Table Of ContentGlobale Politische Ökonomie
Herausgegeben von
Prof. em. Ph.D. Brigitte Young, Universität Münster, Deutschland
Prof. Dr. Hans-Jürgen Bieling, Universität Tübingen, Deutschland
Prof. Dr. Oliver Kessler, Universität Erfurt, Deutschland
Prof. Dr. Andreas Nölke, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Deutschland
Im Zuge der beschleunigten Globalisierung seit den 1970er Jahren ist ein neues
interdisziplinäres Forschungs- und Diskussionsgebiet entstanden, das als Globale
Politische Ökonomie (GPÖ) bezeichnet wird. Die GPÖ markiert ein Schnittfeld,
auf dem sich eine Vielzahl sozialwissenschaft licher Disziplinen – von der Politik-
und Wirtschaft swissenschaft , über die Soziologie und Geschichtswissenschaft bis
hin zur Geographie und Rechtswissenschaft – begegnen und sich in der Analyse
inter- und transnationaler politökonomischer Phänomene wechselseitig befruch-
ten und inspirieren. In der jüngeren Vergangenheit haben sich mehrere, jeweils
spezifi sch zugeschnittene Analyseperspektiven herauskristallisiert, die ihre Auf-
merksamkeit auf das Zusammenspiel von Produktion, Marktorganisation und
politischer Regulierung unter Einschluss von politisch-soziologischen Machtver-
hältnissen, zivilgesellschaft lichen Kooperations- und Kommunikationsformen
oder rechtlich-institutionellen Verfahren richten. Mit anderen Worten, die GPÖ
befasst sich in der Analyse des globalen bzw. globalisierten Kapitalismus nicht zu-
letzt mit den vielfältigen materiellen und diskursiven Konfl ikten, die diesem ein-
geschrieben sind. Dies signalisiert, dass die Buchreihe bestrebt ist, ein breites Spek-
trum an Studien zu Wort kommen zu lassen, die unterschiedliche theoretische und
methodische Zugänge abbilden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit geht es unter
anderem um folgende Schwerpunkte:
• Historische Entwicklungslinien spezifi scher Gegenstandbereiche der Globa-
len Politischen Ökonomie;
• Kritik und/oder Weiterentwicklung etablierter politökonomischer Th eoreme,
Paradigmen oder Kapitalismus-Konzeptionen;
• Feministisch-ökonomische Ansätze der Interaktion von globalen, lokalen
und regionalen Wirtschaft s- bzw. Entwicklungsprozessen;
• Wandel globaler Kräft everhältnisse, d.h. politökonomischer Machtbeziehun-
gen und staatlicher Organisationsmuster;
• Internationale Arbeitsteilung und Entwicklung der Nord-Süd-Beziehungen;
• G enese und Funktionsweise internationaler oder globaler Institutionen und
Regime (Produktion, Handel, Finanzmärkte, Sicherheit, Umwelt, Energiever-
sorgung etc.) sowie hierauf bezogener transnationaler Netzwerke;
• Regionale Integrationsprozesse sowie diese prägende Institutionen, Akteure
und Kräft everhältnisse;
• Grenzüberschreitende politökonomische Krisen, vor allem Verschuldungs-,
Finanz- oder Stagnationskrisen;
• Globalisierung und Globalisierungskritik unter Einschluss globalisierter Kul-
turbeziehungen.
Ein wesentliches Ziel der Buchreihe besteht darin, die vielfältigen Analyseperspek-
tiven der GPÖ nicht nur darzustellen, sondern auch kommunikativ miteinander zu
vernetzen. In diesem Sinne sind auch Vorschläge für interdisziplinär angelegte und
kohärent strukturierte Sammelbände willkommen. Publikationsideen und Manu-
skripte nehmen die Herausgeberinnen entgegen.
Andreas Nölke (cid:129) Christian May
Simone Claar (Hrsg.)
Die großen
Schwellenländer
Ursachen und Folgen ihres
Aufstiegs in der Weltwirtschaft
Herausgeber
Andreas Nölke
Christian May
Simone Claar
Goethe-Universität Frankfurt
Frankfurt am Main, Deutschland
ISBN 978-3-658-02536-6 ISBN 978-3-658-02537-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-02537-3
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Inhalt
Ursachen und Folgen des Aufstiegs der großen Schwellenländer
in der Weltwirtschaft: Perspektiven der Politikwissenschaft ................................ 9
Andreas Nölke / Christian May / Simone Claar
I
Formen und Ursachen des Aufstiegs
der großen Schwellenländer
Wirtschaftliche, politische und soziale Auswirkungen des Aufstiegs
neuer Mittelschichten ........................................................................................ 21
Alejandro Guarin / Mark Furness / Imme Scholz / Silke Weinlich
Brasilien, Indien und China:
Unterschiedliche Transformationspfade in der Krise ......................................... 43
Stefan Schmalz / Matthias Ebenau
Spielarten des inkorporierten Kapitalismus ........................................................ 61
Daniel Buhr / Rolf Frankenberger
Die Kultur des Kapitalismus in Brasilien, Indien und China ............................. 85
Christian May
Dezentralisierung und Demokratisierung als Katalysatoren des
Wirtschaftsaufschwungs in Indonesien ............................................................ 101
Patrick Ziegenhain
Strukturelle Dilemmata des langen Wirtschaftsaufschwungs in China ........... 119
Tobias ten Brink
6 Inhalt
II
Wirtschaftspolitische Strategien
der großen Schwellenländer
Die industriepolitische Transformation der ostasiatischen
Entwicklungsstaaten ........................................................................................ 135
Alexander Ebner
Innovationssysteme in Brasilien und Mexiko im Vergleich .............................. 153
Patricia Graf / Thomas Stehnken
Rohstoffe und Entwicklungsstrategien in Lateinamerika ................................. 175
Johannes Jäger / Bernhard Leubolt
Handelspolitik als Entwicklungsmotor in Südafrika ........................................ 193
Simone Claar
Chinas Staatsfonds-Strategie:
Klassenfraktionen und globale politische Ökonomie ....................................... 209
Henk Overbeek
Die finanzialisierte Akkumulationsstrategie der Türkei und ihre Risiken ........ 227
Errol Babacan
III
Die großen Schwellenländer
in den Süd-Süd-Beziehungen
Die politische Ökonomie regionaler Macht: Die Türkei unter der AKP .......... 249
Roy Karadag / André Bank
Chinas Engagement in Afrika im Bereich der Rohstoffförderung und
Textilindustrie ................................................................................................. 265
Nina Ulbrich
Brasilien, Indien, China und Südafrika in der internationalen
Entwicklungszusammenarbeit: Auswirkungen auf das traditionelle
Geberregime .................................................................................................... 283
Milena Elsinger
Inhalt 7
Aufstrebende Schwellenmächte bei den Vereinten Nationen ............................ 299
Silke Weinlich / Thomas Fues
IV
Implikationen des Aufstiegs der großen Schwellenländer
für die globale politische Ökonomie
Die Macht des Südens in der globalen Klimapolitik ........................................ 319
Markus Lederer
Aufstrebende Mächte in der internationalen Energie-Governance ................... 337
Michèle Knodt / Franziska Müller / Nadine Piefer
Schwellenländer als neue Akteure globaler Normsetzung am Beispiel
des Patentschutzes auf Medikamente ............................................................... 359
Wolfram Schaffar
Die BRIC(S) in der globalen politischen Ökonomie:
Weltordnungspolitische Perspektiven der Europäischen Union ....................... 377
Hans-Jürgen Bieling
Hegemoniale Rivalität:
Brasilien, China und die USA in Lateinamerika .............................................. 395
Alexander Brand / Susan McEwan-Fial / Wolfgang Muno /
Andrea Ribeiro-Hoffmann
Brasilien, Indien, China und die Institutionen der globalen
Wirtschaftsregulierung .................................................................................... 413
Andreas Nölke
Abkürzungsverzeichnis .................................................................................... 433
Autorenverzeichnis ........................................................................................... 439
Ursachen und Folgen des Aufstiegs der großen
Schwellenländer in der Weltwirtschaft:
Perspektiven der Politikwissenschaft
Andreas Nölke / Christian May / Simone Claar
1. Einleitung
Der Aufstieg von großen „Schwellenländern“ wie Brasilien, Indien oder China gehört
seit mehr als zehn Jahren zu den bestimmenden Themen der politikwissenschaftli-
chen Diskussion über Politik und Wirtschaft im globalen Raum. Die „Rising Po-
wers“ weisen sehr hohe Wachstumsraten auf und werden, so sich dieser Trend fort-
setzt, binnen einer Generation die Länder der Triade (Westeuropa, Japan und die
USA) hinsichtlich ihres wirtschaftlichen Gewichts überholen. Wenn die anderen
großen Schwellenländer Mexiko, Südafrika, die Türkei, Südkorea und Indonesien
miteinbezogen werden, passiert dies sogar noch früher. Erwartet wird zugleich, dass
diese Verschiebung nicht nur auf den wirtschaftlichen Bereich beschränkt bleibt,
sondern auch weitreichende politische Konsequenzen haben wird. Große Schwel-
lenländer sind inzwischen nicht nur in globalen Institutionen wie der G20 oder dem
Internationalen Währungsfonds prominent vertreten; sie bilden zudem eigenstän-
dige Organisationsformen (z. B. im Rahmen der jährlichen BRICS-Summits oder
der sicherheitspolitischen Shanghai Cooperation Organisation) und artikulieren ge-
meinsame Positionen im Rahmen der WTO sowie den Klima- und Biodiversitäts-
konferenzen. Seit der Finanzkrise hat sich ihr Aufstieg nochmals beschleunigt und
wirft interessante Fragen für eine Vielzahl politikwissenschaftlicher Teildisziplinen
auf: von den Internationalen Beziehungen und der Internationalen Politischen Öko-
nomie, der Entwicklungspolitik bzw. Entwicklungstheorie bis hin zur Vergleichen-
den Politischen Ökonomie und der Vergleichenden Politikforschung. Dieser Band
gliedert diese Fragen in zwei Themenkomplexe: den Ursachen sowie den Folgen des
Aufstiegs großer Schwellenländer.
Die Ursachen dieses ökonomischen Aufstiegs und seiner Verstetigung können
sowohl innerhalb dieser Länder als auch in der Entwicklung der Weltwirtschaft lie-
gen. Sie können ökonomischer wie politischer Natur sein. Insbesondere aus der Sicht
A. Nölke et al. (Hrsg.), Die großen Schwellenländer, Globale Politische Ökonomie,
DOI 10.1007/978-3-658-02537-3_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
10 Andreas Nölke / Christian May / Simone Claar
der Vergleichenden Politischen Ökonomie stellt sich die Frage nach den Besonder-
heiten des Kapitalismus in diesen Staaten (im Vergleich zu den etablierten OECD-
Modellen), vor allem wegen des spezifischen Verhältnisses zwischen Politik und Öko-
nomie. Lässt sich dieses Verhältnis mit unseren etablierten theoretischen Modellen
(z. B. von „regulatory capture“) erklären? Welchen Anteil hat das „institutionelle De-
sign“ am Entwicklungserfolg? Ähnliche Fragen stellen sich auch aus der Sicht der
Vergleichenden Politikforschung. Hier belebt der wirtschaftliche Erfolg autokrati-
scher Regime die Diskussion über das Verhältnis von Regimetyp und Wirtschafts-
entwicklung. Gleichzeitig gerät die Diskussion über den Zusammenhang zwischen
staatlichen Maßnahmen und Entwicklungserfolg wieder stärker in den Blickpunkt
der politikwissenschaftlichen Diskussion. Welchen Anteil hat der „Entwicklungs-
staat“ am Aufstieg dieser Länder? Gibt es ein neues „Vorbild“ für erfolgreiche staat-
liche Maßnahmen? Gibt es gar eine Entwicklungstheorie für den Aufstieg großer
Schwellenländer und welche endogenen und exogenen Faktoren würde diese hervor-
heben? Und wie lässt sich der (Wieder-) Aufstieg dieser Schwellenländer aus der Sicht
von etablierten Theorien über das Verhältnis von Nord und Süd (etwa der Dependen-
cia-Theorie) erklären? Aus der entwicklungspolitischen Diskussion gibt es vielfältige
Hinweise, wie die Institutionen der globalen Wirtschaftsordnung Entwicklungsbe-
strebungen in armen Ländern behindern. Warum ist es den großen Schwellenlän-
dern trotzdem gelungen, sich so dynamisch zu entwickeln? Und welche Rolle hat
die globale Finanzkrise bei der Beschleunigung des Aufstiegs dieser Länder gespielt?
Ein zweiter, mindestens ebenso interessanter Fragenkomplex gilt den Konsequen-
zen aus dem (Wieder-) Aufstieg des Globalen Südens – auch wenn diese zunächst nur
ansatzweise systematisch behandelt werden können. Aus der Sicht der Vergleichen-
den Politischen Ökonomie geht es beispielsweise um die Implikationen des Aufstiegs
dieser Länder für die generelle Entwicklung des Kapitalismus. Erleben wir aktuell
eine Abkehr von liberalen Kapitalismusmodellen? Sollte der Aufstieg großer Schwel-
lenländer vielmehr im Sinne einer globalhistorischen Betrachtung des Kapitalismus
gesehen werden, die sich mit dem Aufstieg (und Niedergang?) Europas im Rahmen
von Kolonialismus und Imperialismus beschäftigt? Jedoch sind nicht nur die Folgen
für westliche Gesellschaften politikwissenschaftlich interessant, sondern ebenso für
die Staaten des Globalen Südens, etwa durch verstärkte Süd-Süd-Investitionen und
Handelsabkommen. Welche Konsequenzen ergeben sich angesichts des relationalen
Charakters von Entwicklung für die Entwicklungsstrategien und Chancen anderer
Staaten? Darüber hinaus werden etablierte entwicklungspolitische Diskurse heraus-
gefordert: Löst ein „Beijing Consensus“ wirklich den „Washington Consensus“ ab –
und wie beeinflussen die Aktivitäten der „Emerging Donors“ die Handlungsspiel-
räume von „Entwicklungsländern“? Die Forschung zum Globalen Süden verweist