Table Of ContentARBEITSGEMEINSCHAFT FUR FORSCHUNG
DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
GEISTESWISSENSCHAFTEN
109. SITZUNG
AM 25. NOVEMBER 1964
IN DUSSELDORF
ARBEITSGEMEINSCHAFT FOR FORSCHUNG
DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
GEl STESWISSEN S CHAFTEN
HEFT 171
THEODOR KRAU S
Die Gemeinde und ihr Territorium
Fiinf Gemeinden der Niederrheinlande in
geographischer Sicht
THEODOR KRAUS
Die Gemeinde und ihr Territorium
Funf Gemeinden der Niederrheinlande in
geographischer Sicht
SPRINGERFACHMEDIEN WIESBADEN GMBH
ISBN 978-3-322-98298-8 ISBN 978-3-322-99003-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-99003-7
© 1971 by Springer Fachmedien Wiesbaden
Urspriinglich erschienen bei Westdeutscher Verlag . Opladen 1971
Inhalt
Theodor Kraus, KOln
Die Gemeinde und ihr Territorium - Fiinf Gemeinden der Nieder
rheinlande in geographischer Sicht
Vorwort ................................................ 7
1. Thema und Problemstellung ........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
II. Fiinf niederrheinische Gemeinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 13
a) Ein geschlossenes Dorf als Gemeinde - Oberembt im Kreis
Bergheim a. d. Erft .................................. 13
b) Eine Dorfergruppe als Gemeinde - Kirchherten (Piitz) im
Kreis Bergheim a. d. Erft ............................ 23
c) Eine Dorfer- und Hofegruppe als GroBgemeinde in stadtisch
industriellem EinfluBgebiet - Broichweiden im Landkreis
Aachen............................................ 28
d) Eine Stadt als Vereinigung dreier getrennter Siedlungen ge
mischten Lebensinhaltes im EinfluBgebiet von GroBstadten -
Monheim im Rhein-Wupper-Kreis ... . . . . . .. . .. . . . . . . ... 42
e) Eine Stadt als Industrieagglomeration mit mehreren Dorf
kern en im Gleichgewichtsfeld von GroBstadten - Langenfeld
im Rhein-Wupper-Kreis .............................. 54
III. Ergebnisse. Das allgemeine Problem der Gemeinden und ihrer
Grenzen .............................................. 62
a) Die fiinf Gemeinden in allgemeiner Sicht ................ 62
b) Das Problem der groBen Stadte und ihrer territorialen Gren-
zen 67
Summary................................................ 75
Resume ................................................. 78
Vorwort
Funf Jahre sind vergangen, seit im November 1964 uber das Thema "Die
Gemeinde und ihr Territorium" vorgetragen worden ist. Die Drucklegung
hat sich aus personlichen und sachlichen Grunden verzogert.
Einmal traten andere Aufgaben in den Vordergrund und hielten die Voll
en dung auf. Zum anderen wurde zwar die Frage GroB-Bonns, im Vortrag
angeschnitten, weiter verfolgt; doch gingen die Ergebnisse in selbstandige
Gutachten ein. Inzwischen ist die Vereinigung der Bundeshauptstadt mit
ihren Nachbargemeinden Wirklichkeit geworden, und zwar in Dbereinstim
mung mit Anschauungen, wie sie im Vortrag vertreten worden sind; entge
gen ursprunglicher Absicht wird daher die Frage von GroBstadtgemeinden
nur kurz behandelt werden, ohne eingehende Analyse des Bonner Beispiels.
Der Aufschub drohte insofern verhangnisvoll zu werden, als das Objekt,
die funf Gemeinden, in eine sturmische Entwicklung gerieten, zum mindesten
zwei von ihnen; das Material veraltete; neue Erhebungen waren notwendig.
Man mochte sich fragen, ob diese Muhewaltung noch lohnte.
Da trat eine Wendung ein, die dem Thema wiederum hochste Aktualitat
verlieh: die Verwaltungs- und Gebietsreform, schon lange angekundigt, ge
langte platzlich in ein neues Stadium; sie ist im Begriff, sich in geradezu revo
lutionarer Form zu vollenden, in fast allen Bundeslandern und gerade auch in
Nordrhein-Westfalen. Das Prinzip der kleinen Gemeinde, wie sie bisher
bestand, wird aufgehoben. GroBe Raume mit zehntausend und mehr Ein
wohnern, die eine Vielzahl von fruher selbstandigen Darfern oder kleineren
Stadten umfassen, werden als unterste Verwaltungseinheit zusammengefaBt.
Diese werden zwar, gemaB der offentlich-rechtlichen Konzeption, weiterhin
als Gemeinden bezeichnet, sind aber im Sinne der Geographie, der Raum
wissenschaft uberhaupt, andersartige Gebilde, von einem landschaftlichen
Rang, wie bisher Kmter und Kreise. In diesen GroBgemeinden ist das Ver
haltnis der Bewohner zum Raume ein anderes als im kleinen Territorium.
Mit dem Verschwinden kleiner, erlebbarer Verwaltungseinheiten geht ein
Kulturgut verloren, das nicht ersetzbar ist. 1st man sich bewuBt, was es
bedeutet, wenn in Deutschland an 20 000 Gemeinden verschwinden, drei
viertel aller bestehenden, und wenn von den ubrigbleibenden die Mehrzahl
8 Vorwort
mit den Gemeinden alten geographischen Stiles nicht vergleichbar ist? Aller
dings gab es schon immer groBe Gemeinden als durchaus sinnvolle Gebilde;
Stadte konnen namlich nach der Auffassung der Geographie und der Sozial
wissenschaft beliebig groB werden.
Solche Fragen bilden den Kern der folgenden, an Beispiele ankniipfenden
Ausfiihrungen; ihre Veroffentlichung erscheint heute wichtiger als 1965. Auf
die Wiedergabe der Diskussion, die, insofern auf spezielle Fragen eingegan
gen wurde, groBtenteils iiberholt ist, wird verzichtet.
Ein kurzes Wort iiber die Quellen. Die Gemeindestatistik enthalt viele
wichtige Daten, urn so mehr, als sie bisher kleinraumig aufgegliedert gewesen
ist, was in Zukunft nicht mehr der Fall sein wird, zum Nachteil jedweder
regionaler Forschung. Die vielseitige Betrachtungsweise, die versucht wird,
beruht in der Hauptsache auf Beobachtungen in den Gemeindegebieten
selbst, sodann auf Gesprachen und Befragungen. Zu besonderem Dank bin
ich Herrn Heinrich Schlager in Oberembt, der lange Jahre Kulturbeauftrag
ter des Kreises Bergheim gewesen ist, verpflichtet, ferner Herrn Dr. Gatzen
in Kirchherten, Biirgermeister und Mitglied des Bundestages, sowie Herrn
Handelsstudienrat Adolf Fischer in Solingen, meinem Schiiler, der seit lange
rem iiber die rechtsrheinische Ebene zwischen Koln und Diisseldorf mit wirt
schafts-und sozialgeographischer Fragestellung arbeitet.
Broichweiden bei Aachen, im Marz 1970.
Th.Kraus
I.
Thema und Problemstellung
Auf einem bekannten Bilde Wilhelm Leibls erblickt man eine Gruppe von
Mannern gereiften Alters: Bauern, die in landlicher Stube vereint sind. Sie
beugen sich tiber ein Dokument, auf dem das Wort "Kataster" zu lesen ist.
Durch ein Fenster aHnet sich die Aussicht in Garten und Flur, in die Land
schaft des bayerischen Alpenvorlandes. Das Gemalde wird "Die Dorfpoliti
ker" genannt; zutreffender ware vielleicht "Der Gemeinderat". Denn
oHensichtlich wird hier von einem legitimierten Gremium eine aIle an
gehende, auf Grund und Boden bezogene Angelegenheit erwogen. So behan
delt die Kunst ein Thema, das hier wissenschaftlich verfolgt wird: "Die
Gemeinde und ihr Territorium."
Die Gemeinde, wie sie Gegenstand der folgenden Untersuchung ist, bildet
in Deutschland und den europaischen Landern, ja weltweit, die kleinste Ver
waltungseinheit. Dem Boden verhaftet, auf fest begrenzter Flache, regelt
eine geographisch fixierte Menschengruppe die Angelegenheiten, die ihren
Raum betreffen; sie tut es in eigener Verantwortung, ein verkleinertes
Abbild des ganzen Landes und des Staates.
In der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen sind die Gemeinden Gegenstand
eines eigenen, komplexen Forschungsbereiches, der Kommunalwissenschaf
ten Diese sind, im Kern, Verwaltungswissenschaft, und als solche ein Teil
1.
der Lehre vom affentlichen Recht. Zugleich sind sie der Finanzwissenschaft
verbunden, den Kameralia, sod ann den Wirtschafts- und Sozialwissenschaf
ten im weitesten Sinne, insbesondere der Soziologie. Gemeinden sind ferner
Gegenstand der Geschichtswissenschaften und der Geographie.
Hilfswissenschaft fUr Gemeindeuntersuchungen jeglicher Richtung ist die
Statistik; diese hat aber auch selbstandige Bedeutung; ist doch Gemeinde
statistik Grundlage der Regionalstatistik. In ihrem Rahmen werden peri
odisch umfassende Erhebungen angesteIlt, die sich auf Menschen und Sachen,
1 Ober ihre Problematik berichtet in umfassender Weise das "Archiv fur Kommunal
wissenschaften" [mehrere Herausgeber] seit 1962 (Bd. I). Stuttgart, W. Kohlhammer
Verlag.
10 Theodor Kraus
die demographischen Verhaltnisse, auf wirtschaftliche Tatigkeiten und deren
Ergebnisse, auf Verhaltensweisen erstrecken, und auch die Flache, das Terri
torium und seine Nutzung, zum Gegenstand haben Da die Gemeinde die
2.
kleinste regionale Erhebungseinheit ist, kann die Bedeutung der statistischen
Gemeindedaten nicht hoch genug eingeschatzt werden. Sie offnet auch den
Weg zu allgemeinen Erkenntnissen, fiihrt iiber Schwellenwerte zu Typisie
rungen. Wer sie benutzt, muB beachten, daB arithmetische Mittel die Beson
derheiten des Einzelfalles unterdriicken, was im iibrigen ihr Ziel ist. Vor
allem muB man sich dariiber klar sein, daB infolge der Ungleichheit der
Summanden - Gemeindezahlen sind in vieler Hinsicht inkommensurable
GroBen - die Ergebnisse sehr kritisch aufgenommen werden miissen. Das gilt
auch fUr aIle "Schwellenwerte".
In besonderer Weise hat die Soziologie die Gemeinde zum Forschungs
gegenstand gemacht. Zwischen der Familie als kleiner Gruppe und groBeren
Verbanden erscheint die Gemeinde als vorgegebene mittlere Gruppe globalen
Charakters.
Die Soziologen haben auch die region ale Betrachtungsweise entwickelt
3 -
in den Niederlanden als Soziographie bezeichnet - und analysieren einzelne
Gemeinden; dieser Zweig bliiht auch in den Vereinigten Staaten. In diesem
Lande weithin angeglichener Lebensformen und einheitlichen geographischen
Milieus dringt die Einzeluntersuchung von selbst zum Typus vor; wer dort
eine Gemeinde untersucht, hat sehr viele erklart - wie denn "Middle
town" die amerikanische Stadt schlechthin ist. Zur Analyse landlicher
4
Gemeinden tragt Ferner eine stark entwickelte Agrarsoziologie bei; dagegen
nimmt sich die Industriesoziologie kaum der gewerblichen Siedlungen an.
Fiir den Geographen gehoren Gemeindeuntersuchungen zum weiten Feld
der Kulturgeographie. Die Gemeinde ist sozusagen die Zelle der Kulturland
schaft, und nur unter besonderen Umstanden wird man auf noch kleinraumi
gere Gebilde, den Einzelhof oder eine Hofgruppe, zuruckgehen.
In weiten Teilen Europas, aber auch anderwarts, fallt zudem das Dorf,
als Grundform landlicher Siedlung, mit der Gemeinde zusammen. Siedlungs
geographie ist daher zu einem groBen Teil Gemeindegeographie. Die Zahl
der Einzeluntersuchungen ist groB; die meisten werden wegen ihres speziel
len Charakters, ihrer engen regionalen Begrenzung, wenig bekannt, es sei
2 Fur Nordrhein-Westfalen: Veraffentlichungen des Statistischen Landesamtes, Sonder
reihe Volkszahlung 1961, Hefte 1, 2a, 2b; 1963/64.
3 So R. Konig, Grundformen der Gesellschaft. Die Gemcinde. Hamburg 1958. Rowohlt.
Ders. [Hrsg.], Soziologie der Gemeinde. Kainer Zeitschr. f. Soziologie, Sonderheft I,
Kaln 1958. Westd. Verlag.
4 Robert S. Lynch und Helen, M., Middletown, New York 1929.
Die Gemeinde und ihr Territorium 11
denn, sie versuchten, generalisierend, zu allgemein gtiltigen Aussagen, zu
Typisierungen zu gelangen
5.
Der idiographische Charakter geographischer Untersuchungen mindert in
der Regel die Allgemeingtiltigkeit, doch ergeben sich aus solcher Arbeitsweise
auch Vorteile, insofern versucht werden kann, den Einzelfall in umfassender
Weise unter Anwendung vielseitiger Gesichtspunkte zu deuten. Was syste
matische Wissenschaften tiber Gemeinden schlechthin auszusagen haben, be
zieht der Geograph auf den Einzelgegenstand. Gemeindegeographische Un
tersuchungen schlieBen im tibrigen Fragen der Wirtschafts- und Sozialgeo
graphie und, im Hinblick auf Territorium und Grenzen, auch der politischen
Geographie ein. Solche Studien sind in erster Linie "Strukturforschung",
indem sie den Bestand analysieren, zugleich sind sie auf die Erkenntnis des
Wirkungsgeftiges gerichtet, auf die gestaltenden Krafte, auf Zusammen
hange, die man als "funktional" zu bezeichnen pflegt. Sofern der Werde
gang berticksichtigt wird, stehen sie in Kontakt mit der historischen Sied
lungsforschung, in der Art, wie Franz Steinbach 8 in seinem letzten Vortrag
vor der Arbeitsgemeinschaft tiber den "Ursprung der rheinischen Land
gemeinden" gesprochen hat.
Die Untersuchung der Einzelgemeinde wtirde geeignet sein, der raumlichen
Verwaltungspolitik zu dienen, gerade in jenen Fallen, da durch neue Grenz
ziehungen und Zusammenlegungen tiber das Schicksal von Weiterbestehen
oder Auflosung entschieden werden solI. Allerdings werden solche Entschei
dungen, soweit man sieht, nach wenigen, allgemeinen Grundsatzen getroffen,
nach groben Kriterien der Einwohnerzahl, die dartiber Auskunft gibt, ob
sich Gemeindeeinrichtungen wie Schulen, Feuerwehr und vieles andere sich
fiir eine bestimmte Zahl von Bewohnern lohnen; Rationalitat der Verwal
tung wird zum Prinzip erhoben. Niemand scheint sich bewuBt zu sein, daB
Gemeinden hochst individuelle Gebilde sind, von Traditionen erfiillt, und
daB sie, in Iangen Fristen gewachsen, einen Kulturbesitz darstellen, den auf
zugeben ernster Priifung bedarf. 1st Gemeindeverwaltung nur ein Rechen
exempel fiir Kameralisten? Die ihr Territorium verwaitende Gemeinde ist
ein geistiges Phanomen und ais solches zu werten; das wird am Einzelfall
besonders deutlich. Ftir Stadte, insbesondere die GroBstadt, wird das jeder
mann anerkennen; in der Stadt treten typische Ztige zurlick vor der Indivi
dualitat. In Hindlichen Gemeinden scheint man dagegen nur den Typus zu
5 Zusammenfassend unterrichtet: Schwarz, Gabriele, Allgemeine Siedlungsgeographie. Lehr
buch der Allgemeinen Geographie, Bd. VI. Berlin 1959.
8 F. Steinbach, Ursprung und Wesen der Landgemeinde nach rheinischen Quellen. Arb.
gem. f. Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Geisteswissenschaften, Heft 87,
1958.