Table Of ContentTECHNOLOGIE
DER TEXTILFASERN
HERAUSGEGEBENVON
PROF. DR. R. O. HERZOGt UND DR. F. OBERLIES
VI. BAND, 1. TElL
DIE SEIDENSPINNER
BEARBEITET VON
FR. BOCK UND L. PIGORINI
BERLIN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1938
DIE SEIDENSPINNER
IHRE ZOOLOGIE, BIOLOGIE
UND ZUCHT
BEARBEITET VON
DR. FR. BOCK UND DR. L. PIGORINI
SOFIA PADUA
MIT 144 TEXTABBILDUNGEN
BERLIN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1938
ISBN-13:978-3-642-89418-3 e-ISBN- 13:978-3-642-9127 4-0
DOI: 10_1007/978-3-642-91274-0
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER tl'BERSETZUNG
IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN_
COPYRIGHT 1938 BY JULIUS SPRINGER IN BERLIN_
SOFTCOVER REPRINT OF TEH HARDCOVER 1ST EDITION 1938
Vorwort.
Das Buch wendet sich an Leser, die an der Technologie der Terlillasern all
gemein interessiert sind. Es gibt einen ausfiihrlichen Uberblick uber die Geschichte
und den gegenwartigen Stand des Seidenbaues. AuBer dem echten Seiden
spinner sind auch aIle anderen Tiere beruoksichtigt, die fUr die Seidengewinnung
von Wichtigkeit sind; die Lebensweise dieser Tiere und die Methoden zur Ge
winnung ihrer Seide werden beschrieben. Die Zuchtmethoden fUr den echten
Seidenspinner sind in einem besonderen Abschnitt von einem italienischen Fach
mann bearbeitet. Den Hauptteil des Bandes bildet die von zahlreichen Original
abbildungen - meist Mikrophotographien - begleitete Darstellung der Lebens
weise, des auBeren und inneren Baues, der Entwicklung und Physiologie des
echten Seidenspinners. Das vorliegende Buch, das die Kenntnis der zuchterisch
biologischen Grundlagen vermittelt, ist fUr alle, die sich mit Seidenbau und Seiden
verarbeitung beschaftigen, von grundlegender Bedeutung.
Die Auswahl der Abbildungen, fur deren vorzugliche Wiedergabe ich dem Ver
lag besonders dankbar bin, und dieAbfassung des Textes wurden so vorgenommen,
daB sie dem zoologischen Laien verstandlich sind; durch Einflechtungen eigener
Beobachtungen und durch die DarsteIlung der Biologie des echten Seidenspinners
wurde jedoch versucht, auch den Anspruchen der Fachzoologen gerecht zu werden.
Wegen ihrer leichten Zuchtbarkeit ist die Seidenspinnerraupe in neuerer Zeit haufig
fUr Laboratoriumsversuche verwandt worden, und eine FuIle ungeklarter Fragen
der Entwicklungsphysiologie gerade des Seidenspinners steIlt der Forschung
manche dankbare Aufgabe. Hier sind die Beziehungen zwischen Wissenschaft
und Praxis, die beide im vorliegenden Buche berucksichtigt werden, besonders eng.
Eine moderne zusammenfassende DarsteIlung der Biologie der Seidenspinner
in deutscher Sprache fehlt bisher, erscheint aber auch im Hinblick auf die durch
den Vierjahresplan unterstutzten Bestrebungen, den Seidenbau in Deutschland
wieder zu beleben, bedeutungsvoll. Die genaue Kenntnis der seideliefernden Tiere,
zu der dieses Buch einen Beitrag liefern solI, ist aber hierfUr eine notwendige
Grundlage.
Paderborn, im Oktober 1938.
Fr. Bock.
Inhaltsverzeichnis.
Selte
Zoologie und Biologie der Seidenspinner.
Von Fr. Bock, Sofia.
I. Geschichtliches •.•....••.•.......... 1
China S. 1. - Japan S. 2. - Europa S. 3. - Deutschland S. 5. - Der Einflu.B der
Pebrine S. 6. - Afrika, Amerika und Australien S. 8. - Wichtigste Produktions
lander S. 8. - Jetziger Stand der Seidenproduktion S. 9.
II. Systematische "Ubersicht uber die seideliefernden Tiere. • • . •. 10
Schmetterlingsraupen S. 11. - Andere seideerzeugende Insekten S. 33. -
Spinnen S. 33. - Muscheln S. 34.
III. Morphologie der Raupe . • . . . . . . . . . . . . . . . 35
Aligemeines und Korperg~~derung S. 35. - Extremitaten S. 36. - Kopf und
KopfgliedmaBen S.40. - AuBere Geschlechtsmerkmale S.43.
IV. Postembryonale Entwicklung der Raupe . . • . . . . . . . 44
Hautungen und postembryonale morphologische Veranderungen S.45.
V.lnnerer Bau der Raupe . . . . . . • . . . . . . . • . . . . 47
Muskulatur S. 47. - Morphologie des Darmes S. 48. - Seidendriise S.50.
Nervensystem S.51. - Atmungssystem S.52. - BlutgefaBe, LeibeshOhle und
Fettkorper S. 56. - Geschlechtsorgane S. 57.
VI. Kokon und Puppe . . . . • . • . . . . . . . . . . . . . . • . . . . 58
Anfertigen des Kokons S. 58. - Fadenlange S.58. - Form, GroBe, Farbe
und Gewicht der Kokons S.59. - Millgestaltete Kokons S.62. - Seiden
faden S. 62. - Puppe S. 63.
VIa. Entstehung und kurze Charakteristik anderer Seiden . . . . . . 65
VII. Morphologie des Schmetterlings. • . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
LebensauBerungen S. 68. - Gliederung und au.Berer Habitus S. 70. - Ex
~remitaten S. 70. - Kopf und Kopfgliedma.Ben S. 72. - Flugel S. 73. -
Au.Bere Geschlechtsmerkmale S. 73.
VIII. Innerer Bau des Schmetterlings. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
IX. Ei und Embryonalentwicklung ................... 77
Farbe, GroBe und Gewicht der Eier S. 77. - Schale und innerer Aufbau S. 78.
- Ausbildung der auBeren Form wahrend der Embryonalentwicklung S. 80.
Ausbildung der inneren Organe S. 90.
X. Feinerer Bau . . • . . . . . . . . .. ........... 96
Haut und Hautdriisen S. 96. - Tracheen S.99. - Seiden- und Speicheldrusen
S. 101. - Nervensystem S. 104. - Sinnesorgane S. 105. - Darm S. 110. -
Muskulatur S. 113. - BlutgefaBsystem S. 114. - Fettkorper S. 115. -
Mannliche Geschlechtsorgane S.116. - Weibliche Geschlechtsorgane S.120.
XI. Entwicklungsphysiologisches und Vererbung ............ 123
Parthenogenese S. 123. - Kiinstlicher und natiirlicher Voltinismus S. 124. -
Vererbung S. 126. - Gynandromorphismus und Intersexualitat S. 129. -
Regeneration S. 131.
XII. Physiologie des Stoffwechsels. . • . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Ernahrung S. 131. - Atmung S.133. - Exkretion S. 137. - Lebensdauer
und AuBenfaktoren S. 138.
VII
Inhaltsverzeichnis.
Selta
XIII. Reizphysiologie . 139
XIV. Krankheiten • .. .•• . . • . . . . . . . . . . . . . . • . . • 141
Pebrine 8. 141. - 8chlaffsucht 8. 143. - Fettsucht S. 144. - Kalksucht 8.145.
Zncht der Seidenspinner.
Von L. Pigorini, Padua.
Rasse und Kreuzungen 8.147. - Eier 8.148. - Larven 8.148. -Kokons 8. 149.
Kreuzungen 8. 151. - Krankheiten S. 151. - Nahrung S. 152. - Aufzucht
der I::!eidenraupe 8. 155. - Methoden der 8eidenraupenzucht 8. 157. - Das Abtoten
und Trocknen der Kokons S. 162. - Der Verkauf von Kokons S. 162. - Bivoltine
und zweite Aufzuchten 8. 163. - Erzeugung von Seidensamen 8. 163.
Namen- ond Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
Zoologie und Biologie der Seidenspinner.
Von Dr. Fr. Bock, Sofia.
I. Geschichtlicbes.
Der Seidenspinner und die Honigbiene sind diejenigen Insekten, mit denen
sich die Menschheit am langsten eingehend befaBt. Der Seidenspinner istnochmehr
als die Honigbiene zu einem Haustier geworden, das ohne kiinstliche Aufzucht
durch den Menschen nicht mehr existenzfahig ist. Auf Grund der weiten Ver
breitung der Bienenarten ist die Entstehung der Bienenzucht wohl kaum an eine
bestimmte Urheimat gebunden. Ganz anders bei der Kultur des Seidenspinners.
Diese war J ahrtausende hindurch das streng gehfitete Geheimnis Chinas und be
deutete ffir dieses Land eine QueUe ungeheuren Reichtums. Aber auch die Volker
Asiens zwischen dem fernen Osten und den Mittelmeerlandern verdienten durch
die Seidenzucht der Chinesen, da sie sich den Transport durch Asien hindurch von
den Abnehmern teuer bezahlen lieBen. So hatten auch sie ein denkbar groBes
Interesse an der Wahrung des Geheimnisses und lieBen es gerne zu, wenn z. B.
bei den Romern die merkwiirdigsten V orsteUungen fiber die Entstehung der Seide
auftauchten. So blieb die Kultur des Seidenspinners ein langgehegtes Geheimnis
des Orients, selbst als sie schon iiber die Grenzen Chinas hinaus bekannt war.
China.
In China selbst scheint sie schon um 3000 v. Chr. bestanden zu haben. Nach
Sei tz 1 und Horn 2 sollen die Seidenraupen anfanglich nicht wegen ihrer Kokons
gepflegt worden sein, sondern um aus ihren Spinndriisen Saiten zu ziehen, welche
fUr Guitarren und als Angelschniire benutzt wurden. N och heute werden ja in ahn
licher Weise die Spinndriisen gewisser Raupen (besonders von Eriogyna (Saturnia)
pyretorum Westw.) (S.27)unterdemNamen"Seidendarm", "cut gut", "silk-worm
gut" oder "fils de Florence" verwendet. Die noch heute iibliche Art, den Seiden
kokon abzuhaspeln, solI im 27. Jahrhundertv. Chr. unter dem Kaiser Huang-Ti,
dem sagenumwobenen Griinder der chinesischen Nation, durch die Kaiserin
Si-Iung-shi (Hsi-Hng-shih) oder durch die kaiserliche Prinzessin Lui-tseu
ersonnen worden sein. Auf Befehl von Huang-Ti wurde dem Volke die Zucht
der Seidenraupen und die BehandIung der Faden und Kokons gelehrt, "damit es
Kleider erhielte und man im Reiche nicht mehr von Hautrissen und Frostbeulen
litte" (Franke 1913) Als in der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. die Wasser
3.
mengen der Sintflut die Tiefebene Chinas wieder freigaben, war es Aufgabe der
chinesischen Regierung unter dem Kaiser Yau (Yao), die in die Hochlander
1 Sei tz, A.: Bombycidae. In A. Sei tz: Die GroBschmetterlinge der Erde. Bd.l0. Stuttgart:
Verlag Alfr. Kernen 1922.
2 Horn, W.: mer die GeschichtederaltestenEntomologieusw. InIIl. Internat. Entomol.
KongreB. Bd. II. Ziirich 1925.
3 Franke, 0.: K€mg Tschi-T'u. Ackerbau und Seidengewinnung in China. Abhandlg. des
Hamburger Kolonial-Institutes, Reihe B., Bd. 8. Hamburg 1913.
Technologie der Textilfasern, VI/l. 1
2 Zoologie und Biologie der Seidenspinner.
gefliichtete und geangstigte Menschheit in die morastige Niederung zuriickzu
fiihren und die dortigen W ohnsitze fUr sie wieder anziehend zu machen. Eine
geregelte Feldbestellung lieB der Boden aber noch nicht zu, so daB man sich der
Kultivierung des Maulbeerbaumes und der Seidenzucht bediente, um der Be
volkerung eine wirtschaftlich produktive Beschaftigung zu geben.
Die Wiege des Seidenbaues ist nach Giraud lam Hoang-Ho, in der jetzigen
Provinz Shantung zu suchen. Wie der Ackerbau, so stand auch der Seidenbau
unter der besonderen Obhut des kaiserlichen Hauses. Die Seidenraupenzucht war
eine ausschlieBliche Beschaftigung der Frauen, und ihre Forderung kam somit der
Kaiserin zu. Die Beteiligung der Kaiserin am Seidenbau wurde spater zur bloBen
Zeremonie. Es kann hier auf diese Verhaltnisse nicht naher eingegangen werden.
In dem interessanten Werk von Franke 2 (1913) ist ausfiihrlich dariiber berichtet
worden. Die Kenntnisse iiber geschichtliche Einzelheiten und iiber die alten
chinesischen Methoden sind sehr liickenhaft. Letztere diirften sich jedoch bei der
konservativen Art der Chinesen, wie auch Bodenheimer 3 annimmt, im Laufe
der Jahrtausende wenig geandert haben.
Die Verwendung von Seidenstoffen, sei es fUr Fahnen oder Schirme, sei es fUr
Kleidungsstiicke, blieb lange Jahrhunderte hindurch das ausschlieBliche Recht
des Herrscherhauses und des Adels. J e nach der Rangordnung wurde verschieden
artig gefarbte Seide getragen (z. B. der Kaiser: gelbe Seide; die hOchsten Offiziere:
blaue Seide usw.). Selbst 2000 Jahre spater, also zu Konfucius' Zeiten (551
bis 479 v. Chr.), galt die Seide als Zeichen der Vornehmheit, obwohl sie billiger
als Leinen war. Nachher. jedoch wurde der Gebrauch von seidenen Stoffen all
gemein und volkstiimlich, so daB lange Zeit hindurch - bis zum 13. Jahr
hundert n. Chr. - aIle Naturalsteuer in Seide erhoben wurde. Infolge der
volligen Abgeschiedenheit Chinas blieb der Seidenbau fast bis zum Beginn
unserer Zeitrechnung Monopol dieses Landes.
Andere Volker Asiens kannten einen planmaBigen Seidenbau jahrhunderte
lang nicht, obwohl ihnen - wie den Volkern Indiens - seideliefernde Raupen
arten in Fiille zur Verfiigung standen. Wohl fanden die Produkte solcher wilden
Seidenspinnerarten Verwendung. Das Rohmaterial wurde aber bloB durch Ver
zupfen der Kokons, also nicht durchAbhaspeln gewonnen. Der Unterschied in der
Qualitat der echten chinesischen Seide gegeniiber war so betrachtlich, daB nach
Silbermanns4 Darstellung die fremden Kaufer der chinesischen Seide gar nicht
ahnten, daB es sich auch hierbei um ein Produkt einer Seidenraupe handelte.
Japan.
Erst um 200 v. Chr. gelangte die Kenntnis des Seidenbaues durch chinesische
Auswanderer nach Korea und von dort 500 Jahre spater, ebenfalls durch Aus
wanderer, nach Japan, und zwar zuerst zur Insel Kiu-Schiu (Silbermann
4,
Giraudl). Nach Bolle5 ist fUr die Einfiihrung der Seidenzucht in Japan die
Tatsache von Bedeutung gewesen, daB im 3. Jahrhundert japanische Stamme
unter der Kaiserin Jingu-Kogo in Korea einfielen. Die Seidenzucht wurde auch
hier von den Mitgliedern des kaiserlichen Hauses auBerordentlich gefordert und
fand bald im Yolk Verbreitung. Das erste japanische Gesetzbuch aus dem Jahre
605 n. Chr. bestimmt, daB fiir die Zeit der Feldarbeit und Seidenraupenzucht das
1 Giraud, J. B.: Les origines de Ia soie, son histoire chez les peuples de I'orient. Lyon 1883.
2 Zitiert S. l.
3 Bodenheimer, F. S.: Materialien zur Geschichte der Entomologie bis Linne. 2 Bde.
Berlin: W. Junk 1928 und 1929.
4 Silbermann, H.: Die Seide. 2 Bde. Verlag G. Kiithmann 1897.
5 Bolle, J.: Der Seidenbau in Japan. Budapest: A. Hartleben 1898.
Geschichtliches. 3
Volk yom Frondienst zu befreien ist. Der Seidenbau Japans hat bekanntlich
im Laufe der Jahrhunderte einen bedeutenden Umfang erreicht. Es fehlte aller
dings nicht an gefahrlichen Riickschlagen, so infolge der Konkurrenz durch die
im 9. Jahrhundert eingefiihrte Baumwolle und durch die langen inneren Kampfe
yom 12.-16. Jahrhundert. 1m 18. Jahrhundert wurde (nach Bolle1) der Seiden
bau um das Vierfache gesteigert. Einen neuen Antrieb empfing der japanische
Seidenbau dadurch, daB gegen Mitte des 19. Jahrhunderts das Inselreich den
Fremden und dem Welthandel die Tore Offnete (1853 der Hafen Nagasaki, 1860
der Hafen Yokohama), wahrend vorher das Land durch besondere MaBnahmen
von der AuBenwelt vollig abgesperrt blieb. 1859 brachte Japan 330 000 kg Roh
seide auf den Londoner Markt; 1860: 466260 kg und 1863 bereits 1,8 Mill. kg.
Auf Einzelheiten der weiteren Entwicklung des Seidenbaues in Japan wird im
Zusammenhang mit der Darlegung der europaischen Verhaltnisse noch einge
gangen.
Europa.
Erklarlicherweise gelangten echte Seidenstoffe nach Europa erst gegen Be
ginn unserer Zeitrechnung. Die Bombykia-Seide Westasiens soIl schon zu home
rischer Zeit durch die Phonizier nach Europa gebracht worden sein. Zur Zeit des
Aristoteles bestand auf der Insel Kos die regelmaBige Kultur des Seidenspinners
Pachypasa otus Drury (S. 27). Mit echten Seidenstoffen wurde in Rom wahrend
der ersten Jahrhunderte n. Chr. ein ungeheurer Luxus getrieben. Uber die Her
kunft"dieses Stoffes war man sich jedoch vollig im Unklaren. Meist sah man in
der Seide ein pflanzliches Produkt, ahnlich wie in der Baumwolle. Die Verarbei
tung der Seide bis zu den fertigen und meist schon gefarbten Geweben erfolgte
auch nach der Eroffnung des Handels mit Europa jahrhundertelang auf asiati
schem Boden. Nach dem 2. Jahrhundert n. Chr. wurde diese jedoch nicht mehr
nur in China, sondern auch in babylonischen und phonizischen Webereien vor
genommen. Die Seide selbst war auBerordentlich teuer, der Transport zu Wasser
oder zu Land war ja in jenen Zeiten auch sehr miihselig und gefahrvoll.
Das Innere Chinas selbst und damit die Kenntnis des Seidenbaues blieben
den Fremden verschlossen. Auf die Ausfuhr von Seidenspinnereiern stand Todes
strafe. DaB die Kenntnis yom Seidenbau nach Japan kam, ist fUr die weitere
Ausbreitung des Seidenbaues vollig gleichgiiltig, da auch das Inselreich von aller
iibrigen Welt ganzlich abgeschlossen war. Doch blieb der Seidenbau schlieBlich
nichtAlIeinbesitz derChinesen; dieses wird wesentlich derTatsache zugeschrieben,
daB es im 4. Jahrhundert n. Chr. einer chinesischen Prinzessin gelang, in den
Bliiten ihres Kopfputzes Seidenspinnereier iiber die Grenze zu schmuggeln. Sie
konnte dadurch die Seidenzucht in Chotan (Ostturkestan), der Heimat ihres Ge
mahls, einfiihren. Von Chotan aus aber verbreitete sich die Seidenzucht iiber
ganz Zentralasien und schlieBlich bis nach Europa.
In Europa entstand die erste Seidenkultur 552 in Byzanz unter dem Kaiser
Justinian. Vor dieser Zeit diirfte der echte Seidenspinner in Europa unbekannt
gewesen sein. Zwei persische Monche, mit den Planen des Kaisers vertraut,
sollen in hohlen Bambusstocken Seidenspinnereier nach Europa gebracht haben,
die sie aus ihrer Heimat, vielleicht aber auch aus Chotan entfUhrten; in diesen
Landern war das Geheimnis der Seidenzucht unter Todesstrafe geschiitzt. Der
byzantinische Seidenbau entwickelte sich nach Uberwindung einiger Schwierig
keiten rasch zu hoher Bliite und wurde spater nach Kos verlegt, wo nun die letzten
Reste der Kultur des koischen Seidenspinners Pachypasa otus Drury ver
schwanden. Byzanz aber blieb jahrhundertelang (7.-11. Jahrhundert) der wich-
1 Zitiert S. 2.
1*
4 Zoologie und Biologie der Seidenspinner.
tigste und groBte Seidenmarkt Europas. Zu gleicher Zeit erreichte in dieser
Stadt die Purpurfarberei Weltruhm.
FUr die weitere Verbreitung der Seidenzucht in Europa ist Byzanz nicht von
besonderer Bedeutung gewesen. Es waren vielmehr die Araber, die auf ihren Er
oberungszugen demAbendland die Kenntnis des Seidenbaues brachten. DieAraber
kamen mit der Seidenkultur durch die Unterwerfung persischer Provinzen in
Beruhrung, wohin wiederum durch die Vermittlung Chotans die Kenntnisse der
chinesischen Seidenbaumethoden und -kultur gelangt waren. Durch das sieg
reiche Vordringen der Araber breitete sich del' Seidenbau zunachst uber Nord
afrika aus (Berberei, Tripolis, Algerien, Marokko) und gelangte von dort auf die
Pyrenaenhalbinsel und von Qabes uber Sizilien nach Italien. Nach Sizilien kam
die Seidenzucht Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrhunderts (Marletta1),
vielleicht (nach Tambor2) schon im 8. und 9. Jahrhundert. Auch in Kalabrien
soll schon (nach Fr. Michel, zit. aus Silbermann8) im 9. Jahrhundert Seiden
bau betrieben worden sein. Roger II. von Sizilien durfte daher wohl nicht - wie
Bodenheimer 4 annimmt - der eigentliche Grunder des Seidenbaues in Unter
italien sein, obwohl er zweifellos durch seinen siegreichen Feldzug gegen Byzanz
(1146) die Ausbreitung des Seidenbaues wesentlich forderte, besonders da er
mehrere Tausend Gefangene aus Byzanz fortfuhrte. In der Republik Venedig
wurde der Seidenbau Anfang des 13. Jahrhunderts eingeflihrt. Allgemeine
Verbreitung fand er aber erst zu Ausgang des 16. und im 17. Jahrhundert. Die
italienische Kunstweberei in Seide hatte gegen Ende des Mittelalters die aller
groBte Bedeutung. Nachdem aber spater Lyon und Tours in dieser Hinsicht
fiihrend wurden, erreichte die Erzeugung des Rohmaterials selbst, also die
Seidenzucht, eine besondere Bhite. Italien ist flir den Seidenbau das wichtigste
Land Europas geworden.
In Spanien stand der Seidenbau eine Zeitlang in hoher Elute. Schon im 10.Ja hr
hundert konnten aus Andalusien Seidenstoffe ausgefUhrt werden. Murzia, Malaga
und Granada waren Mittelpunkte der Seidenzucht. Der Arbeit von Damm
muller5 (1929) ist zu entnehmen, daB im 14.-15. Jahrhundert in Andalusien
uber eine Million Menschen in der Seidenindustrie beschaftigt waren. Infolge des
Einflusses der Mauren behielt die spanische Seidenweberei auf europaischem
Boden am langsten orientalischen Einschlag. Nach der Entdeckung Amerikas
erschlossen sich fUr Spanien neue Quellen von Reichtiimern, was den standigen
Riickgang der Seidenindustrie zur Folge hatte. Der Seidenbau selbst uber
dauerte diese Krisen, erfuhr jedoch nicht den Aufschwung wie in Italien und
anderen Landern.
Klimatisch in gleicher Weise fiir die Seidenzucht giinstig wie Italien sind
manche Bezirke Frankreichs. Am friihesten, vielleicht schon im 13. Jahrhundert,
fand die Seidenzucht Eingang in der Provence. Aber erst unter Heinrich IV.
(1589-1610) gelangte der Seidenbau zu wirklicher Eliite, um sich spater, im
18. Jahrhundert, im Siiden Frankreichs endgultig zu befestigen. Hinsichtlich
der Gewinnung von Seidenkokons stand Frankreich bis vor wenigen J ahren in
Europa an zweiter Stelle, wird aber jetzt darin von Bulgarien und Griechenland
ii bertroffen.
1 MarIetta, F.: L'arte della seta a Catania nei secoli XV.-XV1I. In: Arch. storico per
la Sicilia orientale, 2. Ser., Jam·g.2, 1926.
2 Tambor, H.: Seidenbau und Seidenindustrie in Italien. Berlin: Julius Springer 1929.
3 Zitiert S. 2.
4 Zitiert S.2.
5 Dammmiiller, Fr.: Die spanische Landwirtschaft. Dissertation. Breslau 1929.