Table Of ContentGisbert Keseling
Die Einsamkeit des Schreibers
Gisbert Keseling
Die Einsamkeit
des Schreibers
Wie Schreibblockaden
entstehen und erfolgreich
bearbeitet werden kbnnen
VS VERLAG FOR SOZIALWISSENSCHAFTEN
-
+ II
VS W.LAO FOR SOlIAL.WI$SEN$CHAFTEN
VS Verlag fOr Sozialwissenschaften
Entstanden mit Beginn des Jahres 2004 aus den beiden Hausern
Leske+Budrich und Westdeutscher Verlag.
Die breite Basis fOr sozialwissenschaftliches Publizieren
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
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1. Auflage August 2004
Aile Rechte vorbehalten
© VS Verlag fOr Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2004
Lektorat: Barbara Emig-Roller
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Umschlaggestaltung: KOnkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Gedruckt auf saurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
ISBN-13: 978-3-531-14169-5 e-ISBN-13: 978-3-322-80533-1
DOl: 10.1007/978-3-322-80533-1
Inhalt
Vorwort ............................................................................................................... 9
Einleitung .......................................................................................................... 13
Teil I: Blockaden ............................................................................................. 23
1 Ursachen fUr Schreibblockaden nach Rose ............................................ 25
2 Die Vorgehensweise bei der Beratung im Schreiblabor Marburg ........ 29
3 Der Kampf mit den Ideen ......................................................................... 37
4 Storungen beim Plane n ............................................................................. 54
4.1 Sogenannte Friihstarter ..................................................................... 54
4.1.1 Beschreibung und Analyse der StOrung ........................................... 54
4.1.2 Gegenstrategien ................................................................................ 65
4.2 Fehlende, unstimmige oder in stabile Konzepte, oft verbunden
mit verzogertem Starten ................................................................... 70
4.2.1 Beschreibung und Analyse der Storung ........................................... 70
4.2.2 Gegenstrategien ................................................................................ 92
4.3 Probleme beim Zusammenfassen und Zitieren ................................ 96
4.3.1 Beschreibung und Analyse der StOrung ........................................... 96
4.3.2 Gegenstrategien .............................................................................. 101
4.4 Exkurs: Textproduktion als Gesta1tbildung. Die Textgestalt und
die Vorgestalt ................................................................................. 103
5 Storungen beim Formulieren ................................................................. 108
5.1 Der zerstOrerische innere Adressat.. ............................................... 108
5.1.1 Beschreibung und Analyse der StOrung ......................................... 108
5.1.2 Gegenstrategien .............................................................................. 118
5.2 Der nicht verfiigbare innere Adressat.. ........................................... 120
5.2.1 Beschreibung und Analyse der StOrung ......................................... 120
5.2.2 Gegenstrategien .............................................................................. 131
6 Inhalt
Tell II: Wie geiibte Autoreu deu Schreibprozess organisieren und wie
sie mit Schwierigkeiten umgehen ..................................................... 133
6 Von den Miihen der Planung ................................................................. 136
6.1 Die Empfehlungen in den Ratgebem ............................................. 140
6.2 Die Schreibstrategien von funfzehn befragten Wissenschaftlem ... 145
6.3 Strategien beim Schreiben fiktionaler Texte (nach Ortner) ............ 160
6.4 Zur Planung von Zusarnrnenfassungen .......................................... 173
6.4.1 Markierungen und Randnotizen in der Vorlage ............................. 176
6.4.2 F ormulierungsfragmente ................................................................ 182
6.4.3 Stichworte und Gliederungen ......................................................... 183
6.4.4 Schwierigkeiten .............................................................................. 187
6.5 Schreibexperirnente mit lautern Denken (Wegbeschreibungen,
Geschaftsbriefe, Marchen und anderes) ......................................... 190
6.5.1 Konzepte fiir Wegbeschreibungen ................................................. 194
6.5.2 Konzepte fur Berichte und Erzahlungen ............. t .......................... 198
6.5.3 Konzepte fur Geschaftsbriefe ......................................................... 20 1
6.5.4 Schwierigkeiten .............................................................................. 212
6.6 Innere Sprache und inneres Sprechen. Ein Exkurs zurn lauten
und zurn stummen Denken beirn Schreiben ................................... 2l3
6.6.1 Inha1tliche und sprachliche Merkmale von lauten Reflexionen ..... 2l3
6.6.2 Zur F orschungsgeschichte .............................................................. 222
6.6.2.1 Wygotski ........................................................................................ 222
6.6.2.2 Galperin, Sokolow .......................................................................... 224
6.6.2.3 M.-C. Bertau .................................................................................. .227
6.6.2.4 Riickschlusse .................................................................................. 229
7 "Lust und Last" beim Formulieren ....................................................... 232
7.1 Der erste Satz ................................................................................. 236
7.2 Wie aus Gedanken Formulierungen werden .................................. 244
7.3 Reformulierungen ........................................................................... 254
7.4 Wie Konzepte wahrend des Schreibens abgearbeitet und
weiterentwickelt werden .............................................................•... 262
8 Der Autor und sein Adressat. Wie Schreiber und Sprecher mit
ihren Rezipienten interagieren ............................................................... 271
9 Die Einsarnkeit des Schreibers. Weshalb bestimmte Aktivitaten
beim Schreiben als schwer empfunden werden .................................... 285
Inhalt 7
9.1 Die Hauptschwierigkeiten im Uberblick ........................................ 285
9.2 Schreiben und Konversation .......................................................... 288
10 Ergebnisse und Schlussfolgerungen ...................................................... 297
I 0.1 Blockaden ........................................................................................ 297
10.2 Konzepte als Suchverfahren. Etiketien ............................................ 302
10.3 Gedankliche und innersprachliche Elemente bei der Planung ......... 304
10.4 Formulieren ..................................................................................... 304
10.5 Der innere Adressat ........................................................................ .306
10.6 Empfehlungen fUr die Schreibdidaktik ........................................... .307
Anhang ............................................................................................................ 310
Literaturverzeichnis ....................................................................................... 312
Autorenregister .............................................................................................. 325
Sachregister .................................................................................................... 329
Vorwort
Die Vorgeschichte dieses Buches reicht zumck in das erste lahrzehnt meiner
Marburger Lehrtatigkeit. Damals schlug ich mich mit dem Problem herum,
Linguistik-Studenten beim Forschen und beim Schreiben von Examens- und
Doktorarbeiten zu unterstOtzen. Vor allem Letzteres war schwer, und nicht
selten scheiterten meine Bemtihungen daran, dass die Kandidatlnnen zwar
gute Ideen hatten, aber nicht in der Lage waren, daraus gut aufgebaute und
gut lesbare Texte zu machen. Diese Fahigkeiten lieBen sich auch nicht in
den Doktorandenkolloquien verrnitteln. Wie allgemein tiblich wurde dort
hauptsachlich tiber schon geschriebene Kapitel gesprochen, und nicht selten
war daran auch allerhand auszusetzen. Zum Beispiel waren Fragestellung
und Aufbau nicht in Ordnung oder der Verfasser hatte das V orwissen seiner
potenziellen Leser falsch eingeschiitzt.
Wenn solche Mangel angesprochen wurden, fiihlten sich die Teil
nehmerInnen vielfach entmutigt und sie hatten es schwer, ihre Texte
entsprechend zu korrigieren. Manchmal half es zwar, wenn die Verbesse
rungsvorschlage nicht von mir, sondem von Kommilitonen kamen. Aber
dabei gab es auch Konkurrenz, und namentlich die neu Hinzugekommenen
lieBen sich dadurch einschtichtem.
Immer wieder kam es auch vor, dass Arbeiten unvollendet liegen
blieben, oder dass die Autoren gar nicht erst den Anfang fanden. Urn ihnen
zu helfen, ware es notig gewesen, tiber ihre verrnutlich ineffektiven
Schreibstrategien zu sprechen. Aber damber war damals erst wenig bekannt,
und es fehlten auch geeignete Verfahren, diese zuganglich zu machen.
Zu dieser Zeit hatte ich gerade zusammen mit meinem Kollegen Georg
Auemheimer und MitarbeiterInnen eine Untersuchung der Kommunikation
in Unterrichtssituationen begonnen. Mit Hilfe von Videoaufuahmen wollten
wir herausfinden, wie V ortragende verbal und nonverbal mit ihren Zuhorem
interagieren. Eine Kamera war dabei auf den Referenten und die andere auf
die ZuhOrer gerichtet. Nach dem Referat auBerte sich zuerst der Referent
damber, wie er mit der Vorbereitung und mit der Referatsituation zurecht
gekommen war, und anschlieBend sagten die tibrigen Teilnehmer etwas
10 Vorwort
dazu, wie es ihnen beim ZuhOren gegangen war und welche Gedanken ihnen
dabei gekommen waren. Danach wurden Ausschnitte der Aufnahme gezeigt.
Auf dieser Gmndlage lieBen sich dann auch - teilweise zumindest - die
Strategien rekonstruieren, von denen sich der Referent bei der Planung und
Ausflihmng seines V ortrags hatte leiten lassen (Auernheimerl Keseling
1993).
Dieses Projekt regte dazu an, auch die Strategien beim Planen und
Verfassen schriftlicher Texte in ahnlicher Weise zu untersuchen und damit
eine Gmndlage flir effektivere Hilfestellung in Examens- und Doktoranden
kolloquien zu schaffe n.
Natiirlich war es n6tig, die Versuchsanordnung flir den neuen Zweck
abzuandem. Aber die Verbindung zwischen beiden V orhaben war der Ein
satz von Video und die Berichte der Vortragenden tiber ihre Vorbereitung.
Neu war indessen, dass die Probanden nicht nur interviewt wurden, sondem
dass sie dartiber hinaus aufgefordert wurden, wahrend des Schreibens laut
zu denken, also alles auszusprechen, was ihnen gerade durch den Kopf ging.
Nach einer anfanglichen Experimentierphase wurde daraus ein gr6Beres
von der DFG gefOrdertes Projekt. Da wir hier in erster Linie Gmndlagen
forschung zu leisten hatten - die sog. prozessorientierte Schreibforschung
stand damals erst in ihren Anfangen - lieB es sich allerdings nicht
vermeiden, dass wir die ursprtinglich praktischen Ziele ziemlich bald aus
dem Auge verloren. Die Daten, die wir erhoben und aufgearbeitet hatten,
verflihrten dazu, die unterschiedlichsten Themen anzuschneiden. Als
Konversationsanalytiker interessierten wir uns z.B. fur Gemeinsamkeiten
und Unterschiede zwischen schriftlicher und mtindlicher Kommunikation
oder wir gingen der Frage nach, ob sich aus den unterschiedlichen
K6rperposition beim Schreiben Erkenntnisse tiber die kognitiven Prozesse
gewinnen lassen.
Erst sehr allmahlich scMIte sich dann die Frage heraus, urn die es unter
anderem auch in der vorliegenden Untersuchung geht, die Frage, mit Hilfe
welcher Strategien es guten oder getibten Schreibem gelingt, in ange
messener Zeit einen Text zu produzieren und welche (wohl tiberwiegend
mentalen) Aktivitaten dabei ausflihrt werden. Urn diese Fragestellung
einzugrenzen, beschrankten wir uns bei den Schreibaufgaben zunachst auf
Kleintexte wie Zusammenfassungen eines kurzen wissenschaftlichen
Textes, Wegbeschreibungen, Marchen und Geschaftsbriefe, also Textsorten,
von denen wir annahmen, dass die Versuchspersonen damit keine gr6Beren
Schwierigkeiten haben wtirden. Bis zu einem gewissen Grade erwies sich
Vorwort 11
das als richtig, und es gelang auch halbwegs, die entsprechenden Strategien
zu rekonstruieren.
Ein nachster Schritt war dann, das Schreibverhalten von Wissenschaft
lern zu erkunden, wozu bislang allerdings nur eine kleinere auf funfzehn
Interviews basierende Untersuchung durchgefuhrt werden konnte.
Aber damit hatten wir nur erst herausgefunden, wie geubte Autoren bei
gelungenen Schreibprozessen vorgingen. Von dem ursprunglichen Ziel,
Genaueres uber die ineffektiven Strategien der Studierenden und Graduier
ten herauszufinden, die sich beim Schreiben schwer taten, waren wir nach
wie vor we it entfernt.
Urn eine Brucke von der Schreibforschung zur Schreibberatung zu
schlagen, grundeten wir 1993 ein Schreiblabor, in dem - nach amerika
nischem V orbild - Autoren, die im Prinzip wissenschaftlich schreiben
konnten, damit aber dennoch zeitweise oder standig Probleme hatten, Hilfe
erhielten. Die Beratung fand in einer in jedem Semester angebotenen
Schreibgruppe statt. Die TeilnehmerInnen schrieben dort ihre begonnenen
Arbeiten weiter und waren aufgefordert, vorher und nachher uber ihre
Probleme zu sprechen. Die Vor- und Nachrunden wurden auf Tonband
mitgeschnitten.
Auf diese Weise war es m6glich, im Laufe des Semesters auch Zugang
zu den mentalen Aktivitaten dieser zeitweise blockierten Schreiberinnen und
Schreiber zu gewinnen und daraus wiederum Ruckschliisse auf die
vermuteten ineffektiven Strategien zu ziehen. Es stellte sich heraus, dass es
zwischen dem Schreibverhalten der zeitweise blockierten und dem Schreib
verhalten der nicht blockierten Autoren in der Tat gravierende Unterschiede
gab, dass aber auch die Letzteren oft mit erheblichen Schwierigkeiten zu
kampfen hatten. Aber wahrend die blockierten Autoren angesichts der
Schwierigkeiten vorubergehend oder ganz kapitulierten, suchten die nicht
blockierten nach L6sungen und konnten den Schreibprozess fortsetzen.
In meiner Arbeit geht es urn nicht gegliickte und urn gegluckte
Schreibprozesse und die dabei zu Grunde liegenden kognitiven Prozesse.
Unter anderem will ich zeigen, dass Schreiben zu den Tatigkeiten gehOrt,
die schon von der Sache her gesehen schwer sind, und worin diese
Schwierigkeiten im Einzelnen bestehen.
Beim Planen und Schreiben dieses Buches habe ich von Vie len Hilfe
erhalten. Mein Dank dafur gilt zu allererst Cornelia Rau und Arne Wrobel.
Mit ihnen zusammen habe ich 1982 damit begonnen, mich in die prozess-
12 Vorwort
orientierte Sehreibforsehung einzuarbeiten und sinnvolle und zugleich
praxisnahe Fragestellungen zu entwiekeln. Viele in den folgenden Kapitelu
dargestellten Ideen und Forsehungsergebnisse sind aus den Diskussionen
mit ihnen hervorgegangen. Matthias Muller, Stephanie Sacher, Roland
Schmitt-Raiser und Christiane Sehonfeldt danke ich mr ihre Mitarbeit in
unserem Sehreiblabor. Ohne ihre aktive und einfiihlsame Leitung und Ko
Leitung der Sehreibgruppen ware es nieht moglieh gewesen, des Ansturms
der Hilfe Suehenden Herr zu werden. Meinen KollegInnen aus der
Sehreibforsehung und Sehreibberatung Ingrid Furehner und Hanspeter
Ortner danke ieh damr, dass sie mieh ermutigt haben, das Bueh zu Ende zu
sehreiben, und dass sie mit der Lektiire des Manuskripts und ihrer
konstruktiven Kritik zur besseren Lesbarkeit beigetragen haben. Einen Dank
besonderer Art sage ieh Claudia Rosenlaauz. Sie hat mein Bueh mit den
Augen einer erfolgreichen Romansehriftstellerin gelesen und den AnstoB
dazu gegeben, den Text so umzubauen, dass er aueh mr Laien interessant
wird. Da ich bis kurz vor der Einsendung des Manuskripts an den Verlag
immer noeh neue Fehler entdeekte, war eine griindliehe Sehlussredaktion
erforderlieh: Ich danke Lydia Tsehakert, G. Oehs, Thomas Schweer und
Claudia Skrdland damr, dass sie diese Arbeit ubernommen haben, und ieh
danke zugleieh aueh der Verlagslektorin Barbara Emig-Roller fur ihre
zahlreiehen Ratsehlage, die nieht nur die grafisehe Ausgestaltung, sondern
aueh inhaltliehe Details betrafen.
SehlieBlieh werde ieh standig den mnfzehn im Anhang aufgemhrten
Wissensehaftlem dankbar sein sowie den Versuehspersonen und den Teil
nehmerInnen an den Sehreibgruppen. Ohne sie hatte ieh die Untersuehung
uber Sehreibstrategien und Bloekaden gar nieht erst beginnen k6nnen.