Table Of ContentC M Y CM MY CY CMY K
63280
3
juli–oktober 2008___
6. jahrgang
Das Magazin des deutschen Musiklebens.
Mit dem Supplement:
„DMR aktuell“
Neues aus den Projekten
und Mitgliedsverbänden
des Deutschen Musikrats
0
4
m 7, „Das ist ein Irrweg“ Jugend ausgebremst
Medienexperte Hans-Joachim Otto Neuer Rundfunkstaatsvertrag contra
über massentaugliche Plagiate Mediennutzungsverhalten: Kritik und
durch öffentlich-rechtliche Sender Stellungnahmen zur Einschränkung
und strittige Online-Aktivitäten der Telemedienangebote
Probedruck
EDITORIAL
DIGITAL…
Digitalisierung…
Christian Höppner
FUZZY
Chefredakteur
WAS BEFINDET SICH ZWISCHEN 0 UND 1? – Der Mensch! Im Spannungsfeld zwischen wahr
und unwahr markiert die „unscharfe Welt“, zu der die Fuzzy-Logik und ihr Begründer Lotfi A. Zadeh
gehören, den Gegenpart zur digitalen Welt (der „scharfen Welt“). Beide Welten korrespondieren in
sich ergänzender, befruchtender und gegenläufiger Weise.
Von der Industriegesellschaft über die Wissensgesellschaft zur Kreativgesellschaft spannt sich der
Horizont gesellschaftlicher Perspektiven. Das Ziel der propagierten Wissensgesellschaft wird ohne die
Entwicklung ihrer schöpferischen Potenziale nicht erreicht werden können. Deshalb ist im Zeitalter der
Digitalisierung die Zieldefinition einer Kreativgesellschaft Voraussetzung einer human orientierten
Gesellschaftsentwicklung. Der Wert der Kreativität lässt sich in einer „scharfen Welt“ nicht erfassen.
Dazu reichen digitale Prozesse, mögen sie noch so komplex angelegt sein, nicht aus.
Die Digitalisierung – Schwerpunktthema dieser Ausgabe des MUSIKFORUM – steht nicht nur für
eine technologische Entwicklung, sondern auch für Veränderungsprozesse menschlichen Verhaltens in
der Wahrnehmung und Kommunikation sowie im Handeln. Die beispielhafte Beschreibung von Bewe-
gungen und Gegenbewegungen in der Welt der Musik, von Annäherung an digitales Schaffen und
Distanzierung, lässt einmal mehr deutlich werden, welche zentrale Rolle die Musik als die flüchtigste,
aber auch unmittelbarste aller Künste für das menschliche Dasein spielt.
Die Suche (Sehnsucht?) nach der „unscharfen Welt“ befördert Bewegung und Gegenbewegung.
Die unendliche Weite zwischen 0 und 1 lässt sich nicht besser als mit der kulturellen Selbstäußerung
des Menschen umschreiben. Sie bildet das Fundament, auf dem kulturelle Vielfalt zu erhalten und zu
befördern ist. Und damit ergeben sich Perspektiven: nämlich einerseits die Chancen der Digitalisierung
zu nutzen und andererseits Alternativen zur zunehmenden Digitalisierung menschlichen Denkens und
Handelns zu eröffnen.
Ihr
Christian Höppner
(cid:1)
3
MUSIK ORUM
INHALT
Titelbild: © R. Krause/pixelio (bearbeitet)
IM FOKUS:
DIGITALI-
SIERUNG
Musik im Zeitalter ihrer Digitalisierbarkeit 8
Niels Knolle über Produktion, Distribution und Konsumption von Tönen
via neue Technologien
Mittendrin in der Veränderung 14
Wie sich die Digitalisierung von Popmusik auf die Mediengesellschaft
und unser soziales Verhalten auswirkt, beschreibt Christoph Jacke
The 5-Year Vision
Norbert Schneider skizziert die großen Trends der Medienindustrie 18
„Es ist ein Fluch und ein Segen“
Die digitale Musikaufnahme: Tonmeister Andreas Neubronner im Gespräch 21
Medialität von Musik im Wandel von Raum und Zeit
Carsten Winter über eine neue Herausforderung an Forschung und Lehre 24
akzente porträt kulturen
„Ein Irrweg“ Der Traum von der Verlinkung Gefangener der Musik
Im Interview: Hans-Joachim Otto, Vorsitzen- von Politik, Wirtschaft, Kultur Der amerikanische Pianist Alan Bern
der des Ausschusses für Kultur und Medien Gesellschaftliches Engagement ist ein fester forschte nach Klängen und fand in der
des Deutschen Bundestags, über Präsenta- Bestandteil in der Unternehmensphiloso- jiddischen Musik eine reizvolle, abgeschie-
tionsformen und Online-Aktivitäten des phie des Bremer Reeders Niels Stolberg, dene, in sich geschlossene Welt 48
öffentlich-rechtlichen Rundfunks und den der vor allem auf kulturellem Gebiet viele
12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag 39 Projekte anschiebt. Im Interview mit dem
Kulturelle und musikalische
MUSIKFORUM betont er die Bedeutung
Die „Online-Bremse“ Diversität erfassen
einer Unternehmerschaft, die soziale
Kritik und Statements zur geplanten Verantwortung intensiv lebt. 44 Arbeitsgruppe Musikpädagogik und Musik-
Einschränkung der Telemedienangebote ethnologie fordert Grundlagenforschung
von ARD und ZDF 42 und pädagogische Konsequenzen 50
(cid:1)
4
MUSIK ORUM
fokus
Chancen für einen lebendigen Musikunterricht 29
Wie wird mit digitalen Musikmedien umgegangen? Was Musikpädagogen
aus einer Potsdamer Umfrage lernen können. Von Birgit Jank
Von Musikavataren und Videos in Sonnenbrillen 33
In zehn Jahren funktioniert die Musikindustrie nach der Logik des Internets,
prognostiziert Trendforscher Sven Gábor Jánszky Cello oder Kontrabass?
„This will look completely different in the future“ Die Deutsche Orchestervereinigung schenkt
jeder deutschen Schule ein Poster mit dem
Hamburger Szenekongress „Operation Ton“ versammelt Klangdigitalisten,
Motiv des Bundesjugendorchesters. Warum,
Netnerds und Elektrofrickler. Von Andrea Rothaug 35 lesen Sie – neben weiteren Berichten aus
den Projekten und Mitgliedsverbänden
Musik im digitalen Hörfunkzeitalter des Deutschen Musikrats – im Supplement
Lineare Programme sterben langsam aus: Johannes Grotzky zu den Möglichkeiten DMR aktuell
des modernen Radios 36
Mittelheftung nach Seite 34
neuetöne dokumentation
Zwischen Sensation und
bewusstem Hören
Das Laptoporchester Berlin 52
bildung.forschung
Was ist nebensächlich?
Über das Symposium „Zukunftskonzert“ 54
wirtschaft.recht
INVENTIO an Ignes Ponto: Warum manche Opernlieb-
Downloads: Stürmische Vorbildhaft ein Signal gesetzt haber keine Operngänger sind
Zeiten für Musikpiraten ns
In München wurde erstmals der vom Deut- Eine Nichtbesucher-Analyse von e
b
e
Gespräch mit Anwalt Clemens Rasch 60 schen Musikrat und der Stiftung „100 Jahre Karl-Heinz Reuband 55 kl
Yamaha“ ausgeschriebene Sonderpreis (cid:1) Musi
rubriken „Verantwortung für die Musik in der Gesell- en
h
c
schaft“ verliehen (Bild). Das herausragende MUSIK ORUM euts
NPErdaäictsohernriitacilhertte:n das Projekt „DaCapo“ 6336 EdJunegrge akngudelltmiucrheenellnte vnfoa Bnni dlId gsuneneinsg e Pv oWonnüt oKrd iinmigdu eBnrengr euinchd58 juli–september 2008___3 azin des d
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Rezensionen: CDs und Bücher 64 Ma
Finale / Impressum 66 Das
(cid:1)
5
MUSIK ORUM
NACHRICHTEN
Deutscher Jugendorchesterpreis: BDO zur musikalischen Bildung:
„Konzert mit Pfiff“ Mangelnde Angebote
Bis Ende September 2008 laufen die Mit einem Appell zur musikalischen
Bewerbungen für den von der Jeu- Bildung von Kindern hat sich die
ert
eif nesses Musicales Deutschland aus- Bundesvereinigung Deutscher
S
e/ geschriebenen Deutschen Jugend- Orchesterverbände (BDO) an Poli-
ur
Pict orchesterpreis, der in diesem Jahr tiker, Erzieher und Journalisten ge-
ge unter dem Motto „Ein Konzert mit wandt. Musik sei gerade für junge
a
St Pfiff“ steht. Menschen ein wesentlicher Bestand-
©
Neben der musikalischen Qualität teil der allgemeinen Bildung und
und der Qualität des Programms fördere sowohl kognitive als auch
„Einmalig“: Erste Kinderoper in eigenem Haus
wird auch bewertet, ob die Jugend- emotionale und soziale Schlüssel-
lichen bei der Organisation, Plakat- kompetenzen.
In Dortmund wurde das deutsch- sechs Jahren bzw. für Jugendliche ab
gestaltung und Öffentlichkeitsarbeit Besorgt zeigt sich die Bundes-
landweit erste Musiktheater für zwölf Jahren mit jeweils rund 30 Auf-
ihres eingereichten Konzertprojekts vereinigung über den Stellenwert
Kinder und Jugendliche in einem führungen geben. Nach dem Motto
mitgewirkt haben. Teilnehmen kön- des aktiven Musizierens in Kinder-
eigenen Bau eröffnet. „mit Kindern für Kinder“ sollen auch
In dem aus Spendengeldern finan- Kinder an den Produktionen beteiligt nen alle Jugendorchester. gärten, über massiv ausfallenden
zierten Gebäude soll es unter der Trä- werden. Bundestagspräsident Norbert Informationen und Bewerbungs- Musikunterricht an Grundschulen,
gerschaft des Dortmunder Theaters Lammert würdigte die neue Einrich- unterlagen: Jeunesses Musicales über fehlende qualifizierte Lehrkräf-
neben Wiederaufnahmen jährlich tung als „einmaliges wie zukunftswei- Deutschland, Tel. 07934/99 36 -15, te sowie über mangelnde frühkind-
zwei Neuproduktionen für Kinder ab sendes Projekt“. [email protected] liche Bildungsangebote.
Chinesisch-deutsches Forum: Kooperation in der „Musikausbildung“ Fo
to
Die Universität Dalian war Gastgeber des 1. Chinesisch-Deutschen Forums : Ya
n
Bscehruuflelicnh, ed Meuutssikcahues bMiludsuinkgho, acnh sdcehmu lDene leugnide rVtee crbhiännedsies cehienrs cuhnldie dßeliucths cdheesr HDoecuht-- g Lin
schen Musikrats teilnahmen. Im Mittelpunkt standen Informationen über deut-
sche Ausbildungssysteme im Vergleich zur chinesischen Situation, wobei Ausbil-
dungsqualität und -strukturen sowie Fragen der Hochschuldidaktik berücksichtigt
wurden. Im Ergebnis sollen die Zusammenarbeit vertieft, die musikpädagogi-
sche Kooperation zwischen den Ausbildungsstätten gefördert und ein chinesisch-
deutsches Netzwerk aufgebaut werden. Aus Anlass des Forums fand ein Kon-
zert statt, an dem auch Musikratspräsident Martin Maria Krüger teilnahm (Bild).
personalia
Prof. Dr. Martin Pfeffer †
Die Berliner Philharmoniker haben Andrey
sich für eine Verlängerung des bis Boreyko Der Vorsitzende der Rektorenkonferenz der
2012 laufenden Vertrags ihres Chef- Foto: Diesner deutschen Musikhochschulen und Rektor der
F
dirigenten, Sir Simon Rattle, Folkwang Hochschule Essen, Prof. Dr. Martin oto
ausgesprochen. Intendantin Pame- Pfeffer, ist am 2. Mai nach langer Krankheit : S
la Rosenberg wird ihren Vertrag im Alter von 52 Jahren verstorben. Martin Maria chre
hingegen 2010 auslaufen lassen. Krüger, Präsident des Deutschen Musikrats, ibe
r
+++ Peter Konwitschny wird äußerte sich tief betroffen: „Mit Martin Pfeffer hat
zum 1. August Chefregisseur der Der Schwede Orjan Fahlström das deutsche Musikleben eine bedeutende und charismatische Persön-
Oper Leipzig. Die neu geschaffene wird zur Saison 2008/09 neuer lichkeit verloren. Er verfügte über eine ganz besondere Fähigkeit, auf
Position beinhaltet zwei Produktio- Chefdirigent der hr-Bigband. Ihr bis- Menschen zuzugehen, sie vom ersten Augenblick an in seinen Bann
nen pro Saison sowie Entscheidungs- heriger Leiter Jörg Achim Keller zu ziehen und so für Ideen zu gewinnen. Als Rektor führte er die
kompetenzen bei der Gestaltung wechselt im August zur NDR-Big- Folkwang Hochschule in die vorderste Reihe innovativer, konsequent
des Spielplans und bei Besetzungen. band. +++ Neu im Amt: Markus auf die Berufswirklichkeit der Studierenden hin ausgerichteter Institute.
Konwitschny erhält einen Vertrag L. Frank wird mit der Spielzeit Als Vorsitzender der Rektorenkonferenz wurde er ein engagierter und
für sechs Jahre. +++ Der russische 2008/09 Generalmusikdirektor am freundschaftlicher Partner des Musikrats. So kooperierten Rektoren-
Dirigent Andrey Boreyko tritt Theater Nordhausen, Detlef konferenz und Musikrat gerade im internationalen Bereich durch ein
als neuer Chef der Düsseldorfer Altenbeck wird Intendant des gemeinsames Büro und gemeinschaftlich vorangetriebene Projekte in
Symphoniker zur Saison 2009/10 Landestheaters Coburg. +++ Kom- China sowie die Entsendung von Lehrern für das berühmte ,Sistema’
die Nachfolge von John Fiore an, ponist Frank Michael Beyer ist in Venezuela. Das Präsidium des Musikrats trauert mit den Angehöri-
dessen Vertrag bereits im August im Alter von 80 Jahren verstorben. gen um Martin Pfeffer und hofft, dass das durch ihn gelegte Funda-
endet. Bis zum Amtsantritt von Beyer leitete 17 Jahre lang die Sek- ment der Zusammenarbeit sich weiterhin zu einem stabilen Gebäude
Boreyko wird das Orchester von tion Musik der Berliner Akademie entwickeln wird.“
zwölf Gastdirigenten geleitet. +++ der Künste (1986 bis 2003).
(cid:1)
6
MUSIK ORUM
© jungenç
Besser geistiges
˜
Eigentum schützen
Der Deutsche Musikrat fordert die
Einrichtung eines Runden Tisches
für den besseren Schutz des geis-
tigen Eigentums.
Nur mit einem Schulterschluss
aller gesellschaftlichen Gruppen,
die mit kreativer Wertschöpfung
befasst sind, sei mehr Sicherheit für
jungenç Orchester fördert den deutsch-türkischen Kulturdialog das künstlerische Schaffen und eine
nachhaltige Bekämpfung von Ur-
Das jungenç Philharmonische Orchester wurde offi- den deutsch-türkischen Kulturdialog in besonderer Wei- heberrechtsverletzungen zu errei-
ziell in die Ernst-Reuter-Initiative (ERI) aufgenommen. se fördern. Die ERI wurde im September 2006 durch
chen. Am Runden Tisch sollen nicht
Damit ist das deutsch-türkische Nachwuchsensemble, Bundesminister Frank-Walter Steinmeier und den da-
nur Vertreter von Politik, Kreativ-
das sich aus Hochschulstudenten beider Länder zu- maligen türkischen Außenminister und heutigen Staats-
industrie und Internetprovidern teil-
sammensetzt, eines der ausgezeichneten Projekte, die präsidenten Abdullah Gül ins Leben gerufen.
nehmen, sondern auch Vertreter
kultureller Bildungseinrichtungen.
(cid:1)
Besuch in Israel: Das Luftwaffenmusikkorps 2 war schäftsjahr 2008 einen Rückgang der Erträge, nachdem
Höppner Vize in
als offizieller musikalischer Botschafter anlässlich des 60. die Musikwirtschaft sowohl in Deutschland als auch im ˜
Unabhängigkeitstags Gast des Staates Israel. Damit internationalen Bereich wiederum deutliche Einbußen Europas Musikrat
waren die Karlsruher Musiker das erste deutsche im Verkauf bzw. in der Lizenzierung von Ton-
(cid:2)
Musikkorps in diesem Land. Kritik: Im trägern hinnehmen musste. Für Livemusik Bei der Jahresversammlung des Euro-
Hinblick auf die geplante Novellierung werden deutlic(cid:2)h bessere Ergebnisse päischen Musikrats in Brünn (Tsche-
der so genannten „Ausländersteuer“ prognostiziert. Mehr als zwei Mio. chien) wurde Christian Höppner, Ge-
haben der Bundesverband der Veranstal- für populäre Musik: Die im Herbst 2007 neralsekretär des Deutschen Musik-
tungswirtschaft (idkv) und der Verband neu gegründete Initiative Musik will bereits rats, zum neuen Vizepräsidenten ge-
der Deutschen Konzertdirektionen (VDKD) im laufenden Jahr 60 bis 80 Projekte in den wählt.
den vom Bundesfinanzministerium vorgeleg- Sparten Rock, Pop und Jazz mit einem Gesa(cid:2)mt- Zusammen mit Präsident Timo Kle-
ten Referentenentwurf für ein Jahressteuergesetz volumen von über zwei Mio. Euro fördern. mettinen (Finnland) und Schatzmeis-
2009 kritisiert. Er erreiche nicht das angestrebte Ziel, Zum dritten Mal wird der „junge ohren preis“ ter Stef Coninx (Belgien) bildet er den
die Rechtsprechung des Europäischen Ger(cid:2)ichtshofs voll- an beispielhafte Projekte im Bereich konzertbezogener Kopf des neu gewählten Vorstandes.
ständig in deutsches Recht umzusetzen. Sinkende Musikvermittlung vergeben. Bewerbungsschlu(cid:3)ss: 30. Sep- Weitere Vorstandsmitglieder sind Er-
Erträge: Insgesamt erwartet die GEMA für das Ge- tember, Info: www.netzwerk-junge-ohren.de ling Aksdal aus Norwegen, Harald Hu-
ber aus Österreich, Petra Mohorcic aus
ausgezeichnet Slowenien, Ugis Praulin aus Lettland
und Daphne Wassink aus den Nieder-
landen.
Für ihre weltweiten Verdienste um an Maurizio Pollini. Der Ehren- Maurizio
die Tanzkunst erhält die Choreogra- preis ist mit einem Stipendium ver- Pollini Philharmonie
˜
fin Pina Bausch den mit 15000 bunden, das der Preisträger an einen Foto:
Euro dotierten „Musikpreis der Stadt Nachwuchskünstler seiner Wahl Bothor/DG Essen prämiert
Duisburg 2008“. Auf dem Gebiet vergeben kann. +++ Für seine he-
des modernen Tanzes habe Bausch rausragenden Leistungen auf dem
Der Deutsche Musikverleger-Ver-
einen unverkennbaren Stil kreiert, Gebiet der klassischen Musik wird
band (DMV) hat die Philharmonie
der aufgrund seiner Originalität und der Dirigent Kurt Masur im Rah-
Essen unter ihrem Intendanten Mi-
seines hohen qualitativen Anspruchs men des Beethovenfests Bonn mit ge Musiker mit dem diesjährigen
chael Kaufmann für das beste Kon-
seit vier Jahrzehnten auf allen Konti- dem Wilhelm-Futwängler-Preis ge- Schneider-Schott-Musikpreis Mainz
nenten gefeiert werde, so die Begrün- ehrt. Masur dirigiert beim Beethoven- ausgezeichnet. Die Jury lobte ihn zertprogramm der Saison 2007/
dung der Jury. +++ Der Schweizer fest an vier Abenden alle neun als „einen der vielversprechendsten 2008 ausgezeichnet.
Komponist, Oboist und Dirigent Symphonien Beethovens. +++ Die gegenwärtig in Deutschland tätigen Kaufmann sei es auch in seiner
Heinz Holliger erhält den Rhein- 27-jährige Südkoreanerin Eun Sun jungen Komponisten“. +++ Der vierten Saison gelungen, „ein Kon-
gau Musikpreis 2008. Die durch das Kim, seit 2007 Stipendiatin des 77-jährige Pianist Alfred Brendel zertprogramm zusammenzustel-
Rheingau Musik Festival initiierte Dirigentenforums des Deutschen erhielt am 25. Mai den renommier- len, das der zeitgenössischen Mu-
und mit 10000 Euro dotierte Aus- Musikrats, wurde beim diesjährigen ten deutschen Solisten-Preis „NORD/
sik und den weniger häufig gespiel-
zeichnung wird in diesem Jahr zum Dirigentenwettbewerb „Jesús López LB Artist Award" 2008. Zusätzlich
ten Werken des 20. Jahrhunderts
15. Mal vergeben. +++ Der 1998 Cobos“ in Madrid mit dem ersten wird ihm im Herbst der mit 50000
einen ebenso hohen Stellenwert
vom Initiativkreis Ruhrgebiet ins Preis ausgezeichnet. +++ Der in Euro dotierte Karajan Musikpreis
einräumt wie dem klassisch-roman-
Leben gerufene „Preis des Klavier- Budapest geborene Komponist Már- des Festspielhauses Baden-Baden
Festivals Ruhr“ für außerordentliche ton Illés erhält den mit 20000 Euro verliehen. Danach wird Brendel tischen Konzertrepertoire“, so die
pianistische Leistungen geht 2008 dotierten Paul Hindemith-Preis 2008. mit einem Konzert in Wien seine Begründung der Jury. Der DMV
in Anerkennung seines Lebenswerks Darüber hinaus wurde der 32–jähri- Pianistenlaufbahn beenden. vergibt den Preis bereits seit 1991.
(cid:1)
7
MUSIK ORUM
FOKUS
Niels Knolle über Produktion, Distribution und Konsumption
von Tönen via neue Technologien
MUSIK IM ZEITALTER
Digitalisierbarkeit
IHRER
Wenn in diesem Heft – bezogen auf den Umgang mit Musik – von
„Digitalisierung“ die Rede ist, dann scheint auf den ersten Blick
eindeutig zu sein, was damit gemeint ist…
Wir denken an die CompactDisc, auf der tion, Distribution und Konsumption von Musik
die Musik digital gespeichert ist und daher nur um ein quantitatives Phänomen (schneller,
im Vergleich zur Langspielplatte ein Opti- grenzenloser etc.) oder haben wir es mit ei-
mum an Rauschfreiheit bei verdoppelter ner ganz neuen qualitativen Dimension der
Laufzeit bietet. Mediennutzung bzw. des Musikverständnis-
Wir denken an den flachen Fernseher, der ses zu tun? Und schließlich: Welche musik-
auf so praktische Weise an die Wand zu hän- kulturellen Auswirkungen hat die Digitalisie-
gen ist und auf seinem LCD- bzw. Plasma- rung auf das Komponieren, Arrangieren,
Bildschirm digital übertragene Bild- und Ton- Spielen und Rezipieren von Musik?
signale in hoher Auflösung und ungemein
farbiger Intensität wiederzugeben vermag. Erscheinungsformen der
Und zunehmend denken wir an das Inter- Produktion und Reproduktion
net, das uns mit der Verbreitung der Multi-
von Musik
media-Computer die E-Mail, das Surfen in
virtuellen Shops und das Herunterladen von Die Geschichte der Musik und des Um-
Bildern, Filmen und Musik in das private gangs mit ihr ist unauflösbar mit der Geschichte
Wohnzimmer gebracht hat. der technischen Mittel verbunden, die zu ihrer
Digitalisierung ist also mit technologischem Erzeugung bzw. zu ihrer Rezeption verwen-
Fortschritt konnotiert und dieser Fortschritt det worden sind. Das gilt für den Einfluss
ist deshalb so ungemein attraktiv, weil Zu- des Hammerklaviers auf die Klaviermusik des
gang und Nutzung der Medieninhalte einfa- 19. Jahrhunderts und das Konzertwesen
cher, vielseitiger, umfassender, grenzenloser, ebenso wie für die Auswirkungen der ana-
zeitunabhängiger, schneller, billiger und logen Schallplattenaufzeichnung auf die künst-
zugleich auch noch hochwertiger geworden lerische Interpretation von Musik seit Beginn
sind. Alles scheint möglich, was könnte man des 20. Jahrhunderts als auch für die Digita- Mensch und Maschine: Die Digitalisierung
der Musik gibt dem Produzenten im Studio
da noch mehr wollen? lisierung der Musikproduktion in den vergan-
die künstlerische Freiheit, am Material auf
Beim zweiten Nachdenken über unser genen 40 Jahren. Denn wo neuartige Tech-
experimentierende, improvisierende und
Zeitalter der Digitalisierung stellen sich in- nologien in den Zusammenhang einer musi-
immer reversible Weise zu arbeiten. © Dierks
des Fragen ein: Ist denn z. B. Musik als sol- kalischen Praxis eintreten, tun sie das nicht
che überhaupt digitalisierbar, beschränkt sich als „Werkzeuge“, die für die Sache selbst fol-
die Digitalität nicht lediglich auf jenen Ab- genlos bleiben. Vielmehr verändern sich die zur digitalen Produktion von Musik thesen-
schnitt der Übertragungskette, der zwischen ästhetischen Qualitäten der Musik, das Ver- artig erläutert werden.
den Schallwandlern von Mikrofon und Laut- hältnis von Komposition und Interpretation ˜ Vollständige Editierbarkeit nahezu
sprecher liegt, immerhin hören unsere Oh- und die Beziehungen zwischen produzieren- sämtlicher Parameter des musikalischen
ren (und sehen unsere Augen) immer noch den und reproduzierenden Musikern und Materials. Noch in den sechziger Jahren stan-
„analog“? Und weiter: Handelt es sich beim ihrem Publikum von Grund auf.1 Diese Be- den für die Aufzeichnung eines Musikstücks
unbezweifelbaren technologischen Fortschrei- obachtung soll im Folgenden vor dem Hin- auf Tonträger lediglich Bandmaschinen zur
ten von der analogen zur digitalen Produk- tergrund des Übergangs von der analogen Verfügung, die über zwei bis acht Tonspu-
(cid:1)
8
MUSIK ORUM
ren verfügten, sodass die Aufnahmen der ein- tungsstadien abspeicherbar. Daher können terialien und Verfahren auf spielerische bzw.
zelnen Instrumente entweder zeitgleich pa- die „unterwegs“ getroffenen technischen und experimentelle Weise neue Zugänge zum
rallel auf allen Spuren zu erfolgen hatte oder künstlerischen Entscheidungen – falls notwen- Musikmachen und Sounddesign zu gewin-
aber nacheinander im so genannten Playback- dig – in all ihren Details teilweise oder gänz- nen, haben gerade unter jugendlichen Ama-
verfahren. Spielfehler konnten bei dieser ana- lich rückgängig gemacht werden. teurmusikern zu einem nicht gering zu schät-
logen Technik nur durch Neuaufnahmen takt- Für die Produktionsprozesse im jugend- zenden Interesse am produktiven und
weise behoben werden. kulturellen Home-Recording-Studio des Ama- reproduktiven Umgang mit Musik geführt.
Die Digitalisierung der Aufzeichnungsver- teur-Musikers bzw. im professionellen Ton-
fahren in den achtziger Jahren und insbeson- studio der Plattenindustrie ist dieses Potenzial Auswirkungen der
dere die MIDI-Technologie2 machen es nun der Reversibilität von eminenter musikalischer Digitalisierung auf die
möglich, auf der Makroebene die Räumlich- Bedeutung, denn es ermöglicht dem Produ-
Interpretation von Musik
keit einer Konzertaufnahme zu verändern, zenten wie auch dem Musiker einen non-
indem durch die Bearbeitung der Signallauf- linearen „Workflow“ und damit die künstle- In dem Maße, wie mit der Digitalisierung
zeiten der mikrofonierten Instrumente de- rische Freiheit, an dem Material gleichsam grundsätzlich alle Spielfehler des Interpreten,
ren relative Position im Klangkörper frei be- auf experimentierende, improvisierende Weise teilweise sogar in Echtzeit, editierbar und
stimmt werden kann, sowie auf der Mikro- zu arbeiten, zumal die jeweiligen Zwischen- reversibel sind, definieren sich auch die An-
ebene sämtliche musikalisch relevanten Para- ergebnisse jederzeit hörbar und damit über- sprüche an die Interpretation von Musikstü-
prüfbar zu machen sind.
˜ Erweiterung des kompositori-
schen Materials und seiner Bearbeitung.
Noch in den fünfziger Jahren des vergange-
nen Jahrhunderts standen dem Komponis-
ten bzw. dem Produzenten im Tonstudio
lediglich die überkommenen akustischen
Instrumente mit den auf ihnen zu erzeugen-
den Klängen zur Verfügung (wenn man einmal
von avantgardistischen Ausnahmen wie dem
1951 gegründeten Kölner Studio für elekt-
ronische Musik absieht). Die Entwicklung der
elektronischen Verfahren der Klangzerzeu-
gung in den sechziger Jahren und die Popu-
larisierung der analogen Synthesizer in der
Rock- und Popmusik der achtziger Jahre hat
zu einer weit reichenden Veränderung der
kompositorischen Szene geführt: Zunächst Kreative Brutstätte: Die Digitalisierung
einmal ist ein Großteil der herkömmlichen ermöglicht jungen Amateurmusikern, per PC
akustischen und elektronischen Instrumen- und Studio-Software komplette Songs im
te sowie Bearbeitungsgeräte mit der Digitali- häuslichen „Kämmerchen“ aufzunehmen.
www.flickr.com
sierung der Klangerzeugung und -bearbeitung
nunmehr auch virtuell verfügbar geworden
– der akustische Flügel als Software-Plugin cken gänzlich neu. Denn wenn alles korri-
(z. B. Steinbergs The Grand), die Mehrspur- gierbar ist, dann kann es (eigentlich) keine
tonbandmaschine und das Mischpult als Soft- wirklichen Fehler in der Interpretation mehr
warepaket im Computer (z. B. Steinbergs vir- geben: Alles, was auf der CD zu hören bzw.
tuelles Tonstudio Cubase SX). Mehr noch, auf der DVD zu sehen ist, steht unter der
die neuartigen Musiktechnologien im Com- Annahme, dass es bis ins Detail so von dem
puter verwandeln ihn mit seinen Synthese- Interpreten bzw. dem Produzenten beabsich-
und Speichermöglichkeiten selbst in ein qua- tigt sei. Die Digitalisierung der Aufzeichnung
meter der eingespielten Musik in „realtime“ litativ neues Musikinstrument, auf dessen von Musik hat damit zu einer doppelten Per-
oder nachträglich zu editieren: den Zeitpunkt virtuellen Tasten alle Arten von (musikali- fektion der Interpretation geführt: Perfekt ist
eines Tons auf Millisekunden genau, seine schen) Alltagsgeräuschen und Musikzitaten die Interpretation bzw. Aufnahme, weil sie
ebenso exakt bestimmbare Dauer, die Laut- (HipHop) musikalisch „spielbar“ werden und frei von Fehlern ist – perfekt ist sie aber auch,
stärke, seine Tonhöhe in Hundertsteln Cent, neue Syntheseverfahren in Echtzeit nahezu weil sie bezüglich des Prozesses der musika-
die Klangfarbe, schließlich auch die zugeord- „akustisch“ anmutende Klänge zur Verfügung lischen Interpretation zu einem finalen Ab-
neten Klangeffekte und Filtereinstellungen. stellen. schluss gekommen ist, denn eine weitere
˜ Reversibilität der Eingriffe in das Die damit einhergehende Auflösung des Interpretation bzw. Aufnahme des Werks
musikalische Material. Insofern, als diese Zusammenhangs von Bauformen der Instru- durch denselben Interpreten stände in der
Editierung der Parameter auf der digitalen mente, personenspezifischen Spielweisen, Gefahr, lediglich zu einer redundanten Wie-
Ebene stattfindet, sind die jeweiligen Mate- instrumenttypischen Spielfiguren etc. sowie derholung zu führen.
rialzustände und Prozessabläufe zu beliebi- die Möglichkeit, über das sinnlich konkrete Diese Beobachtung bezüglich eines ein-
gen Zeitpunkten und in beliebigen Bearbei- optische und hörende „Hantieren“ mit Ma- zelnen konkreten Interpreten lässt sich er-
(cid:1)
9
MUSIK ORUM
FOKUS
weitern auf die Interpretationskultur einer formuliert: Wir hören Musik heutzutage nicht Deutlicher noch als in diesem Verzicht wird
ganzen Musikszene. Denn in dem Maße, wie mehr, sondern wir sehen sie. dieses veränderte Verständnis in der popu-
Perfektion in Spiel- und Klangkultur mit den Mit der Entwertung der reproduktiven Seite lärmusikalischen Gegenbewegung jener Bands
digitalen Technologien realisierbar geworden des Instrumentalspiels durch die digitalen erkennbar, die auf der Bühne mit dem An-
ist, muss sie auch – zur Referenz in der Öf- Musiktechnologien im Computer werden spruch eines technischkritischen Musikkon-
fentlichkeit der künstlerischen Community zugleich auch die akustischen Klänge der zepts „unplugged“ spielen, also im bewuss-
geworden – im Live-Auftritt des Konzerts rea- herkömmlichen Instrumente selbst entwer- ten Verzicht auf die elektronischen Hilfsmittel
lisiert werden. Das wird insbesondere deut- tet. Auch sie verlieren, zumindest in den Ohren der Soundgenerierung und -verbesserung. Die
lich an den auf ihre kommerzielle Verwert- vieler durch die Sounds der populären Mu- Reduktion der musiktechnischen Mittel wird
barkeit hin angelegten Dokumentationen der sik sozialisierter Jugendlicher, in der Konkur- hier zum stilbildenden Element, vergleichbar
Konzerte von Künstlern wie Madonna oder renz durch software-generierte Synthesizer etwa der HipHop-Musik, bei der die Beschrän-
den Rolling Stones, deren Bühnenperformance und Soundsampler immer mehr ihre im ein- kung auf zwei Plattenspieler und damit auf
und Sound sich an den Ansprüchen von maligen Dasein an einem Ort (und zu einem das zeitgleiche Verwenden von lediglich zwei
Dolby-Surround für die Heimkino-Anlage zu bestimmten Zeitpunkt) und damit im idio- musikalischen Phrasen den spezifischen Stil
orientieren hat. matischen Kontext spezifischer Spielfiguren des „DJ-ing“ generiert. Zwar sind in diesem
und Satzweisen begründete Authentizität – Genre auch technologisch höherwertige Pro-
Digitalisierung contra zugunsten einer nahezu beliebigen Verfüg- duktionsformen wie das Konstruieren von
barkeit als Sound-Preset für jeden musikali- Beats am Computer durchaus üblich, die spe-
spieltechnische Aura
schen Zweck und in der Hand von jeder- zifischen Limitierungen des Scratchens indes
Die durch die Digitalisierung der Speiche- mann. mit zwei Schallplatten auf zwei Turntables
rung und Übertragung von Musik auf die Vor dem Hintergrund dieser Dialektik von (analogen Plattenspielern, neuerdings aber
Spitze getriebene Verlagerung von der emo- technologischem Fortschritt und musikästhe- auch digitalen CD-Playern) haben sich bis
tionalen Spontaneität oder gar Exzentrizität tischem Wandel kann man sich fragen, wie heute als virtuose Präsentations- und Produk-
einer in ihrer Eigenart nicht wiederholbaren denn im musikalischen Verständnis die oben tionsformen aufgrund ihres körpernahen Aus-
Interpretation hin zur gegenwärtigen Perfek- angesprochenen „Fehler“ zu bewerten sind. druckspotenzials erhalten.
tion von Spielkultur und Klangästhetik3 mar- Wenn die spieltechnische Perfektion dazu Am konsequentesten zeigt sich diese Di-
kiert das vorläufige Ende eines Prozesses, der führt, dass die Einspielungen von Musik der alektik von Technikfortschritt und Musikver-
freilich in seinen Grundzügen schon vor 100 Klassik sich in ihrer Spielkultur immer mehr ständnis, wenn die technische Fehlerhaftig-
Jahren mit der analogen Tonaufzeichnung auf einander annähern, dann ist abzusehen, dass keit der Aufnahme zu einem spielerischen
Wachsmatrizen begonnen hat.4 Mag dieser ab einem bestimmten Punkt Perfektion als Element der musikalischen Aussage umin-
Prozess auch auf der technologischen Ebe- Bestandteil musikalischer Aussage uninteres- terpretiert wird, der Hörer also in seiner Er-
ne als Zeichen des Fortschritts gradlinig ver- sant, weil selbstverständlich wird: Was bei wartung von Perfektion zunächst irritiert und
laufen sein, in musikästhetischer Hinsicht ist Horowitz noch als atemberaubende Sensa- dann entlarvt wird. Ein bemerkenswertes
er von Inkonsistenz und Widersprüchlichkeit tion des Zirzensischen erlebt wird, löst bei Beispiel für dieses Spiel mit dem Hörer hat
gekennzeichnet. So wie die alten Technolo- Lang Lang nur noch die Bestätigung des Madonna im Titel Don’t Tell Me ihrer CD
gien die Aura des Kunstwerks – die einmali- Wissens um die Erwartbarkeit dieser Art des Music aus dem Jahr 2000 gegeben: Gleich
ge Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch virtuosen Glamours aus. Überspitzend ließe im Intro der akustischen Gitarre bricht nach
sein mag – zerstört und das Kunstwerk zu sich daher behaupten: Der „Fehler“ solcher wenigen Tönen die Wiedergabe ab, als sei
einem Gegenstand des Interesses der Mas- Einspielungen (und Konzertmitschnitte auf der Datenfluss unterbrochen, setzt sogleich
sen im Blick auf dessen Ausstellungswert ge- DVD) besteht in ihrer fehlerfreien Perfektion. wieder ein, um dann noch mehrere Male fast
macht haben,5 so gefährden die digitalen All das legt nahe, dass die Digitalisierung stotternd an- und wieder auszusetzen. Die
Technologien die spieltechnische Aura des der Produktion von Musik zugleich ein neues völlig unrhythmischen Cuts der Gitarrenspur
Interpreten der Populären Musik, ermögli- Verständnis der Toleranz gegenüber Unschär- fungieren hier auf fast ironische Weise als
chen sie doch jedermann, jede noch so schwie- fen, Unzulänglichkeiten und Limitierungen rhythmischer Kick für das Zuhören.
rig erscheinende Spielfigur selbst auf gänz- der musikalischen wie auch spiel- und sound-
lich unvertrauten Instrumenten in beliebigem technischen Darbietung hervorgebracht hat,
Distribution von Musik
Tempo etc. zu erzeugen. Zweierlei lässt sich sofern damit das Bedürfnis nach musikalischer,
daraus ableiten: künstlerischer Authentizität befriedigt wer- in der Konkurrenz von CD
1. Insofern, als es nicht mehr zwingend den kann. Als ein Zeichen hierfür kann ge- und Internet
der Beherrschung eines akustischen Musik- lesen werden, dass in Koexistenz mit den gro-
instruments bedarf, um als Freizeitamateur ßen Konzerten in den viele Tausende von Die massenhafte Reproduzierbarkeit von
auf befriedigende (und erfolgreiche Weise) Besuchern fassenden Fußballarenen gleichsam Medieninhalten ist für die einschlägige Schall-
Musik zu machen, hat sich der musikalisch als Gegenbewegung sich eine städtische Club- plattenindustrie über viele Jahrzehnte die öko-
aktive Umgang mit Musik zum Gegenstand szene entwickelt hat, in der unbekanntere nomische Basis eines überaus erfolgsträchti-
des Freizeitinteresses der Massen entwickeln Bands unter klanglich meist mittelmäßigen gen Geschäftsmodells gewesen, ermöglichten
können. Soundbedingungen für ein Publikum spie- doch Rundfunk und Schallplatte einem brei-
2. Für Profimusiker bedeutet dies, dass die len, das für die Unmittelbarkeit des Kontakts ten, nicht nur in den großen Städten woh-
instrumentalen Spielfähigkeiten gegenüber der zu den Musikern – „face to face“ – und die nenden interessierten Publikum, musikalische
visuellen Inszenierung der körperlichen Aus- unbekümmerte Spontaneität der Interpreta- Waren zunehmend unabhängig von Zeit und
drucksperformance auf der Bühne bzw. im tion bereit ist, auf den Glanz technologischer Ort in ganz persönlich bestimmten situativen
Video in den Hintergrund treten. Überspitzt Perfektion zu verzichten. Kontexten zu rezipieren.
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MUSIK ORUM
Foto: girlfriends-avenue.de
Dieses für beide Seiten zunächst so attrak- hältnisse des „Fressens und Gefressenwerdens“ des Taschengeldbudgets einzusetzen, so hat
tive Geschäftsmodell ist allerdings aus Sicht keineswegs. Gewiss, die durch die Digitali- spätestens seit Ende der neunziger Jahre das
der Plattenindustrie im Blick auf die Verlet- sierung entstandenen Kopiermöglichkeiten Handy mit seinen Multimedia-Fähigkeiten die
zung des Copyrights und die Verringerung insbesondere in der Jugendszene haben zu CD als Topseller in der Jugendkultur verdrängt.
der Absatzzahlen immer von Neuem exis- einem erheblichen Rückgang der Verkaufs- Aufmerksamkeit und Besitzstreben der Ju-
tenziell bedroht gewesen insofern, zahlen geführt. Man darf dabei aber nicht gendlichen und jungen Erwachsenen zwischen
… als Ende der fünfziger Jahre mit dem übersehen, dass die Musikindustrie zur Kom- 14 und 34 Jahren gelten nunmehr einer Tech-
Tonbandgerät in privater Hand auch das pensation der rückläufigen Nachfrage zuneh- nologie, mit der sich das Bedürfnis nach je-
Kopieren bzw. Mitschneiden der Medienin- mend ihre Promotionanstrengungen auf die derzeitiger interpersonaler Kommunikation
halte technisch machbar geworden war, wobei Bands des Mainstream und der Topseller nicht nur funktional befriedigen lässt, son-
die anfänglich durch Rauschen und unzurei- konzentriert hat und sich so aufgrund dieser dern deren Gebrauch als solcher bereits als
chende Schnittmöglichkeiten noch geringe konservativen Repertoire-Politik in den letz- sinnlich-konkrete Performance von selbstpro-
Klangqualität im Laufe der Jahre durch zu- ten zehn Jahren wirklich musikalisch neue duzierten Klingeltönen und Videosequenzen
sätzliche Rauschunterdrückungsverfahren wie Besitzbedürfnisse generierende Musikstile nicht im Freundeskreis erlebt wird.6
Dolby B und C oder das Telefunken-System mehr haben etablieren können. Wer heute Dieser Performance-Wandel vom Walk-
Highcom sich erheblich verbesserte, neuartige Musik hören will, wird weder in man zum Handy, vom „bloßen“ Hören von
… als die in den siebziger Jahren auf den den Massenradios mit ihren „Top-Hits der Musik zum multimedialen, situationsgeprägten
Markt kommenden Cassetten-Recorder das achtziger und neunziger Jahre“ (!) bedient noch Erlebnis von Musikfilmen in der Heimkino-
Kopieren von Schallplatten nicht nur erheb- bei den überkommenen Labels: Vielmehr wird Anlage spiegelt sich auch in der rückläufi-
lich vereinfachten, sondern auch eine Auf- er angewiesen sein, sich in den lokalen Club- gen Entwicklung der Absatzzahlen von CDs
nahmeklangqualität boten, die für den durch- Szenen (der größeren Städte) umzusehen. auf der einen und dem enormen Zuwachs
schnittlichen, typischen Gebrauch im privaten Galt es noch in den achtziger Jahren un- der Zuschauerzahlen bei Konzerten in den
Bereich von Jugendlichen (Walkman; Au- ter Jugendlichen als „cool“, die neuesten Auf- letzten Jahren auf der anderen Seite. Für das
toradio; Ghettoblaster; HiFi-Anlage etc.) auf- nahmen der angesagten Bands zu besitzen Publikum stellt der Besuch eines Konzerts
grund der Dolby C-Rauschunterdrückung und dafür einen nicht unbeträchtlichen Teil trotz (oder gerade aufgrund) der hohen Ein-
völlig hinreichte,
… als die digitale CompactDisc im Zuge
der Entwicklung von immer leistungsfähige-
„Hometaping is killing music“ – Lächerlich!
ren Computerprogrammen in den neunzi-
ger Jahren kompromisslos kopierbar und Gerade Jugendliche laden via Tauschbörsen gerne Musik aus dem Internet herunter –
vervielfältigbar geworden war und schließlich, gratis, aber nicht immer legal. Die Computerzeitschrift c‘t beleuchtete das „Filesharing“
… als die Peer-to-Peer-Technologien des in einem Interview (Heft 25/2007). Aus: Briegleb, a.a.O., S. 85
Internets, mit deren Hilfe die im privaten User-
Archiv befindlichen Musikstücke grundsätz-
lich für jeden Interessenten gratis zum Tausch
zur Verfügung stehen, trotz aller juristischen
Gegenmaßnahmen ihren Siegeszug durch die
privaten Internetzugänge angetreten haben.
Neues macht Altes obsolet
Die Klage über die Verringerung der Ab-
satzzahlen der mediengebundenen Musik-
waren ist mithin als Topos fast so alt wie die
Musikmedienindustrie selbst. Im Grunde liegt
ihr eine Denkfigur zugrunde, die zum Inhalt
hat, dass das jeweils Neue (Medium) die in
der Vorzeit entstandene und populär gewor-
dene alte Zugangsweise zu Musik obsolet
macht. In diesem Sinne bedroht dann die
alte Schellackplatte die Nachfrage nach Kon-
zertbesuchen, Tonband und Audiokassetten
bedrohen mit ihren erweiterten Gebrauchs-
werten des Schneidens die Schallplatte, und
Computer und Internet schließlich als imma-
terielle Kopier- und Distributionsmedien den
Absatz von CDs.
So plausibel diese Argumentationsfigur der
„Copy-kills-music“-Kampagne der Plattenin-
dustrie auf den ersten Blick auch erscheint,
derart monokausal und linear sind diese Ver-
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Was ist „MP3“? Kleines Lexikon der digitalen Welt — auf Seite 30 MUSIK ORUM