Table Of ContentKarl von Frisch
Erinnerungen eines Biologen
Dritte, erweiterte Auflage
Springer-Verlag Berlin· Heidelberg· New York 1973
Mit 40 Abbildungen im Text, einem Portrait, einem Aquarell
und einem Stammbaum
Professor Dr. Karl von Frisch
8000 München 90
Über der Klause 10
ISBN-13: 978-3-540-06451-0 e-ISBN-13: 978-3-642-61968-7
001: 10.1007/978-3-642-61968-7
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© by Springer-Verlag oHG. Berlin . Göttingen . Heidelberg 1957 and 1962. © by Springer-Verlag Berlin
Heidelberg 1973. Library of Congress Catalog Card Number 73-11812
Softcover reprint of the hardcove 3rd edition 1957
Satz, Druck und Bindearbeiten: Brühlsehe Universitätsdruckerei Gießen
Der Osterreichischen Akademie der Wissenschaften
zugeeignet
VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE
Ffinf Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches kam eine unveran
derte zweite Auflage heraus. Auch diese ist nun seit einiger Zeit vergriffen.
Ffir eine Umgestaltung des ursprfinglichen Textes liegt kein AniaB
vor. Er war kurz vor dem Ende meiner Tatigkeit als aktiver Hochschul
lehrer geschrieben und gibt so einen Dberblick fiber eine in sich geschlos
sene Lebensspanne. Doch habe ich, wo es angezeigt war, einige Anderun
gen und Einffigungen angebracht. Neu hinzugekommen ist ein letztes
Kapitel fiber die Zeit nach meiner Emeritierung. Ais Anhang findet der
Leser eine kleine Auswahl von Gedichten. Nicht, daB ich mich fUr einen
Dichter hielte! Aber sie mogen erganzend das Lebensbild von einer etwas
anderen Seite her beleuchten.
Dem Springer-Verlag danke ich ffir seine Bereitschaft, die "Erin
nerungen" noch einmal aufzulegen und in altgewohnter Weise aufs beste
auszustatten.
~finchen, IO.~ai 1973 KARL VON FRISCH
VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE
Eine Darstellung des eigenen Lebensweges stano. nicht auf meinem
Arbeitsprogramm. Der AnstoB kam von auBen. Die Osterreichische
Akademie der Wissenschaften, mit der ich seit 1938 als Mitglied und
seit 1954 als Ehrenmitglied verbunden bin, verlangt von allen, die ihr
angehi:iren, fur ihre Akten die Abfassung einer Autobiographie, uber
deren Umfang sie keine Vorschrift macht. Als ich jetzt nach wieder
holter Mahnung endlich daran ging, der Verpfiichtung nachzukommen,
geriet mir das Schriftstiick in die Breite, und so mag es schlieBlich in
der Bucherei der Akademie, statt in ihrem Aktenschrank unterschlUpfen.
lndem ich dieses Buch der ehrwurdigen Osterreichischen Akademie
der Wissenschaften zueigne, mochte ich auch einen spat en Dank dafur
zum Ausdruck bringen, daB ich von ihr im Jahre 1921 mit der Verleihung
des Liebenpreises meine erste wissenschaftliche Auszeichnung erhielt.
Herrn Dr. FERDINAND SPRINGER danke ich fUr seine verlegerische
Bereitwilligkeit und fUr das schone Gewand, das er diesem bescheidenen
Versuch zugedacht hat.
Brunnwinkl, 4. Oktober 1956 KARL VON FRISCH
INHALTSUBERSICHT
W oher des Weges . 1
Schulzeit . . . . . 15
An der Universitat . 25
Als Assistent am Miinchner Zoologischen Institut 37
Habilitation und weitere Assistentenjahre in Miinchen 43
Zwischenspiel im Rudolfinerhaus (1914-1918) 50
Zur Zoologie zuriick . . . . . . . . 57
Als Ordinarius in Rostock (1921-1923) 64
Breslau (1923-1925) 77
Wieder in Miinchen 85
Amerikareise 1930 98
1m neuen Institut 105
Zweiter Weltkrieg 115
Stille Arbeit in Brunnwinkl 1945/;46 . 124
Graz 1946-1950. . . . . 131
Zweite Amerikareise (1949) 141
Zum fiinftenmal nach Miinchen 154
Nach der Emeritierung (seit 1958) 163
Anhang: Verse und Gedichte. 173
Verzeichnis der Arbeiten . . 184
N amen-und Sachverzeichnis. 190
WOHER DES WEGES
Am 20. November 1886 kam ieh als Sohn des Universitatsprofessors
ANTON R. V. FRISCH und seiner Frau MARIE, geb. EXNER im Hause
W ien VIII., J osefstiidterstraBe 17 zur Welt. Das Dasein verdanke ieh
wohl meinen drei erheblieh alteren Brudern. Zu ihnen hiitte ein Toehter
lein gehort. Und so ersehien der Naehkommling - aber nieht in der
gewunsehten weibliehen Ausgabe.
Abb. I. Das Eltemhaus Wien VIII .. JoselstadterstraBe 17, von der Gartenseite gesehen.
Links oben das Hache Prornenadendach. - Federzeichnung von JENNY FRISCH geb. R,CHTER urn 1904
Das Elternhaus ist noeh heute im Besitz unserer Familie. Wer an der
sehliehten Front des einstoekigen Gebaudes vorbeigeht, denkt nicht,
daB hinter ihm, yom Hausermeer der GroBstadt eingesehlossen, ein
stiller Garten liegt, der den Dbergang yom einstigen grunen Vorort zu
einem zentralen Teil der Millionenstadt so gut wie unberuhrt urn sieh
her gesehehen lieB (Abb. 1). Gegen den Garten zu hatte mein Vater
einen Teil des Daehes zu einer flaehen Promenade gestaltet, auf der
meine Mutter allabendlieh zu wandeln pflegte, urn einen "Luftsehnapper"
zu machen. Da konnte sie ihren Blick iiber die Nachbargarten schweifen
lassen bis zum fernen Kahlenberg, und ihr Schonheitsdurst fand taglich
neue Freude am Farbenspiel des Sonnenuntergangs. Ihr Schmerz ist
mir in lebhafter Erinnerung, als in der Nachbarschaft die aufsteigenden
Zinshauser den Blick in die Weite verbauten und den Himmel mehr und
mehr einengten.
Mein Vater war Chirurg und in der Bliitezeit der Wiener Arzteschule
Assistent bei THEODOR BILLROTH. Urn heiraten zu konnen, gab er diese
Assistentenstelle friih-
zeitig auf und speziali
sierte sich auf das Fach
der Urologie. Hierin hat
er als praktischer Arzt,
als Dozent an der Uni
versitat und durch seine
wissenschaftliche Tatig
keit Hervorragendes ge
leistet. An der Akademie
der bildenden Kiinste
gab er den Unterricht
in Anatomie.
Patienten stromten
ihmausdemln-undAus
land reichlich zu. Hand
greifliche, schmackhafte
Zeichen ihrer Dankbar
keit kamen uns zu den
Festzeiten ins Haus, von
Spargel und Wein bis
zu Gansen und Schwein
Abb.2. Mein GroBvater vaterJkherseits,
chen, geziert mit den un
Generalstabsarzt Dr. ANTON Ritter von FRISCH
garischen Landesfarben
oder mit anderen Dekorationen. Das arztliche Ansehen des Vaters legte
den Grund zu einer gewissen Wohlhabenheit, die mir und meinen drei
alteren Briidern eine sorglose Jugend und die freie Wahl des Berufes
sicherte.
Zum Aufspeichern von Reichtum ist es nicht gekommen. Dafiir
sorgte in ihrer Weise meine Mutter, in der sich Geist mit Giite in un
gewohnlichem MaBe verbunden hatte. Sie kannte keine groBere Be
friedigung, als anderen Menschen Freude zu bereiten und mein Vater,
eher verschlossen und auBerlich oft als Brummbar erscheinend, lieB sie
gerne gewahren. Als bezeichnendes Bild sehe ich vor mir, wie er eines
Tages in der Weihnachtszeit eine groBe Anzahl ausgesucht schOne, ver-
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schiedenartige Taschenmesser schmunzelnd vor sie hinlegte, nur dam it
sie diese nach Belieben verschenken konnte. Ihre Wohltaten gegeniiber
vielen, die solcher bediirftig waren, kamen uns nur gelegentlich zur
Kenntnis, denn sie machte kein Aufhebens davon.
Aber sie verlor sich nicht im Alltaglichen. Schon in jungen J ahren
ihrer Ehe, als das Geld noch sparlich war, bewog sie ihren widerstrebenden
Mann zum Ankauf eines groBen, solide gebauten, 300 Jahre alten Miihl
hauses in Brunnwinkl bei St. Gilgen am Wolfgangsee und legte damit den
Grundstein zu einem
sich bald erweiternden
Familienbesitz, der zwei
Kriege iiberdauern und
in erschiitternden Zeit en
ein ruhender Pol der Be
sinnung, Erholung und
auch der stillen Arbeit
bleiben sollte.
Doch richten wir zu
erst den Blick auf die
Vorfahren der Eltem (s.
Stammbaum am SchluB
des Buches). Unser Adel
hat keine lange Ge
schich teo Mein GroBva ter
vaterlicherseits (Abb. 2)
war 6sterreichischer Ge
neralstabsarzt. Fiir seine
Verdienste urn die Re
organisation des Militar
sanitatswesens erhielt er
Abb. 3. Mein GroBvater mUtterlicherseits, Dr. FRANZ EXNER,
1877 den Orden der Ei- Professor der Philosophie an der Universitat Prag.
semen Krone III. Kl., Lithographie von KRIEHUBER 1831
mit dem die Erhebung in den Ritterstand verbunden war. Schon sein
Vater war Arzt gewesen, von seinen S6hnen haben zwei, von seinen Enkeln
vier den arztlichen Beruf gewahlt. Lag so von dieser Seite her die arztliche
Kunst in der Tradition der Familie, so stammt unsere Neigung zu For
schung und Lehre wohl mehr aus dem Erbgut miitterlicherseits. Mein GroB
vater FRANZ EXNER (Abb. 3) war Professor der Philosophie an der Universi
tat Prag. Seine Vorlesungen begeisterten die Studierenden. EineAnsprache
"Dber die SteHung der Studierenden an der Universitat", die er als Dekan
1834 gelegentlich der Immatrikulation hielt, ist nach Form und ethischem
Gehalt eine der sch6nsten Reden, die ich kenne. 1m Jahre 1848 wurde er
zur Vorbereitung der neuen Studienplane als Ministerialrat nach Wien
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