Table Of ContentANDREAS KILCHER
DIE SPRACHTHEORIE
DER KABBALA
ALS ÄSTHETISCHES
PARADIGMA
DIE KONSTRUKTION
EINER ÄSTHETISCHEN
KABBALA SEIT DER
FRÜHEN NEUZEIT
_VERlAC_
J. ß. METZLER
DIE SPRACHTHEORIE DER KABBALA
ALS ÄSTHETISCHES PARADIGMA
Andreas B. Kilcher
DIE SPRACHTHEORIE
DER KABBALA
ALS ÄSTHETISCHES
PARADIGMA
Die Konstruktion einer
ästhetischen Kabbala
seit der Frühen Neuzeit
J.
Verlag B. Metzler
Stuttgart . Weimar
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung
der wissenschaftlichen Forschung sowie des Dissertationenfonds der Universität Basel
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Kilcher, Andreas:
Die Sprachtheorie der Kabbala als ästhetisches Paradigma;
die Konstruktion einer ästhetischen Kabbala
seit der Frühen Neuzeit / Andreas B. Kilcher.
- Stuttgart ; Weimar: Metzler 1998
ISBN 978-3-476-01560-0
ISBN 978-3-476-03710-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-03710-7
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© 1998 Springer-Verlag GmbH Deutschland
Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
und earl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 1998
Inhalt
Einleitung ...................................................... 3
1. Hermeneutik und Rhetorik der Kabbala-Rezeption ............ 7
1.1. Annäherung an die Kabbala und ihre Rezeption .................. 7
1.1.1. Rezeption, Interpretation und Säkularisation
als Entsprachlichung ................................... 9
1.1.2. Rezeption, Interpretation und Säkularisation
als Versprachlichung ................................... 11
1.2. Kriterien und Formen der Kabbala-Rezeption .................... 15
1.2.1. Philologische und historische Kriterien
und die historische Kabbala ............................. 16
1.2.2. Philosophische Kriterien und die metaphysische Kabbala. . . . . . 19
1.2.3. Rhetorische und ästhetische Kriterien und die metaphorische
Kabbala ............................................. 21
2. Sprachtheorie in der Literatur der hebräischen Kabbala ........ 31
2.1. Hermeneutiken und Entzifferungstechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.1.1. Die kabbalistischen Kategorien von Text und Interpretation ... 34
2.1.2. Die vertikale Hermeneutik der theosophischen Kabbala 39
2.1.3. Die horizontale Hermeneutik der ekstatischen Kabbala ....... 47
2.2. Sprachmystik: Analytik der Sprache ............................ 57
2.2.1. Die vollkommene Sprache. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.2.2. Die 22 hebräischen Buchstaben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.2.3. Der Name Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
2.3. Sprachmagie: Synthetik der Sprache ............................ 78
2.3.1. Die magische Funktion der Buchstaben .................... 81
2.3.2. Die magische Funktion des Namens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.3.3. Die magische Funktion der Tora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
3. Kabbalistische Sprachparadigmen in der Frühen Neuzeit. . . . . . . 95
3.1. Kabbala als Hermeneutik und als Entzifferungstechnik . . . . . .. . . . . .. 101
3.1.1. Allegorische und anagogische Auslegung. . . . . . . . . . . . . . . . . .. 101
VI Inhalt
3.1.2. Typologien kabbalistischer Entzifferungstechniken .......... 107
3.1.3. Die Entzifferung der Signaturen der Dinge.. . . . . . . . .... . . .. 125
3.2. Kabbalistische Modelle einer vollkommenen Sprache. . . . . . . . . . . . .. 130
3.2.1. Göttliche Metaphysik der hebräischen Sprache ............. 131
3.2.2. Adamitische Physik der natürlichen Sprache. . . . . . . . . . . . . . .. 143
3.2.3. Kombinatorische Artistik der künstlichen Sprache. . . . . . . . . .. 152
3.3. Kabbala als Sprachmagie .................................... 175
3.3.1. Die Begründung der Konfiguration von Kabbala
und Magie in der Renaissance ........................... 176
3.3.2. Kabbala als Sprachmagie in der paracelsischen Literatur. . . . .. 185
3.3.3. Kritik der kabbalistischen Magie im Barock. . . . . . . . . . . . . . .. 190
4. Die Kabbala und ihre Sprache im Blick der Aufklärung .. . . . . .. 195
4.1. Rettung der Kabbala durch Rationalisierung und Esoterisierung . . ... 198
4.1.1. Die Kabbala als Religion der Vernunft .................... 198
4.1.2. Die Kabbala als »wahre Ontologie der Freimaurerei« ........ 201
4.1.3. Die sublime Kabbala der okkultistischen Geheimbünde. . . . . .. 206
4.1.4. Die ironische Kabbala der aufgeklärten Okkultisten ......... 210
4.2. Kritik der Kabbala durch Historisierung und Ästhetisierung ........ 217
4.2.1. Die Kabbala in der Lexikographie der Aufklärung. . . . . . . . . .. 218
4.2.2. Kabbala in der Historiographie der Theologie
und der Philosophie ................................... 223
4.2.3. Die Kabbala in der Historiographie
der hermetischen Tradition ............................. 230
4.2.4. Die Kabbala in der jüdischen Aufklärung .................. 234
5. Das ästhetische Sprachparadigma der Kabbala in der Romantik 239
5.1. Ästhetische Transformation der kabbalistischen Hermeneutik. . . . . .. 242
5.1.1. Urtradition, Ursprache, Urpoesie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 242
a) Herder: Die Hebräische Poesie und die Sprache der Kabbala 242
b) Hamann: Älteste und neueste Ästhetik der Kabbala 246
c) Molitor: Kabbala als ästhetische Theorie der Schrift ....... 250
5.1.2. Kabbalistische Entschlüsselung
als artistische Verschlüsselung ........................... 256
a) Barocke Poetik: Kabbalistische Hermeneutik als manieristi-
sche Poetik ........................................ 256
b) Hamann: Stylus cabbalisticus und mania cabbalistica ...... 265
c) F. Schlegel: Hermetische Exegese und immanente Sprache. .. 269
5.2. Ästhetische Konstruktion des Wissens .......................... 272
5.2.1. Poetik der Natursprache (Novalis) ....................... 273
5.2.2. Poetik des Wissens .................................... 279
a) Baumgarten: Die Kabbala in der enzyklopädischen Ästhetik. 279
Inhalt VII
b) Novalis: Poetik des kombinatorischen Wissens. . . . . . . . . . .. 281
c) F. Schlegel: Ästhetik = Kabbala ......................... 289
5.3. Ästhetische Transposition der »praktischen Kabbala« .............. 295
5.3.1. Praktische Philosophie und praktische Kabbala. . . . . . . . . . . . .. 295
a) Novalis: Magischer Idealismus als ästhetische Naturmagie . .. 297
b) F. Schlegel: Magie der Kabbala als poetischer Realismus .... 301
5.3.2. Das verbum mirificum als Chiffre ästhetischer Produktivität ... 304
a) Frühromantische Poetologie des Sehern ha-Mephorasch . . . .. 305
b) Ästhetische Reflexion des Golem-Mythos
in der Heidelberger Romantik ......................... 307
c) E. T. A. Hoffmann: Dämonische Magie der Kabbala
und metaphorische Magie der Poesie . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 317
6. Variationen der ästhetischen Kabbala nach 1900 . . . . . . . . . . . . . .. 329
6.1. Die romantische Kabbala des jungen Gershorn Scholem ............ 331
6.2. Poststrukturalistische Variationen der romantischen Ästhetik
der Kabbala ............................................... 345
7. Bibliographie ................................................ 359
7.1. Hebräische Kabbala (zu Kapitel 2) ............................. 359
a) Quellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 359
b) Sekundärliteratur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 361
7.2. Kabbala in der Frühen Neuzeit (zu Kapitel 3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 363
a) Quellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 363
b) Sekundärliteratur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 368
7.3. Kabbala in der Aufklärung und in der Romantik (zu Kapitel 4 und 5). 375
a) Quellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 375
b) Sekundärliteratur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 380
7.4. Ästhetische Kabbala im 20. Jahrhundert (zu Kapitel 6) ............. 383
Verzeichnis der Abbildungen .................................... 387
Namen- und Titelregister ... . . .. .. .... . . . ................. . . . . . .. 389
Sachregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 397
passion cabaliste
(W. Benjamin, Paris 1935)
Einleitung
Am Anfang seiner Jenaer Zeit, gegen Ende des Jahres 1799, notierte Friedrich Schle
gel in seinen Studienheften Philosophische Lehrjahre unter dem Titel Zur Rhetorik
und Poesie die folgende enigmatische Gleichung: » Die Ästhetik = Kabbala - eine an
dre giebts nicht«.1 Sie beschreibt in formelhafter Konzentration und Präzision das
frühromantische Programm einer Engführung von Ästhetik und Kabbala. Eben dieses
Programm, die Kabbala als eine ästhetische Theorie oder Praxis zu lesen, bzw. Ästhe
tik, Rhetorik und Poesie mit den Begriffen der Kabbala zu beschreiben, ist der Gegen
stand der vorliegenden Untersuchung. Die folgenden Ausführungen sind insofern
nichts anderes als die Explikation und Entfaltung der systematischen und historischen
Implikationen von Friedrich Schlegels parabolischer Gleichung.
In systematischer Hinsicht bedeutet dies zunächst, nach den Berührungspunkten
und damit nach den Bedingungen der Möglichkeit der Konfiguration von Kabbala
und Ästhetik zu fragen. Sie liegen in einer Theorie der Sprache, die auf der einen Seite
durch die hebräische Sprachmetaphysik der Kabbala, auf der anderen Seite durch die
ästhetischen und rhetorischen Parameter der poetischen Sprache bestimmt ist. Dieses
Modell der Sprache wird sich mit hermeneutischen, sprachmystischen und sprachma
gischen Kriterien genauer charakterisieren lassen. Denn sie sind die Merkmale einer
Sprache, die nicht auf die Funktion der Repräsentation und Kommunikation redu
zierbar ist, sondern weit mehr als »Organon« des Wissens, als enzyklopädischer Ort
der Wissenschaften und der Künste gelten soll. Dieses Sprachmodell ist die virtuelle
Stelle, an der sich die Sprache der Kabbala und die Sprache der Literatur berühren
können. Sie ist der systematische Gegenstand der vorliegenden Untersuchung.
Die Konfiguration von Kabbala und Ästhetik wird aber nicht nur systematisch,
sondern auch historisch zu beschreiben sein. Grundlage dazu ist die einfache Beob
achtung, daß es sich bei der sprachtheoretischen Engführung von Kabbala und Litera
tur, wie sie etwa Friedrich Schlegel für die Romantik formuliert hat, nicht um eine
»einfache Form«, um ein invariables, phänomenologisches und typologisches Muster
des Wissens handelt, das in seinen verschiedenen Erscheinungen zu beschreiben wäre.
Vielmehr ist die Konfiguration zwischen der Sprache der Kabbala und der Sprache der
Literatur das wandelbare Geschehen eines interpretativen Prozesses, einer wissensge
schichtlichen Transformation, einer Metamorphose und Übersetzung der Kabbala.
Die »ästhetische Kabbala« ist also nicht das Produkt einer Identifikation, sondern
vielmehr der Prozeß einer Transposition und einer hermeneutischen Arbeit am
Sprachmythos der Kabbala, im Zuge derer die sprachmetaphysischen Parameter der
1 Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, hrsg. v. Ernst Behler unter Mitwirkung von Jean
Jacques Anstett und Hans Eichner, 35 Bde., Paderborn 1958ff., XVIII, S. 399.
4 Einleitung
Kabbala in ästhetische Kategorien und Verfahrensweisen übersetzt werden. Der Ge
genstand der vorliegenden Untersuchung ist damit präzisierbar als die Ausformulie
rung und Ausdifferenzierung eines ästhetischen Sprachparadigmas aus der Sprachme
taphysik der Kabbala.
Diese wissensgeschichtliche Transformation der Kabbala läßt sich genauer in fünf
Formationsphasen segmentieren: erstens die Ausformulierung einer Sprachmetaphy
sik innerhalb der Literatur der hebräischen Kabbala des Mittelalters; zweitens ihre
universalsprachliche und magische Umdeutung in der lateinischen Kabbala der Frü
hen Neuzeit; drittens die Kritik der kabbalistischen Sprachmetaphysik als einer vorra
tionalen Sprachform in der Aufklärung; viertens die Ausformulierung eines ästheti
schen Paradigmas der Kabbala in der Romantik; fünftens die Rückgriffe auf den
ästhetischen Kabbala-Begriff der Romantik in Gershorn Scholems wissenschaftlicher
Beschreibung der Kabbala und jüngst im Kontext der poststrukturalistischen, »nach
metaphysischen« Theorien der poetischen Sprache.
Die vorliegende Untersuchung folgt kapitelweise diesen Phasen der Konstruktion
eines ästhetischen Sprachparadigmas der Kabbala. Sie setzt aber ein mit einer grund
sätzlichen methodologischen Reflexion der Hermeneutik und Rhetorik der Kab
bala-Rezeption. Dabei geht es darum, die Kriterien und Kategorien zu erarbeiten, ver
mittels derer der Prozeß der ästhetischen Transformation der Kabbala überhaupt erst
wahrnehmbar, beschreib bar und analysierbar werden kann (Kapitell). Auf dieser Ba
sis wird in einem ersten Schritt die - je nach Perspektive historische oder mythische -
Ausgangslage der nachfolgenden ästhetischen Transformation zur Diskussion gestellt,
also die hermeneutischen, mystischen und magischen Bausteine zu einer Theorie der
Sprache in der mittelalterlichen, hebräischen Literatur der Kabbala (Kapitel 2). Die
Transformation der hebräischen Sprachmetaphysik der Kabbala setzt ein mit ihrer la
teinischen Übersetzung in der Renaissance und im Barock. Die lateinische war grund
sätzlich eine christlich angeeignete Kabbala und damit aus der Perspektive der hebräi
schen eine exogene und sekundäre Kabbala. Für die Wissenschaften der Frühen
Neuzeit hingegen galt sie gleichsam als ein »Urphänomen«, d.h. als Begründungsin
stanz einer Vielfalt von theologischen, philosophischen und naturmystischen Model
len der Sprache. An den entsprechenden sprachlichen Theoremen der Interpretation,
des Wissens und der Magie konnte in Ansätzen schon in der Frühen Neuzeit, so in
den Poetiken des Barock, ein ästhetisches Potential der Kabbala entwickelt werden
(Kapitel 3). Die lateinische und christliche Kabbala der Frühen Neuzeit ist in systema
tischer und historischer Hinsicht die Ausgangslage der ästhetischen Transformation
der Kabbala in der Romantik. Doch ist die Kabbala der Romantik nicht ohne die Per
zeption und Wertung der Kabbala in der Aufklärung verstehbar. Letztere besteht zum
einen in einer zuweilen polemischen Kritik der frühneuzeitlichen Kabbala-Projekte,
insbesondere ihrer »vorrationalen«, mystischen und magischen Theoreme der Spra
che. Diese Kritik konnte aber in einem dialektischen Sinne für die Ausdifferenzierung
eines ästhetischen Sprachparadigmas der Kabbala in der Romantik wirksam werden:
sie kehrte das negative Vorzeichen der Kritik wieder um. Dieser Disqualifizierung der
Kabbala in der Aufklärung stehen aber die Bestrebungen entgegen, die Lehre und Ge
schichte der Kabbala systematisch und historisch zu klassifizieren. Auch diese »Ratio
nalisierung« machte die Kabbala für die Romantik verfügbar (Kapitel 4). Was in der
Romantik als Kabbala bekannt war, gründet also zu einem großen Teil auf dem kriti-