Table Of ContentRobin Hornig
Eigennamen referieren - Referieren mit Eigennamen
Studien zur Kognitionswissenschaft
Herausgeber: Christopher Habel und Gert Rickheit
In der Reihe werden Arbeiten veroffentlicht, die die Forschung in die
sem Bereich theoretisch und empirisch vorantreiben. Dabei gibt es
grundsatzlich keine Beschrankung in der Wahl des theoretischen
Ansatzes oder der empirischen bzw. simulativen Methoden.
In der Kognitionswissenschaft werden Prozesse der visuellen und
auditiven Wahrnehmung, der Problemlosung, der Handlungsplanung
und Handlungsdurchfi.ihrung sowie die Mechanismen der Sprach
beherrschung thematisiert, und zwar im Hinblick auf Menschen und
Maschinen. Entsprechend werden Struktur, Dynamik und Genese
kognitiver Imenschlicher und maschineller) Systeme untersucht,
wobei Aspekte der Reprasentation, der Produktion und der Rezeption
beachtet werden. Es sollen Arbeiten in dieser Reihe erscheinen, die
die mentalen Leistungen und die Prozesse, die sie hervorbringen,
unter der Perspektive der Informationsverarbeitung untersuchen und
sie als Berechnungsvorgange bzw. deren Resultate verstehen.
Robin Hornig
Eigennamen referieren -
Referieren mit Eigennamen
Zur Kontextinvarianz
der namentlichen Bezugnahme
Deutscher Universitats-Verlag
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet Ober <http://dnb.ddb.de> abrufbar.
Dissertation Universitiit Potsdam, 2000
1. Auflage April 2003
Aile Rechte vorbehalten
© Deutscher Universitiits-Verlag GmbH, Wiesbaden, 2003
Lektorat: Ute Wrasmann / Anita Wilke
Der Deutsche Universitiits-Verlag ist ein Unternehmen der
Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer.
www.duv.de
Das Werk einschlieBlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschOtzt.
Jede Verwertung auBerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes
ist ohne Zustimmung des Verla.9s unzuliissig und strafbar. Das gilt insbe
sondere fOr Vervielfiiltigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und die
Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem
Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche
Namen im Sinne der Warenzeichen-und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten
wiiren und daher von jedermann benutzt werden dOrften.
Umschlaggestaltung: Regine Zimmer, Dipl.-Designerin, Frankfurt/Main
Gedruckt auf siiurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
ISBN-13:978-3-8244-4506-6 e-ISBN-13:978-3-322-81286-5
001: 10.1007/978-3-322-81286-5
Vorwort
Die Eigennamen weckten mein Interesse, wiihrend ich zusammen mit Reinhold
Rauh bei Gerhard Strube in Bochum und Freiburg mit Fragen der Wissensreprasen
tation befaBt war. Mein erster Dank gilt Gerhard Strube, ohne dessen Einverstlindnis
es mir nicht moglich gewesen ware, mich mit dem Problem der Eigennamen ausein
anderzusetzen. An dieser Stelle auch Danke an die Deutsche Forschungsgemein
schaft, die das Zustandekommen von Teilen der Arbeit finanziell unterstutzt hat.
Klaus Jacobi verdanke ich wertvolle Kommentare zu frUhen Fassungen der ersten
beiden Kapitel. GroBen Dank schulde ich Peter Staudacher, der bis zuletzt in man
chern ausgedehnten Gesprach meine Ansichten beharrlich hinterfrug. Sollte dies den
erhofften Fortschritt nicht erbracht haben, trifft ihn keine Schuld. Sollte es Fruchte
getragen haben, kann ich ihn von Schuld nicht freisprechen. Danken mochte ich
auBerdem Klaus Eyferth. Wenngleich mit der Arbeit selbst nicht befaBt, bestlirkte er
mich in den zurUckliegenden Jahren unserer Zusammenarbeit in meiner Herange
hensweise. Weil ich ihn uberaus schatze, ist ihm das problemlos gelungen. Wiihrend
dieser Zeit an der TV Berlin hatte Klaus Robering stets ein offenes Ohr fUr mich und
half, manche Irritation zu beseitigen. Carla Umbach durfte ich oftmals einen Hut
von Gedankenfetzen auftischen, um dann gemeinsam zu versuchen, das Puzzle
zusammenzusetzen. Beim Puzzeln half manches Mal auch Michael Grabski mit.
Thomas Hafen Weskott wiirde ich nicht nur reichlich Dank abstatten, sondern eine
Entschuldigung dazu, hlitte er mir nicht mehrfach versichert, er habe die vielen
Stunden nicht gelitten, in denen ich selbst beim Bier am Abend nicht davon ablieB,
ihn mit Fragen und Problemen zu lochern. Danke auch Anita Wilke vom Lektorat
des Deutschen Universitlits-Verlags fur ihre Geduld und Nachsicht beim Bereit
stellen der Druckvorlage. Derjenige, dem mein Dank zuletzt gilt, heiBt "Ulf Stolter
foht". Die Art der sprachlichen Bezugnahme ist hierbei ganzlich unwesentlich. Nicht
zuletzt gilt mein Dank Dir, Ulf. Danke.
"humpty dumpty uber bezuge: wenn ich ein wort
so schwer arbeiten lasse wie «referenz» dann
bezahl ich ihm natfulich was extra."
(fachprachen XVII (9), aus Ulf Stolterfoht (2002).
jachsprachen X-XVIII. Basel: Urs Engeler Editor.)
Robin Hornig
Inhalt
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 1
Wieviel von der Referenz ist dem Zeichen geschuldet? .................. I
1st Referenz gleich Referenz? ..................................... 10
Satz und AuBerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 15
Wahrheitsbedingungen, Bedeutung und Gegenstand .................. 17
F
Kapitel 1: Gottlob Frege . Bezeichnen via Sinn ................ 21
1.1 Sinn und Bedeutung ........................................ 23
1.1.1 Sinn determiniert Bedeutung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.1.2 Sinn und die Art des Gegebenseins ........................ 25
1.1.3 Sinn und Bedeutung von Behauptungssatzen ................ 28
1.1.4 Sinn als ungerade Bedeutung ............................. 31
1.1.5 Freges Puzzle: Freges Lasung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
1.2 Objektiver Sinn und erfaBter Sinn .............................. 35
1.2.1 Verschiedene Arten des Gegebenseins, derselbe Sinn .......... 38
1.2.2 Verschiedene Arten des Gegebenseins, verschiedene Sinne ...... 40
1.3 Sinn, Bedeutung und Sprachverstehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
Kapitel 2: Bertrand Russell' Benennen und Denotieren ......... 51
2.1 Eigennamen benennen ....................................... 52
2.2 Beschreibungen denotieren - oder denotieren nicht ................. 54
2.2.1 Propositionalfunktionen und Propositionen ................. 54
2.2.2 Existenz als Eigenschaft von Propositionalfunktionen .......... 56
2.2.3 Indefinite Beschreibungen ............................... 57
2.2.4 Definite Beschreibungen ................................ 58
2.2.5 Unvollstandige Symbole ................................ 61
2.2.6 "meaning in context" und "meaning in use" ................. 64
viii Inhalt
2.3 Eigennamen sind keine Eigennamen ............................ 66
2.3.1 Existenzaussagen mit natiirlichsprachlichen Eigennamen ....... 66
2.3.2 Natiirlichsprachliche Eigennamen: abgekiirzte Beschreibungen .. 67
2.3.3 Als Eigenname veIWenden ............................... 70
2.3.4 Identitiitsaussagen mit Eigennamen ........................ 72
2.4 "Existiert nicht" ............................................ 73
2.4.1 Satze mit Denotationsausdruck, der nichts denotiert .......... 74
2.4.2 Die zweifache Moglichkeit der Vemeinung .................. 76
2.4.3 Prasupposition der Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 77
2.4.4 Prasupposition der Existenz .............................. 78
2.4.5 Existenzvemeinung mit definiten Beschreibungen ............ 81
2.4.6 Existenzvemeinung mit Eigennamen ....................... 83
Kapitel3: Saul A. I<ripke' Starres und akzidentelles Bezeichnen 89
3.1 Starre und akzidentelle Bezeichnungsausdrucke ................... 89
3.1.1 "a = a" und Notwendigkeit .............................. 90
3.1.1.1 Modale Kontexte ............................... 90
3.1.1.2 Nicht-modale Kontexte ........................... 93
3.1.2 "a = b" und Notwendigkeit .............................. 97
3.1.3 Eigennamen sind starre Bezeichnungsausdrucke . . . . . . . . . . . .. 102
3.2 Kennzeichnungstheorie als semantische Theorie .................. 103
3.2.1 Semantische Kennzeichnungstheorie und starres Bezeichnen .. 104
3.2.2 Zwischen-Welten-Identitat und mogliche Welten ............ 107
3.3 Kennzeichnungstheorie als Referenztheorie ...................... 109
3.3.1 Das "GOdel"-Schmid-Problem ........................... III
3.3.1.1 Die Kennzeichnung "dasjenige Individuum,
genannt ,GOdel'" 113
3.3.1.2 "Godel" genannt werden ......................... 119
3.3.1.3 Das "Godel"-Schmid-Problem: Ein Losungsansatz ..... 123
3.3.1.4 Das "Godel"-Godel-Problem ...................... 124
3.3.2 Rigiditiit und nicht-modale Kontexte ...................... 126
3.4 Die kausale Theorie der Eigennamen ........................... 129
Nachbetrachtung ............................................. 134
Inhalt ix
Kapitel 4: David Kaplan' Direkte und Fregesche Referenz 137
4.1 Indexikale: der Parade fall direkter Referenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 140
4.1.1 Mogliche Welten - Mogliche Kontexte .................... 146
4.1.2 Logische Wahrheit und Notwendigkeit .................... 150
4.2 Demonstr:,ltiva: Sprachliches Zeigen ........................... 152
4.3 Definite Beschreibungen: Ambige Verwendung ................... 156
4.3.1 Ambige Verwendung in modalen Kontexten ................ 159
4.3.2 Ambige Verwendung bei einfachen Siitzen ................. 160
4.3.2.1 Demonstrativ / Referentiell bei einfachen Siitzen ...... 165
4.3.2.2 Nicht-demonstrativ / Attributiv bei einfachen Siitzen .. 167
4.3.2.3 Generische Verwendung bei einfachen Siitzen ........ 172
4.4 Eigennamen .............................................. 178
Kapitel5: Eigennamen referieren - Referieren mit Eigennamen .. 179
5.1 Eigennamen als direkt referentielle Ausdriicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 179
5.1.1 Eigennamen als kontextinvariante Referenzausdriicke:
Homonymie ........................................ 182
5.1.2 Eigennamen als Indexikale .............................. 190
5.1.3 Eigennamen als abgektirzte Beschreibungen ................ 193
5.2 Kontextabhiingigkeit: Sprecherperspektive und Horerperspektive .... 196
5.3 GeiiuBerter und kommunizierter Eigenname ..................... 204
5.3.1 Mentale Modelle beim Sprachverstehen: Deixis ............. 206
5.3.2 Referenz mit Eigennamen als Sprechakt ................... 212
5.3.2.1 Referieren im Wahrnehmungskontext ............... 213
5.3.2.2 Referieren in Abwesenheit des Referenten ............ 222
5.4 Identitat und Erkenntniswert ................................. 228
5.4.1 "a = a" ............................................. 228
5.4.2 "a = b" ............................................. 233
5.4.3 Anerkennen von Identitiit als Erkenntnis tiber Kontexte ....... 245
SchluB ...................................................... 250
Literatur ........................................... 251
Einleitung
"A homeless dog reverts to namelessness, since
there is none to single him out from his species."
(Brown, 1958, S. 16)
Wieviel von cler Referenz ist clem Zeichen geschulclet?
",Mentioning' or ,referring', is not something an expression does; it is something that
some one can use an expression to do." (Strawson, 1950, S. 326). Demnach ware der
erste Teil des Titels, "Eigennamen referieren - Referieren mit Eigennamen", in der
irrigen Annahme gewahlt, es mogen die Eigennamen sein, welche referierten? Eine
der Ansicht Strawsons vergleichbare Auffassung findet sich bei Searle (1969, S. 28):
"The term ,referring expression' is not meant to imply that expressions refer. On the
contrary, as previously emphasized, reference is a speech act, and speech acts are
performed by speakers in uttering words, not by words. To say that an expression
refers ( ... ) in my terminology is either senseless or is shorthand for saying that the
expression is used by speakers to refer". DaB Referenz keine Sache def Zeichen sei,
vielmehr der Zeichenverwendung, untermauert Searle anhand nicht referierender
Vorkommen referierend verwendbarer Ausdriicke, wie es in der Unterscheidung von
"Verwendung" - "Socrates is a philosopher." - und "Erwahnung" - ",Socrates' has
eight letters" - zum Ausdruck kommt (ebd., Kapitel 4.1, "Use and Mention",
S. 73ff). Searle zieht hieraus den SchluB, referierend verwendete Ausdriicke - abkiir
zend: referierende Ausdriicke - seien anhand ihrer Funktion erkennbar, nicht allein
anhand ihrer Form: ,,[shorthand:] Referring expressions point to particular things;
they answer questions ,Who?' ,What?' ,Which?' It is by their function, not always
by their surface grammatical form or their manner of performing their function, that
referring expressions are to be known." (Searle, 1969, S. 27). Diese referierende
Funktion charakterisiert Searle (1969, S. 28f) als ein Mittel, das den Harer in die
Lage versetzt, einen bestimmten Gegenstand unter anderen als den von der Spreche
rin intendierten Gegenstand herauszufinden, ihn zu identifizieren. Gemiinzt auf
2 Einleitung
definite Beschreibungen, gebe ich dies in anderen Begriffen wieder: Der deskriptive
Gehalt der Beschreibung kommuniziert dem Horer einen Constraint, der es ihm
erlauben solI, den Kreis der Gegenstiinde, auf die sich die Sprecherin zu beziehen
beabsichtigen konnte, auf einen Einzigen von ihnen einzuschrlinken, diesen anhand
der Eigenschaften zu diskriminieren, die der Constraint spezifiziert: "The utterance
of a referring expression characteristically serves to pick out or identify a particular
object apart from other objects. The use of these expressions is to be contrasted with
the use of predicate expressions and complete sentences, but also with indefinite
referring expressions, expressions referring to universals, and plural definite referring
expressions." (Searle, 1969, S. 28f). Darin, daB sie diese Funktion erfiillen, stimmen
die referierend verwendeten Ausdrucke alle uberein, wohingegen nicht referierend
verwendete Ausdrucke wie Pradikate und Satze nicht in dieser Funktion verwendet
werden. Aufgrund ihrer Form entziehen sich Satze und Pradikate (im Satzzusam
menhang), auch indefinite Beschreibungen, referierender Verwendung.
Die deutsche Ubersetzung des obigen Searle-Zitats von R. und R. Wiggershaus
(1983, S. 44, Frankfurt a. M.: Suhrkamp) lautet: "Hinweisende Ausdriicke sind an
ihrer Funktion erkennbar, nicht an ihrer auBeren grammatischen Form oder der Art,
in der sie ihre Funktion erfiillen." Das "not always" spitzt sich zu zum "nicht". DaB
referierende Ausdriicke nicht immer dadurch zu unterscheiden sind, wie sie ihre
Funktion erfilllen, heiBt nicht, daB sie niemals anhand ihrer Funktionsweise unter
scheidbar sind. Sind die von Searle (1969, S. 28) unterschiedenen Klassen referie
render Ausdriicke - "Paradigmatic referring expressions in English fall into three
classes as far as the surface structure or English is concerned: proper names, noun
phrases beginning with the definite article or a possessive pronoun or noun and
followed by a singular noun, and pronouns."l - wirklich nicht anhand ihrer Funk
tionsweise unterscheidbar? Immerhin widmet Searle (1969) in Kapitel 7, "Problems
of reference", den Eigennamen neben den definiten Beschreibungen einen eigenen
Abschnitt. Searle (1969, S. 95) kommentiert seine "rules of reference": "Since the
analysis is of reference in general, and is therefore neutral as between reference using
a proper name, a definite deSCription or whatnot, it has an extremely abstract charac
ter [ ... ]. The rules which follow will share that abstract character, that is, they will
1 An spaterer Stelle (ebd., S. 81) fuhrt Searle die Titel (z.B. "the prime minister", "the pope") als
vierte Kategorie an, verweist jedoch darauf, daB diese kaum eine eigenstandige Erwahnung verdienen.