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HERAUSGEGEBEN VOM INSTITUT FüR MITTELSTANDSFORSCHUNG
ABHANDLUNGEN ZUR MITTELSTANDSFORSCHUNG
HERAUSGEGEBEN VOM INSTITUT FüR MITTELSTANDSFORSCHUNG
Nr.5
Die freiwilligen Handelsketten
in der Bundesrepublik Deutschland
Ihre wirtschaftspolitische und mittelstandspolitische
Bedeutung
von Dr. Renate Aengenendt
In die Schriftenreihe aufgenommen von Professor Dr. Fritz W. Meyer
Direktor der Volkswirtschaftlichen Abteilung
des Instituts für Mittelstandsforschung, Bonn
Die freiwilligen Handelsketten
in der Bundesrepublik Deutschland
Ihre wirtschaftspolitische
und mittelstandspolitische 'Bedeutung
von
Dr. Renate Aengenendt
SPRINGER FACHMEDIEN WIESBADEN GMBH
ISBN 978-3-322-98193-6 ISBN 978-3-322-98874-4 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-98874-4
Die Schriftenreihe enthält außer eigenen Veröffentlichungen des Instituts
auch namentlich gezeichnete Abhandlungen, die als wissenschaftliche Arbeiten
inhaltlich von ihren Verfassern vertreten werden
Verlags-Nr.033402.
Alle Rechte vorbehalten
© 1962 by Springer Fachmeruen Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Westdeutscher Verlag 1962
INHALT
I. Einführung
1. Entwicklungstendenzen im Binnenhandel ........................... 1
2. Zusammenschlüsse, Beteiligungen, Gruppen ..............•.......... 3
II. Entstehung und Verbreitung der freiwilligen Ketten
1. im Lebensmittelhandel .......................................... 5
2. in anderen Branchen ............................................ 7
III. Organisation und Arbeitsweise der freiwilligen Ketten
1. Allgemeine Prinzipien der Zusammenarbeit ........................ 10
2. Modernisierung und Rationalisierung .............................. 12
3. Auftragskonzentration .......................................... 14
4. Sortimentspolitik ............................................... 15
IV. Erfolge und Fehlentwicklungen
1. Umsatzentwicklung ............................................. 19
2. Funktionswandel und Selbständigkeit .............................. 21
V. Die freiwilligen Ketten als Anbieter
1. Strukturfragen ................................................. 26
2. Kartellfragen .................................................. 30
a) Gebietsschutzverträge und Wettbewerb .....•................... 30
b) Preisempfehlungen ........................................... 34
c) Ausschließlichkeitsbindungen ................................... 35
VI. Die freiwilligen Ketten als Nachfrager
1. Die Theorie der Nachfragemacht .................................. 38
a) Das Gleichgewicht der Wirtschaftskräfte nach Galbraith ............ 38
b) Sölters Thesen .............................................. 40
VI Inhalt
2. Der Markteinfluß der freiwilligen Ketten .......................... 43
a) Wettbewerb und Stufenwettbewerb ............................ 43
b) Anbieter und Nachfrager im GWB ............................. 44
c) Nachfragemacht der freiwilligen Ketten ......................... 45
VII. Schlußbetrachtung 51
Literaturverzeichnis
I. Einzelveröffentlichungen ....................................... 54
11. Aufsätze .................................................... 55
III. Aufsätze und Berichte ohne Verfasserangabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 56
I. EINFüHRUNG
1. Entwicklungstendenzen im Binnenhandel
Die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland war in den
Jahren nach dem 2. Weltkrieg stetig aufwärts gerichtet. Allein das Jahrzehnt
1950/60 brachte eine Erhöhung des Brutto-Sozialprodukts von 97,2 auf 277,7 Mrd.
DM Der reale Zuwachs war zwar um einiges geringer, doch konnte sich das
1.
Brutto-Sozialprodukt in Preisen von 1954 immerhin noch verdoppeln. Das ver
fügbare Einkommen der privaten Haushalte erhöhte sich im gleichen Zeitraum
von 64,5 auf 173 Mrd. DM, wobei die Masseneinkommen (Löhne, Gehälter,
Renten, Unterstützungen und Pensionen) mit einer Erhöhung von 46,4 auf
131,5 Mrd. DM besonders stark beteiligt waren. Ein auffälliges Merkmal dieser
allgemeinen Entwicklung war die Erhöhung der Sparquote von 3,2 auf 8,6 %.
Der Binnenhandel konnte entsprechend dieser allgemeinen Entwicklung seine Po
sition im ganzen gut stärken. Die Einzelhandelsumsätze stiegen von 32,4 Mrd. DM
im Jahre 1950 (= 100) auf 83,5 Mrd. DM im Jahre 1960 (= 258). Die Entwick
lung war jedoch in den einzelnen Branchen unterschiedlich. So erhöhte sich der
Umsatzindex bei Nahrungs- und Genußmitteln auf 224, bei Bekleidung, Wäsche,
Schuhen auf 227, bei Hausrat- und Wohnbedarf auf 318 und bei sonstigen Waren
auf 3542• Dementsprechend haben sich auch die Umsatzanteile verschoben: bei
Nahrungs- und Genußmitteln fiel der Anteil von 44 auf 38,2 % und bei Beklei
dung, Wäsche, Schuhen von 27,9 auf 24,6%, dagegen stieg der Anteil bei Hausrat
und Wohnbedarf von 9,7 auf 12% und bei den sonstigen Waren von 18,4 auf
25,2 Ofo 3. Auch diese strukturelle Verschiebung läßt auf eine größere Elastizität des
Verbrauchs schließen. Der Durchschnittsverbraucher konnte seinen Bedarf an lebens
notwendigen Gütern im Jahre 1960 mit einem wesentlich geringeren Einkommens
teil decken als noch im Jahre 1950; er richtete seine Nachfrage verstärkt auf
Güter des höherwertigen Bedarfs. Der allgemeine Lebensstandard stieg beträchtlich.
Es ist bemerkenswert, daß dieser starke Umsatz anstieg im Einzelhandel mit
einer relativ geringen Zunahme der Zahl der Einzelhandelsunternehmen ver
bunden war. Die Zahl der Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als
10000 DM ist von rund 360000 im Jahre 1950 auf rund 430000 im Jahre 1960
gestiegen. Da zur gleichen Zeit die Zahl der Minderbetriebe unter 8000 DM, die
seit 1956 nicht mehr erfaßt werden, mit Sicherheit zurückgegangen ist, dürfte der
1 Wirtsmaft und Statistik, Heft 9, 1961, Heft 1, 1962.
2 Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels e. V.:
Vademecum des Einzelhandels 1961, S. 18.
a ebenda, S. 22.
2 Einführung
gesamte Zuwachs sogar noch wesentlich geringer sein. Naturgemäß hatte der Ein
zelhandel demzufolge eine relativ starke Umsatzkonzentration in den Umsatz
größenklassen über 50000 DM zu verzeichnen. Allein der Umsatzanteil der Grö
ßenklassen über 1 Mio. DM stieg von 20,8% im Jahre 1950 auf 43,3% im Jahre
1960. Der mittelständische Einzelhandel in den Größenklassen von 100000 bis
1 Mio. DM Umsatz konnte daneben seinen Marktanteil von 42 Ufo immerhin gut
behaupten
4.
Bei allen strukturellen Umwandlungs- und Entwicklungsprozessen im Einzel
handel erweist sich die Sortimentsgestaltung als das eigentliche Kernstück der Unter
nehmenspolitik. In allen Branchen hat sich die Zahl der Artikel erhöht, doch sind
die Abgrenzungen zwischen den Fachsortimenten fließender geworden. In vielen
Branchen wird mit dem Sortiment noch stark experimentiert, wobei der Einzel
handel mit Nahrungs- und Genußmittein vielfach ein Angelpunkt der Sortiments
politik ist. So haben die Warenhäuser ihr Lebensmittelsortiment mit etwa 20%
Umsatzanteil außerordentlich stark ausgebaut, der Versandhandel macht sich in
zunehmendem Maße das dichte Verkaufsstellennetz des Lebensmitteleinzelhandels
zunutze und legt bei bestimmten Partnergeschäften seine Kataloge aus. Schließlich
hat auch der Lebensmitteleinzelhandel selbst das Sortiment seiner Non-food
Artikel stark ausgeweitet.
Stärksten Auftrieb erfuhr der Einzelhandel bei der Neu- und Umbildung seiner
Sortimente durch die zunehmende Verbreitung des Selbstbedienungsprinzips, das
in starkem Maße dazu beigetragen hat, die Produktivität im Handel (Umsatz pro
Verkaufsfläche; Umsatz pro Arbeitskraft) insbesondere im Lebensmitteleinzel
handel zu steigern. Seit 1950 sind in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt
rund 22600 Selbstbedienungsläden (davon allein 1/4 im Jahre 1960) eröffnet
worden und zwar 3600 durch die Warenhäuser und Großfilialbetriebe, die die
Entwicklung des Selbstbedienungsprinzips in den ersten Jahren vorantrieben, etwa
2000 durch die Konsumgenossenschaften und 16800 durch selbständige Einzel
händler, die erst in den letzten Jahren stärker an der Entwicklung beteiligt
waren 5. Aus dem Selbstbedienungslebensmittelgeschäft entwickeln sich in jüngster
Zeit nach Vorbildern aus Nordamerika Supermärkte und Diskonthäuser. Selbst
im Großhandel hat die Selbstbedienung Eingang gefunden: Ende des Jahres 1961
wurden bereits 150 sogenannte Cash-and-Carry-Läger von Großhändlern
betrieben.
Diese kurz skizzierten Entwicklungstendenzen kennzeichnen die zunehmende Be
deutung der Aufgaben und Funktionen des Handels der modernen arbeitsteiligen
Wirtschaft. Hauptantriebskräfte der Aufwärtsentwicklung sind dabei das Ein
kommen und der Verbrauch. Dabei wird der Handel als Vermittler zwischen
4 Seyffert, Rudolf: Mitteilungen des Instituts für Handelsforschung an der Universität
zu Köln, Nr. 96, Dezember 1961.
5 Wickern, fosef: 22619 SB-Läden im Lebensmittelhandel, in: Selbstbedienung, Hrsg.
Institut für Selbstbedienung, Heft 4, 1961, S. 3 f.
Zusammenschlüsse, Beteiligungen, Gruppen 3
Massenproduktion und Massenverbrauch immer mehr zum Träger der Massen
distribution und paßt sich den neuen Anforderungen durch eine anhaltende Um
und Neubildung seiner Struktur an. Der Strukturwandel, der im wesentlichen
gekennzeichnet ist dunn neue sortimentspolitische überlegungen, die Entstehung
neuer Vertriebsformen und durch eine fortschreitende Konzentration, findet seinen
Ausdruck einmal in tiefgreifenden Veränderungen der Betriebsstruktur, zum an
deren aber auch in einem Wandel der Unternehmensstruktur durch Zusammen
schlüsse, Beteiligungen und Gruppenbildungen.
2. Zusammenschlüsse, Beteiligungen, Gruppen
Neben der bereits dargestellten Umsatzkonzentration im einzelnen Betrieb stellt
der übergang von Einzelhandelsbetrieben in die Hand großer Unternehmen eine
wettbewerbspolitisch interessantere aber auch bedenklichere Form der Konzen
tration darG. Hierbei handelt es sich meist um die übernahme mittlerer und
kleinerer Unternehmen durch große Handelskonzerne, wie z. B. die übernahme
der F. Silberbauer KG. und der Bücherl OHG durch die zum Westonkonzern
gehörende Deutsche Supermarkt GmbH, der Abschluß einer Interessengemein
schaft zwischen der Deutschen Supermarkt GmbH mit der Noleg (Nordwest
deutsche Lebensmittelvertriebs GmbH, Bochum) und dem Düsseldorfer Filialbe
trieb Allkost, die übernahme der Herbert Eklöh KG. durch die vier großen
Warenhausunternehmen Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten u. a. m. Als
7
Grund für diese Änderungen der Unternehmensstruktur wird von Seiten der
kleineren und mittleren Betriebe vielfach Kapitalmangel angegeben, und in der
Tat ist der Kapitalmarkt für die mittelständischen Betriebe relativ schwer zu
gängig. Nieschlag betont jedoch, daß in der Zeit, wo viele Geldvermögen rentable
Anlagen suchen, zumindest Gesellschafter und Kommanditisten in genügender
Zahl zu finden sein müßten; "offenbar sind aber fremde Geldgeber solchen Unter
nehmungen - es handelt sich um Familiengesellschaften - wenig erwünscht" 8.
Die Entwicklung wird von seiten des mittelständischen Handels mit zuneh
mender Besorgnis verfolgt, da es sich bei den Mutterunternehmen bereits um relativ
große Einheiten handelt, die durch den Anschluß kleinerer Betriebseinheiten ihren
Marktanteil ständig vergrößern. Im Endeffekt bringt diese Form der Konzen
tration in den meisten Fällen Beschränkungen des Wettbewerbs und damit die
Gefahr von Vermachtungen mit sich.
Eine andere Form der Konzentration im Handel ist der freiwillige Zusammen
schluß selbständiger Unternehmungen zu Gruppen Die Gruppen sind bestrebt,
9.
G Nieschlag, Robert: Strukturwandlungen im Handel, in: Der Markenartikel, Nr. 1,
1960, S. 6 (im folgenden zitiert: Strukturwandlungen).
7 Vgl. dazu: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 63, 15. 3. 1960, Nr. 70, 23. 3. 1960,
Nr. 138, 19.6.1959 und Textil-Wirtschaft, Nr. 5,2.2.1961.
8 Nieschlag, Robert: Strukturwandlungen, S. 9.
9 Nieschlag, Robert: ebenda.
4 Einführung
die emten Wettbewerbsvorteile der Großbetriebe auf die kleineren und mittleren
Handelsbetriebe zu übertragen, ohne daß diese ihre Selbständigkeit verlieren. Als
wesentlime Form dieser Selbsthilfe bieten sich der gemeinsame Einkauf und/oder
Verkauf an. Die Gruppenbildungen sind sehr vielgestaltig; aus den anfangs nom
sehr lockeren Zusammenschlüssen gingen sehr bald schon festere Bindungen hervor.
Neben den Bezugs-und Absatzgenossenschaften entstanden Einkaufsvereinigungen,
Einkaufsringe, Werbegemeinschaften und sonstige Zusammenschlüsse. Die erfolg
reichste Form der Gruppenbildung ist heute aber zweifellos die freiwillige Kette,
eine enge Zusammenarbeit zwischen Groß- und Einzelhandel, vornehmlich im
lebensmittelhandel.
Ober die Auswirkungen der Zusammenschlüsse, Beteiligungen und Gruppen auf
den Markt und die Wettbewerbsordnung bestehen heute noch vielfam Unklar
heiten. Das gilt in besonderem Maße von den freiwilligen Ketten in den ver
schiedenen Handelszweigen, die längere Zeit im Brennpunkt des Interesses standen.
Sie sind für die vorliegende Untersuchung aus der Vielzahl der Kooperations
formen im Handel herausgegriffen worden, um an Hand ihrer Entwicklung die
Möglichkeiten und Gefahren für den mittelständischen Handel, aber auch für die
Marktverhältnisse in der Wettbewerbswirtschaft aufzuzeigen ..