Table Of ContentFREIBURGER RUNDBRIEF
Beiträge zur christlich-jüdischen Begegnung
Aus dem Inhalt
Theologische Grundlagenforschung für den Religionsunterricht.
Von Peter Fiedler und Günter Biemer
Die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland, 11. 1. 1980 :
Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden
50 Jahre nach dem Tod von Franz Rosenzweig, u. a.:
Yehoshua Amir: Der Mensch und sein Werk. Briefe und Tagebücher
In memoriam Cornelius A. Rijk
Franz Mussner: Traktat über die Juden
Jakob J. Petuchowski: Gerechtigkeit und Vergebung im Judentum
Jüdische Existenz und die Erneuerung der christlichen Theologie:
Symposion der Evang. Akademie Arnoldshain und der Bischöfl. Akademie
des Bistums Aachen
Das Gewissen der verängstigten Welt. Gedenkrede zu Ehren Albert
Einsteins von Prof. Carlos Chagas in der Sala Regina des
Apostolischen Palastes, 10. 11. 1979
Gewissen und Gedächtnis: Jüdische Geschichte in Deutschland.
Von Otto Küster
David Daube: Typologie im Werk des Flavius Josephus
Israel: Dokumente zum Abkommen von Camp David
Juden und Christen auf dem 18. Deutschen Evang. Kirchentag
in Nürnberg, 13.-17. 6. 1979
Papst Johannes Paul II. in Auschwitz/Birkenau, 7. 6. 1979
Altenwohnheim für NS-verfolgte Christen in Israel (Nahariyya)
IIIIIDU
IMINIIIII
Dokumente des heutigen religiösen Denkens und
Forschens in Israel. Hebräische Veröffentlichungen aus Israel
in deutscher Übersetzung VIII/1979. Hrsg.: Ökumenisch-Theologische
Forschungsgemeinschaft in Israel und Freiburger Rundbrief
(cid:9)
Jahrgang XXXI 1979 Nummer 117/120
Postverlagsort Freiburg i. Br.
FREIBURGER RUNDBRIEF
Beiträge zur christlich-jüdischen Begegnung
(cid:9)
XXXI. Folge 1979 / Nr. 117-120 Freiburg, Dezember 1979
1 Theologische Grundlagenforschung für den Religionsunterricht: I. Was katholische Schüler vom Judentum erfahren.
Von Prof. Dr. Peter Fiedler, Pädagogische Hochschule Lörrach - II. Erziehung zum chr.-jüd. Dialog in der pluralisti-
schen Gesellschaft. Von Prof. Dr. Günter Biemer, Direktor des Pädagog.-Katech. Seminars, Univ. Freiburg i. Br. 3
2 Die Landessynode d. Evang. Kirche im Rheinland: Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden: I. Be-
schluss der Landessynode, Bad Neuenahr, 11. 1. 1980 - II. Trennendes und Gemeinsames. Vortrag: Prof. R. J. Zwi
Werblowsky, Jerusalem, gehalten vor der Landessynode der Evang. Kirche im Rheinland am 7. 1. 1980 in Bad Neuen-
ahr - III. Kurzer Kommentar von Dr. E. L. Ehrlich, Basel 15
3 50 Jahre nach dem Tod von Franz Rosenzweig: I. Franz Rosenzweig: Der Mensch und sein Werk. Briefe und Tage-
bücher. Buchbericht von Yehoshua Amir, Universität Tel Aviv - II. Eine Theologie der Galut. Zum Gedenken an
Franz Rosenzweig. Von Dr. Reinhold Mayer, Univ. Tübingen - III. »Ein tapferes Weib ...« Erinnerungen an die
Begegnung mit Edith Scheinmann-Rosenzweig s. A. (23. 1. 1895-15. 11. 1979). Von Doris Rümmele, SWF Baden-Baden 24
4 Jüdisch-christliche Beziehungen nach den Schriften von Cornelius A. Rijk. In memoriam (cid:9) 34
5 Traktat für Juden und Christen von Prof. Dr. Franz Mussner. Ein Buchbericht von Clemens Thoma (cid:9) 37
6 Das Neue Testament in jüdischer Forschung. Eine Würdigung für Samuel Sandmel. Von Prof. Dr. Reinhard Neu-
decker SJ, Päpstliches Bibelinstitut, Rom (cid:9) 39
7 Gerechtigkeit und Vergebung im Judentum. Vortrag von Prof. Dr. Jakob J. Petuchowski, Hebrew Union College /
Institute of Religion, Cincinnati/Ohio, gehalten am 29. 6. 1979 in der Katholischen Akademie Stuttgart-Hohenheim (cid:9) 43
Reinhold Schneider: Stimme der Toten (cid:9) 46
8 Jüdische Existenz u. die Erneuerung d. christlichen Theologie: Symposion d. Arbeitsgemeinsdiaft der Ev. Akademie
Arnoldshain u. der Bisdiöfl. Akademie des Bistums Aachen. Von Hans H. Henrix (cid:9) 47
9 Das Gewissen der verängstigten Welt. Gedenkrede zu Ehren Albert Einsteins in der Sala Regina des Apostol. Palastes
am 10. 11. 1979, gehalten von Prof. Carlos Chagas, Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften . . . . (cid:9) 50
10 Gewissen und Gedächtnis - Jüdische Geschichte in Deutschland. Von Rechtsanwalt Dr. jur. h. c. Otto Küster, Stuttgart (cid:9) 53
11 Typologie im Werk des Flavius Josephus. Nachdruck des Sitzungsberichtes der Phil.-Historischen Klasse d. Baye-
rischen Akademie d. Wissenschaften. Von Dr. David Daube, Prof. f. röm.-antikes u. talm. Recht d. Univ. v. Kalifornien (cid:9) 59
12 Israel : Dokumente zum Abkommen von Camp David, 17. 9. 1978: I. Schreiben von Ministerpräsident Begin an Präsi-
dent Carter zum Jahrestag der Unterzeichnung von Camp David - II. Autonomie - die Weisheit v. Camp David -
III. Aus einem Interview mit Shimon Peres, 4. 7. 1980 - IV. Botschafter-Austausch: Kairo - Jerusalem, 26. 2. 1980 -
V. Rede von Abba Eban vor d. Knesset, 19. 3. 1980: Israel und Westeuropa (cid:9) 68
13 Diskussionsforum: Botschaft des Glaubens. Ein katholischer Katechismus (cid:9) 76
Der Schatz der Tränen (cid:9) 76
14 Rundschau (cid:9) 77
1 Juden und Christen auf dem 18. Deutschen Evang. Kirchentag in Nürnberg, 13. 6.-17. 6. 1979: I Die jüdisch-christ-
liche Gemeinschaftsfeier: Der liturgische Text - a) Predigttext: 4 Mose 8, 1-4 - b) Landesrabbiner Dr. N. P. Levin-
son : »Das Licht leuchtet in der Finsternis« - II »Offene Wunden« : A Rabbiner Dr. Albert Friedlander, London:
Jüdischer Glaube nach Auschwitz - B Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Marquardt, Berlin: Christsein nach Auschwitz . 77
2 Die 8. Tagung des international. katholisch-jüdischen Verbindungskomitees zwischen der katholischen Kirche u. dem
Judentum (Regensburg, 22. 10.-25. 10. 1979) (cid:9) 94
3 2. Akad. Konsultation von Theologen der orth. Kirche u. Repräsentanten d. Judentums (Bukarest, 29.-31. 10. 1979) (cid:9) 95
4 Papst Johannes Paul II. in Auschwitz/Birkenau, 7. 6. 1979 (cid:9) 96
5 Dank an Robert M. W. Kempner: Ein Leben im Zeichen der Gerechtigkeit (cid:9) 98
6 Dr. Arthur Bergmann - in memoriam, 15. 12. 1906-26. 10. 1979 (cid:9) 99
7 Ehrenschutz für deutsche Juden: Ein Urteil des Bundesgerichtshofes (cid:9) 100
8 Eigenfeste des Patriarchats Jerusalem. Zusammengestellt von Pfarrer Wilm Sanders, Hamburg (cid:9) 101
Der grosse Mensch Abraham (cid:9) 108
15 Literaturhinweise (u. a. P. Fiedler: Das Judentum im kath. Religionsunterricht - Joh. Maier: Jesus von Nazareth in d.
talmud. Überlieferung - R. Mosis: Das Buch Ezechiel, 1. Teil: 1, 1-20 - H. Wildberger: Kommentar zu Jesaja 1-12 -
Gedalyahu Alon: Jews, Judaism and the Classical World - J. Haberman: Maimonides and Aquinas - J. J. Petu-
chowski: »Es lehrten unsere Meister .. .« - H. H. Ben Sasson: Geschichte d. jüd. Volkes Bd. 1 u. 2 - P. G. Aring:
Christliche Judenmission - A. Baudis u. a.: Festschrift für H. Gollwitzer - F.-W. Marquardt / A. Friedlander: Das
Schweigen der Christen und die Menschlichkeit Gottes; Gläubige Existenz nach Auschwitz - F. Mussner: Traktat über
d. Juden - B. M. Kempner: Nonnen unter dem Hakenkreuz - Ludwig Volk: Akten Kardinal Faulhaber Bd. II, 1935
bis 1945 - W. E. Pax: Auf den Spuren Paulus') 109
16 Aus unserer Arbeit (u a.: Altenwohnheim für NS-verfolgte Christen in Israel) (cid:9) 159
17 Systematische Übersicht über d. Literaturhinweise (cid:9) 161
18 Systematisches Register über den Inhalt Jg. XXXI (cid:9) 164
19 Personenregister Jg. XXXI (cid:9) 166
»IMMANUEL«, Dokumente des heutigen religiösen Denkens u. Forschens in Israel. VIII/1979, Hrsg. tikumenisch-
Theologische Forschungsgemeinschaft in Israel u. Freiburger Rundbrief: Personenregister Jg. VIII - »Der den Ge-
liebten geheiligt von Mutterleib an.« Betrachtungen zum Ursprung der Beschneidung. Von Dr. David Flusser, Pro-
fessor für Vergleichende Religionswisserischaft, und Dr. Shmuel Safrai, Professor für jüdische Geistesgeschichte zur
Zeit des Zweiten Tempels, beide an der Hebräischen Universität Jerusalem - Utopie und Wirklichkeit im biblischen
Denken. Von Dr. Benjamin Uffenheimer, Professor für Bibelwissenschaft an der Universität Tel Aviv - Zur Heraus-
gabe der »Tempelrolle« durch Yigael Yadin. Von Professor Dr. David Flusser - Zum Andenken an Professor Moshe
Schwarcz. Von Zeev Levi, Dozent für moderne jüdische Geisteswissenschaft an der Univ. Haifa - Personenregister 170
Als Manuskript gedruckt - Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion gestattet.
Herausgegeben (mit Unterstützung der Deutschen Bischofskonferenz und des Deutschen Caritasverbandes e. V.)
von Dr. Willehad P. Eckert OP, Dr. Rupert Giessler, Msgr. Dr. Georg Hüssler, Dr. Ludwig Kaufmann SJ, Dr. Gertrud Luckner,
Prof. Dr. Clemens Thoma SVD, Prof. Dr. Anton Vögtle.
Schriftleitung: Dr. Gertrud Ludtrier, Prof. Dr. Clemens Thoma SVD.
Geschäftsstelle: Dr. Gertrud Luckner - Freiburger Rundbrief. Arbeitskreis für christlich-jüdische Begegnung e. V.
Postanschrift: Lorenz-Werthmann-Haus, Postfach 420, D-7800 Freiburg i. Br. - (s. auch Seite 2 unten)
Postverlagsort Freiburg i. Br.
An unsere Leser
Für alle Hilfe und das Echo, die der Aufruf an unsere Leser gefunden hat (s. FrRu XXX/1978, S. 2),
danken wir sehr herzlich.
Die ständig steigenden Kosten für Herstellung und Versand unseres »Rundbriefs« bedeuten eine erheb-
liche Erschwerung unserer Arbeit. Dies veranlasst uns, alle, die sich diesem Anliegen verpflichtet wissen,
und alle, die diese sich fortgesetzt ausweitende Arbeit unterstützen und weiterhin zu fördern wünschen,
auf ihre Mithilfe anzusprechen.
Durch das erfreulich wachsende Interesse an unserer Arbeit und nachgeholte Literaturberichte erscheint
das diesjährige Heft auch wieder in grösserem Umfang.
In Vorbereitung ist ein Sonderdruck — wie bereits FrRu XXX/1978, S. 2, angekündigt — mit: Christ-
lich-jüdisches Schrifttum, Bücher und Zeitschriftenaufsätze nach den Literaturberichten im Freiburger
Rundbrief I—XXX / 1948-1978, Systematisches Gesamtregister über den Inhalt FrRu Jg. I—XXX /
1948-1978, Personenregister FrRu Jg. I—XXX / 1948-1978. »IMMANUEL«: Personenregister IM
/ 1972-1978* sowie Zusammenstellung der Inhalte, Jg. (cid:9) — Der Sonderdruck erscheint
erst 1981.
Allen, die im Laufe der vergangenen 30 Jahre an dieser Arbeit Anteil nahmen, diese unterstützten und
uns dabei ermutigten, sind wir zu Dank verpflichtet. Wir danken im voraus allen, die uns damit helfen,
das in hoher Auflage und in aller Welt verteilte Heft und die damit verbundene Arbeit in der bis-
herigen Weise fortzusetzen.
Das starke Echo, das der »Rundbrief« in all den Jahren seines Bestehens allseits gefunden hat, ermutigt
uns, das heute nicht minder als zuvor notwendige Werk weiterzuführen. Den an alle Mitarbeiter, För-
derer und Interessierte unten (s. US. 3) ausgesprochenen herzlichen Dank geben wir auch an dieser
Stelle weiter. Die Herausgeber
Personenregister IM VIII s. u. S. 192 / IM 23.
Siehe u. S. 3: Die Begegnung von Elisabeth und Maria: Symbol für den Freiburger Rundbrief
HEIMSUCHUNG*, zu Psalm 84 (85), 11"*: «Lieb und Treue begegnen sich«
Will hören, was der Ewige, Gott, redet: / Ja, Frieden redet er ob seinem Volk / und seinen Frommen / und niemehr kehren sie
zur Torheit wieder. / Ja, nah für die ihn fürchten ist sein Heil / dass Herrlichkeit in unsrem Lande wohne / dass Lieb und Treue
sich begegnen / dass sich Gerechtigkeit und Friede küssen. / Dass Treue aus der Erde sprosst / Gerechtigkeit vom Himmel schaut. /
Gleich wird der Ewige das Gute geben / und unser Land gibt seine Frucht; / Gerechtigkeit wird vor ihm wandeln / und seine
Schritte richten auf den Weg.
Frieda Weber-Krebs hat die Abb. von Elisabeth und Maria für die Koje des FrRu auf dem 85. Deutschen Katholikentag in Frei-
burg (13.-17. September 1978) entworfen. Dort wurde die Abbildung erstmals öffentlich vorgestellt (vgl. FrRu XXX/1978, US 2
u. S. 189).
* Vgl. Lk 1, 39-56.
Vgl. dazu: Die Heilige Schrift, ins Deutsche übertragen von N. H. Tur-Sinai (K. Torczyner). Jerusalem 1954. Bd. 4: Tehillim-Preislieder,
Erstes Buch, S. 111. Vgl.: Paulus Gordan OSB »Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst«, mit Abb., in: FrRu XXVII/1975, S. 16 f.
Voraussichtlich in Folge XXXII: Erklärung der deutschen Bischöfe über das Verhältnis der Kirche zum Judentum —
Katholikentag 1980 in Berlin: Zwischen Schuld und Verheissung: »ISRAELS GESCHICHTE: UNSERE GE-
SCHICHTE« — David Flusser: Die rabbinischen Gleichnisse und der Gleichniserzähler Jesu — In »IMMANUEL«:
Shahe Ajamian: Volk, Land und Glauben — Mikhail Agursky: Russisch-orthodoxe Reaktionen zum Frühzionismus —
Kinderkreuzzug 1251 Jonathan Omer-Man: Moderne Manifestationen jüdischer Mystik.
—
Der Freiburger Rundbrief erscheint in unregelmässiger Folge. Unkostenbeitrag für dieses Heft DM 15,— und Zustellgebühr
(Folge XXXI, Nr. 117/120). — Dr. Gertrud Luckner/Rundbrief, Postscheckkonto Karlsruhe Nr. 680 35-750. Bezug durch Freiburger Rundbrief,
Postanschrift: Lorenz-Werthmann-Haus, Postfach 420, D-7800 Freiburg i. Br.
Gesamtherstellung im Druckhaus Rombach+Co GmbH, Freiburg im Breisgau.
Für Studienzwecke kostenloses Exemplar; bitte beachten Sie auch Umschlagseite 3
FREIBURGER RUNDBRIEF
Beiträge zur christlich-jüdischen Begegnung
1 Theologische Grundlagenforschung
für den Religionsunterricht
1
Was katholische Schüler vom Judentum erfahren*
Von Professor Dr. Peter Fiedler, Pädagogische Hochschule Lörrach
Der Weg von amtlichen Verlautbarungen bis zur prak- gleich bewertet. Zu diesem Zweck musste die Methode der
tischen Resonanz ist bekanntlich weit. Das Thema Juden- »content analysis« (Inhaltsanalyse) ihrem Untersuchungs-
tum ist ein Paradebeispiel dafür. Denn die Schulbuch- gegenstand angepasst werden. Dabei genügte es nicht, die
wirklichkeit zeigt auffallende Defizite gegenüber den einzelnen Aussagen nach der Anmerkung in den genann-
kirchlichen Äusserungen der letzten beiden Jahrzehnte, ten Vatikanischen »Richtlinien und Hinweisen« (zu ten-
angefangen von der Konzilserklärung »Nostra Aetate«, denziös verstehbaren Aussagen des NT) mit »tendenziös«
Art. 41, über die »Richtlinien und Hinweise für die oder gar »sachlich falsch« bzw. mit »sachlich angemessen«
Durchführung«2 dieser Erklärung bis hin zum Synoden- oder »unausgewogen, aber noch annehmbar« zu bewerten.
beschluss »Unsere Hoffnung«3. So wurden keineswegs Vielmehr mussten die zur übersichtlichen Materialerfas-
offene Türen eingerannt, als der Gesprächskreis »Christen sung gebildeten Einzelkategorien (z. B. »Bund« oder
und Juden« beim Zentralkomitee der deutschen Katho- » Jesu Wirken im Horizont des zeitgenössischen Juden-
liken ein Forschungsprojekt anregte, dessen Ziel es ist, die tums«) detailliert beschrieben werden, um eine möglichst
Behandlung jüdischer und das Judentum berührender grosse Übereinstimmung zwischen den Auswertern (ausser
Themen im katholischen Religionsunterricht grundlegend dem Verf. noch Th. Brinckwirth und H. Wenzler) zu ge-
zu verbessern. Dieses Projekt wurde an der Theologischen währleisten; zugleich wird dadurch über die angelegten
Fakultät der Universität Freiburg angenommen. Seit Bewertungsmassstäbe Rechenschaft abgelegt. Da diese Be-
Frühjahr 1979 wird am Seminar für Pädagogik und Ka- schreibungen im Vorgriff auf weitere theologische Klä-
techetik (Dir. G. Biemer) konkret an der Neukonzeption rungen erfolgen mussten, war die laufende Beratung bei
eines exemplarischen Curriculum-Elements für die Se- ihrer Abfassung durch E. L. Ehrlich und C. Thoma eine
kundarstufe II über »das Verhältnis Christentum — Ju- äusserst willkommene Hilfe. Als zusätzliche Bestätigung
dentum« gearbeitet. Allerdings stellt dies bereits die zwei- erwies sich die nachträglich festgestellte Übereinstimmung
te Stufe des Unternehmens dar. Denn zunächst war zu mit den »Criteria«, die E. J. Fisher seiner Analyse katho-
klären, was verbesserungsbedürftig ist. lischer Religionsbücher in den USA zugrunde gelegt hatte
(Faith without prejudice: vgl. FrRu XXX/1978, S. 179).
Eine möglichst umfassende Bestandsaufnahme Auch das von H. Kremers und seinem Duisburger Team
zur — zunächst quantifizierenden — Analyse evangelischer
Dazu mussten von vornherein die fachwissenschaftlichen
Religionsbücher erarbeitete Indikatorenraster verdient als
Grundlagen mit reflektiert werden, was vorab auf zwei
wertvolle Hilfe erwähnt zu werden. Das Untersuchungs-
Symposien an der Akademie der Erzdiözese Freiburg in
material musste wegen seiner Fülle verständlicherweise
die Wege geleitet wurde. Denn nicht zuletzt aus zeitlichen
etwas eingegrenzt werden: So wurde Vollständigkeit an-
Gründen — die Mittel der Deutschen Forschungsgemein-
gestrebt bei den offiziell zugelassenen Religionsbüchern
schaft und des Verbands der Diözesen Deutschlands stan-
und Unterrichtsmodellen katholischer Verlage (einschliess-
den nur in einem begrenzten Zeitraum zur Verfügung —
lich DKV) in der Bundesrepublik Deutschland — natürlich
wurde das Material (Religionsbücher und sonstige Unter-
nur, soweit sie das Judentum berücksichtigen bzw. sofern
richtsmaterialien unter Berücksichtigung der Schulbibeln
dies zu erwarten ist; dazu wurde von 0. Maas ein Über-
und Lehrpläne) nicht nur registriert, sondern auch zu-
blick erstellt. Darüber hinaus wurde das Material einbe-
"- Die hier erläuterte Schulbuchanalyse liegt vor unter dem Titel »Das zogen, das einzelne Autoren, Verlage und kirchliche Stel-
Judentum im katholischen Religionsunterricht. Analyse, Bewertung, len entgegenkommenderweise zur Verfügung gestellt hat-
Perspektiven«, Düsseldorf 1980 (als erster Band der Reihe »Lern-
ten. Rund 60 Titel, also etwa ein Drittel des untersuchten
prozess Christen — Juden«, die von G. Biemer und E. L. Ehrlich her-
Stoffes, eigneten sich für die Auswertung mittels EDV.
ausgegeben wird); dort Einzelnachweise mit Quellenangaben und
weiteren Erläuterungen (s. u. S. 111). Im Herbst 1980 wird der 2. Bd.
dieser Reihe in Druck gehen (s. u. S. 110). Judentum und Israel als eigenständige Grössen gewürdigt
1 Vgl. FrRu XVIII/1966, S. 28 f. (Anm. 1-3 d. Red. d. FrRu).
Dem heutigen Judentum steht das auch anderen Welt-
2 a. 0. XXVI/1974, S. 3 ff.
3 a. 0. XXVII/1975, S. 5. religionen zugebilligte Recht zu, im katholischen RU sach-
3
gemäss dargestellt zu werden. Dass dies tatsächlich ge- geprüft werden müssen. So werden die Fehler nicht um
schieht, ist zweifellos eine wesentliche Folge der mit dem nutzloser Polemik willen genannt, sondern um daraus zu
Konzil zur Geltung gebrachten Entwicklung. Wir haben lernen.
heute verschiedene Bücher und Unterrichtsmaterialien, die
das Judentum als Weltreligion behandeln und dabei um Die Hebräische Bibel gehört nicht den Christen allein
eine ausgewogene Darstellung mit teilweise beträchtlichem Bei der Behandlung »alttestamentlicher« Themen wird
Erfolg bemüht sind. Auch in den allgemeinen Religions- durchweg so verfahren, als gingen sie nur uns Christen
büchern finden sich Lerneinheiten über das heutige Juden- noch etwas an, also: Was im Exodus grundgelegt wurde,
tum, die man als durchaus wohlwollend charakterisieren habe sich in Jesu Befreiungstat — wie immer sie näher zu
kann. Das lässt sich sogar noch unter der meistens erfolg- bestimmen sei — abschliessend erfüllt. Oder — die Natan-
ten Einbeziehung des Staates Israel halbwegs guten Ge- Weissagung an David laufe geradewegs auf Jesus als den
wissens behaupten. Allerdings tritt da auch schon ein »Sohn Davids« zu. Natürlich — wenn alles so eindeutig
schwerwiegender Mangel zutage: Wenn auf die Staats- wäre, wie es (in den Religionsbüchern) meist dargestellt
gründung von 1948 eingegangen wird, hängt sie — von ist, dann bleibt eine Nicht-Annahme Jesu im damaligen
wenigen, zu wenigen Ausnahmen abgesehen — merkwür- Israel — was überhaupt nicht zutrifft, er hatte ja genug
dig in der Luft. Denn es fehlt weitgehend der Bezug auf jüdische Anhänger — nur durch Verblendung oder Bosheit
die Ereignisse im »3. Reich«. Dieses Defizit lässt sich durch zu erklären — wie es zum Teil auch noch ausdrücklich ge-
das Trauma jener Zeit erklären, wenn auch nicht recht- schieht. Dabei wird auch übersehen, dass man mit einer
fertigen. Doch verbirgt sich dahinter noch mehr. Denn derartig verzerrenden Schematisierung dem überwunden
ebenso regelmässig vermisst man die Herstellung des ge- geglaubten Prinzip huldigt, die Glaubensentscheidung, die
schichtlich-religiösen Zusammenhanges des heutigen Ju- etwa im Bekenntnis zu Jesus als dem »Sohn Davids« vor-
dentums mit seinen Wurzeln in der Hebräischen Bibel, in liegt, durch eine historische Beweisführung »absichern« zu
der talmudischen und darauf aufbauenden Überlieferung wollen; in Wirklichkeit läuft das auf die Aufhebung des
und mit seiner die heutige Vielgestalt erst verständlich Glaubens hinaus. Zu diesem Zweck scheut man nicht ein-
machenden Entwicklung durch die Jahrhunderte. Dieses mal davor zurück, Bibelstellen zu verfälschen. Denn nichts
Defizit dürfte nun freilich auf das eher noch unterbewusste anderes bedeutet es, wenn etwa zu messianischen Ver-
Gespür zurückzuführen sein, dass die Verankerung des heissungen einfach solche dazugeschlagen werden, die wie
heutigen Judentums in seinen Wurzeln und der Konti- Jes 25, 6 ff. vom endzeitlichen Heilshandeln Gottes selbst
nuität seiner Geschichte von erheblichem Einfluss auf das (aber eben nicht durch eine Messias-Gestalt) sprechen.
Verständnis und die Formulierung christlicher Glaubens- Ganz folgerichtig darf auch Johannes der Täufer niemand
aussagen sein muss. Denn es ist nun einmal nicht zu andern als Jesus im Blick gehabt haben ... Die noch in
leugnen, dass das Christentum von Jesus und der durch den ersten drei Evangelien erkennbare Zurückhaltung in
ihn ausgelösten Geschichte her, wie sie das NT im Glau- diesem Punkt, die in der heutigen Exegese als sehr be-
ben bezeugt, in einer exklusiven theologischen Beziehung rechtigt anerkannt wird, ist dabei einfach übergangen.
zum Judentum steht, die die Beziehung zu anderen Welt- Demgegenüber käme es darauf an, den Schülern die Glau-
religionen wesentlich übersteigt, und zwar ist diese Be- bensentscheidung klarzumachen, die der Annahme zu-
ziehung durchaus >einseitig<, d. h.: Während Juden für grunde liegt, dass Jesus von Nazaret der Messias/Christus
ihr Selbstverständnis uns Christen keineswegs brauchen, ist — unter gleichzeitiger Anerkenntnis, dass die biblischen
können wir Christen auf die Juden nicht verzichten, weil (für uns Christen heute: alttestamentlichen) Aussagen
wir uns sonst den Ast absägen, auf dem wir theologisch keineswegs einheitlich oder verschiedener Auslegung un-
>sitzen<. Die mit der Anerkenntnis dieses Sachverhalts für zugänglich sind, dass ein Messias gar nicht notwendig zur
die Heidenkirche verbundenen Schwierigkeiten fingen be- jüdischen Messiaserwartung gehört, dass die messianischen
kanntlich schon zu Zeiten des frühen Christentums an, Erwartungen zur Zeit Jesu und des NT sehr vielfältig
wie das NT verschiedentlich erkennen lässt. Eine Reihe waren (vgl. z. B. nur die zwei Messias-Gestalten der
der damals gefundenen »Lösungen« sind zwar aus der Qumran-Essener) und dass das Bekenntnis zu Jesus als
Zeit erklärlich (Konkurrenzsituation), aber sie waren dem Christus eine starke Uminterpretation der geläufigen
nicht zukunftsträchtig. Denn was später, als staatliche Begriffsinhalte >Messias< einschliesst. Es fiele so wohl leich-
Macht zur Verfügung stand, in der ganz vom Judentum ter, das Weiterwirken des messianischen Gedankens im
gelösten Heidenkirche daraus gemacht wurde, ist zwar Judentum der nachneutestamentlichen Zeit zur Sprache
unbestritten, wird aber etwa in unseren Kirchengeschichts- zu bringen. Nicht zuletzt haben wir — dem jüdischen Ein-
büchern noch lange nicht mit der nötigen Deutlichkeit zur wand von der Unerlöstheit der bestehenden Welt ent-
Sprache gebracht. Das Eingeständnis, dass jene Schein- sprechend — deutlich zu machen, dass der Glaube an Jesus
lösungen auch in unserem Jahrhundert entscheidend als den Christus und das mit ihm gegebene Endheil auf
daran gehindert haben, einer gottfeindlichen Macht ge- die Erfüllung (bei der Parusie) noch wartet. Damit wäre
genüber die Partei der Juden zu ergreifen, fällt gewiss der Weg frei anzuerkennen, dass die Verheissungen der
schwer, praktische Konsequenzen daraus zu ziehen, wohl Hebräischen Bibel weiterhin — und zwar in erster Linie
noch schwerer, obwohl es anders nicht gelingen wird, von und das Judentum gültig sind. —für Israel
einer verfehlten, weil in die Verfehlung führenden Ver-
gangenheit loszukommen. Hier besteht die Verantwor- Gottes bleibende Heilszusagen an Israel
tung der an der Vermittlung der christlichen Botschaft Be- Die Aussagen des Paulus in Röm 9, 4 f. und 11, 28b.29
teiligten, die Darstellung des Eigenen endlich nicht mehr über die unwiderrufliche Berufung Israels — eben auch in
länger zu Lasten der Juden und des Judentums vorzu- der Zeit nach Ostern — kommen fast nirgends zum Tragen.
nehmen. Weitgehend geschieht dies noch, wie die Analyse Das führt besonders bei Themen wie »Bund« oder »Volk
zeigt. Dabei kann und soll den Autoren der gute Wille Gottes« zu Verfälschungen. Denn wenn auch die dies-
gar nicht abgesprochen werden; gerade dies beweist aber, bezüglichen Aussagen zum alten Israel voller Verständ-
wie sehr das Gespür dafür noch zunehmen muss, dass nis sind, so tritt doch das Christentum bzw. die Kirche
auch scheinbar »rein« auf Christliches bezogene Aussagen ganz überwiegend das vollständige Erbe an und ver-
auf ihren »verborgenen Antijudaismus« hin (G. Biemer) drängt so das nachneutestamentliche Israel von seinem
4
angestammten Platz. Ein eklatantes Beispiel für die hier während der vollständige Mk-Text unmissverständlich
mögliche Verzerrung ist die erwähnte Behandlung der die völlige Übereinstimmung Jesu mit einem jüdischen
Exodus-Thematik in Verbindung mit dem Osterfest. Die Theologen in dieser für das Tora-Verständnis fundamen-
Freude über die sympathieweckende Schilderung eines talen Frage behauptet. Da wird nirgendwo auf Ex 23, 4 f.
Seder-Abends im heutigen Israel vergeht schnell, wenn oder die beiden anderen alttestamentlichen Stellen (Spr
die Schüler anschliessend vor die Frage gestellt werden, 25, 21 f. und Sir 27, 30 28, 7) hingewiesen, die ausdrück-
-
wer für sie das »wahre Passa-Lamm« sei. Denn wenn lich die Feindesliebe verlangen — und dies, obwohl Paulus
Christus als das »wahre« Passa-Lamm bezeichnet wird — diese Forderung in Röm 12, 20 mit dem Zitat aus Spr
was Paulus übrigens in 1 Kor 5, 7 bemerkenswerterweise 25, 21 f. erhebt! Statt dessen spricht man lieber mit Joh
nicht tut —, dann entsteht beim Schüler unweigerlich der 13, 34 vom »neuen« Gebot Jesu, obwohl dort nur von
Eindruck, dass das jüdische Pessach spätestens seit dem der Liebe der johanneischen Gemeindemitglieder unter-
Karfreitag das »falsche« ist, etwas, was seine Existenz- einander (im Unterschied zur dem Gericht verfallenen
berechtigung im Grunde verloren hat. Käme es nicht auch »Welt«!) geredet wird und die »Neuheit« ausdrücklich
hier wieder darauf an, den Schülern die Glaubensentschei- christologisch begründet ist. So verwundert es auch nicht,
dung bewusst zu machen, die in der Überzeugung ent- dass unter der Lehrplan-Überschrift »Das Neue des Evan-
halten ist, dass der in den Tod gegebene Jesus Christus geliums« die »leiblichen Werke der Barmherzigkeit« als
für uns Christen das den Exodus vergegenwärtigende christliches Eigentum reklamiert sind — unter deutlicher
Passa-Lamm darstellt? Erst so lassen wir ja theologisch Abhebung vom Judentum, das etwa mit dem Gebet des
Platz für die heute und in Zukunft Pessach feiernden Pharisäers im Tempel aus Lk 18, 9-14 charakterisiert, in
Juden, die gläubig an dem »Bund« festhalten, der ihnen Wirklichkeit karikiert wird. Denn man hätte nur Jes 58,
wie ihren Vätern gilt und auf dessen Vollendung sie hof- 6 f. zu berücksichtigen brauchen, um zu wissen, woher der
fen. Demgegenüber riskiert die beliebte Entgegensetzung — mt Jesus in der Weltgerichtsschilderung (25, 31 ff.) —
meist im Sinn einer Ablösung — von »Neuem« und »Al- neben anderen alttestamentlich-frühjüdischen Quellen —
tem Bund« die für unser Gottesverständnis recht pro- und damit wir Christen heute die Verpflichtung zum in
blematische Folge, dass unser »Stand« auf dem Bruch der der Liebe verwirklichten Gottesglauben empfangen haben
Heilszusagen für Israel aufbaut. Statt dessen muss her- — ganz zu schweigen davon, dass es allein die Fairness ge-
ausgearbeitet werden, dass das Sprechen vom »Neuen böte, den Schülern mitzuteilen, dass der Jes-Text Be-
Bund« der innerisraelitischen Verkündigung entspringt standteil der Liturgie des Versöhnungstages ist. Zweifel-
(vgl. Qumran). Hinsichtlich der Gottesvolk-Vorstellung los erweist sich auch hier das Bestreben einer historischen
ist die Behauptung ebenso verbreitet wie im Blick auf die Beweisführung als enormes Hindernis: Weil Jesus dieses
erwähnten Sätze des Paulus unhaltbar, die Christen seien und jenes unerhört »Neues« gebracht habe, sei seine gött-
(bzw. die Kirche sei) »das« Volk Gottes. Denn diese For- liche Sendung erwiesen — was historisch und theologisch
mulierung lässt für Israel nach Jesus erneut keinen Platz. Unmögliches verlangt. Man ermisst hier freilich auch die
Entsprechendes gilt für die Kennzeichnung »das neue, Schwierigkeiten, die sich in unseren Religionsbüchern der
wahre Israel«, die kein neutestamentlicher Autor verwen- Annahme der Erkenntnis entgegenstellen, dass die neu-
det — aus dem Bewusstsein heraus, dass das wahre Israel testamentliche Ethik — was ja diejenige Jesu einschliesst —
eben nur Israel sein kann. So ist es auch im RU nur legi- der alttestamentlichen nicht überlegen sei (N. Lohfink).
tim zu sagen, dass wir, die Heidenchristen, durch Jesus
»Die Pharisäer« als Prügelknaben
Christus zum Volk Gottes gehören. Die Forderung nach
grösserer Sorgfalt bei der Sprache unserer Verkündigung Man kann die Versuchung verstehen, denen die Schul-
hat also nicht nur ästhetische Gründe. buchautoren in unserer autoritätskritischen Zeit ausgesetzt
sind, Jesus in Distanz zum »Gesetz« zu zeigen, anstatt
Jüdische Negativ-Folie für Jesus unverzichtbar? seine Tora-Treue herauszuarbeiten. Wo man ihr erliegt —
Das nachneutestamentliche Judentum wird in unseren Re- und das geschieht nahezu total —, lädt man alle möglichen
ligionsbüchern nicht nur durch die Ausblendung bei alt- Vorurteile auf die Pharisäer ab, bis hin zur die Wirklich-
testamentlichen Themen belastet, indem sie in der ange- keit auf den Kopf stellenden (Lehrplan-)Behauptung:
deuteten Art auf Jesus bzw. die Kirche »enggeführt« wer- »Manches im Handeln und Denken der Gesetzestreuen
den. Vielmehr wird es — wenn auch zumeist indirekt — (sei) als unmenschlich (zu) durchschauen.« Sehr beliebte
dadurch schwer herabgesetzt, dass man seine »Basis«, Beispiele sind dafür Jesu angebliche Sabbatverletzungen.
nämlich das Judentum der Zeit Jesu und des NT, als Aber ein Text wie Mk 3, 1-6 zeigt unverkennbar die po-
dunklen Hintergrund missbraucht, vor dem sich Jesus lemische Zuspitzung solcher Geschichten: Hier geht es ja
und das Urchristentum profilieren können. Man setzt da- gar nicht um Lebensgefahr (deshalb hat Mt in der Parallel-
zu Jesu ethische Forderungen regelmässig in Spannung stelle 12, 9 ff. bewusst korrigiert); ausserdem träfe dieser
bzw. Widerspruch zum damaligen Judentum, das »unter Vorwurf Pharisäer gar nicht, da nach dem Talmud Le-
dem Gesetz leiden« oder einer »starren Gesetzlichkeit« bensgefahr den Sabbat »verdrängt«. Wie die Mt-Parallele
verhaftet sein soll — anstatt den Schülern die Erfahrung zeigt, geht es um eine Frage der verschiedenen Auslegung.
nahezubringen, dass Jesus ein »praktizierender« Jude Den Schülern müsste demnach vermittelt werden, dass
war, was ihr eigenes Glaubensleben nur fördern könnte. sich Jesus, der ja kein Mitglied der pharisäischen Bewe-
Einige immer wiederkehrende Fälle: Da wird die »Gol- gung war, von bestimmten Anwendungen des Sabbat-
dene Regel« in ihrer positiven Formulierung im Munde gebotes distanziert, sich aber nicht von diesem selbst dis-
Jesu (Mt 7, 12) von negativen Fassungen im AT/LXX pensiert und so etwa die Grenzen des Judentums
(Tob 4, 15) bzw. im Judentum (Hillel) abgehoben, als »sprengt«. In der Exegese des NT setzt sich allmählich
seien sie minderwertig! Da wird Mk 12, 28 34 gekürzt die Erkenntnis durch, dass Jesus keiner der damaligen
-
oder meistens mit Hilfe von Mt 22, 34 40 umgangen, ob- Gruppen so nahe stand wie derjenigen der Pharisäer (H.
-
wohl sonst sehr wohl bekannt ist, dass der Verfasser des Leroy). Aber das tendenziöse Pharisäerbild des NT (z. B.
Mt-Evangeliums von Mk abhängig ist! Doch nur durch in Mt 23 u. ö.) wird kaum einmal mit der talmudischen
solche ManiRulationen wird es möglich, vom »christlichen« Selbstkritik (etwa jBer 14b) konfrontiert, um eine ange-
Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe zu sprechen, messenere Sicht zu ermöglichen. Diese ist vor allem auch
5
deshalb anzustreben, weil man in »den« Pharisäern auch einandergehens von Christentum und Judentum gegen-
das nachbiblische Judentum bis heute trifft, weil es be- über der ihrer engen Verknüpfung, wie sie zumindest am
kanntlich auf pharisäisch-rabbinischer Tradition beruht. Anfang hervortritt, einseitig zu bevorzugen. Hinweise
Das noch so reichliche, an sich durchaus anzuerkennende wie die in Apg 2, 46 f. oder 8, 1 b werden entweder her-
Zitieren chassidischer Geschichten wird eben von Grund abgespielt (etwa im Sinn einer angeblich doch rasch er-
auf entwertet, wenn man beispielsweise neben Mt 20, 1 15 folgten Lösung vom Tempelkult) oder einfach übergan-
-
ein rabbinisches Gleichnis stellt, das ein vom christlichen gen. Das Fortbestehen einer im damaligen Israel weithin
angeblich verschiedenes Lohndenken ausspricht, und nicht angesehenen judenchristlichen Gemeinde passt wohl zu
— wenigstens als Ergänzung — ein Gleichnis, das dieselbe wenig ins Konzept einer geradezu planmässig auf die
Sinnspitze wie dasjenige Jesu hat. »Weltkirche« zulaufenden Entwicklung. Ausserdem dürfte
man dann die mit dem Tod des Stefanus ausgelösten Er-
Vorwurf der Schuld am Tod Jesu unausrottbar? eignisse nicht mehr einfach unter die Rubrik »Die Chri-
Die eben gemachten Andeutungen lassen den in Mk 3, 6par sten werden von den Juden verfolgt« fassen, handelt es
gegen die Pharisäer erhobenen Vorwurf als absurd er- sich doch um eine viel differenzierter zu betrachtende
scheinen, sie hätten die Ermordung Jesu beschlossen — man innerjüdische (auch judenchristliche) Auseinandersetzung.
bedenke auch: Hätten Pharisäer alle ihre Lehrstreitig- Ebensowenig sind wir berechtigt, das Aufkommen und
den anfänglichen Verlauf der Heidenmission in einer Art
keiten als tödliche Auseinandersetzungen geführt, wären
und Weise den Schülern zu vermitteln, die die bereits
sie z. Z. Jesu bereits verschwunden gewesen. Hinzu
stark schematisierende, aus späterer Perspektive zeich-
kommt vor allem, dass die Pharisäer nach dem Mk-Evan-
nende Darstellung der Apg noch zuspitzt (ein Beispiel
gelium (und den beiden anderen Synoptikern) bei der
unter vielen: Die antiochenische Gemeinde wird gern als
Passion Jesu keine Rolle spielen. Trotzdem geistert in
heidenchristlich vorgestellt, anstatt an dieser ersten »ge-
unseren Unterrichtsmaterialien immer noch das Märchen
mischten« Gemeinde Verständnis für die damaligen Pro-
von der Mit- oder gar Hauptschuld der Pharisäer am Tod
bleme zu wecken). Dabei wird verständlicherweise auch
Jesu herum. Natürlich macht das vieles einfacher, als
die Rolle des Paulus verzeichnet, der sich ja auf dem
wenn man — eine Minimalforderung — nur die entgegen-
»Apostelkonzil« vor der Jerusalemer Muttergemeinde
stehenden Angaben des NT ernst nähme, wie z. B. die Ge-
wegen seiner Heidenmission bzw. ihren Folgen recht-
folgschaft eines Josef von Arimatäa oder auch eines Niko-
fertigen musste — und nicht etwa umgekehrt. Da ist es in
demus oder die in Apg 15, 5 genannten »Pharisäer, die
der Tat wiederum einfacher zu behaupten, Paulus habe
gläubig geworden waren«, ferner eine Haltung, wie sie
das Gesetz abgeschafft, auch wenn dies ein bisschen zu
aus den Worten Gamaliels spricht (Apg 5, 34 ff.; vgl. auch
einfach ist. Denn dass damit für uns Christen etwa der
23, 6 ff.). Man muss sich nur darüber im klaren sein, dass
Dekalog und andere Weisungen wie die der Gottes- und
man solche Unterschlagungen auf dem Rücken unschul-
Nächsten-, ja der Feindesliebe abgeschafft wären, die nun
diger Menschen vornimmt, was seine schrecklichen Folgen
auch einmal im »Gesetz« enthalten sind, wird wohl kein
bis in unsere Tage zeitigt. Das kaum zu unterdrückende
Autor einräumen wollen.
Wissen darum sollte es — gerade auch im Blick auf aus-
drückliche Hinweise in den eingangs genannten vatikani-
Gottgewollte Trennung?
schen Richtlinien — unmöglich machen, dass man den
Auffassungen der skizzierten Art verraten ein Konzept,
Schülern schon in der Grundschule Jahr für Jahr eine
das das Auseinandergehen von Judentum und (Heiden-)
andere Passionserzählung kommentarlos vorsetzt. Auf
Christentum als im Heilsplan Gottes liegend ausgibt. Es
diese Weise wird ihnen die von Evangelium zu Evan-
stimmt mit der Betonung einer »Ablehnung Jesu durch
gelium zunehmende judenfeindliche (weil Pilatus-freund-
sein Volk« überein. Die unmittelbar bei Ostern angesetzte
liche) Tendenz wirksam eingeimpft und der Aberglaube
Entwicklung wird dann durch die gleichsam als Gottes-
der umfassenden Schuldverhaftung des jüdischen Volkes
urteil verstandene Eroberung Jerusalems im Jahre 70 be-
zementiert, anstatt die Schüler anzuleiten und ihnen Hil-
siegelt. Man rechtfertigt also die Spaltung und glaubt so,
fen an die Hand zu geben, diesem wahrhaft mörderischen
sich mit ihr zufriedengeben zu können, anstatt die vor
Vorwurf begegnen zu können.
allem geschichtlich bedingten Faktoren der Spaltung auf-
zudecken und so Perspektiven zu erschliessen, die in die
Unberechtigte Historisierungen
entgegengesetzte Richtung weisen. Denn nur so lassen sich
Die Aufnahme exegetischer Ergebnisse schwankt merk- heutige Bemühungen des Aufeinanderzugehens »von
würdig zwischen Bejahung und Ablehnung. Die Nicht- Grund auf« aufbauen; sonst bleiben sie Luftschlösser. Die
beachtung wirkt sich besonders misslich bei Vorgängen Folgen der »Abfertigung« des Judentums in neutesta-
und Worten der (Selbst-)Offenbarung Jesu aus, wo heute mentlicher Zeit, die der vom Konzil bekräftigten Sicht
der bestimmende Einfluss des Osterglaubens auf Gestalt des Paulus widerspricht, zeigen sich dann in der verbrei-
und Gehalt der Darstellung durchweg anerkannt ist. In teten Nichtbeachtung des talmudischen, des mittelalter-
den Religionsbüchern zieht man dagegen ein historisches lichen und des neuzeitlichen Judentums, ohne das das
Verständnis vor. Das führt dann nahezu zwangsläufig heutige überhaupt nicht verstanden werden kann. Das
zur Beeinträchtigung des Judentums. Denn je deutlicher Eingehen auf christliche Judenverfolgungen, so verdienst-
sich Jesus in seiner göttlichen Macht und Hoheit offenbart, voll dies an sich auch ist, kann nicht als ausreichende Be-,
um so schändlicher muss die ablehnende Haltung »der« rücksichtigung des schöpferischen Reichtums jener mehr
Juden scheinen. Das ergibt sich bei der Behandlung von als anderthalb Jahrtausende Judentum gelten, dem wir
»Naturwundern« wie der wunderbaren Speisung, von Christen Wesentliches verdanken, z. B. in der scholasti-
»Christusgeschichten« wie der Verklärung oder von Wor- schen Philosophie und Theologie oder beim Werden un-
ten und Taten vor allem des johanneischen Christus. In serer modernen Welt. Das heute vereinzelt anzutreffende
der Darstellung nachösterlicher Ereignisse zeigen sich ent- aufrichtige Bemühen, den Antijudaismus im Lauf der
sprechende Mängel hauptsächlich wegen der Übernahme Kirchengeschichte als unchristliche Verfehlung bewusst zu
von auf ihre historische Basis nicht überprüften Aussagen machen und damit bei den Schülern Barrieren gegen der-
der Apg. Hier tritt die Tendenz hinzu, die Linie des Aus- artige Versuchungen aufzurichten, darf übrigens nicht
6
darüber hinwegtäuschen, dass in unseren Büchern bei der rung, die gewiss als Zumutung zurückgewiesen würde.
Behandlung von Verfolgungen, einschliesslich des Holo- Doch ohne sich solche Folgen einzugestehen, wird es kaum
caust, immer noch Apologie, Vertuschen oder gar Ver- gelingen, die in unseren Religionsbüchern verbreitete
schweigen weitaus überwiegen. Halbherzigkeit der Offnung für Juden und Judentum zu
überwinden. Dass diese Öffnung vorläufig eher nur äusser-
Verleugnen der »Wurzel«
lich besteht, gibt die Statistik auch ohne inhaltliche Er-
Eine klare Stellungnahme zu diesem Bereich wird selbst- läuterungen der vorgeführten Art zu erkennen. Um hier
verständlich nicht darum herumkommen, auf die Ansätze nur ein Beispiel zu bringen: Bei drei Katechismen der
bei den Grundlagen des Christentums und seiner Ge- letzten Jahrzehnte ist die Berücksichtigung des Juden-
schichte einzugehen. Daraus ergäbe sich erneut die Not- tums, der »Wurzel«, von null auf 26,6 0/0 gewachsen —
wendigkeit einer fundamentalen Neubesinnung, die die doch welche Mängel umschliesst dieser »Fortschritt«? Und
Vielfalt der bleibenden Verwurzelung des Christentums in einer neuen Reihe, wo vor allem in den beigefügten
hervorzuheben hätte, anstatt Abgrenzungstendenzen, ein- Stichwortteilen die Beachtung des Judentums naheläge,
fach auch durch Verschweigen von Zusammenhängen, be- ist eine auffällige Diskrepanz zu registrieren. Während
reitwillig Raum zu geben. Dies lässt sich, abgesehen von der eine Band mit 36,9 °/o eine begrüssenswerte Offenheit
der Behandlung der Jesus-Thematik, vor allem an so zen- erkennen lässt (dass das Gegenteil immer noch überwiegt,
tralen Bereichen wie dem Gottesglauben, der Ethik und muss da zurücktreten), blenden die Folgebände zu mehr
der Liturgie beobachten. So wird beispielsweise beim Got- als 90 °/o das Judentum an den es betreffenden Stellen
tesbild gern der Eindruck erweckt, als sei die Offenbarung aus — besonders seltsam deswegen, weil offenbar zwischen
des barmherzigen Vaters erst dem Christentum verdankt. den Schularten Unterschiede gemacht werden: Kann man
Nach manchen Andeutungen über vorangehende Auffas- der einen Art von Schülern weniger zumuten als der an-
sungen zu schliessen, ist die marcionitische Versuchung deren?
immer noch wirksam. Solche »Feinheiten« wie die, dass
am Anfang nicht einmal der Christusglaube aus dem Ju- Tendenziöse Bilder und Lieder
dentum hinauszuführen brauchte, wagt man schon gar Besonders wichtig, weil im Unterbewussten wirksam, sind
nicht zu erwarten — obgleich die »Zwölf« und ihre An- die in den Religionsbüchern verwendeten Bilder und Lie-
hänger alle Juden waren und keineswegs, wie behauptet, der. Erheblich negative Wirkungen sind von einer Reihe
die »Stammväter« eines »neuen«, gemeint ist: eines aus von Liedern zu befürchten, die tendenziöse Aussagen von
Juden, aber vor allem aus Heiden bestehenden »Israel« Evangelien-Perikopen, nicht zuletzt gegen »die Phari-
sein wollten bzw. — von Jesus aus gesehen — sein sollten. säer« gerichtete, häufig noch verstärken. Sie sind nicht
Aber etwa auch beim Auferstehungsglauben bringt man es weit von jener Gehässigkeit entfernt, die sie den Phari-
nicht über sich, die Übernahme aus dem Judentum, ins- säern unterstellen. Entsprechendes gilt für viele Bilder,
besondere dem pharisäischen, anzuerkennen. Zweifellos meistens in neutestamentlichen Zusammenhängen wie
verbindet Paulus in 1 Kor 15 den Osterglauben mit dem Pharisäerpolemik und Passionsdarstellung, aber auch »all-
an die (allgemeine?) Totenauferstehung insgesamt; aber gemeinerer« Art. So hat man etwa in Anlehnung an die
man darf darüber den Sitz im Leben nicht vergessen, lukanische Gestalt der Nazaret-Perikope ein mittelalter-
nämlich im Leben einer heidenchristlichen Gemeinde, der liches Bild gewählt, auf dem der in der Mitte stehende
der Glaube an die Auferweckung des Leibes etwas Neues Jesus zur Rechten von seinen Jüngern und gegenüber von
bedeutete. Dass der Einsatz für den Frieden, für Gerech- seinen Feinden flankiert wird. Über die Sinnhaftigkeit,
tigkeit und Menschlichkeit alttestamentlich-jüdisches Erbe gerade eine solche Szene bildlich zu unterstreichen, mag
im Christentum darstellt, wird in der Regel ignoriert. Be- immerhin noch Streit möglich sein. Ausser Diskussion
sonders befremdlich wirkt es, wenn heutzutage der Ein- steht aber, dass die Bildgestaltung antijüdisch ist und
satz für die Verwirklichung der Gottesherrschaft hier auf folglich bei den Schülern entsprechende Reaktionen nicht
Erden als christliches Charakteristikum reklamiert wird, ausgeschlossen werden können. Denn während Jesus und
wohl weil man die Zugkraft dieser Aufgabe erkannt hat. seine Jünger den gewohnten Heiligenschein tragen, sind
Dabei ist scheinbar vergessen, dass man früher—in manchen die Feinde mit mittelalterlichen Judenhüten eindeutig
heute gebrauchten Büchern immer noch — einen solchen klassifiziert. Hier müsste also mit wesentlich mehr Sorg-
Einsatz auf jüdischer Seite, weil angeblich »nur« auf das falt ausgewählt und auch kommentiert werden. Dies kann
Diesseits gerichtet, herabgewürdigt hat bzw. herabsetzt. aber so lange nicht geschehen, wie man bei den Texten
Beim Themenbereich Liturgie wird ähnlich argumentiert nicht Konsequenzen der angedeuteten Art zu ziehen be-
oder eher: suggeriert. Denn anstatt die starke Verwurze- reit ist.
lung im Tempel- und Synagogengottesdienst zu entfalten,
versucht man etwa beim Opferbegriff oder beim Gebet, Schulbibeln und Lehrpläne
eine christliche Überlegenheit heraustreten zu lassen; das Freilich stehen dem weithin auch die (neuesten) Lehrpläne
hat unweigerlich eine Herabsetzung der jüdischen Seite entgegen, wo der erkennbare gute Wille durch dieselbe
zur Folge. Gewiss lassen sich auch hier wieder neutesta- Halbherzigkeit — wie in den Religionsbüchern festge-
mentliche Ansätze wie 2 Kor 3 (Entgegensetzung von stellt — daran gehindert wird, gute Ansätze auch zu ver-
»Altem« und »Neuem Bund«) oder im Hebräerbrief zur wirklichen. Es ist eben nicht damit getan, dem heutigen
vermeintlichen Rechtfertigung finden. Aber dann müsste Judentum aus einer gewissen Verpflichtung wegen der
man zumindest darauf hinweisen, dass solche Aussagen, geschehenen Katastrophe heraus Sympathien entgegenzu-
aus einer damaligen Konkurrenzsituation stammend, mit bringen. Nur aus einer Neubesinnung auf die Wurzel und
anderen im NT — wie etwa den erwähnten: Röm 9, 4 f. von der Wurzel aus wird es möglich sein, über das Her-
und 11, 28-29 — nicht auf einen Nenner zu bringen sind. umkurieren an Symptomen hinauszukommen. Die heute
Wenigstens in den Lehrerkommentaren sollte man diese verwendeten Schulbibeln und Bibelausgaben sind mit
Klarheit erwarten, auch die Begründung dafür, weshalb ihren Überschriften, den Kommentaren und mit dem, was
man sich so und nicht anders entscheidet. Freilich müsste sie einer Erläuterung nicht für würdig oder notwendig
man konsequenterweise auf die positive Würdigung des ansehen, ein beredtes Beispiel dafür, dass man die vati-
heutigen Israel bzw. Judentums verzichten, eine Forde- kanischen Richtlinien und Hinweise zu Nostra Aetate,
7
Art. 4, weiterhin ignorieren kann, auch wenn nicht zu dass wir in ihnen Gottes bleibend Erwählte anerkennen,
verkennen ist, dass sich manches gebessert hat. So wird es an deren Segensverheissung wir durch den Glauben an
in der Tat noch eines langen Lernprozesses bedürfen, bis Jesus Christus Anteil erlangen. Erst so werden wir die
wir in der Schule — aber natürlich auch sonst im Christen- vielbeschworene Solidarität mit den Juden und mit Israel
leben — so weit sind, Juden und Judentum so zu sehen, verwirklichen können.
II Erziehung zum christlich-jüdischen Dialog
in einer pluralistischen Gesellschaft*
Von Professor Dr. Günter Biemer,
Direktor des Pädagogisch-Katechetischen Seminars, Universität Freiburg i. Br.
0 Einleitung 1. Die Qualifikation zum religiösen Dialog in der plu-
0.1 Ich beginne mit einer Situation ralistischen Gesellschaft kann nur in solchen Interaktions-
An einem Sonntag im Januar 1939 stand an der Stra- prozessen erworben werden, in denen identitätsfördern-
ssenbahnhaltestelle »Lange Rötterstrasse« in Mannheim de Prinzipien Geltung haben (L. Krappmann).
Alfred Hirsch, ein Mannheimer Jude, der sich zur Emi- Die vielschichtige Problematik, wie ein Mensch Sprach-
gration gezwungen sah. Vier Jahre lang sollte er in Bel- kompetenz bzw. Dialogkompetenz gewinnt, und zwar im
gien und Frankreich auf der Flucht leben, bis er vom Bereich religiöser Sprache des jüdischen oder christlichen
»Lager Gurs« in Südfrankreich nach Auschwitz gebracht Glaubens, soll mit Hilfe der Theorie des symbolischen In-
wurde. Nur wenige hundert Schritte von jener Halte- teraktionismus verdeutlicht werden, wie sie in jüngerer
stelle entfernt befindet sich die katholische Bonifatius- Zeit in der Religionspädagogik rezipiert wurde. Religiöse
Kirche, in der in jenen Wochen — wie üblich — der Sozialisation kann als Prozess verstanden werden, bei dem
Erstkommunionunterricht begonnen hatte. Den Kindern das Kind in der Interaktion mit Bezugspersonen nicht
wurde das Geheimnis von der Kommunikation Gottes nur die Bedeutung der Welt aus den religiösen Traditio-
mit den Menschen in Jesus Christus vermittelt. Die Ver- nen der Glaubensgemeinschaft erfährt und kennenlernt,
mittlung blieb ohne jeden Transfer zur herrschenden ge- sondern damit auch erfährt, wer es selbst ist und sein
sellschaftlichen Praxis: ohne Verarbeitungshilfe, dass es soll. Aus der Interaktion ergeben sich nicht nur der Er-
andere christliche Kinder gab, die das Abendmahl in werb der religiösen Symbole der Väter und die Kennt-
ihrer Glaubensgemeinschaft feierten und auch ohne Be- nis der Rolle z. B. des Betens, des Feierns, der Teil-
wusstseinserhellung, dass es jüdische Kinder gab, deren nahme an einem Gottesdienst usw. Es entsteht auch eine
Familien in ihrem Pessach »das Fest der ungesäuerten Identität in religiöser Dimension, und das Kind erfährt,
Brote noch heute so feiern, wie Jesus es mit seinen was Israel nach Jesaja erfahren hat und erfährt: »Ich
Jüngern feierte« (nach Edith Stein). 1 rufe dich beim Namen, mein bist du. Gehst du durch
Ich selbst gehöre zu jenem Jahrgang von Erstkommuni- Wasser, ich bin bei dir ... Fürchte dich nicht; denn ich
kanten in jener Stadt. Erst jetzt, 40 Jahre danach, bin mit dir.« (43, 1b und 5a). Ein bekanntes zentrales
wurde ich mit der noch unbekannten Korrespondenz Beispiel aus jüdisch-religiöser Erziehung ist die Pessach-
von Alfred Hirsch konfrontiert, die mir diese Gleichzei- nacht. Ich zitiere nach Isaak Breuer: »Alljährlich kehrt
tigkeit erschreckend zum Bewusstsein brachte. Der Dia- im Leben der Juden eine Nacht wieder, die dazu auser-
log mit dem in Auschwitz Ermordeten war den Chri- koren ist, dass der jüdische Vater seinen Kindern ver-
sten jener Generation nicht gelungen.2 ständlich macht, was es bedeutet, Jude zu sein. ... über
die in Lichtglanz getauchte Tafel gleitet der fragende
0.2 Zur Disposition
Blick des Kindes und bleibt am Antlitz des Vaters hän-
Das Thema »Erziehung zum Dialog in einer pluralisti-
gen: Was bedeutet all dies? Da hebt er zu erzählen an
schen Gesellschaft« hat im vorliegenden Kontext das wie geschrieben steht in der Haggada, der uralten Frei-
Ziel, Wege der Befähigung von Kindern, Jugendlichen heitsurkunde der Nation: Sklaven sind wir gewesen dem
(und Erwachsenen) zum christlich-jüdischen Dialog auf- Pharao in Mizrajim. Da führte Gott, unser Gott, uns
zuzeigen. Aus der Sicht des Religionspädagogen handelt von dort hinaus mit starker Hand und ausgestrecktem
es sich dabei nicht um eine erziehungstechnologisch zu Arm.«3 Indem die Kinder sich mit den Israeliten des
bewältigende Anwendungsaufgabe. Dialog kann m. E. Exodus in der Erzählung identifizieren, erhalten sie An-
nicht durch kybernetische oder behavioristische Ziel- und teil an deren Glauben und Hoffnung. Sie lernen — wie
Mittelbestimmung erreicht werden. Vielmehr hat die Be- Isaak Breuer sagt — »Was es bedeutet, Jude zu sein«.
fähigung eines Kindes und Jugendlichen zu dialogischem Ein solcher Identitätsentwurf in religiöser Dimension ist
Verhalten ihre Wurzeln im Prozess der Identitätsbil- die basale Voraussetzung für dialogisches Verhalten. Es
dung, dem ich mich deshalb zuerst zuwenden möchte kommt dadurch zustande, dass die Kinder sich von die-
(1), um im Anschluss daran die inhaltliche Problematik sem Anspruch her definieren lassen, zumal der Vater das
der Erziehung zu absoluten religiösen Werten in einer Geschehen für sie aus der Vergangenheit ins Präsens sei-
pluralistischen Gesellschaft zu bedenken (2 und 3). nes Lebens setzt, indem er »von seinen eigenen Erlebnis-
Schliesslich sollen die Konsequenzen für die Praxis der sen erzählt«4. So entstehen signifikante Begriffe bzw.
Glaubensgemeinschaften überlegt werden (4 und 5). Symbole für die Kinder, bei denen nicht nur die Her-
kunft aus der religiösen Tradition, sondern auch das eige-
* Vortrag auf Einladung des Vatikanischen Liaison-Committee bei ne Erleben und die Mitdefinition aus der eigenen Er-
seinem 8. Treffen im Oktober 1979 in Regensburg [s. u. S. 94 f.].
1 Vgl. u. S. 12, Anm. 27. 3 Isaak Breuer, Die Passahnacht: F. Thieberger, Jüdisches Fest und
2 Vgl. dazu: Die verblutende Emigration. Zur Korrespondenz von jüdischer Brauch, Berlin 21967, 228,
Alfred Hirsch (1901-1942). 4 Ebd. 229.
8
fahrung von Belang sind, wie die Vergegenwärtigung Nur aus Handlungen, nur im Umgang mit Interak-
durch den Vater zeigt. Die religiösen Symbole »Exodus«, tionsprozessen lesen Kinder die grundlegenden
»Pessach«, »Vater«, » Judesein« und vor allem »Gott« Orientierungen ab und filtern sie heraus. Belehrungen
gelangen bei diesem Lernprozess durch den Interaktions- sind für die Vermittlung von Handlungsbefähigung
vollzug zu einer persönlich-existentiellen Aneignung, und unzureichend.
das ist von entscheidender Bedeutung beim Erwerb reli-
2. In der pluralen Gesellschaft wird religiöse Erzie-
giöser Riten und Symbole.
hung mit ihrer Vermittlung des absoluten Anspruchs
Offener als eine rituale Kommunikationssituation ist
Gottes von Andersdenkenden in Frage gestellt und zur
das folgende Beispiel einer Gespiächssituation, die eben-
Begründung herausgefordert.
falls Identitätsförderung, religiösen Symbolerwerb und
Seit Lessings Aufforderung, die Offenbarung in die
religiöse Dialogbefähigung dokumentiert. Ein junger Re-
Vernünftigkeit zu übersetzen und so breitere Plausibi-
ligionspädagoge berichtet aus dem Umgang mit seinem
lität zu gewinnen, sind vielfältige Herausforderungen
Sohn: »Der 4jährige David fragt mich, warum ich dem
an den Absolutheitsanspruch des biblischen Glaubens ge-
toten Vogel, den er tagelang auf dem Weg zum Kinder-
richtet worden. Der Projektionsverdacht von Ludwig
garten am Strassenrand sieht, nicht helfen könne. Auf
Feuerbach in der sozialpolitisch wirksamen Formulie-
meine Antwort, dass dem toten Vogel kein Mensch mehr,
rung von Karl Marx, die Relativierung der Wahrheit
sondern nur der liebe Gott helfen könne, fragt mich Da-
historischer Aussagen seit Barthold Georg Niebuhr und
vid, wie gross und stark der liebe Gott denn sei und
David Friedrich Strauss, die Hinterfragung seelischer
warum ich nicht der liebe Gott sei. Ich versuche ihm zu
Vorgänge durch die Psychoanalyse von Sigmund Freud,
erklären, dass ich doch ein Mensch sei und selber auch
die Absagen an die Gültigkeit des Glaubensdenkens
einmal sterben müsse und deswegen nur der liebe Gott
durch die verschiedenen kritisch-rationalistischen Syste-
dem toten Vogel helfen könne. ... Indem (das Kind)
me moderner Wissenschaftslogik usw. In der soziologi-
mein Zugeständnis, nicht helfen zu können, und meine
schen Hypothese, dass Wirklichkeit eine gesellschaftliche
Selbstdeutung interpretiert, schafft es für sich eine neue
Konstruktion ist und Wahrheit das, was Geltung hat,
Bedeutung. Der Vater kann einem Toten nicht helfen:
erreicht die Relativierungsprovokation des biblischen
Wenn Gott helfen kann, muss er grösser sein als der Va-
Glaubens mit seinem absoluten Anspruch ihren Höhe-
ter. — Dies bestätigt sich einige Wochen später, berichtet
punkt.7
Albert Biesinger weiter: »David hält seinen zweijährigen
Auf vielfältige Weise haben christliche Theologen die
Bruder Manuel gerade noch vor einem fahrenden Auto
Herausforderung neuzeitlichen, aufklärerischen Den-
zurück. Als er mir das abends erzählt, wendet er sich an
kens aufgenommen und versucht zu zeigen, wie der An-
Manuel: »Wenn ich dich nicht festgehalten hätte, wärst
spruch des biblischen Glaubens auf absolute Werte neu
du nämlich jetzt tot. Dann kann dir der Papa nicht
mehr helfen, nur noch der liebe Gott, weil der nämlich begründet werden kann: nicht philosophisch-metaphy-
viel grösser ist als der Papa«.5 Für das Kind spielt sich sisch wie bisher, sondern in konkreter Geschichte und in
religiöses Lernen in offener Kommunikation ab. Es kann existentiellem Zusammenhang. Ich beschränke mich auf
sich also mit seiner eigenen kognitiven Struktur am Er- den Vorschlag von Karl Lehmann, absolute Werte des
werb der religiösen Symbole und somit am Erwerb reli- Biblisch-Christlichen in der Kategorie der Geschichts-
giöser Sprache beteiligen. Deshalb wird es auch sprach- mächtigkeit darzustellen.8 Für die Problematik religiö-
mächtig und geht aus eigener Initiative mit den Symbo- ser Erziehung angesichts des Relativierungsanspruchs
len »Gott«, »Vater«, »Tod« usw. richtig um. Die Vor- der pluralistischen Gesellschaft scheint mir die Situation
aussetzung für die Qualifikation zum Dialog ist gege- des schulischen Religionsunterrichts in verschiedenen
ben. westlichen Ländern symptomatisch. Dazu gehören z. B.
Wenn wir zusammenfassend überblicken, wie diese Qua- der Religionsunterricht in Grossbritannien, in den USA,
lifikation vermittelt wird, sowohl im ritualen als auch in der Bundesrepublik u. a. Die öffentliche Schule erweist
im freien Gespräch, so zeigen sich zumindest zwei kon- sich dabei als der Ort, an dem sich die Pluralität der Ge-
stitutive Prinzipien:6 sellschaft spiegelt und Religion sich als Lehrfach neu le-
a) Das persönlich verantwortete Einstehen des Vaters, gitimieren muss.° Die kritischen Herausforderungen an
also des Handlungspartners des Kindes, der seinen
eigenen Glauben und sein eigenes Hoffen bezeugt 7 Der Soziologe Peter Berger sieht es angesichts dieser Lage der
Theologie angebracht, von sich aus auf verbleibende Spuren der
und begründet. Der somit entstehende Orientierungs-
Transzendenz aufmerksam zu machen und glaubt so, den Theologen
rahmen gibt Zuverlässigkeit für das Handeln; Wort bei ihrem schwierigen Handwerk Mut machen zu sollen. P. Berger,
und Tun des Vaters stimmen überein. (Vgl. u. 6). Auf den Spuren der Engel. Die moderne Gesellschaft und die Wie-
b) Vertrauen in die Kommunikation zur Aufklärung der derentdeckung der Transzendenz, Frankfurt 1970.
8 K. Lehmann, Absolutheit des Christentums als philosophisches und
Situation. Nur unter der Vertrauensvorgabe entste-
theologisches Problem: W. Kasper, Hrsg., Absolutheit des Christen-
hen die Fragen des Kindes, aus denen die Beteiligung tums, Freiburg-Basel-Wien 1979, 13-38, 37 f. Wichtig ist auch der
am Symbolerwerb erwachsen kann. Und ebenso be- Hinweis von Lehmann, dass die Formel vom Absolutheitsanspruch
darf die Aufdeckung der eigenen Identität des Vaters, des Christentums im 19. Jahrhundert keinen Zusammenhang mit
dem Alten Testament gezeigt habe und so ausserhalb der Möglichkeit
das Zugeständnis, einem Toten nicht helfen zu kön-
des Gesprächs mit dem Judentum geblieben sei, während die in Ge-
nen, des Vertrauens in umgekehrter Richtung. schichte und Gesellschaft eingebrachte Bestimmung des unbedingten
Wo diese beiden Prinzipien der Verantwortung und Anspruchs der Offenbarung gerade diese Möglichkeit zum Dialog
der beiden reziproken Arten des Vertrauens den Rah- erschliesst.
9 Zur Situation in England vgl. N. Smart - D. Holder, Hrsg., New
men für Interaktionen sichern, kann es zum Erwerb
Movements in Religious Education, London 1975; M. Grimmit, What
von religiöser Sprache und Dialogfähigkeit kommen. can I do in R. E.? Great Wakering 1973. — In der Bundesrepublik
gab es eine breite Diskussion: (1) den Versuch, sich an Schultheorien
5 A. Biesinger, Religiöse Sozialisation als symbolische Interaktion?: anzuschliessen, Schule als Sprachschule zu verstehen und Religions-
G. Stachel u. a., Hrsg., Sozialisation — Identitätsfindung — Glau- unterricht als Vermittlung religiöser Sprache; (2) den Versuch, den
benserfahrung, Zürich u. a. 1979, 160-164, 163 f. Auftrag der Schule emanzipatorisch zu verstehen und Religionsunter-
° Vgl. L. Krappmann, Identität in Interaktion und Sozialisation: richt als einen spezifischen Beitrag zur Freisetzung des Menschen;
G. Stachel u. a. Hrsg., Sozialisation a. a. 0. 147-152. (3) den Versuch, Schule als Qualifikation für die Zukunft zu verste-
9
Description:der Identität nach Erik H. Erikson geht, audi das The- ma der Religionen im Zielfelderplan eigens entfaltet und dabei der Darstellung des Anm. 1) – Teaching and Sharing: I have become Sion's Guest by. Katherine MacDonald; The Church in Miniature by Irene Mary. Breslin; I was Glad when They