außerdem sind in diesem. Band Beiträge aus der Philosophie zu finden, da sie für uns
eine wichtige Komplementärdisziplin für sozialwissenschaftliche Fächer darstellt,
C. Brandt et al. (Hrsg.), Gesellschaftsspiel Fußball, DOI 10.1007/978-3-531-19677-0_1,
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10 Christian Brandt, Fabian Hertel & Christian Slassek
Zunächst werden in diesem Kapitel in Auszügen sozialwissenschaftliehe
Erklärungen zur Popularität des Fußballs vorgestellt. Die hier behandelten An
sätze sind zum einen nicht erschöpfend. Zum anderen sind sie keine abgeschlos
senen Systeme: Ein Erklärungsmodell steht nicht alleine, sondern wird stets von
anderen Thesen begleitet. In anderen Fällen wiederum können sich Ansätze
widersprechen. Deshalb handelt es sich bei dem vorliegenden Sammelband nur
um eine Annäherung an die Popularität des Fußballs. Es steht dabei jene Varian
te des Fußballs im Fokus, über den jeder Mensch eine Vorstellung besitzt, die in
nahezu jedem Staat über einen Verband verfUgt, aber auch in jedem Hinterhof
gespielt wird. Der Fußball, bei dem sich eine Gruppe gemeinsam körperbetont
mit einer anderen misst, indem sie einen Ball zielgerichtet hauptsächlich mit dem
Fuß bewegt.
Auch wenn sich dem Fußball verwandte Sportarten bereits früh in vielen
Kulturen nachweisen lassen2, so gilt doch allgemein als gesichert, dass der mo
derne Fußball in den elitären englischen Public Schools zwischen 1830 und 1840
entstanden ist (Dunning 1998: 46). Rasch verbreitete er sich, beflügelt durch die
Industrialisierung und die damit einhergehende Urbanisierung, in weiten Teilen
der britischen Bevölkerung, sowie in Folge des Kolonialismus weltweit. Es ließe
sich also sagen, dass der Fußball ein Phänomen des britischen Imperialismus ist,
da er durch Schulen in den Kolonien, durch Soldaten, Seeleute und Migranten
global verbreitet wurde. Wäre der Fußball nicht gerade in der Blütezeit des Em
pires in Mode gekommen, hätte der Sport die Insel vielleicht nie verlassen. In
Europa wurde er v. a. durch Pädagogen verbreitet, die sich Anregungen aus dem
wirtschaftlich und sozial fiihrenden Empire holten (Giulianotti 1999: 6ff.; vgl.
Dunning 2006: 28). Detlev Clausen weist in einem Gespräch mit Diethelm Ble
cking darauf hin, dass Fußball in besonderem Maße mit dem englischen Gent
leman in Verbindung gebracht wurde. Dies Gentlemen-Ideal versuchten viele zu
übernehmen. Gleichzeitig gab es im Fußball aber auch das Leistungsprinzip, das
Mannschaften dazu brachte, starke Arbeiter in den Sport zu integrieren (Ble
ckinglClausen 2010: 20f.). Diese soziale Dichotomie kann erklären, warum der
Fußball schichtübergreifend Popularität erlangte.
Über den Fußball machten sich schon die Soziologen Norbert Elias und Eric
Dunning Gedanken (1984). Sie schreiben, dass die Gesellschaft, der Sport und
v. a. der Fußball einem Prozess der Zivilisation unterworfen waren und sind. Aus
den urspriinglich weit verbreiteten wilden Volksspielen, bei denen Tote und
Verletzte billigend in Kauf genommen wurden, entwickelte sich im Laufe der
2 Nach Eduardo Galeano wurde bereits 1000 v. C. im. Amazonasraum eine Art Fußball gespielt. J.
Walvin beschreibt, dass in der Han-Dynastie in China 206 v. C. bis 220 n. C. ein Spiel mit
Steinbällen gespielt wurde, das in seinen Regeln dem. modernen Fußball gleicht (zitiert nach
Giulianotti 1999: 1).