Table Of ContentEINFÜHRUNG
IN DIE GEFÜGE KUNDE
DER GEOLOGISCHEN KÖRPER
VON
DR. BRUNO SANDER
PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT INNSBRUCK
IN ZWEI TEILEN
ERSTER TEIL
ALLGEMEINE GEFÜGEKUNDE UND ARBEITEN
IM BEREICH HANDSTÜCK BIS PROFIL
MIT 66 ABBILDUNGEN IM TEXT
Springer-Verlag Wien GmbH
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung
in fremde Sprachen, vorbehalten.
ISBN 978-3-7091-3637-9 ISBN 978-3-7091-3636-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-7091-3636-2
Copyright 1948 by Springer-Verlag Wien
Ursprünglich erschienen bei Springer-Verlag in Vienna 1948
Softcover reprint of the hardcover 1s t edition 1948
Vorwort.
Rythmu8 und Symmetrie in Gefügen gebucht
und gestaltet,
Le8bar dem Leben, da8 8elbst jener Ge8taltung
8ich fügt.
Das in zwei Teilen vorgelegte Buch ist nicht als Neuauflage der früher erschie
nenen "Gefügekunde der Gesteine" (J. Springer, Wien, 1930) gemeint, von der
manches, namentlich auch viele Diagramme und Abbildungen, hier nicht wiederge
geben ist, darunter auch manches, das unausgewirkt geblieben ist. Sondern das
vorliegende Buch versucht, außer der Einarbeitung seit 1929 zugewachsener Er
gebnisse, eine Einführung in das Begriffswerkzeug und in die Arbeitsvorgänge
der Gefügekunde, und zwar auf folgendem Wege.
Als Einführung ist es bezeichnet, nicht weil es beim Leser, der Gefügekundler
werden will, weniger voraussetzt als das Buch von 1930. Vom Leser verlangt es
in beiden Teilen außer dem schulüblichen Unterricht des Geologen, Mineralogen
und Petrographen, noch Vorliebe für die Handhabung der Symmetrievorstellun
gen und der Lagenkugelprojektion, im zweiten Teile Handhabung von Universal
drehtisch und Röntgen. Als Einführung ist das Buch bezeichnet, weil es im ersten
Teile genügend allgemein ist, um sich versuchsweise auch an ein allgemeineres
Interesse als an das der Geologen zu wenden und auch solche Interessenten in
eine viel gemeinsamere Betrachtungsweise einzuführen als sie bisher zustande kam.
Ferner versucht das Buch mehr als das von 1930 eine Einführung der selbständig
gesteinskundiich oder tektonisch Weiterarbeitenden durch eingehendere Bei
spiele für Arbeitsvorgänge und Fragestellungen.
Durch verschiedenen Druck ist die Begegnung des Buches erleichtert für den,
der nur allgemeine Grundlage und Ergebnisse sucht und für den, der zur eigenen
Weiterarbeit am Gegenstande gelangen will. Durch die Trennung in zwei Teile
soll allgemeine Gefügekunde geologischer Körper (I. Teil) noch deutlicher als
1930 von der Korngefügekunde (11. Teil) getrennt werden und es soll für den vor
allem feldgeologisch arbeitenden Geologen - mehr als dies 1930 gelang - zu
gänglich gemacht werden, was von der Gefügekunde sich auch an ihn wendet.
Dieser Geologe mag sich an den ersten Teil halten, nicht aber wer Korngefüge
kunde treibt, nur an den zweiten Teil. Der beste Weg zum Gegenstande führt
über den ersten Teil zum zweiten und zum ersten Teil zurück, wie bei anderen
Büchern, deren allgemeine Ergebnisse geschichtlich mehr induktiv als deduktiv
erarbeitet und dann erst deduktiv dargestellt wurden, wobei ihre Herkunft weder
vergessen noch gar verleugnet werden sollte.
Das Arbeitsgebiet der Gefügekunde wird, ohne Bewertung anderer Befassungs
arten, seit jeher derart abgegrenzt, daß nur von dem geredet wird, was derzeit
beobachtbare Merkmale im Gefüge hat. Die Fühlungnahme mit deduktiv be
gegneten theoretischen Möglichkeiten erfolgt entweder zum Zweck der Kritik
solcher Möglichkeiten von Gefügemerkmalen aus oder zum Zweck der von der
Theorie gebotenen Anregung zur Wahrnehmung bisher unbekannter Gefüge-
IV Vorwort.
merkmale. Die hier vorgetragene Gefügekunde ist eine auf den Zusammenhang
zwischen gestaltlichem und funktionalem Gefüge gerichtete Arbeitsrichtung,
welche vor allem symmetrologisch und immer nur soweit Merkmale vorhanden
sind zu Werke geht. Sie ist hiebei oft auf ein Denken angewiesen, welches an den
Dingen nicht nur Größe und Zahl beachtet, sondern auch gleich und ungleich
unterscheidet, wo es nicht durch Größe und Zahl dargestellt ist.
In der Geschichte der Gefügekunde als einer Zustandslehre wurde wie in anderen
Zustandslehren das Neue zuerst bei der gestaltlichen Erfassung des Zustandes
begegnet. Die fruchtbare Beziehung zur Physik besteht darin, daß ihr die Gefüge
als Gegenstände für ihre Befassung mit von ihr bisher nicht erfaßten Gegeben
heiten und mit den bereits gewonnenen Einsichten aufgezeigt werden.
Vieles am Gegenstande des Buches hätte sich in anderen Zeiten am besten
durch eine direkte allerdings oft verneinende, kritische Auseinandersetzung mit
gefügekundlichen Arbeiten - die letzte erfolgte 1934 - verdeutlichen lassen.
Gegen eine solche Darstellung sprach der Umstand, daß weder den Lesern des
Buches die kritisierten Originalarbeiten, noch den kritisierten Autoren meine
Kritiken genügend leicht zugänglich gewesen wären, was sich künftig vielleicht
ändert. .
Eine Einführung in die Gefügekunde der Gesteine sieht heute von manchem
ab, was ich 1930 als Aufgabe sah. Es war mir damals daran gelegen, den Zusammen
hang der Gefügekunde der Gesteine in meinem Sinne mit ähnlichen Betrachtungs
arten anderer stofflicher Gebiete aufzuzeigen und zu beleben. Der weit über
Gesteinsgefüge hinausgehende allgemeine Charakter morphologischer und ins
besonders symmetrologischer Betrachtung der Gefüge sollte wahrgenommen
werden. Bedeutet es doch für so viele Begriffsfassungen der Gefügekunde, wenn
sie auch bei der Untersuchung der Gesteine zum ersten Male eingeführt wurden,
rundweg ein Mißverständnis, sie so beschränkt auf Gesteinsgefüge zu beziehen,
wie es - die Folge hat es gezeigt - nicht nur stofflich oder methodisch selber
eng begrenzte Sonderfächer getan haben. Die Stellung der Gefügekunde der
Gesteine zu den seither ebenfalls entwickelten Untersuchungen anderer Gefüge
läßt sich heute viel kürzer als damals verdeutlichen. Auf Prioritätsfragen läßt
sich verzichten, während es früher bisweilen richtig schien, auch durch solche
Hinweise den fruchtbaren Weg aufzuzeigen, der hier wie oft zuerst in das Gestalt
liche der Gefüge - das nicht nur eine Modellvorstellung ist - und von da erst
zum Verständnis der funktionalen Zusammenhänge im Verhalten, also in die
Physik führte. Auch die unterdessen allgemein klarer gewordene begriffliche
Trennung und Zusammenarbeit dieser beiden weitesten Befassungsarten erlaubt
heute eine kürzere Darstellung: Das Verhalten der Gefüge, soweit es Änderung
von einander abhängiger Größen z. B. im Festigkeitsverhalten ist, wird der
Physik überlassen, nachdem heute genügend aufgezeigt ist, daß Kenntnis des
Gefüges und seiner Änderungen auch für funktionale Analyse des Verhaltens an
Stelle älterer, primitiverer "Körper"-Begr!.ffe tritt. Auch heute noch nicht ganz
zu entbehren ist dagegen eine Kritik der Ubertragung festigkeitstechnischer Be
griffsfassungen auf geologische Körper, deren Gefüge und Gefügeänderungen den
Erfahrungsbereich des Experimentes überschreiten und ergänzen.
Dagegen gibt es mehrere Arbeitsrichtungen innerhalb der Gefügekunde, welche
auf den 1930 in der "Gefügekunde" vorgezeichneten Wegen tätig weitergegangen
und auch für eine Einführung reif gemacht sind. So die röntgenoptische Korn
gefüge-Untersuchung, die Anlagerungsgefüge, namentlich die Rhythmite; die
tektonische Analyse komplizierter flächiger und linearer Parallelgefüge nament
lich durch konstruktive Rückabwickelung in vorangehende bis "vortektonische"
Zustände. Gegenüber der schönen Darstellung der Verformung am Körperelement
Vorwort. V
durch W. Schmidt und Lindley und eben durch diese besteht nun auch für
eine "Einführung" schon die Möglichkeit die Symmetrie von Tektoniten eben
dort, wo sie bezeichnender Weise von den Symmetrien verformter Körperelemente
nicht wiedergegeben wird, zu typisieren und auszuwerten.
Die Gefüge geologischer Körper haben sich am längsten erwiesen als Hohe
Schule für die Erweiterung der infinitesimalen und statistischen Betrachtungsweise
der Physik durch die Mitbetrachtung definierter gestaltlicher Gefüge. Ferner als
Schule für die Definition und Handhabung von allgemein gültigen Begriffen,
welche unter anderem Homogenität-Inhomogenität (Genität), Isotropie und
Anisotropie (Tropie) betreffen; und als Schule für die Konfrontation von Gefügen
aus gestaltlichen Daten und aus physikalischen Größen namentlich durch sym
metrologische Betrachtungen. Was schon im Vorwort zur Gefügekunde 1930 an
erste Stelle gestellt ist.
Die Korngefügekunde natürlicher (viele Gesteine) und künstlicher (Metalle)
körniger Körper ist seit langem über ihre unmittelbaren Gegenstände hinaus
die Schule für eine gegenseitige Bezugnahme der infinitesimalen Kontinuums
betrachtung, der statistischen Diskontinuumsbetrachtung und der morpholo
gischen Betrachtung; auch ein gangbarer Weg von den homogenen Bereichen
"unlebendiger" (z. B. Granit-Pluton), zur Mitbetrachtung teilweise "lebendiger"
(z. B. Böden, Bioherme) und "lebendiger" Gefüge.
Es ist durchaus eine Entwicklung in den durch die Gesteinskunde seit
Anfang des Jahrhunderts begangenen und vorgezeichneten Bahnen, wenn z. B.
A. Brandtzaeg 1927 das wirkliche Festigkeitsverhalten von Zement nicht mehr
an die Elastizitätstheorie des Kontinuums sondern an deren Konfrontation mit
einem schematisierten Kristallkorngefüge anschließt, wenn die Metallographie
1919 das Prinzip der mechanischen Korngefügeregelung beachtet, das von seiten
der Petrographie 1916 ganz allgemein und so für Gesteine und Metalle ausge
sprochen war, wenn die Bodenmechanik seit Terzaghi mehr und mehr von der
klassischen Erddrucktheorie zur Betrachtung des Bodengefüges übergeht und
wenn Julien Pacotte als Materialphysiker als einen Teil der Physik 1939 für
die homogenen Gefüge (Isotectien) eine Terminologie entwirft, welche nicht nur
meiner Forderung entspricht "die Gefügekunde mehrphasiger Gefüge immer
mehr zu einem selbständigen Zweige unter den Zustandslehren (Gase, Kristalle,
Kolloide) zu machen" (1938) sondern das champ petrographique - das von der
Gefügekunde vor allem beschriebene Gefüge - unter die Grundbegriffe einer
allgemeinen Gefügekunde der Körper überhaupt stellt, ganz wie es die Gefüge
kunde in einer noch etwas allgemeineren Weise seit 1911 tat, und mit Neuschöp
fung einer französischen Nomenclatur, welche die deutsch und englisch geschrie
benen gefügekundlichen Arbeiten mit den französischen verbinden kann, da die
Schwierigkeiten der Übersetzung des Wortes Gefüge in seiner allgemeinsten
Definition damit im Sinne gemeinsamer Wissenschaft endlich behoben sind.
Womit ich nur einige Beispiele genannt habe.
Erfahrung bei langjähriger eigener Arbeit und Schulung anderer führte nament
lich hinsichtlich der Gefügekunde der Gesteine zur Unterscheidung der typi
sierenden und der abstrahierenden Befassung und Begabung. Die hohen Schulen
dieser zwei Befassungsarten sind die Biologie und die Physik. Es handelt sich
1. um die Wahrnehmung von Typen, am deutlichsten gegenüber einer Vielzahl
von Einzelfällen .beliebig komplizierter Gebilde (z. B. Organismen), 2. um Ab
straktion von allen Merkmalen untersuchter "Körper", mit Ausnahme jener
Merkmale, deren Abhängigkeit voneinander im Verhalten der Körper untersucht
werden soll und mit den für die Behandlung derart vereinfachter Voraussetzungen
verfeinerten mathematischen Untersuchungsmitteln untersucht wird.
VI Vorwort.
Nach der eben getroffenen Unterscheidung wird sogleich eine zweite deutlich,
welche mit der ersten nicht genau zusammenfällt, aber sich mit ihr vielfach und
nicht zufällig überdeckt. Die eine dieser beiden Befassungsarten ist die Befassung
mit allem was an begegneten Gebilden gestaltlich im weitesten Sinne zuerst
wahrgenommen und beschrieben wird, und zwar durch unsere angeborenen
Sinne oder durch deren technischen Weiterbau (z. B. Apperaturen, welche sinnlich
nicht unmittelbar wahrnehmbare Wellen mittelbar wahrnehmen und ihr
Verhalten gedanklich kontrollieren lassen). Auch durch die Phantasie können
Gestalten gebildet werden und sind in der Geschichte der Wissenschaft teils als
Vorausblicke (z. B. Kristallgitter) bestätigt und besonders gefeiert, noch öfters
aber kritisch abgewiesen worden. Hievon nehmen wir hier zur Kenntnis, daß man
auch mit Phantasiegestalten (einschließlich Modellvorstellungen) noch immer auf
dem Boden der Befassung mit der Gestalt - der morphologischen Begegnung
also - steht. Diese Art sich mit den Dingen zu befassen ist Sache der oben ge
nannten typisierenden Begabungen.
Die zweite Befassungsart, deren hohe Schule die Physik ist, hat eben dadurch,
daß sie, zunächst absehend - trotz aller Modellvorstellungen in ihrer reinsten
Existenz als theoretische Physik zunächst absehend - von der unmittelbaren
Befassung mit der Gestalt nur die genügend definierten und isolierten Verhaltungs
arten (voneinander abhängigen "Funktionen") untersuchte, dazu geführt, daß
die abstrakte Sprache der Wellen, für unsere Sinne (und deren technische Weiter
baue) übersetzt durch den Experimentator, von manchen Religionen geahnte
Zeiten, Räume und Jenseitigkeiten in unsere wirkliche Existenz eingefügt und
die Mitteilungsmöglichkeiten über die unmittelbar sinnlichen Zeichen hinaus
erschlossen hat. Es sind auch für den Wissenschafter besondere Minuten, in
welchen er dieser Tatsache gegenüber zugleich genügend Distanz der Sicht und
Wärme des Blutes besitzt um sie in ihrer ganzen Gewalt jenseits der ich
menschlichen Existenz und Planung und Gefährdung des Lebens zu begegnen.
Die Gesteine ermöglichen es, das Verhältnis der morphologischen und der
physikalischen Befassungsart, welches immer wieder als eine zentrale Angelegen
heit auftaucht und dessen Erörterung ein wichtiges Kapitel wissenschaftlicher
Erkenntnislehre ist, in einfacheren Fällen zu begegnen als z. B. im Falle der Lebe
wesen. Der Kern jenes Verhältnisses scheint immer zu sein, daß die Gestalt -
das ist eine durch unsere Wahrnehmungsmittel jeweils diktierte, also insoferne
zufällige, aber nicht unmittelbar im Dienste der Wissenschaft entstehende Aus
lese aus allem im betrachteten Raume Begegenbaren - zunächst begegnet wird
und daß die physikalische Betrachtung immer wieder von der gestaltlichen aus
geht, zunächst abstrahierend, dann aber auch - die gestaltliche Wahrnehmung
technisch bereichernd - zu ihr zurück führt. Dies ist bei der Betrachtung der
naturgegebenen Gesteinsgefüge der entstehenden und umgeformten geologischen
Körper besonders deutlich. So z. B. wenn tangentale Verschiebungen im gestalt
lichen Gesteinsgefüge gesehen, als Abbildungen definierter Felder erkannt und
hiernach wieder neue Entsprechungen zu diesen Feldern im gestaltlichen Gefüge
entdeckt wurden.
Bei den Gesteinsgefügen und den später ebenfalls untersuchten Werkstoff
gefügen, namentlich bei den vielkristallinen Gefügen, liegt die Bedeutung als
Untersuchungsobjekt darin, daß sie die Konfrontation von gestaltlichen und
funktionalen Systemen in statistisch homogenen Anisotropen gestatten, und zwar
mit klarer Definition des Gestaltlichen und des Funktionalen als gestaltliche und
funktionale anisotrope Gefüge. Demgegenüber sind ideale Kristalle "reell homo
gene" Anisotrope und Lebewesen sind inhomogene Anisotrope mit zur Zeit noch
bestehenden Schwierigkeiten für die Definition des Funktionalen.
Vorwort. VII
Das Buch ist während der Jahre des zweiten Waffenkrieges in Innsbruck ent
standen und so weit gekommen, wie es gegenüber den geschichtlichen Gewalten
von außen und von innen kommen konnte, von welchen beiden ich trotz großer
Abzüge an meiner Arbeit doch zuletzt mehr geschont war als andere Fachgenossen,
deren aller und überall ich auch ohne persönliche Verbindung gedachte und ge
denke. Die Bedingungen nach 1945 haben den Druck verzögert.
Besonders zu gedenken ist, außer den schon an der Gefügekunde 1930 Be
teiligten, wegen umfänglicherer Heranziehung neuerer Arbeitsergebnisse im vor
liegenden Band des in der Gefügekunde unvergeßbaren Walter Schmidt (Be
anspruchung im Homogenen) mit dessen Tod entscheidende Mitarbeit an der
Gefügekunde ausscheidet und jüngerer Mitarbeiter wie F. Fuchs wegen der
erstmaligen Anwendung tektonischer Gefügeanalyse im Kalkgebirge und
H. Ramsauer (gef. 19(1) wegen Achsenverteilungsanalysen, Tso Lin Ho
wegen eines Beispieles für die Analyse komplizierter Überprägungen. Den Herren
W. Sander und J. Ladurner verdanke ich wertvolle Hilfe beim Reinzeichnen
der Abbildungen, letzterem auch Korrekturbeihilfe.
Aus der Gefügekunde 1930 wurden einzelne Kapitel mit geringen Änderungen
und auch zahlreiche Abbildungen übernommen.
Wie in der Gefügekunde 1930 handelt es sich nicht nur um eine Einführung
in Arbeitsvorgänge, sondern auch in den Stand der Fragen und um das Aufzeigen
bevorstehender Aufgaben, deren Bearbeitung einem kleinen Institute unter Zeit
bedingungen wie die vergangenen nicht möglich war, welche sich aber an einem
großen Institute ohneweiteres bearbeiten lassen.
Der Verlag Springer gab mir 1929 die Anregung zur buchmäßigen Zusammen
fassung meiner gefügekundlichen Arbeiten. Der Verlag Springer (Otto Lange)
hat auch diesmal das Buch in einer Form übernommen, welche es schreibenswert
machte und den warmen Dank des Autors verdient, insbesonders auch den Verlust
der Druckstöcke zur Gefügekunde 1930 überwinden geholfen.
Inns bruck, im Herbst 1948.
B. Sander.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
I. Begriffliche Einführung • . . . . . . . . . . . 1
1. Allgemeinste Begriffe und Gegenstand der Gefügekunde . . . . • .. 1
Gefügekunde als selbständiges und als angewandtes Fach; Beziehungen
zu anderen Arbeitsgebieten . . . . . . . . . . . . . . . .. 16
2. Zeit und Gefüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 19
Raumrhythmisches Gefüge undZeitgliederung in Anlagerungsgesteinen 19
Zeitlichkeit und Rhythmik in resedimentären Gefügen. . . . . 21
Zeitgliederung bei Überlagerung anderer geologischer Vorgänge 22
Geschwindigkeitsregel der Teilbewegung . . . . . . . . . . . 24
Deformationsgeschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . 25
3. Symmetrie und Rhythmus im gestaltlichen und funktionalen Gefüge 26
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . 29
4. Bewegungsbild affiner Formungen . . . . . . . . • . . . . . . 33
a) Affine Zergleitung nach einer Ebenenschar (einscharige Scherung). 34
b) Mfine Zergleitung nach zwei Ebenenscharen (zweischarige Scherung) 41
c) Aus den bisherigen zusammengesetzte Bewegungsbilder affiner
Formung . . . . . . . . . . . . . . . 43
5. Beispiele affiner und nichtaffiner Bewegungsbilder 45
6. Einscharige affine Zergleitung von Faltenformen . 59
7. Einscharige nichtaffine Zergleitung, Rotationen 62
8. Bewegung und Symmetrie der tektonischen Formung. Pläne und Koordi.
naten in tektonischen Bereichen . . . . . . . . . 66
Pläne und Koordinaten in tektonischen Bereichen. . . . . . . . . .. 68
Reichweite einheitlicher Beanspruchung und Bewegung . . . . . . .. 72
9. Symmetrologische Betrachtung der anisotropen funktionalen und gestalt.
lichen Gefüge in Überlagerung und homogener Durchdringung 73
10. Mechanische Beanspruchung und Formung im Homogenen als Beispiel
funktionaler Gefüge. . . . . . . . . . . . . . 83
11. Tektonisches Festigkeitsverhalten und Gefüge . . . . 92
Zusammenhang durch N ahkräfte, Bindung, Kohäsion . 96
12. Fugen und Rupturen. Flächige und lineare Schieferung 101
13. Tektonik und Strömungslehre . . . . . . . . . . . 107
14. Bewegung und Symmetrie der Anlagerung. . . . . . 118
11. Handhabung der tektonischen Analyse typischer Gefüge in den
Bereichen Karte bis Handstück .............. 124
1. Übersicht über die Verbreitung der flächigen und linearen Parallelgefüge
an geologischen Körpern und über deren Bezugsrichtungen 124
2. Darstellung auf der Lagenkugelprojektion . . . . . . . . 125
3. B·Achsen und ß·Achsen . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4. Zeitbeziehung zwischen übereinander überlagerten B·Achsen 146
5. Relativsinn der Teilbewegungen .1 B . . . . . . . . . . 148
6. Einige Typen homogener und inhomogener tektonischer Bewegungsbilder
mit flächigem und linearem Parallelgefüge (B.B.Gefüge) . • . • . .. 164
7. Konstruktive Rückformungen tektonischer Gefüge. Ebnung . • . • .. 170
Einmessung von Fa~ten mit schwierig oder nicht einmeßbarer Achse
und von Faltenknäueln. Mittelbare Einmessung von Falten • .. 179
x
Inhaltsübersicht.
Seite
Faltung nach Faltung • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
Allgemeiner Gang der Rückformung eines Gebietes mit mehraktiger, nicht
symmetriekonstanter Tektonik . . . . . . . . . . . . . . . . .. 181
Geometrische und genetische Bedingtheit von Achsenlagen . . . . . .. 183
IU. Einige Beispiele für Gebrauch und Begrenzung gefügekundlicher
FragesteIl ung ........... 185
A. Tektonik hochteilbeweglicher Intrusiva. . . . . . . . . . . . . . . . . 185
I. Hochteilbewegliche körnige Tiefengesteine mit Aufwärtsbau und mit Ab-
wärtsbau. Tektonik der Granite . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
1. Trennung von Amplatzgefüge und Einströmungsgefüge in Graniten 185
Dome der Granite und Salzlagerstätten . . . . . . . . . . . . 189
2. Granite als geochemische Bildungen und ihr Gefüge; Migmatite 194
3. Entstehung von Parallelgefüge und stofflichem Lagengefüge in Graniten 199
11. Hochteilbewegliche körnige Gesteine geringerer Tiefe mit Aufwärtsbau;
Tektonik der Steinsalzlagerstätten 200
B. Tektonik schmelzflüssiger Extrusiva . . 203
C. Gefüge und Oberflächengestaltung: "Gefügerelief" 206
D. Gemeinsame Züge in der Symmetrologie geologischer und biologischer Ge-
staltung . . . 208
Li t er at u rnotiz . 211
Sachverzeichnis 212
Mit dieser Handzeichnung ist Leonardo da Vinci als Natur
forscher und Technologe unserer Zeit näher als der seinen. Die Zeichnung
zeigt eine B-Achse als Faltungsachse (links im Bild) verschiedenen
Ausmaßes, als Stengel mit rhythmischen (rechts im Bild) Zerr klüften
.1 B und bis ins letzte freisichtbare Feingefüge geprägt. Die Symmetro
logie des Gebildes ist gesehen und damit ist die Zeichnung des italie
nischen Ingenieurs und Künstlers auch vielen Darstellungen unserer
Zeit überlegen: Außengestalt und Gefüge haben die bilaterale Symmetrie,
welche als Abbildung bilateraler V ektorens ysteme in der irdischen Ge
staltung unlebendiger und lebendiger Bereiche eine Hauptrolle spielt
und deren Lage zu den Erdkoordinaten zwei Typen tektonischer For
mung - steilachsige und flachachsige Baue mit und ohne Transporte-
ergibt.
I. Begriffliche Einführung.
1. Allgemeinste Begriffe und Gegenstand der Gefügekunde.
Definition des Gefüges; Gefügebeschreibung geometrisC'h und geschichtlich; Beziehung
zur Physik; morphologische, funktionale und genetische Terminologie zu trennen; ein
phasige und mehrphasige Gefüge; skalare und vektorielle Gefügedaten; Gefügeelement;
Teilgefüge; begrIffliche und symmetrologische Beziehungen zwischen gestaltlichem und
funktionalem Gefüge; kinematische Beschreibung der Gefügeänderungen; Experiment;
Außengestalt und Gefüge; Grenzflächengefüge; Abgrenzung der allgemeinen Gefüge
kunde nicht durch absolute Ausmaße und nicht durch Stoff", abel' durrh Beschränkung
auf typislerbare Fälle; relative Maßstäbe des Beobachters; Gefügekunde selbständig
und angewandt; Beziehung zu Stoffgebieten und Befassungsartpn; Gefügekunde und
Chemie der Gesteine.
Das Wort Gefüge ist in geologisch-mineralogischen Fächern vielleicht zuerst
von Naumann gebraucht worden, später unbeachtet geblieben und daher auch
nicht verdefiniert worden; für die Sprache des Alltags und Handwerks ist es immer
verständlich gewesen. In der Sprache einiger Fächer, welche sich mit bestimmten
Gefügen befassen (Gesteinskunde, Tektonik, Metallographie, Biologie u. a.),
ist das Wort Gefüge auf dem Wege immer mehr gebraucht und nach Umriß
und Inhalt deutlicher zu werden.
S a TI d C T, Einf. i. d. Gcfiigekdc. I.