Table Of ContentRudolf Wendorff
Dritte Welt und westliche Zivilisation
RudoH Wendorff
DritteW elt lInd
westliche
Zivilisation
Grundprobleme
der
Entwicklungspolitik
@
Westdeutscher Verlag
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Wendorff, Rudolf:
Dritte Welt und westliche Zivilisation:
Grundprobleme der Entwicklungspolitik/
Rudolf Wendorff. - Wiesbaden:
Westdeutscher Verlag, 1984.
ISBN 978-3-322-93563-2 ISBN 978-3-322-93562-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-93562-5
© 1984 Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen
Softcover reprint of the hardcover I st edition 1984
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Inhalt
Vorwort.................................................... 8
1. Die Dritte Welt
A. Was ist die »Dritte Welt«? ................................ 11
B. Vielfältige Gliederung der Dritten Welt ..................... 21
1. Gliederung nach Kultureinheiten ........................ 23
2. Politische Gliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 27
3. Geographische Gliederung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 28
4. Ökonomische Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 29
5. Projektierte entwicklungspolitische Großräume . . . . . . . . . . .. 33
C. Gemeinsame Merkmale von Entwicklungsländern. . . . . . . . . . .. 34
D. Die Bevölkerungsexplosion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 47
2. Geschichtlicher Rückblick
A. Vorherrschaft und Zivilisationsgefälle ...................... 57
B. Kolonialismus ......................................... , 66
1. Kolonisation und Kolonialismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 66
2. Zur Kolonialgeschichte ................................ , 71
3. Wirtschaftliche Aspekte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 75
4. Kolonialismus und Verwestlichung ...................... , 79
C. Mission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 85
3. Entwicklungspolitik
A. Die Tendenz zur Einen Welt .............................. , 91
B. Start der Entwicklungshilfe um 1950 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 97
C. Einige Grundfragen der Entwicklungspolitik ................ 104
1. Einleitende Bemerkungen .............................. 104
2. Nachvollzug des westlichen Beispiels ..................... 108
3. Industrialisierung ..................................... 117
4. Kapitalhilfe und Kapitaltransfer ......................... 127
5. Internationale Sozialpolitik ............................. 134
D. Wandlungen von 1950 bis 1980 ............................ 138
E. Aktuelle Situation und Zukunft der Entwicklungspolitik ....... 144
6 Inhalt
4. Warum ist die Dritte Welt unterentwickelt?
A. Vorstellungen von Entwicklung und »Unterentwicklung« ...... 151
B. Ausbeutung durch Kolonialismus und Kapitalismus .......... 160
C. Ungerechte Weltwirtschaftsordnung ........................ 166
D. Ungünstige geographische Verhältnisse ..................... 172
E. Übervölkerung und Verstädterung ......................... 179
F. Hemmende Sozialstrukturen .............................. 186
G. Mangelndes politisch-geschichtliches Bewußtsein ............ 193
H. Religiöse Hemmnisse .................................... 199
I. Arbeitsbereitschaft und Arbeitsstil ......................... 207
5. Warum ist die westliche Welt dynamisch?
A. Der Bereich der westlichen Zivilisation ..................... 217
B. Allgemeine Charakteristik der westlichen Dynamik ........... 221
C. Werte, Verhaltensweisen, soziale Strukturen ................. 226
D. Zeitbewußtsein als Ausdruck und Motor westlichen Lebens .... 232
6. Wirtschaftliches Wachstum und Zeitbewußtsein
A. Entwicklung und Wirtschaftswachstum ..................... 241
B. Entwicklung als Modernisierung ........................... 249
C. Selbstbewußtsein und Zukunftsperspektive .................. 256
D. Wirtschaft als Teilbereich der Zivilisation ................... 262
E. Über den Zeit-Charakter von Wirtschaft und Arbeit ........... 271
F. Zeitbewußtsein und Leistungsfähigkeit ..................... 282
1. Synchronisation: Zeitordnung in Gesellschaft und Wirtschaft 282
2. Kontinuität: alles hat Ursachen und Wirkungen ............ 285
3. Präzision: Messung und Kontrolle ....................... 286
4. Dynamik: Tempo und Wettbewerb ....................... 289
7. Zeitbewußtsein in der Dritten Welt
A. Qualitative und graduelle Differenzen von Zeitbewußtsein ..... 291
B. Gemeinsamkeiten des typischen Zeitbewußtseins in Ländern
der Dritten Welt ......................................... 299
C. Zeitbewußtsein in verschiedenen Kulturregionen ............. 305
1. Ostasien ............................................. 305
2. Indien und Buddhismus ................................ 315
3. Islamische Welt ....................................... 321
4. Afrika ............................................... 324
5. Lateinamerika ........................................ 331
8. Fortschritt und zivilisatorische Entwicklung
A. Muß Fortschritt sein? .................................... 337
1. Die Zwickmühle ...................................... 337
2. Wille zum Fortschritt ................................... 340
3. Abwehr des Fortschrittsdenkens ......................... 344
Inhalt 7
4. Abschwächung des Fortschrittstempos .................... 351
B. Voraussetzungen für Kulturwandel ......................... 364
I. Gemeinschaftsgeist .................................... 365
2. Nationalismus ........................................ 371
3. Individualität ......................................... 377
4. Rationalität .......................................... 384
5. Kommunikation und Alternativen ........................ 388
6. Urbanisierung ........................................ 391
7. Sinn für Technik und Planung ........................... 397
9. Kulturelle Koexistenz
A. Grundsätzliches ......................................... 405
B. Der Vorrang des Westens ................................. 409
C. Verteidigung der eigenen Kultur ........................... 413
D. Die Lage in den größeren Kulturbereichen ................... 417
1. Ostasien: Japan und China .............................. 418
2. Lateinamerika ........................................ 427
3. Islamische Welt ....................................... 432
4. Indien ............................................... 437
5. Afrika ............................................... 442
E. Kulturen leben und wandeln sich .......................... 448
F. Kulturelle Vielfalt und Polaritäten ......................... 455
Nachwort ................................................... 461
Anmerkungen ................................................ 462
Register .................................................... 496
Vonvort
Die wirtschaftlichen Probleme der Dritten Welt werden mindestens noch
für viele Jahrzehnte das wichtigste und wohl auch das schwierigste inter
nationale Problem sein. Vielleicht gelingt es eher, die politisch-militäri
schen Gegensätze und die Bedrohungen durch einen Atomkrieg wesent
lich zu verringern, denn ihnen liegen weitaus weniger strukturelle Zwänge
zugrunde. Die ökonomische Schwäche der Entwicklungsländer und der
noch zunehmende Abstand zum Lebensstandard in den Ländern der west
lichen Zivilisation ist demgegenüber ein Phänomen, das durch Bevölke
rungsexplosion, zivilisatorische Voraussetzungen und den weltwirtschaft
lichen Rahmen einschließlich der Entwicklungshilfe langfristig bestimmt
wird. Nur im letzteren Bereich sind bei größeren Anstrengungen auch in
kürzerer Zeit Erfolge denkbar. Im übrigen handelt es sich um Prozesse, die
nur über viele Dekaden beeinflußt werden können. Guter Wille und Intel
ligenz der beteiligten Politiker, Wissenschaftler und Ökonomen haben nur
begrenzten Einfluß.
Nach dreißig Jahren Dritte-Welt-Probleme, Entwicklungshilfe und Ent
wicklungspolitik versucht dieses Buch die Zwischenbilanz einiger Grund
probleme der Entwicklungspolitik, die sich über die notwendigen nationa
len und internationalen Maßnahmen im ökonomischen Bereich hinaus
auf die zivilisatorischen Bedingungen eines langfristigen Wirtschafts
wachstums aus eigener Kraft in der Dritten Welt beziehen. Der schwedi
sche Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Gunnar Myrdal hat
über diesen »Randbereich« der Entwicklungspolitik gesagt: »Wenn die
Nationalökonomen ihre Begriffe, Modelle und Theorien vortragen, sind
sie meistens darauf bedacht, sehr edle Vorbehalte und Einschränkungen
vorauszuschicken; sie unterstreichen nachdrücklich, die Entwicklung sei
letzten Endes ein >menschliches Problem< und Planung bedeute >den
Menschen zu ändern<. Wenn sie dann ihre Verbeugung gemacht haben vor
dem, was sie als >außerökonomische Faktoren< zu bezeichnen sich ange
wöhnt haben, setzen sie ihre Arbeit fort, als wenn diese Faktoren nicht exi
stieren.« Bei großem Verständnis für diese Verhaltensweise versuchen
I
wir hier einen ergänzenden Ausgleich.
Ausgangspunkt der Überlegungen in diesem Buch sind die wirtschaftli
chen Sorgen der Dritten Welt, Armut und Hunger. Indem wir in der Dis-
Vorwort 9
kussion über Lösungsmöglichkeiten dieser Probleme die Beispiele und
Rezepte der westlichen Zivilisationen heranziehen, entfaltet sich die weit
reichende Problematik der Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und
Kultur, und es deutet sich am Horizont die Gefahr an, daß es aus ökono
mischen Sachzwängen heraus in ferner Zukunft zu einer einheitlichen,
westlich bestimmten Weltzivilisation und damit zur Auflösung aller
»nichtwestlichen« Kulturen der Welt kommen könnte. Dies ist der wirk
lich dramatische Hintergrund unserer Untersuchung.
Wir plädieren nicht für die Übernahme aller Werte der westlichen Zivi
lisation durch die Dritte Welt, weil dies etwa der direkteste Weg zu schnel
len und endgültigen Lösung der Wirtschaftsprobleme der Entwicklungs
länder sein könnte. Ebensosehr aber betonen wir das historisch gesehen
nicht neue Anliegen, daß auch die Kulturen der heutigen Dritten Welt sich
einem gewissen sachlich sinnvollen »Kulturwandel« nicht verschließen
sollten. Das mag hier und da zu einer Annäherung an westliche Denk-und
Verhaltensweisen führen, muß und sollte aber die Pluralität der vielen
Kulturen in der Welt letztlich nicht wesentlich beeinträchtigen. (In diesem
Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß wir die in Europa,
vor allem aber im deutschen Sprachraum, im Laufe der letzten zwei Jahr
hunderte gelegentlich hervorgetretene Unterscheidung der Begriffe »Kul
tur« und »Zivilisation« als ein spezielles geistesgeschichtliches Phänomen
vernachlässigen und beide Begriffe synonym verwenden.)
Um die vielen mitwirkenden Faktoren zu berücksichtigen, mußte diese
Studie multidisziplinär sein und unter anderem in den Bereichen von Öko
nomie, Politikwissenschaft, Kultur, Geschichte, Ethnologie, Soziologie,
Geographie, Bevölkerungswissenschaft und Religionswissenschaft arbei
ten. Man darf nicht erwarten, daß sich der Autor wie ein Wunderkind in
all diesen Feldern mit gleicher Wissensfülle und Sicherheit bewegen
konnte. Es ist deshalb auch ein Zeichen eigener Bescheidenheit, wenn
Feststellungen und Urteile zu Problemen der Entwicklungsländer von ent
sprechenden Experten gerne zitiert werden, zumal diese Hinweise auf
Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und Nationen als Anregungen
zur weiteren Orientierung über die interdisziplinäre Diskussion nützlich
sein können.
Die völlige Unabhängigkeit des Autors hat ihn ermutigt, viele gängige
klischeehafte Vorstellungen möglichst zu meiden, gelegentlich auch aus
drücklich zu kritisieren. Offizielle Äußerungen zur Entwicklungspolitik
sind zuweilen durch »diplomatisches« Verhalten, durch höfliche Zurück
haltung in verständlicher Weise abgeschwächt und undeutlich. Der Autor
ist hier wohl unbefangener und offener. Er bittet die Leser, zur Gewin
nung von abschließenden Urteilen mit ihm den langen Weg vielfältig
differenzierender Erwägungen zu gehen und ihm zu vertrauen, daß er
trotz seiner Zugehörigkeit zur westlichen Zivilisation sich ehrlich darum
bemüht, die angesprochenen Probleme von der echten Notlage der Drit
ten Welt aus zu sehen.
10 Vorwort
Die Gliederung des Buches versucht, einen sinnvollen Pfad durch die
verschiedenen Problembereiche zu finden. Dabei ist es kaum zu vermei
den, daß sich hier und da Überschneidungen oder auch Wiederholungen
ergeben. Um Nachsicht dafür wird gebeten. Schließlich sei noch ein Hin
weis gestattet auf die hervorgehobene Bedeutung von Zeitbewußtsein als
eines besonderen Kriteriums für die Differenzierung zwischen westlichen
und nichtwestlichen Zivilisationen und ihren Voraussetzungen für wirt
schaftliche Dynamik. In dem Buch »Zeit und Kultur« (1980) hat der Au
tor versucht, einige wesentliche Bedingungen für den Erfolg der westli
chen Zivilisation nachzuweisen. Hier wird dieser Gedankengang fortge
setzt, indem Zeitbewußtsein als ein zentrales Beispiel für die vielen Fakto
ren dient, die bei dem notwendigen Kulturwandel mitspielen müssen.
Die rein ökonomischen Gesichtspunkte stehen naturgemäß im Vorder
grund aller entwicklungs politischen Überlegungen und Maßnahmen.
Eine eingehendere Erörterung der zivilisatorischen Rahmenbedingungen
für echte eigene Entwicklung tritt dazu nicht in Konkurrenz, sondern be
greift sich als eine notwendige, vielleicht hilfreiche Ergänzung.
1. Kapitel
Die Dritte Welt
A. Was ist die »Dritte Welt«?
Vor fünf Jahrhunderten hatte sich Europa das Tor zu einer »Neuen Welt«
aufgestoßen: zusätzliche unbekannte Räume wurden mit Gefühlen des
Glückes und Stolzes geöffnet, Freiräume zur Entfaltung der eigenen
Kräfte boten sich dar - die Welt war weiter und schöner geworden. Vor
rund zwei Jahrzehnten wurde der Begriff einer »Dritten Welt« erfunden,
und mit ihm und dem etwa zehn Jahre älteren Begriff »Entwicklungslän
der« wurde eine andere Erfahrung verdeutlicht: die Welt war enger und
etwas häßlicher geworden. Wir sahen nun Elend, dem wir nicht auswei
chen konnten. Mit Gefühlen von Trauer, Betroffenheit, Bescheidenheit,
Unsicherheit und zuweilen schlechtem Gewissen erkannten wir Probleme,
denen wir uns stellen mußten, die uns zum Nachdenken und zum Handeln
aufforderten.
»Dritte Welt« ist kein geographischer, sondern ein politischer Begriff. Er
spricht von Ländern nicht aufgrund ihrer Lage auf den Kontinenten, son
dern aufgrund des Zustandes ihrer Wirtschaft und ihrer Zivilisation, er
grenzt sie ab, faßt sie zusammen und vergleicht sie mit der übrigen Welt,
die in etwas seltsamer Weise als Erste und Zweite klassifiziert wird. Die
))Erfindung der Dritten Welt« ist ein politischer Akt, durch den die vor
herrschende Grundvorstellung von der Erde verändert wird. An die Stelle
einer Aufzählung von Kontinenten in der Reihenfolge ihrer Größe oder
ihrer Entfernung von Europa, an die Stelle der Vielfalt üblicher Unter
scheidungen von politischen, kulturellen oder religiösen Gruppierungen
und Ballungen tritt eine vorwiegend vom Wirtschaftsniveau bestimmte
Grobgliederung in drei )) Welten« oder gar nur in zwei Parteien ))Nord
und Süd«. Das Welt-Bild unserer und mindestens der nächsten Genera
tion wird dadurch fast schockartig stark simplifiziert. Außerdem scheint
es so, als sei die Frage des ökonomischen Lebensstandards und damit ein
materieller (um nicht zu sagen: materialistischer) Gesichtspunkt zum
Hauptproblern der Weltpolitik geworden, wogegen Fragen der unter
schiedlichen Religionen, Kulturen und Gesellschaftssysteme verblassen.
Doch dies täuscht, denn das ökonomische Niveau ist ja zweifellos auch
ein Ausdruck des allgemeinen zivilisatorischen Niveaus.
Der Begriff ))Dritte Welt« drückt eine spezielle und damit einseitige