Table Of ContentAndrzej Sapkowski
Etwas endet, etwas beginnt
Erzählungen
Aus dem Polnischen
von Erik Simon
Deutscher Taschenbuch Verlag
Deutsche Erstausgabe 2012
© 2011 für die deutschsprachige Ausgabe:
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.
KG, München
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eBook ISBN 978-3-423-41023-6 (epub)
ISBN der gedruckten Ausgabe
978-3-423-21353-0
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Auf den Gedanken zu
»Etwas endet, etwas beginnt«
hat mich, wie aus dem Motto zu der Erzählung folgt, die Nachricht von der
Hochzeit eines gewissen Paares gebracht, das im Fandom bekannt und beliebt
ist – ha, heute brauche ich kein Geheimnis mehr aus der Tatsache zu machen,
dass es sich um Paulina Braiter und Paweł Ziemkiewicz handelt. Den Anstoß zur
Entstehung der Erzählung aber hat – Ehre, wem Ehre gebührt – Krzysztof
Papierkowski gegeben, der Vorsitzende des Gdańsker Phantastik-Klubs. Der
Klub gab ein eigenes Fanzine heraus, Der Rote Zwerg, und Krzysztof
Papierkowski bemühte sich immer wieder, für sein Fanzine noch
unveröffentlichte Texte prominenter polnischer Phantastik-Autoren zu
bekommen. Einmal machte er mir einen solchen Vorschlag, und nachdem ich
eingewilligt hatte, beschloss ich, nicht nur auf besagte Hochzeit der beiden Fans
Bezug zu nehmen, sondern der Erzählung überhaupt den Charakter eines
Scherzes zu geben, eines Witzes, wie er in die Atmosphäre der polnischen
Phantastik-Conventions passt. So betrachte ich die Geschichte auch heute –
weniger als Erzählung, sondern eher als Scherz.
Trotz allem Anschein, trotz der Situationen und Helden sollte die Erzählung
»Etwas endet …« auf gar keinen Fall mit der sogenannten »Saga vom Hexer
Geralt« oder überhaupt dem ganzen Geralt-Zyklus in Verbindung gebracht
werden. Das ist kein alternativer Schluss zu den fünf Romanbänden, es ist auch
entgegen allen Gerüchten kein Schluss, den ich im Laufe der Arbeit verworfen
und dafür einen weniger freudigen Epilog gewählt habe. Nicht alle haben das
verstanden. Der im Fandom hoch geschätzte Herr Tadeusz A. Olszański hat mir
einmal zu sagen beliebt, dass nur von mir und sonst niemandem eine derart
große Dreistigkeit zu erwarten war, wie den Epilog der »Saga« zu
veröffentlichen, noch ehe die Saga geschrieben war. Ja sogar jemand, von dem
man meinen sollte, dass er bestens im Bilde ist – mein Verleger Mirosław
Kowalski –, haute in dieselbe Kerbe: Wenig darüber erbaut, dass sich die Arbeit
am letzten Band hinzog, äußerte er seine Verwunderung, dass es so langsam
gehe. »Das letzte Kapitel hast du doch schon«, sagte er einmal. Und die Namen
der Leute, die total überrascht waren, im Epilog der fünf Romanbände keine
Hochzeit zu finden, waren Legion.
Aufmerksame Leser werden jedoch in
»Etwas endet …« gewisse Textpassagen
finden, die die Erzählung mit den fünf
Romanbänden gleichsam verbinden. Das ist
ein unschlagbarer Beweis für die Tatsache,
dass die »Hexer-Saga« nach einem exakten
Plan geschrieben wurde und nicht, wie
manche Gerüchte behaupten, chaotisch wie
ein Rollenspiel, bis der Autor ihrer
überdrüssig wurde und sie zu einem Ende
brachte. Man braucht nur die Daten zu
vergleichen: »Etwas endet, etwas beginnt«,
verfasst Ende 1992, wurde 1993 im Roten
Zwerg veröffentlicht. Der erste der fünf
Romanbände, Das Erbe der Elfen, erschien
1994. Der letzte Band aber, in dem von dem
Massaker auf der Treppe die Rede ist, in
dessen Verlauf Ciri weiße Haare bekommt,
wurde 1999 geschrieben und publiziert.
Etwas endet, etwas beginnt
Allen Jungvermählten gewidmet,
insbesondere zweien darunter
I
I
ie Sonne drängte ihre Feuerfühler durch die Schlitze in den
D
Fensterläden, durchschnitt das Zimmer mit schrägen, vom
aufgewirbelten Staub pulsierenden Lichtstreifen, goss helle
Flecken auf den Fußboden und auf die dort liegenden
Bärenfelle, erstrahlte mit einem blendenden Widerschein auf
Yennefers Gürtelschnalle. Yennefers Gürtel lag auf einem
Schuhchen mit hohem Absatz. Das Schuhchen lag auf einem
weißen Spitzenhemd und das weiße Hemd auf einem
schwarzen Rock. Ein schwarzer Strumpf hing über einer
Sesselarmlehne, die in Form eines Chimärenkopfes geschnitzt
war. Der zweite Strumpf und das zweite Schuhchen waren
nirgends zu sehen. Geralt seufzte. Yennefer liebte es, sich
schnell und schwungvoll auszuziehen. Er musste sich
allmählich daran gewöhnen. Ihm blieb nichts anderes übrig.
Er stand auf, öffnete die Fensterläden, schaute hinaus. Von
der spiegelglatten Fläche des Sees stieg Dunst auf, die Blätter
der Birken und Erlen am Ufer glänzten vom Tau, die fernen
Wiesen verbarg ein niedriger, dichter Nebel, der wie ein
Spinnengewebe knapp über den Spitzen der Gräser hing.
Yennefer regte sich unter dem Federbett, murmelte
undeutlich etwas. Geralt seufzte. »Ein schöner Tag, Yen.«
»He? Was?«
»Ein schöner Tag. Ein ausnehmend schöner Tag.«
Sie überraschte ihn. Statt zu fluchen und sich die Decke
über den Kopf zu ziehen, setzte sie sich auf, fuhr sich mit den
Fingern durch die Haare und begann, im Bettzeug nach dem
Nachthemd zu suchen. Geralt sah, dass das Nachthemd hinter
dem Kopfende des Bettes lag, dort, wo Yennefer es letzte Nacht
hingeworfen hatte. Doch er sagte nichts. Yennefer konnte
solche Bemerkungen nicht leiden.
Die Zauberin fluchte leise, gab dem Federbett einen Tritt,
hob eine Hand und schnippte mit den Fingern. Das Nachthemd
schwebte hinter dem Kopfende des Bettes hervor, ließ die
schwebte hinter dem Kopfende des Bettes hervor, ließ die
Falbeln wehen wie ein büßender Geist und schwebte
geradewegs auf die wartende Hand zu. Geralt seufzte.
Yennefer stand auf, kam zu ihm, umarmte ihn und biss ihn
in die Schulter. Geralt seufzte. Die Liste der Dinge, an die er
sich gewöhnen musste, schien kein Ende zu haben.
»Wolltest du etwas sagen?«, fragte die Zauberin und kniff
die Augen zusammen.
»Nein.«
»Gut. Weißt du was? Der Tag ist wirklich schön. Gute
Arbeit.«
»Arbeit? Was meinst du?«
Ehe Yennefer antworten konnte, hörten sie von unten einen
hohen, gedehnten Schrei und Pfiffe. Am Ufer des Sees entlang
kam, das Wasser beiseite spritzend, Ciri auf einer Rappstute
herangaloppiert. Die Stute war rassig und außerordentlich
schön. Geralt wusste, dass sie einst einem gewissen Halbelf
gehört hatte, der die aschblonde Hexerin nach dem
Augenschein beurteilt und sich schwer getäuscht hatte. Ciri
hatte die eroberte Stute Kelpie genannt, was in der Sprache
der Skellige-Inseln einen gefährlichen und boshaften Meergeist
bedeutete, der manchmal die Gestalt eines Pferdes annahm.
Der Name passte ideal auf die Stute. Unlängst hatte sich ein
gewisser Halbling beim Versuch, Kelpie zu stehlen, auf sehr
schmerzhafte Weise davon überzeugt. Der Halbling hieß Sandy
Frogmorton, doch seit diesem Zwischenfall wurde er allgemein
»Blumenkohl« genannt.
»Irgendwann wird sie sich den Hals brechen«, murmelte
Yennefer, während sie zusah, wie Ciri inmitten der
Wasserspritzer einhergaloppierte, in den Steigbügeln stehend.
»Irgendwann wird sich diese Verrückte, deine Tochter, den
Hals brechen.«
Geralt wandte ohne ein Wort den Kopf, schaute der
Zauberin direkt in die veilchenblauen Augen.
Zauberin direkt in die veilchenblauen Augen.
»Na schön.« Yennefer lächelte, ohne den Blick zu senken.
»Entschuldige. Unsere Tochter.«
Sie umarmte ihn abermals, schmiegte sich eng an ihn,
küsste ihn erneut und biss ihn abermals. Geralt berührte mit
den Lippen ihre Haare und schob der Zauberin vorsichtig das
Hemd von den Schultern.
Dann fanden sie sich im Bett wieder, in dem zerwühlten
Bett, das noch warm war und nach Schlaf roch. Und sie
begannen einander zu suchen, und sie suchten sich lange und
sehr geduldig, und die Gewissheit, dass sie einander ja finden
würden, erfüllte sie mit Freude und Glück, und Freude und
Glück waren in allem, was sie taten. Und obwohl sie so
unterschiedlich waren, wussten sie wie immer, dass diese
Unterschiede nicht von der Art waren, die trennt, sondern von
der, die vereint und verbindet, fest und stark verbindet wie der
mit der Zimmermannsaxt gehauene Versatz von Sparren und
First, aus dem ein Haus entsteht. Und es geschah wie beim
ersten Mal, dass ihn ihre schimmernde Nacktheit und ihr
heftiges Verlangen ergriff und sie seine Feinfühligkeit und
Empfindsamkeit. Und wie beim ersten Mal wollte sie ihm davon
sagen, doch er unterbrach sie mit Küssen und Zärtlichkeiten
und nahm ihren Worten jeglichen Sinn. Und später, als er ihr
davon sagen wollte, kam er nicht zu Wort, und später trafen
Glück und Lust sie mit der Macht eines herabstürzenden
Felsens, und da war etwas, das ein tonloser Schrei war, und die
Welt hörte auf zu sein, etwas endete und etwas begann, und
etwas dauerte, und es war Stille, Stille und Ruhe.
Und Bezauberung.
Die Welt fand allmählich zu sich zurück, und wieder waren
da das Bett, das nach Schlaf roch, und das Zimmer, erfüllt von
Sonne und Tag. Tag …
»Yen?«
»Mhm?«
»Mhm?«
»Als du sagtest, der Tag sei schön, hast du hinzugefügt:
›Gute Arbeit.‹ Sollte das heißen …?«
»Sollte es«, bestätigte sie und reckte sich, streckte die
Arme und fasste die Ecken des Kopfkissens, und ihre Brüste
nahmen dabei eine Form an, die bei dem Hexer ein Kribbeln im
unteren Teil des Rückens auslöste. »Weißt du, Geralt, dieses
Wetter haben wir gemacht. Gestern Abend. Ich, Nenneke, Triss
und Dorregaray. Ich konnte schließlich kein Risiko eingehen,
dieser Tag musste schön werden …«
Sie hielt inne, stieß ihm mit dem Knie gegen die Hüfte.
»Denn das ist doch der wichtigste Tag in deinem Leben,
Dummerchen.«
II
Das Schloss Rosrog, das auf einer Landzunge inmitten des Sees
stand, bedurfte einer Generalreparatur, innen und außen, und
das nicht erst seit gestern. Vorsichtig ausgedrückt, war Rosrog
eine Ruine, ein formloser Haufen Steine, überwuchert von
Efeu, Winde und Tradeskantien, eine Ruine inmitten von Seen
und Sümpfen, in denen es von Fröschen, Ringelnattern und
Schildkröten wimmelte. Es war schon eine Ruine gewesen, als
König Herwig es zum Geschenk erhalten hatte. Das Schloss
Rosrog und die umliegenden Ländereien waren nämlich eine
Art Donation auf Lebenszeit, ein Abschiedsgeschenk für
Herwig, der vor zwölf Jahren zugunsten seines Schwagers
Brennan abgedankt hatte – jenes Brennan, den man neuerdings
»den Guten« nannte.
Geralt hatte den Exkönig durch Rittersporn kennengelernt,
denn der Troubadour weilte oft auf Rosrog, da Herwig ein
überaus netter und gastfreundlicher Hausherr war. Es war