Table Of ContentJurgen Gerhards • Mike Steffen Schafer
Die Herstellung einer offentlichen Hegemonie
Jurgen Gerhards
Mike Steffen Schafer
Die Herstellung
einer offentlichen
Hegemonie
Humangenomforschung
in der deutsclien und der
US-amerikanisclien Presse
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VS VERLAG FUR SOZIALWISSENSCHAFTEN
Bibliografische information Der Deutschen Bibliothek
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1. Auflage Marz 2006
Alle Rechte vorbehalten
© VS Verlag fur Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006
Lektorat: Frank Engelhardt
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Umschlaggestaltung: KunkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Rosch-Buch, ScheBlitz
Gedruckt auf saurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany
ISBN 3-531-14964-4
Vorwort
Die hier vorgelegte Studie ist aus einem vom Bundesministerium fiir
Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „Forschung zu den
ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte der Molekularen Medizin"
geforderten Projekt (Fdrdernummern 01 GP 0214 / 01 GP 0264) hervor-
gegangen. Bei der Durchfiihrung des Projekts haben uns mehrere Perso-
nen unterstiitzt. Christina May, Nicole Schulze, Linda Klemm und Jan
Keilhauer haben als studentische Hilfskrafte die inhaltsanalytische Co-
dierung der Artikel ubernommen und auch kleinere Analyseteile eigen-
verantwortlich realisiert. Sie haben mit ihrem grofien Engagement und
mit ihrer Sorgfalt entscheidend zum Gelingen des Projektes beigetragen.
Tobias Schlecht hat durch seine Programmierung einer Daten-Eingabe-
maske fiir eine unproblematische und zuverlassige Datencodierung ge-
sorgt. Jochen Roose und Simone Rodder haben einzelne Kapitel der Stu
die kritisch kommentiert. Das Manuskript wurde von Kristin Haker,
Nele Momber und David Glowsky sprachlich korrigiert und formatiert.
Ihnen alien gilt unser herzlicher Dank.
Berlin, Januar 2006
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand, konzeptioneller Rahmen und Fragestellungen
der Untersuchung 9
1.1 Humangenomforschung als offentliches Thema 9
1.2 Theoretische Konzeptionalisierung des Verhaltnisses von
Offentlichkeit und Wissenschaft 16
1.3 Fragestellungen der Untersuchung 26
1.4 Untersuchung massenmedialer Diskurse im Landervergleich 31
1.5 Erlauterung des Vorgehens 34
2. Vorstrukturierung der Diskurse: Die Entwicklung der
Humangenomforschung und die offentlichen Debatten
zu anderen biowissenschaftlichen Themen 37
2.1 Die Entwicklung der Humangenomforschung in
Deutschland und den USA 38
2.2 Die Vorstrukturierung der Diskurse iiber
Humangenomforschung 48
3. Methoden 67
3.1 Inhaltsanalyse 68
3.2 Qualitative Interviews 86
4. Offentliche Hegemonie: Ergebnisse des Vergleichs zwischen
Deutschland und den USA 93
4.1 Struktur der Berichterstattung 93
4.2 Standing: Akteure im Diskurs 110
4.3 Zustimmung oder Ablehnung: Positionen der Akteure 123
4.4 Framing: Die Deutung der Humangenomforschung 133
4.5 Resiimee 151
5. Medien- und landeriibergreifende Hegemonie 155
5.1 Die Kommunikation liber Humangenomforschung
im Internet 155
5.2 Diskurse uber Humangenomforschung in Frankreich,
Groi?britannien und Osterreich 169
6. Erklarung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede
in den Diskurscharakteristika 183
6.1 Die Rolle der Journalisten im Mediendiskurs 185
6.2 Das Agenda Building der extramedialen Akteure 194
7. Zusammenfassung der Ergebnisse im Horizont
normativer Offentlichkeitstheorien 239
7.1 Normative Modelle von wissenschaftlicher Offentlichkeit 241
7.2 Bilanz 246
8. Literaturverzeichnis 253
1. Gegenstand, konzeptioneller Rahmen und
Fragestellung der Untersuchung
1.1 Humangenomforschung als offentliches Thema
Der Enthusiasmus, den das renommierte Wissenschaftsmagazin „Scien-
ce" im Dezember 2000 an den Tag legte, war selbst flir den von der Zeit-
schrift jahrlich verkiindeten wissenschaftlichen „Durchbruch des Jahres"
ungewohnlich. Es wies die Sequenzierung des menschlichen Erbguts
nicht nur als das wichtigste Ereignis des Wissenschaftsjahres 2000 aus,
sondern ging noch darliber hinaus:
^Science marks the production of this torrent of genome data as the Break
through of 2000; it might well be the breakthrough of the decade, perhaps
even the century, for all its potential to alter our view of the world we live
in." (Pennisi 2000: 2220)
Mit diesem Enthusiasmus stand „Science" jedoch nicht allein; das Maga-
zin reihte sich nahtlos in die offentlichen Einschatzungen anderer Prota-
gonisten innerhalb und aufierhalb der Wissenschaft ein. Bei der Presenta
tion der noch unfertigen ,Arbeitsversion' der Genomsequenz einige Mo-
nate zuvor im Weifien Haus in Washington pries US-Prasident Bill Clin
ton die Verschriftung des Genoms als die „zweifellos wichtigste, wun-
dervollste Karte, die je von Menschen erschaffen wurde" und erwies den
Wissenschaftlern seine Anerkennung daflir, dass man nun die „Sprache,
in der Gott das Leben erschuf" lesen konne. Der britische Ministerprasi-
dent Tony Blair, zugeschaltet per Satellit, schilderte die Sequenzierung
des Genoms als einen „jener menschheitsgeschichtlich seltenen Durch-
briiche, die die Menschheit eine Grenze iiberschreiten lassen und den
10 1. Gegenstand, konzeptioneller Rahmen und Fragestellung
Beginn einer neuen Ara einlauten". Francis Collins, wissenschaftlicher
Leiter des staatlich geforderten Human Genome Projects, bezeichnete die
Sequenzierung als „Meilenstein einer nie da gewesenen Reise, der Reise
in uns selbst", und sein KoUege J. Craig Venter, Prasident und „chief
scientific officer" der Firma Celera Genomics und damit des grofien Kon-
kurrenten des staatlichen Projekts, sah die Sequenz als „historischen
Punkt in der 100.000-jahrigen Menschheitsgeschichte" (The White House
2000).
Dieses einmiitige Lob wissenschaftlicher und politischer Akteure be-
zog sich auf eines der bedeutsamsten und aufwandigsten Wissenschafts-
projekte der vergangenen Jahrzehnte: auf die Sequenzierung des Hu-
mangenoms, d. h. des menschlichen Erbguts. Ziel der Humangenomfor-
schung war es, das menschliche Genom, mithin die gesamte aus 3,2 Mil-
liarden Basenpaaren bestehende menschliche DNS, die jeder Mensch in
jeder Korperzelle in sich tragt, auf molekularer Ebene exakt zu beschrei-
ben.i Da die im Genom gelagerten Informationen die Proteinbildung und
somit die Entstehung und Entwicklung von Geweben und Organen mit-
bestimmen, versprach man sich von der Sequenzierung Erkenntnisse, die
sowohl der biologischen Grundlagenforschung zugute kommen als auch
in vornehmlich medizinische Anwendungen miinden soUten.
Das hier vorgelegte Buch beschaftigt sich jedoch nicht mit der se-
quenzierenden Humangenomforschung als solcher, sondern stellt eine
sozialwissenschaftliche Analyse der offentlichen Debatte iiber Human
genomforschung vor. Damit nehmen wir eine Position der Beobachtung
^ Die im Gentechnologiebericht der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaf-
ten verwendete Definition der Genomforschung lautet: „Unter Genomforschung oder
Genomik versteht man die Analyse von vollstandigen Genomen - einschliefilich der Zahl
und Anordnung von Genen sowie deren Sequenz und Funktion/' (Hucho und Kochy 2003:
3) Wir werden uns hier erstens nur auf die Genomforschung an Menschen, mithin die
Humangenomforschung beschranken. Zweitens werden wir uns mit der sequenzierenden
Humangenomforschung beschaftigen, weniger mit der so genannten „funktionalen Geno
mik", die die Funktionen des Genoms resp. seiner Teile aufzuklaren versucht. Mehr Infor
mation iiber das Vorgehen und die technischen Grundlagen der Humangenomforschung
finden sich bei Cook-Degan (1995: bes. 13ff) und Fischer (2002). Fiir eine verstandUche,
umfassender angelegte Einfiihrung in molekularbiologische Grundlagen vgl. Winnacker
(2002).
1.1 Humangenomforschung als offentliches Thema 11
zweiter Ordnung ein: Wahrend Biologen^ und Mediziner in Laboratorien
mit der „Entschlusselung" des menschlichen Genoms beschaftigt sind,
wurden und werden sie von der Offentlichkeit und insbesondere den
Massenmedien beobachtet. Die zitierte Pressekonferenz im Weifien Haus
etwa, die zur offentlichen Darstellung wissenschaftlicher Forschung initi-
iert wurde, ist Teil dieser Beobachtungsprozesse erster Ordnung. Unser
Untersuchungsinteresse ist dem noch einmal iibergeordnet. Wir analysie-
ren die offentliche Debatte liber Humangenomforschung (Beobachtung
erster Ordnung) mit dem empirischen und theoretischen Instrumentari-
um der Offentlichkeitssoziologie (Beobachtung zweiter Ordnung).
Wodurch zeichnet sich eine solche offentlichkeitssoziologische Per-
spektive nun aus und was kann man von ihr an Erkenntnissen erwarten?
Wissenschaftliche Forschung findet nicht im gesellschaftsfreien Raum
statt; die Entstehung und Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnissu-
che ist eingebettet in gesellschaftliche Rahmenbedingungen - den
sprichwortlichen „Elfenbeinturm" in seiner reinen Form gibt es nicht.
Das ist ein wissenschaftssoziologischer Allgemeinplatz, und die Beispiele
daftir, dass soziale Einfliisse wissenschaftliche Erkenntnisproduktion
(mit)formen, sind Legion. Aus einer eher makrosoziologischen Perspek-
tive haben etwa Fleck und Kuhn gezeigt, dass sich wissenschaftlicher
Erkenntnisfortschritt nicht allein aus der Logik kumulativer Wissenspro-
duktion erklaren lasst, sondern von wissenschaftlichen Paradigmen ab-
hangig ist, die wiederum sozial geformt sind (klassisch dazu: Fleck
1935/1980; Kuhn 1967). Mikrosoziologische Studien haben nachgewiesen,
dass wissenschaftliche Erkenntnisproduktion im hohen MaCe durch Ar-
beitsablaufe in Laboratorien, Prozesse der Aushandlung von Interpreta-
tionen, soziale Hierarchien und organisatorische Routinen gepragt ist
(klassisch hierzu: Latour und Woolgar 1979; Knorr-Cetina 1988; 1981).
Neuere Arbeiten aus dem Bereich der Wissenschaftsforschung zeigen
den Einfluss gesellschaftlicher und sozialer Rahmenbedingungen auf
wissenschaftliche Forschungsverlaufe und auf die Ubersetzung von For-
2 Im folgenden sind mit Begriffen wie Biologe, Mediziner, Journalist usw. selbstverstandlich
immer Biologinnen, Medizinerinnen, Journalistinnen usw. mit gemeint. Zur besseren Les-
barkeit nehmen wir die grammatisch einfachere Form.