Table Of ContentDIE ERNAHRUNG
GESUNDER UND KRANKER
KINDER
FUR ARZTE UND STUDIERENDE DER MEDIZIN
VON
E. NOBEL C. PIRQUET R. WAGNER
UNIV.-PROFESSOR, UNIV.-PROFESSOR, PRIVA TDOZENT,
o. ASSISTENT VORSTAND A. o. ASSISTENT
DER UNIVERSITATS-KINDERKLINIK IN WIEN
ZWEITE, VOLLIG UMGEARBEITETE AUFLAGE
MIT 78 ABBILDUNGEN UND 5 TABELLEN
1M TEXT UND AUF 2 TAFELN
SPRINGER-VERLAG WIEN GMBH
ISBN 978-3-7091-9634-2 ISBN 978-3-7091-9881-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-7091-9881-0
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER UBERSETZUNG
IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN
COPYRIGHT 1928 BY SPRINGER-VERLAG WIEN
URSPRUNGLICH ERSCHIENEN BEI JULIUS SPRINGER IN VIENNA 1928
SOFTCOVER REPRINT OF THE HARDCOVER 2ND EDITION 1928
Vorwort
Die folgenden Ausfiihrungen entstammen der klinischen Erfahrung
auf dem Gebiete der Sauglings- und Kinderernahrung. Sie sind fur den
praktischen Arzt bestimmt und konnen keinen Anspruch auf eine er
schopfende Darstellung machen. Der regelmaBige Unterricht von Arzten
und Studenten der Medizin lieB deutlich erkennen, daB bei beiden Gruppen
die Unsicherheit in allen Ernahrungsfragen eine recht groBe zu sein
pflegt und daB die Arzte die praktischen Vorteile rationeller Ernahrungs
therapie dankbar aufnahmen und mit Freude und Erfolg Ernahrungs
therapie betrieben, da sie an dem auf quantitativer Grundlage aufgebauten
System der Ernahrung eine verlaBliche Stutze und leicht anwendbare
Methodik fanden. Bei zahlreichen Krankheiten wird man durch eine
zweckmaBige Diatotherapie allein Erfolg erzielen und auf medikamentose
Behandlungsverfahren verzichten konnen; insbesondere wird es dem
praktischen Arzte leicht werden, die bisher fur ihn verworrene kunstliche
Sauglingsernahrung mit Erfolg zu betreiben, wobei naturgemaB ein
Hauptgewicht auf die Kenntnis der normalen Sauglingsernahrung
gelegt werden muBte. Es sollen hier nur bewahrte Ernahrungsmethoden
zusammengetragen werden, wie sie an der Wiener Kinderklinik gewonnen
wurden. Auch einige in den letzten Jahren wichtig gewordene medi
kamentose Behandlungsmethoden wurden hier aufgenommen.
Der Stoff ist so gegliedert, daB in der theoretischen Einleitung das
Pirq uetsche Ernahrungssystem kurz zusammengefaBt wurde. Der prak
tische Teil beschaftigt sich z unachst mit der Ernahrung des gesunden Sau g
lings und des gesunden alteren Kindes. Eine Ubersichtstafel soll die quan
titative und qualitative Nahrungsverschreibung erleichtern. Der groBere
Teil des Buches ist der Ernahrungsbehandlung kranker Kinder gewidmet.
Der Besprechung der Ernahrungsstorungen ist eine theoretische Ein
teilung der Storungen des Ernahrungszustandes vorausgeschickt. Die
Ernahrungsstorungen selbst sind naeh rein klinisehen Gesiehtspunkten
klassifiziert. Alles Hypothetische wurde dabei unterdruckt. Ubersieht
liehe graphische Darstellungen der einzelnen Krankheitsbilder mogen die
Krankengeschichten im Text, die, wenn sie auch noch so genau sind,
immer monoton wirken, unterstutzen. Besondere Absehnitte sind der Er
nahrungsbehandlung der Infektionskrankheiten, des Myxodems, der Enu
resis nocturna, des Hertersehen Infantilismus, der Anorexie, des periodi
schen Erbrechens, der Nierenerkrankungen, des Diabetes mellitus und
schlieBlieh der Entfettungskur gewidmet. In Kurze wurde auch die Behand
lung der Epilepsie, die Leberdiat bei Anamien und die Kropfprophylaxe
erwahnt. Der letzteAbschnitt endlich enthaltDiatformen und Kochrezepte.
IV Vorwort
Indem dieses Buch nur die eigenen Erfahrungen der Ulliversitats
Kinderklinik in Wien berucksichtigt, hat es aile V or- und N achteile der
Subjektivitat. Wir glauben aber, daB der Praktiker mehr Gewinll davon
hat, wenn er eille Richtung grundlich kennen lernt, als wenn er sich
durch das Gestrupp der Meinullgen verschiedener Schulen durch
arbeiten muB.
Die graphischen Darstellungen der Krankengeschichten stammen
von der langjahrigen Stationsschwester der Sauglingsstation der KIinik,
Paula Panzer. Ihr gebuhrt unser Dank fiir ihre groBe Muhewaltung.
Wien, im Januar 1928.
Die Verfasser
Inhaltsverzeichnis
The 0 ret i s c h e E i nl e i tun g Seite
Die Milch ais N~hrungseinheit ................................... 1
Die chemischen Bestandteile der N ahrungsmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
a) Nahrungsbrennstoffe . .. . . . . .. . . .. .. .. . .. . . . .. . . . .. . . . .... . 4
1. Die Kohlenhydrate........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2. Die Fette ......................... ".................... 5
b) N ahrungsbaustoffe ....................................... 6
1. D as N ahrungseiweiB ................................... 6
2. Das Wasser. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
3. Die Salze ............................................. 8
4. Die Vitamine ......................................... 9
Konzentration der Speisen .......... "............................ 10
Der Nahrungsbedarf .................... " . . .. . . . . . .. . . .. .. . ..... 11
Messung der Sitzhohe ....................................... 12
Maximum, Minimum, Optimum, Aquum ...................... 13
Praktischer Teil
I. Ernahrung des gesunden Sauglings...................... 15
Ernahrungsplan fUr das erste Lebensjahr ..................... 19
II. Ernahrung des gesuJiden alteren Kindes. . ... . . .......... 24
a) Einzelernahrung ............................ " . . . . . . . . . . . .. 24
Verschreibung fUr das einzelne Kind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 25
b) Massenspeisung .......................................... 26
N ahrungsklassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Ernahrungstafel fUr das ganze Kindesalter ................. 28
III. Beurteilung des Ernahrungszustandes .................. 28
IV. Ernahrung kranker Kinder............... ................ 30
Ernahrung von Friihgeburten ................................ 30
Die Ernahrungsstorungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Theoretische Einteilung der Storungen des Ernahrungszustandes bei
Kindern und Erwachsenen................................. 32
Klinische Einteilung der wichtigsten Ernahrungsstorungen ...... 35
Einleitung ................................................. 35
Schematische Darstcllung der Toleranz ................ " . . . . . . . 38
1. Mangelnde Zunahme ohne Erbrechen nnd Abfi.thren ......... 45
a) Quantitative Unterernahrung ........................... , 45
a) Hunger an der Brust ............................... , 47
fJ) Ungeniigende kiinstliche Ernahrung .................. , 49
VI Inhaltsverzeichnis
Seite
b) Qualitative Unterernahrung ............................ 51
a) Unterschreitung des Eiwei13minimums . . . . . . . . . . . . . . . .. 52
(J) Avitaminosen .............. ',' ...... . . . .. .. ..... . .... 53
2. Erbrechen ohne Abfiihren bei gutem oder angehaltenem Stuhl 60
a) Speisen bei guter Gewichtszunahme ..................... 61
b) "Nervoses Erbrechen", einfacher Pylorospasmus .......... 62
c) Spastische Pylorusstenose. Schweres Erbrechen mit Gewichts-
abnahme.............................................. 64
3. Abfiihren und Erbrechen: "JI.1agendarmkatarrh" ... . . . ..... .. 71
a) Die akute leichte StOrung, Dyspepsie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
b) Akute schwere Storung mit toxischen Symptomen. Intoxi-
kation ......................................... . . . . . . . 74
c) Chronische leichte Ernahrungsstorung. Dystrophie......... 80
d) Chronische schwere Ernahrungsstorung. Atrophie ......... 83
Verschiedene Atiologien von Magendarmkatarrhen ........... 86
a) Fehler in der Qualitat ................................. 86
b) Hitzeschadigung ....................................... 87
c) Parenterale Ernahrungsstorungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
d) Eigentliche Darminfektionen ............................ 91
e) Ekzemaquivalente des Darmes. .. . . . . ... .. . . . .. .. . . .... .. 93
Ernahrungsbehandlung der Infektionskrankheiten .............. 98
Ernahrungsbehandlung des JI.1yxodems ........................ 101
Enuresis nocturna .......................................... 102
Der HERTERsche Infantilismus ............................... 104
Die Anorexie ............................................... 109
Rekurrierendes Erbrechen mit Azetonamie .................... 114
Die Ernahrungsbehandlung der Nierenerkrankungen .. . . . . . . . . .. 115
Diabetes mellitus ........................................... 119
Die Behandlung des diabetischen Komas ...................... 123
Die Entfettungskur ......................................... 125
Ernahrungsbehandlung der Epilepsie .......................... 128
Leberdiat bei pernizioser Anamie und anderen Anamien ........ 128
Kropfprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 129
V. Diatformen und Kochrezepte ............................ 129
1. Diatformen fiir Sauglillge........................... . . . . . .. 130
2. Behandlungsllahrungell .................................... 134
a) Fur Sauglinge ....................................... " 134
b) Fur altere Kinder ..................................... 137
3. Gemischte Kost fiir altere Kinder ......................... 139
4. Diaten zur Entfettungskur ................................ 145
5. Leberspeisen ............................................. 151
6. Zubereitung von antiskorbutisch wirksamen, C-vitaminhaltigen
Nahnmgsmitteln .......................................... 152
Sachverzeichnis .............................................. 154
Theoretische Einleitung
Die Milch als Nahrungseinheit
Zur Bestimmung des Brennwertes eines Nahrungsstoffes wurde von
Pirq uet an Stelle der Kalorie die Milch als physiologische Nahrungs
einheit eingefiihrt. Ais theoretisches GrundmaB des Nahrungswertes
dient eine Frauenmilch, von welcher ein Gramm bei der Oxydation
im menschlichen Organismus eine Warmemenge von 0,67 groBen Kalo
rien1 liefert (Nahrungs-Einheit-JVIilch = Nem). Eine solche Frauenmilch
enthalt 1,7% EiweiB, 3,7% Fett, 6,7% Milchzucker und 0,3% Salze.
Die durchschnittliche Kuhmilch k6nnen wir mit der durchschnittlichen
Frauenmilch als aquikalorisch annehmen. Die Kuhmilch enthalt im Durch
schnitt 3,3% EiweiB, 3,7% Fett, 5% Milchzucker und 0,7% Salze. Ein
Gramm der Standardfrauenmilch wird als metrische Nahrwert-Einheit
angenommen und in ahnlicher Weise wie dieanderen metrischenLangen-,
Gewichts- und HohlmaBe abgewandelt.
0,1 Nem .... der N ahrwert von 0,1 g Milch = 1 Dezinem =ldn
1 1 g = 1 Nem =In
10 .... 10 g = 1 Dekanem 1 Dn
" "
100 100 g = 1 Hektonem 1 Hn
1000 .... 1000 g = 1 Kilonem 1 Kn
" "
Tabelle des Nemgehaltes der Nahrungsmittel
Die Zanl neben dem Nahrungsmittel bedeutet den Eiweil3wert. 0 ohne EiweiBwert,
0,5 halber Eiweil3wert
I
Nem in Nahnmgsmittel \ Hektonem
1 Gramm II wiegt
(rund) eingekauft in der Kiiche zubereitet Gramm
I
13,3 (4"fa) Rindstalg 0, Schweineschmalz 0, 01 0 7,5
12 Butter 0, Margarine 0, Knochenmark 0 8,5
10 Speck 0,5 10
-
9 Niisse ohne Schalen 0,5 11
.. \ -
8 I Speckwurst 1, Mandeln siiB 0,5 12,!J
6, 7 (2"fa) --=G:-rr:-'e'Cb--en---C4:-, -:s:-a-=-I~-m'-.oi:-hnC:2'-1-=S-'Ch:-O-=k·-o-=-la-d:-e-O-:C,-::5-, I ~~~~-~~~-~~15-'--
I-Z~u-C~k-e-r~o-.
6 Kakaopulver 1, fetter
17
Kase 3, Milchpulver 2
1 Die im Pirquetschen System vorkommenden Nahrwertangaben
beziehen sich auf ausniitzbare Kalorien. Die Relation von Nem zu Kalorie
ist gleich 2 : 3, d. h. 1 N em = 2! 3 Kalorie, oder 1 Kalorie = 1 Y2 N em.
Nobel-Pirquet-Wagner, Ernahrung. 2. Aufl. 1
2 Die Milch als N ahrungseinheit
1 NGermam inm ---------------N-a-h-r-u-n~g-s-m-i-tt~eIl- --------------------II HevkrtieognIe m
(rund) eingekauft i in del' KUche zubereitet Gramm
Kondensmilch mit Zucker 1, K a s e
mittel 4, Eidotter 2, frisches Fleisch,
fett 2, Schinken 3, Hiilsenfriichten
5 mehl 2, Getreidemehl 1, Teig Fette Mehlspeisen 1 20
waren trocken 1, Zvrieback° 1 , Reis 0,5,
Honig 0, Sirup
4,5 Gerstengraupen 1, Hafer geschiilt 1 22
Kase, mager, trocken 5, Rindfleisc~
feU 3, Fischeier 5, trockene Hiilsen
4 friichte 2, Weizenbrot, fein 1, trockene 25
-------I--;:s;-a-;-hn--e-~7,-a~~::g~:: ~~~~:;otO,:, I---------~-----
Dorr- ° ,--------
,3~310) 1 obst 0,5, Dorrgemiise 0,5-3, trockene Marmelade 30
___ Schwiimme 3 Leichte Mehlspeisen 1
1 6lsardinen 5, Sprotten, gerauchert 4 ,
3 grobes Brot 1, Frankfurter, Pariser, I 33
Extrawurst 3, Blutwurst 2 I
------
Topfen 6, frisches FIe i s c h, mittelfett
2,5 ('0/.) 4, frischer Fisch, fett 4, Hering, ge- Gekochtes mageres 40
rauchert 5, Ei 3, Kastanien 1 Fleisch 6 I
------"
Doppelnahrung: GrieB-
Kondensmilch ohne Zucker 2, frisches brei 1, Gemiise fett zu_ I
2 Fleisch, mager 6, Hering, frisch 5, Kalbs- bereitet: Hiilsenfriichte 50
bries 9. Leber 6 2. Spinat 1, Kohl 0,5,
I
Sauerkraut 0,5, Reis 0,5
Innereien, allgemein 5, Pferdefleisch 8,
1,5 (3/,) Kalbshim 3, Niere 6 Zubereiteter Fisch 8 I 67
Lunge 7, frischer Fisch, mager 9, Kar-
1,25 ('14) toffeln 0,5 80
-------~F-ra-uenmilch 1, Kuhmilch 2, Schellfisch, ----G,l eicl1nahrung: I
frisch 9, Gartenerbsen, griin 2, Wein- Gem lise zubereitet 1,
1 trauben 0,5, Bananen 0,5, frische Kartoffeln 0,5, dicke 100
Feigen 0,5 I1 ---'--S-up-pe 1 I
Eiklar 9" Sellerie 1, frisches Obst 0,5,
0,67 ("ia) Fruchtsafte 0 Suppe mittel 1 150
Magermilch, zentr. 4, Schnittbohnen 2,
0,5 ('I,) rote und gelbe Riiben 1, Zwiebel, Halbnahrung: 200
Diinne Suppe 1
frisch 1
Frischer Spin at 3, Suppengriin 1,
0,4 (4/,0) Kohl 2, Blumenlwhl 2, frische 250
Schwiimme 3 I,
0,33 (3/'0) Sauerkraut 2 300
-0,25 ("4) Spargel 3, Tomaten 2 400
I
0,2 ('/,0) Kopfsalat 3, Gurken 2 I 500
0,1 ('/10) "-"'-- Fleischbriihe 3 I 1000
Mit diesem als Grundlage angenommenen N11hrwert von einem
Gramm Milch werden die verschiedenen Nahrungsmittel in ihrem Brenn
werte verglichen. Wenn es z. B. heiBt, daB ein Gramm Zucker sechs
Nem entspricht, so bedeutet das, daB ein Gramm Zucker sechsmal
so nahrhaft ist als ein Gramm Milch, daB also diese Zuckermenge sechs
Gramm Milch im N11hrwert vertreten kann. Um umgekehrt den N11hr
wert von 180 Gramm Milch = 180 Nem in Form von Zucker zu verab
reichen, muB der sechste Teil des Milchgewichtes, das sind 30 Gramm
Die chemischen Bestandteile der Nahrungsmittel 3
Zucker, gegeben werden. Fur den praktischen Betrieb eignet
sich das Hektonemgewicht, das Gewicht eines Hektonems
der verschiedenen Nahrungsmittel am besten als Portions
einheit. Es ist gleich dem reziproken Wert des Nemwertes. Das Hekto
nemgewicht des Zuckers z. B. ist 17 Gramm. Die rechte Vertikalkolonne
der Tabelle des Nemgehaltes (s. S. 1, 2) der Nahrungsmittel enthalt die
Hektonemgewichte der praktisch wichtigsten Nahrungsrohstoffe und
einiger in der Kuche zubereiteten Speisen. Man kann die einzelnen Speisen
in der Kuche derartig zubereiten, daB sie in fertigem Zustand einen
bestimmten, mit der Milch leicht vergleichbaren Nahrwert reprasentieren.
In der linken Z.ahlenkolonne der Tabelle sind die Nahrwerte eines Gramm'S
abgerundet vermerkt; gleichwertige Nahrungsmittel erscheinen in der
selben Gruppe zusammengefaBt. AIle diese Zahlenangaben k6nnen nur
als Durchschnittswerte betrachtet werden; es ist bekannt, daB groBe
Differenzen in der chemischen Zusammensetzung von Nahrungsmitteln
vorkommen.
Die neben den Nahrungsmitteln und Speisen (S.l, 2) stehenden arabi
schen Ziffern geben die sogenannte EiweiBwertigkeit an. Wenn z. B.
neben der Frauenmilch die Ziffer I steht, so heiBt das, daB in einem
Hektonem ein Dekanem EiweiB enthalten ist, also 10% des Nahrwertes
durch EiweiB gedeckt sind. Die Frauenmilch ist also eiweiBeinwertig.
In der Kuhmilch ist doppelt so viel EiweiB enthalten. 20% des Gesamt
niihrwertes geh6ren dem KuhmilcheiweiB an. Zucker ist eiweiBfrei, daher
steht neben Zucker o. Kartoffel hat den halben EiweiBwert der Frauen
milch, daher steht neben Kartoffel 0,5.
Der Nahrwert zusammengesetzter Speisen hiingt vom Nahrwerte
der Einzelbestandteile abo So ist fur den Nahrwert von tischfertigen
Gemusen in erster Linie der Mehl- und Fettzl,lsatz in der Kuche maB
gebend. Kraut allein z. B. hat einen geringen Nahrwert. Durch Zusatz
von Einbrenn wird es erst hochwertig gemacht. Anderseits kann der
Niihrwert trotz verschiedener Zubereitung einer Speise stets der gleiche
bleiben, wie die folgenden Beispiele zeigen: 70 g Spinat (= 28 n) kann
+
z. B. mit 72 g Milch oder mit 2 g Fett 9 g Mehl oder endlich mit
31/2 g Fett und 5 g Mehl auf den Nahrwert von 100 n gebracht werden.
70 g Spinat = 28 n oder 70 g Spinat = 28 n oder 70 g Spinat = 28 n
72 g Milch = 72 n 2 g Fett = 27 n" 5 g Mehl = 25 n
9 g Mehl = 45 n 3 Y2 g Fett = 4-7 n
--------------------~-----
100 Ii 100 n 100 n
Die chemischen Bestandteile der Nahrungsmittel
Wenn Gemuse, Fleisch, Brot Hingere Zeit bei 1000 im Trocken
schrank getrocknet wird, so bleibt schlieBlich als Rest nur ein Bruchteil
der ursprunglichen wasserhaltigen Substanz ubrig, der jene Anteile
des betreffenden Nahrungsmittels darstellt, welche die Trager des Brenn
wertes sind. Die Gewichtsdifferenz ist auf den Schwund an Wasser
1*
4 Die chemischen Bestandteile der N ahrungsmittel
zuriickzufiihren und wird je nach dem Wassergehalt der Ausgangs
substanz mehr oder weniger bedeutend sein. Es gibt NahrungsmitteL
welche sehr wenig Wasser enthalten (z. B. Zucker, Fette unter 1 %),
und solche, die bis 90% Wasser und mehr enthalten, z. B. frische
Gemiise.
Wenn wir die chemische Zusammensetzung der Nahrungsmittel ins
Auge fassen, so finden sich darin entweder alle oder ein Teil der folgenden
chemischen Bestandteile:
1. Kohlenhydrate,
2. Fette,
3.· EiweiBstoffe,
4. Wasser,
5. Salze.
6. AuBerdem sind III vielen Nahrungsmitteln noch gewisse,
biologisch wirksame, nicht durch chemische Analyse faBbare Stoffe
enthalten, die als Vitamine oder akzessorische Nahrstoffe be
zeichnet werden.
Nach ihrer Funktion werden die chemischen Bestandteile der Nah
rung in folgende zwei Hauptgruppen unterschieden:
a) Nahrungsbrennstoffe, b) Nahrungsbaustoffe.
a) Nahrungsbrennstoffe
Als solche werden Kohlenhydrate und Fette zusammengefaBt.
1. Die Kohlenhydrate
enthalten nebEm Wasserstoff und Sauerstoff, die sich in der Regel in
ihnen in derselben Relation wie im Wasser, also im Verhaltnis von
2 : 1 finden, als brennbare Substanz den Kohlenstoff, die Fette
auBerdem noch brennbare Wasserstoffatome. Beide sind frei von Stick
stoff, wodurch sie sich von den EiweiBstoffen unterscheiden. Durch Ver
brennung der Nahrungsbrennstoffe wird die Energie erzeugt, die zur
Aufrechterhaltung der taglich zu erfiillenden Lebensfunktionen notig ist.
Die Arbeit der Muskeln, die Atmung, der Betrieb der Blutzirkulation
und die Erhaltung der beim gesunden Menschen immer gleich bleibenden
Korperwarme wird vorwiegend durch Zufuhr von Brennmaterial in Form
von Fetten und Kohlenhydraten ermoglicht. Da die Hauptbestandteile
der Brennstoffe auch im EiweiB enthalten sind, wird es erklarlich, daB
unter gewissen Umstanden auch ein Baustoff wie das EiweiB die Aufgabe
der Brennstoffe iibernehmen kann; niemals aber konnen umgekehrt
Baustoffe in ihrer Funktion durch Brennstoffe ersetzt werden.
Die Kohlenhydrate sind in chemischer Hinsicht aldehyd- oder keton
artige Derivate mehrwertiger Alkohole. Sie werden hauptsachlich durch
folgende Gruppen vertreten: