Table Of Content46 Arachnol.Mitt. 36 (2008) Diversa
Die Dreiecksspinne-Hyptiotesparadoxus(Araneae:Uloboridae)
Spinne desJahres 2009
Die Dreiecksspinne ist eine kleine (3-6 mm) vor
alleminmittelaltenFichtenschonungenanzutref-
fende Spinne. Ihr Körper ist gedrungen, buckelig
und erscheint sehrkurz. Der Hinterkörperistvon
der Seite betrachtet rundlich-dreieckig. Der Vor-
derkörper ist von oben betrachtet fast rund und
steigt von vorne nach hinten an. Die Färbung ist
sehr variabel von grau, braun bis gelblich. Meist
fällt zuerst das typische dreieckige Netz auf Die
biogeographische Verbreitung der Dreiecksspinne
wird offensichtlich stark durch den Anbau von
Fichtenschonungengefördert,sodassdiese Spinne
wahrscheinlichweitverbreitet ist.
Interessant, neben der ungewöhnlichen
Körperform, ist das Fangverhalten der Spinne.
Das ursprüngliche Radnetz wurde im Laufe der
Evolution aufein Dreiecksnetz reduziert, das aus
vier Radialfäden besteht. Die vier Radialfäden
laufen in einem Signalfadenzusammen, an dessen
Ende die Spinne sitzt und den Faden mit ihren
kräftigen Vorderbeinpaaren festhält. Die Spinne
sitzt allerdings nicht aufeinem Ast, sondern steht
über die Spinnwarzen und einem weiteren Faden
mit dem Ast in Verbindung. Sie stellt also eine Abb.1:NachweiskartevonHyptiotesparadoxus(C.L.Koch,
Art Brücke zwischen Netz und Ast dar.Wird das 1843)in Deutschland(Staudt2008)
Netz nun durch ein Beutetier in Vibrationen ver- Flg.1:MapofrecordsofHyptiotesparadoxus(C.L.Koch,1843)
setzt,verlängertdie Spinne denVerbindungsfaden inGermany(Staudt2008)
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zwischenSpinnenwarzenundAstschlagartig.Das Protagonisten durch unterschiedliche Medien.
NetzverliertdaraufhinseineSpannungundfälltin Dazuwurde in denletztenJahren einbreites Netz
sich zusammen und umwickelt so die Beute. Die anVerteilernaufgebaut,zudenenWohlertWohlers
Fäden weisen dabei keine Klebeflüssigkeit auf, undGerlindeNachtigall(beideJulius Kühn-Insti-
sondern haben eine wollende Struktur. Die Beute tut, ehemals Biologische Bundesanstalt für Land-
wird demnach durch Adhäsionskräfte der Fäden undForstwirtschaft,Braunschweig(BBA))genauso
an Verlassen des Netzes gehindert. gehören wie Peter Jäger (Senckenberg Museum,
Die gefangene Beutewird nun nicht durch ei- Frankfurt am Main). Angestoßen durch deren
nen Giftbiss getötet, sondern, da die Spinne keine Pressemitteilungen gesellen sich dann zahlreiche
Giftdrüsen besitzt, vor dem Munde durch abge- regionaleundüberregionaleZeitungen,Rundfimk-
gebeneVerdauungssekreteverdaut (PETERS 1938, und Fernsehanstalten, genauso hinzuwie Verlage,
Reukauf 1931, Bellmann 1997, Zschokke Museen oderandere Einrichtungen,die die Natur
2000, Dalton 2005). desJahres (Tiere und Pflanzen) in Ausstellungen
präsentieren.DasEchokonntesomitindenvergan-
Werwar an derWahl der Europäischen Spinne genenJahren gleichmäßighoch gehaltenwerden.
desJahres2009beteiligt? Jeder Arachnologe kann aber auch selbst tätig
Seit2005wirdnunjährlichdieEuropäischeSpinne werden,indemeraufdiegewählte Spinnehinweist
des Jahres von einem internationalen Gremium oder einenText aufdie eigene Internetseite stellt.
gewählt. Dem Gremium gehörten im Jahr 2008 Ziel soll und muss es bleiben, unser „Jahrestier“
insgesamt 71 Personen aus 21 Ländern (Belgien, einem breiten Publikum zu zeigen, da wir nicht
Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, primär aufeine zu schützende Spinne hinweisen
Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Nie- wollen,sondernimmernochdemweitverbreiteten
derlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Ekel entgegentreten.
Schweden,Schweiz,Slowakei,Slowenien,Spanien,
Tschechische Republik und Ungarn) an. Initiiert UndwarumgeradeHyptiotesparadoxus}
wurde dieWahlimJahr2008vonPeterJäger,Mi- Die Wahl der Spinne des Jahres fiel in diesem
lan Rezäc und dem Autor. Dabei gab PeterJäger DurchgangaufeinTier,das mehrereFaktoren auf
fürDeutschlandden StartschussundMilan Rezäc sichvereint.
wurde aufinternationaler Ebene tätig. Ergänzend 1. Nachdem im vergangenen Jahr eine ganze
war der Autor für die Presse zuständig. Allen Gruppe(Gattung Tegenaria) ausgewähltwurde,
Kollegen, die sich an derWahlbeteiligthaben, sei ist es in diesemJahr wieder eine einzelne Art.
aufdiesemWeggedankt.Jason Dunlop wurde als Eine gewisse Abwechslung erscheint uns dabei
„nativeSpeaker“derTextzurÜbersetzungvorgelegt, notwendig.
HeikoBellmannsteuertefreundlicherweiseBilder
2. Die Spinne ist nicht synanthrop verbreitet,
dazu und Aloysius Staudt erstellte eine Verbrei-
sondern in den heimischen Fichtenwäldern zu
tungskarte zum aktuellen Stand der bundeswei-
finden.DeroderdieInteressiertemussalsoraus
ten Nachweise. Zusätzlich wurden Kollegen aus in die Natur,um die Spinne zu finden.
Deutschland (JörgWunderlich, Heiko Bellmann)
undderSchweiz(SamuelZschokke)gebeten,fach- 3. Sie hat für eine Spinne einen eher untypischen
lich-inhaltlichenInputzuliefern.FrankLepperwar Körperbau.Die Spinneistzwarkleinaberdafür
dannderjenige,derdieerstenöffentlichenTexteauf einmalig charakteristisch.
die Internetseite der AraGes (http://www.arages. 4. Ebenso ist ihr Fangverhalten mit einem Drei-
de/sdj/sdj_09.php) einstellte. ecksnetzin unseren Breiten einmalig.
5. Ihre biogeographische Verbreitung ist nicht
Aus dieserkleinenAufzählungwird deutlich,dass geklärt. So gehen ältere Beschreibungen von
die Europäische Spinne des Jahres mittlerweile einem Schwerpunkt in den Mittegebirgslagen
nicht mehr nur ein Projekt einiger Weniger ist, aus,siewirdaberauchimFlachlandangetroffen.
sondern vieler Helfer bedarf, um es jährlich neu Ergänzende Nachweise können hier weitere
Umsetzenzu können. Fragen klären.
DernächsteSchrittistdanndernachaußen,was
soviel bedeutet, wie die Bekanntmachung unseres
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6. IhreVerwandtschaft {Uloborusplumipes) gehört UnterstützendeGesellschaften:
zudenEinwanderernnachDeutschland,womit • Arachnologische Gesellschaft e.V.AraGes
der Bezug zu den Neozoen und der aktuellen • BelgischeArachnologischeVereniging/Societe
Diskussion hergestelltist. Arachnologique de BelgiqueARABEL
• The BritishArachnological Society (BAS)
WennwirdasInteresseanderEuropäischenSpinne • European Invertebrate Survey-Nederland,
desJahres geweckt haben sollten, so ladenwir Sie Section SPINED
ein, die Internetseite der AraGes (www.arages. • GrupoIbericodeAracnologia-SociedadEnto-
de) zu besuchen, aufder die Spinne mitText und mologicaAragonesa GIA
Bildern vorgestellt wird. Dazu gibt es eine kleine • European SocietyofArachnology ESA
Literatursammlung,fürdenjenigen,derweitereIn-
formationenhabenmöchte. Esseihierauchgleich Literatur
aufdie Arachnologischen Bibliotheken vonTheo Bellmann H. (1997): Kosmos-Atlas Spinnentiere
BlickunddesAutorshingewiesen,diedieseArbei- Europas. - Stuttgart, Kosmos: 304 S.
ten enthalten. Und natürlich freuen wir uns über DaltonS.(2005):PreyCapturebyHyptiotesparadoxus.
jeden Nachweis, der uns gemeldet wird und dazu -Newsl. Br. arachnol. Soc. 104: 17-18
beiträgt, dasWissen überHyptioteszu mehren. PetersH.M.(1938):ÜberdasNetzderDreieckspinne,
Hyptiotesparadoxus. - Zool.Anz. 121: 49-59
ReukaufE.(1931).ZurBiologievonHyptiotesparado-
xus. Z.Morph. Ökol.Tiere21: 691-701
Staudt A. (2008): Nachweiskarten der Spinnentie-
re Deutschlands (Arachnida: Araneae, Opiliones,
Pseudoscorpiones). - Internet: http://www.spider-
ling.de/arages; bzw. für H. paradoxus: http://www.
spiderling.de/arages/Verbreitungskarten/species.
php?name=hyppar
ZSCHOKKES.(2000):Webdamageduringpreycapture
\nHyptiotesparadoxus(C.L.Koch1834)(Uloboridae).
-Arachnol.Mitt. 19: 8-13
Martin Kreuels