Table Of ContentWalter Müller· Familie - Schule - Beruf
Studien zur Sozialwissenschaft
Band 25
Westdeutscher Verlag
Walter Müller
Familie · Schule · Beruf
Analysen zur sozialen Mobilität und Statuszuweisung in der Bundesrepublik
Westdeutscher Verlag
Meinen Eltern und Geschwistern
© 1975 Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen
C. BerteIsmann, Vertreter für Wien, Gesellschaft mbH.
Umschlaggestaltung: studio für visuelle kommunikation, Düsseldorf
Satz: Günther Hill1mann, Nauheim
Alle Rechte vorbehalten. Auch die fotomechanische V ~rvielfältigung des Werkes
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Zustimmung des Verlages.
ISBN 978-3-322-96129-7 ISBN 978-3-322-96263-8 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-96263-8
No one deserves his greater natural
capacity nor merits a more favorable
starting place in society. But it
does not follow that one should
eliminate these distinctions. There
is another way to deal with them.
The basic structure can be arranged
so that these contigencies work
for the good of the least fortunatc.
(lohn Rawls, A Theory of Justice, S. 102)
Inhalt
Zur Einführung ......................................... 9
I Zum theoretischen Kontext der Untersuchung ................. 14
1. Verteilungsungleichheit, Umverteilung und soziale Mobilität 14
2. Priorität von Verteilungsungleichheit oder Chancenungleichheit ... 16
3. Berufsstruktur und graduelle Ungleichheit in der Industriegesell-
schaft ......................................... 19
a) In kapitalistischen Gesellschaften ..................... 21
b) In sozialistischen Gesellschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 23
4. Der Stellenwert berufsvermittelter Ungleichheit ............. 25
5. Statuszugangsregelungen und die Ideologie der Chancengleichheit 27
a) Stratification by ascription versus stratification by achievement . 27
b) Die Idee des Gleichgewichts von Ungleichheit der Verteilung und
Gleichheit der Chancen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 28
c) Soziale Mobilität und funktionalistische Schichtungstheorie 31
II Beru/und sozio-ökonomischer Status. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 35
/II Die Struktur der Intergenerationen-Mobilität in der Bundesrepublik . .. 46
1. Beschreibung der Untersuchungsdaten . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 49
2. Herkunft und berufliche Chancen ....................... 53
3. Die Rekrutierung zu Berufen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 59
4. Chancengleichheit oder soziale Klassen in der westdeutschen Gesell-
schaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 63
a) Das Modell der statistischen Unabhängigkeit .. . . . . . . . . . .. 63
b) Die Struktur ungleicher Chancen nach den Infratest-Daten ..... 66
c) Ein Vergleich mit den Daten des lAB ................... 69
d) Die Struktur ungleicher Chancen in der Bundesrepublik im Ver-
gleich mit den USA ............................... 73
5. Intergenerationen-Mobilität und Veränderung der Berufsstruktur . .. 76
6. Regionale und zeitlich-historische Differenzierung sozialer Mobilität. 83
7. Zusammenfassung ................................. 93
IV. Karriere-Mobilität ................................... 95
6
V. Der Statuszuweisungsprozeß I: Soziale Herkunft, Schule und
berufliche Karriere ................................... 104
1. Methodologische Voraussetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
2. Das pfadanalytische Grund-Modell ....................... 109
3. Weiterbildung und Karriere-Verlauf ..................... 116
4. Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse ............. 125
VI Der Statuszuweisungsprozeß II: Das relative Gewicht von Familie und
Schule ........................................... 128
1. Die Unzulänglichkeit von sozio-ökonomischem Status als Maß für die
Bedeutung der Herkunft im Statuszuweisungsprozeß .. . . . . . . . . . 129
2. Der Familienresidual-Effekt ........................... 132
3. Die Integration des FR-Effektes in ein Modell des Statuszuweisungs-
prozesses ....................................... 135
4. Diskussion der Ergebnisse ............................. 140
VII. Diskussion einiger Ergebnisse der Arbeit ..................... 145
1. Ein Vergleich der verschiedenen methodischen Ansätze ......... 145
2. Der Prozeß der Statuszuweisung in der sog. Leistungsgesellschaft ... 149
3. Einige Schlußfolgerungen zu politischen Fragen ............. 153
a) Reformen im Bildungssystem: Utopie und Realität ......... 154
b) Chancengleichheit und individuelle Mobilität: Realität und
Ideologie ..................................... 157
c) Weiterbildung und Karriere-Mobilität ................... 162
d) Kollektive Mobilität und Egalisierung sozialer Ungleichheit 165
Anhang ............................................... 168
A. Die Konstanzer Untersuchung ........................... 168
B. Mobilität und Veränderung der Berufsstruktur - Einige Anmerkungen
zur Diskussion um ein Maß der reinen Mobilität ............... 179
C. Korrelierende Residualwerte und Meßfehler in der Pfadanalyse 186
D. Auszüge aus dem Fragebogen der Konstanzer Erhebung ........... 189
Anmerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 195
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 206
Autorenregister ......................................... 214
Sachregister 217
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Zur Einführung
In sehr vielen Gesellschaften und nicht nur in der Bundesrepublik ist in den letzten
Jahren die Diskussion um die Verwirklichung von mehr sozialer Gleichheit und
Gerechtigkeit vermehrt ins Zentrum der öffentlichen und politischen Auseinander
setzung gerückt. Zwei grundsätzlich verschiedene Auffassungen stehen sich in dieser
Auseinandersetzung gegenüber. Die eine vertritt das meritokratische Ideal der Chan
cengleichheit, nach dem die ungleiche Teilhabe einzelner Menschen an den Gütern
einer Gesellschaft so lange nicht problematisch ist, als die Vergabe unterschiedlicher
Belohnungen nach Maßgabe individueller Fähigkeiten und Leistungen erfolgt. Nach
dieser sicherlich dominierenden Auffassung ist nur sicherzustellen, daß im Vertei
lungsprozeß keine leistungsfremden Kriterien wirksam sind und daß bei entsprechen
den Leistungen die Gleichheit der Chancen fur alle gewährleistet ist. Das zweite, am
ehesten als egalitär zu bezeichnende Modell geht in den Gleichheitsforderungen ent
schieden weiter. Die Vertreter dieser Politik fordern nicht nur die Beseitigung von
Chancenungleichheiten, sondern einen möglichst weitgehenden Abbau von Ungleich
heiten in der Verteilung von Ressourcen und in der Teilhabe an sozialen Gütern
überhaupt.
Wenn diese Unterscheidung in der öffentlichen Diskussion auch nur selten deut
lich gemacht wird, so ist sie fUr den Soziologen, der sich mit dem Problem der Un
gleichheit in Gesellschaften befaßt, zentral. Für ihn muß sich eine Analyse der Un
gleichheit in einer Gesellschaft einerseits auf die ungleiche Verteilung der verftigbaren
Güter auf verschiedene Positionen des Systems beziehen, andererseits auf die Rege
lung des Zugangs von Individuen zu diesen Positionen. Diese Arbeit befaßt sich vor
nehmlich mit dem zweiten Aspekt. Sie geht aus von der Tatsache, daß in modernen
Industriegesellschaften wie der Bundesrepublik ein wichtiger Anteil der individuell
verftigbaren Güter über das statusmäßig differenzierte Positionengeftige des Berufs
systems verteilt wird. Sie untersucht dann vor allem die Regelung des Zugangs zu
ihnen und die Muster der Mobilität zwischen beruflichen Positionen verschiedenen
Status.
Der Hauptgegenstand dieser Arbeit ist also das Problem von Gleichheit oder Un
gleichheit der Chancen in unserer Gesellschaft. Dennoch spielen Ungleichheiten der
Verteilung eine wichtige Rolle. Eine grundlegende Annahme der Analysen ist näm
lich die Vorstellung, daß Ungleichheiten der Teilhabe an Ressourcen zu einem
bestimmten Zeitpunkt ungleiche Chancen im Zugang zu Ressourcen in späteren
Zeitpunkten bedingen. Diese Priorität von Ungleichheiten der Verteilung vor Un
gleichheiten der Chancen beruht zu einem wichtigen Teil darauf, daß auch in Indu
striegesellschaften in den meisten Fällen die Familie die Einheit der Partizipation an
9
den Ressourcen bildet. Weil eines der wesentlichen Merkmale auch der Kernfamilie
die Solidarität ihrer Mitglieder ist und die Eltern das Schicksal der Kinder weitgehend
als das ihre betrachten, setzen sie auch die verftigbaren Ressourcen ein, um den Kin
dern zu einem möglichst günstigen Start zu verhelfen. Deshalb determiniert die Un
gleichheit der Teilhabe an Ressourcen in der vorhergehenden Generation die Ungleich
heit des Zugangs zu Ressourcen in der nachfolgenden Generation. Es ist ein Ziel die
ser Arbeit, durch empirische Analysen darzustellen, in welchem Ausmaß dies der
Fall ist und damit auch klarzulegen, inwieweit die Ungleichheit der Verteilung von
Ressourcen geradezu der Mechanismus ist, der die ungleichen Chancen fur den Zu
gang zu den privilegierten Positionen generiert. Wir werden abzuklären haben, inwie
weit in Industriegesellschaften nicht nur eine zeitlich überdauernde Struktur ungleich
belohnter Positionen besteht, sondern wie in der Struktur der Positionen gleichzeitig
die Rekrutierung des Personals in einer Weise institutionalisiert ist, daß über Genera
tionen hinweg Positionen bestimmter Statusniveaus Mitgliedern der gleichen Fami
lien zufallen.
Die Institution, die in modernen Gesellschaften zwischen der durch familiäre
Herkunft bestimmten sozialen Lage und eigener späterer Stellung interveniert, ist
die Schule. Die Schule ist nach Schelsky (1956, S. 6) zur "zentralen sozialen Diri
gierungsstelle" geworden. Wir werden zu untersuchen haben, ob diese These stimmt,
und in genau welcher Weise und in welchem Maße das Bildungssystem als Selektions
instanz den Zugang zu beruflichen Positionen beeinflußt. Wenn auch von Wissen
schaftlern wie von Politikern häufig behauptet wird, das Bildungssystem trage ent
scheidend zu höherer Mobilität und Chancengleichheit in der Gesellschaft bei, so
gibt es dennoch kaum Untersuchungen, - insbesondere nicht flir die Bundesrepu
blik - die in der Lage wären, in angemessener Weise die offene Frage zu prüfen, ob
das Bildungssystem eher als eine Institution zu verstehen ist, die Ungleichheiten
der sozialen Herkunft perpetuiert, oder als Institution, die die Zugangschancen zu
unterschiedlich belohnten Positionen egalisiert.
Haben wir einmal das Netz der Abhängigkeiten zwischen den fur das Ungleich
heitssystem moderner Gesellschaften zentralen institutionellen Bereichen von Fami
lie, Schule und Beruf erfaßt und quantitativ beschrieben, werden wir auch eine Ant
wort auf die Frage geben können, ob das Ungleichheitssystem einer modernen Gesell
schaft wie der Bundesrepublik dem Modell von "stratification by achievement" ent
spricht, oder ob nicht askriptive Elemente in der Verteilung von Ressourcen und
beim Zugang zu unterschiedlich belohnten Positionen eine entscheidende Rolle spie
len. Es wird zu diskutieren sein, inwieweit diese Typologie überhaupt geeignet ist
zur Beschreibung des Stratifikationssystems einer modernen Gesellschaft.
Den soweit kurz skizzierten generellen Problemkontext dieser Untersuchung wer
den wir in Kapitel I ausführlicher darstellen. Die nachfolgenden Kapitel werden dann
die allgemeinen Fragen präzisieren und sie unter jeweils besonders betonten Aspekten
einer Antwort näher zu bringen versuchen. Dies wird in der Weise geschehen, daß wir
anhand von sukzessive komplexeren Modellen die Restriktionen des Zugangs zu den
verschiedenen Positionen der beruflichen Hierarchie analysieren. Dieser Aufbau der
Arbeit dient gleichzeitig mehreren Zwecken: Wir gewinnen ein zunehmend vollstän
digeres Bild von den Beschränkungen des Zugangs zu den verschiedenen Positionen
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des Berufssystems. Wir werden am Ende der sukzessiven Schritte über ein Modell
verfügen, das die wichtigsten Bedingungsgrößen des Zugangs enthält und damit die
vorangehenden Analysen zusammenfaßt. Jedoch wird dieses Modell nicht mehr alle
dort gefundenen Ergebnisse im Detail enthalten können. Der Fortgang der Arbeit ist
in dem Sinne kumulativ, als nachfolgende Kapitel auf den vorhergehenden basieren
und den gewonnenen Ergebnissen neue Fragen und Erkenntnisse anfügen, jedoch
nicht in dem umfassenden Sinne, daß die weiterführende Fragestellung die vorausge
hende und deren Ergebnisse in einer Art vollständiger Inkorporation ersetzen könnte.
Diese Art der Kumulation ist nicht unsere Erfindung, allenfalls in der sehr einge
schränkten Weise, als wir an der einen oder anderen Stelle der langen Kette der Be
mühungen des Forschungszweiges ein weiteres Glied anfügen. Der Forschungszweig
ist die auf eine lange Tradition zurückblickende Mobilitätsforschung. Der Aufbau
dieser Untersuchung folgt im wesentlichen der Entwicklung dieses Forschungszwei
ges, und neben dem substantiellen Interesse am Phänomen der sozialen Mobilität ist
es ein Ziel der Arbeit, auch einen überblick über die wichtigsten methodischen An
sätze in dieser Entwicklung zu geben. Dabei ist der Begriff "soziale Mobilität" durch
aus nicht ftir alle Ansätze in gleicher Weise zentral. Er hat sich jedoch in der litera
tur als Oberbegriff für verschiedene Arten von Untersuchungsansätzen behauptet,
bei denen es letztlich immer darum geht, die Chancen des Zugangs zu einem bestimm
ten sozialen oder beruflichen Status in Abhängigkeit von einem eigenen früheren
Status oder in Abhängigkeit vom Status der Herkunftsfamilie zu sehen.
Mit Ausnahme von Kapitel III beruhen alle nachfolgenden Analysen auf Daten,
die im Sommer 1969 bei einer Befragung der Alterskohorte der 33jährigen männ
lichen Einwohner von Konstanz erhoben wurden. Eine Beschreibung der Auswahl
und Erhebungsmodalitäten sowie der Besonderheiten dieser Stichprobe findet sich
im Anhang A. Außerdem gehen wir, soweit notwendig, im Verlaufe der Darstellung
der Ergebnisse auf diese Fragen ein. Die Analysen in Kapitel III basieren auf einer
Repräsentativ-Umfrage von Infratest im Herbst 1968 und des Instituts ftir Arbeits
markt und Berufsforschung im Sommer 1970. Einzelheiten dieser Erhebungen be
schreiben wir in Kapitel III.
Das nachfolgende Kapitel 11 begründet durch einige Daten aus der Konstanzer
Befragung in Kürze die grundlegende Entscheidung, in dieser Arbeit soziale Mobili-
tät an Veränderungen von beruflichem Status zu untersuchen. Wir weisen nach, daß
die in den nachfolgenden Kapiteln hauptsächlich verwendete Klassifikation von Beru
fen nach der Skala von Kleining und Moore erheblich differenziert nach den wichtig
sten Kriterien des sozio-ökonomischen Status, wie Bildung und Einkommen, aber
auch nach Merkmalen wie Besitz an verschiedenen Gebrauchsgütern und Geldvermö
gen. Außerdem wird gezeigt, daß die verwendete Skala Berufe nicht nur nach der Ge
meinsamkeit der Teilhabe an solchen immateriellen wie materiellen Gütern klassifi
ziert, sondern daß sich auch private soziale Kontakte zum größten Teil zwischen Men
schen vollziehen, die nach dieser Skala sich im beruflichen Status ähnlich sind.
Mit Kapitel III beginnen wir die (empirische) Analyse von Mobilitä tsprozessen.
Unter verschiedenen Gesichtspunkten untersuchen wir zunächst die Mobilität zwi
schen verschiedenen Berufskategorien von der Väter-zur Sohngeneration. Wir bedie
nen uns dabei der in der Tradition der Mobilitätsforschung immer wieder verwende-
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