Table Of ContentDie Dialektik des Geheimnisses
Warschauer Studien zur
Kultur- und Literaturwissenschaft
Herausgegeben von Karol Sauerland
Band 4
Grażyna Kwiecińska (Hrsg.)
Die Dialektik des Geheimnisses
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Gutachter:
Bożena Chołuj
Małgorzata Klentak-Zabłocka
ISSN 2191-1886
ISBN 978-3-631-62665-8 (Print)
E-ISBN 978-3-653-02232-2 (E-Book)
DOI 10.3726/978-3-653-02232-2
© Peter Lang GmbH
Internationaler Verlag der Wissenschaften
Frankfurt am Main 2013
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort ................................................................................................................. 7(cid:2)
Marianne Schuller
Die Krypta – eine Geheimnis-Figur .................................................................... 11(cid:2)
Heinz Hillmann
Über Gott reden – in Mythos, Poesie und Religion ............................................ 19(cid:2)
Kamilla Najdek
„brevis esse laboro, obscurus fio“ – Johann Georg Hamann und seine
sibyllinische Rede ............................................................................................... 49(cid:2)
Leonhard Fuest
Das Geheimnis der Pharmakeia. Zum medientheoretischen Einsatz einer
mythopoetischen Figur ....................................................................................... 57(cid:2)
Karol Sauerland
Im Widerstreit zwischen dem Geheimen und Öffentlichen –
Die Revolution als Herausforderung (Goethe, Novalis, Friedrich Schlegel) ..... 65(cid:2)
Bernd Hamacher
„Laß in den Garten mich ein“. Zur Poetik des Geheimnisses
bei und nach Goethe ........................................................................................... 77(cid:2)
Anne-Rose Meyer
Geheimnisvolle Schleier – Novalis, Schiller, Radcliffe ..................................... 89(cid:2)
Barbara Surowska
Arthur Schnitzlers Der grüne Kakadu aufgedröselt? ....................................... 105(cid:2)
Anna Wołkowicz
„hart an der Sympathie fürs Okkulte“. Zur Dialektik der Verdunkelung
in Ernst Blochs Geist der Utopie (und ihrer Würdigung durch Adorno) ......... 117(cid:2)
Krzysztof Tkaczyk
Verrätselung, Verwirrung, Verunsicherung. Erzählstrategien in Hugo Balls
Tenderenda der Phantast .................................................................................. 137(cid:2)
Grażyna Kwiecińska
Die Strategien des Verschleierns in Alfred Döblins Roman Hamlet oder die
lange Nacht nimmt ein Ende ............................................................................. 153(cid:2)
6 Inhaltsverzeichnis
Andrzej Kopacki
Die Dialektik des Gesprächs. EIN BLATT Paul Celans .................................... 165(cid:2)
Paweł Piszczatowski
Schwimmhäute zwischen den Worten
Celans Atopien der Gleichzeitigkeit ................................................................. 177(cid:2)
Julia Boog
Hinüberdunkeln – Spuren-Poetik von Celan zu Tawada .................................. 187(cid:2)
Magdalena Daroch
Aufdecken des Geheimnisses in Thomas Lehrs Novelle Frühling .................. 203(cid:2)
Über die Autoren .............................................................................................. 213(cid:2)
Vorwort
Man fragt sich, was „Dialektik des Geheimnisses“ heißen mag. Geheimnisse
können enthüllt werden, was nicht unbedingt gelingen muss. Es gibt aber auch
offene Geheimnisse, die im Grunde genommen keine Geheimnisse sind, aber als
solche aufgefasst werden, weil über sie hinter vorgehaltener Hand gesprochen
werden soll. Schließlich gibt es Geheimnisse, die es bleiben, über die man nur
Vermutungen anstellen kann. Adelung nennt das „Geheimnis der Dreyeinigkeit.
Das Geheimnis der Menschwerdung Christi“. Auch die „Verbindung der Seele
mit dem Leibe“ gehören nach seiner Ansicht „zu den Geheimnissen der Natur“.1
Doch hier geht es um die Dichtung – um die Dunkelheit der Dichtung, von der
festzustellen ist, dass sie zur Gegenwart hin immer weiter um sich greift und uns
auf die Spuren der hermetischen Literatur führt, wenn auch einer besonderen
Version der Hermetik. Es ist eine Hermetik, die sich nicht in gewöhnlicher
Kommunikationsverweigerung erschöpft, sondern – mit Adorno und im Lichte
seiner Überlegungen zu einem Schreiben nach ‚Auschwitz’ gesprochen – dialek-
tisch verfasst ist: ihr Schweigen soll als ein Zeichen, ja darüber hinaus als eine
öffentliche Bekundung im weitesten Sinne verstanden werden.
Der Einsatzpunkt dieses Bandes liegt in der Mitte des 18. Jahrhunderts, man
könnte wohl sagen in der Goethe-Zeit, drei von den fünfzehn Beiträgen sind
Goethe gewidmet, in zwei steht Novalis im Mittelpunkt. Von da aus wird ein
Bogen bis ins 21. Jahrhundert geschlagen, bis zu Yoko Tawadas Kommentar zu
der japanischen Celanübersetzung und der Holocaustliteratur der ‚dritten Gene-
ration’ (Thomas Lehr). Das behandelte Textfeld reicht dabei weit über die klas-
sische literarische Sphäre hinaus und dehnt sich über Lyrik, Schauspiel, Romane
auf politische Programme und kulturphilosophische Entwürfe aus. Dementspre-
chend facettenreich gestalten sich die Beiträge in methodologischer Hinsicht
über die Ideen- und Diskursgeschichte, bis hin zur Textrhetorik, Intertextualität
und Intermedialität.
1 Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der | Hochdeutschen Mundart,
mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeut-
schen, von Johann Adelung, Churfürstl. Sächs. Hofrathe und Ober-Bibliothekar. Zweyter
Theil, von F – L. Mit Röm. Kais., auch K.K. u. Erzh. Oesterr. gnädigsten Privilegio |
über gesammte Erblande, Leizpig 1796, Johann Gottlob Immanuel Breitkopf und Com-
pagnie, 1796, S. 493.
8 Vorwort
Was die Erfassung des Gegenstandes betrifft, so ist die Frage nach der spezi-
fischen Vorstellung, die sich aus den wechselnden geschichtlichen Zusammen-
hängen ergibt, in allen Beiträgen ins Visier genommen worden. Einen über die
Epoche der behandelten Texte hinausweisenden Charakter haben die Beiträge von
Marianne Schuller, Heinz Hillmann, Karol Sauerland und Leonhard Fuest.
Gleich im ersten Beitrag scheint Marianne Schuller eine Erklärung zu ge-
ben, was Dialektik des Geheimnisses bedeuten könnte. Sie beginnt mit der Dar-
stellung der Krypta, eines offenen Raums in einem geschlossenen – also einem
architektonischen Modell, das sie zum Sinnbild der Geheimnisstiftenden Aus-
grenzung erklärt und veranschaulicht ihre Konzeption am Beispiel der Türhüter-
Legende von Franz Kafka.
Heinz Hillmann geht dagegen im Vorspann zu seinem Beitrag „Über Gott
reden – in Mythos, Poesie und Religion“ auf die Geheimniserörterungen von
Niclas Luhmann und Georg Simmel ein. Luhmann erörtert in dem Kapitel „Die
Geheimnisse der Religion und Moral“ seines Buches Die Gesellschaft der Ge-
sellschaft, wie Religion bestimmt und vor allem vor Angriffen verteidigt werden
könne. Das Religiöse ist das Unbezeigbare, in ihm ist Gott das Unzulängliche,
das wie ein Geheimnis geschützt werden muss. Simmel erörtert dagegen Ge-
heimnis in einem weiteren Kontext. Für ihn ist das Geheimnis etwas gesell-
schaftlich Relevantes. Gesellschaft ist gleichsam ohne Geheimnis nicht möglich.
„Es charakterisiert jedes Verhältnis zwischen zwei Menschen oder zwei Grup-
pen, ob und wie viel Geheimnis zwischen ihnen ist“, wobei es eine produktive
Dynamik zwischen dem Schutz des Geheimnisses und seiner Offenbarung gibt.
Man könnte hier von einer Dialektik des Öffnens und Verschließens sprechen,
ähnlich wie beim Krypta-Gleichnis.
Doch wie steht es um Gott als Geheimnis, als einem, der sich verbirgt und
doch erkannt werden will. In der Bibel gelingt es ihm „zugleich gesehen und
nicht gesehen zu werden, zu glänzen und zu leuchten und Moses doch nicht zu
verbrennen und zu vernichten“. Aber auch Dichter und Denker spielen mit dem
Verbergen, dem Verborgen sein und der Sichtbarkeit, dem Sich-Zeigen, sei es
ein Rilke, sei es Meister Eckhart. Gleichzeitig schaffen sie mit ihren Bildern und
Visionen eine gesonderte Geheimnisgesellschaft, um mit Simmel zu sprechen.
Manche mögen es eine „Diskursgemeinschaft“ nennen, die in sich abgeschlos-
sen ist, wenngleich offen für jeden.
Im modernen politischen Leben duldet die Öffentlichkeit keine Geheimnis-
se. Dass man dem „Volk“ etwas vorenthält, wird als verwerflich erachtet. Kabi-
nettspolitik gilt als hinterlistige Machtaneignung. Ein Goethe sah dies anders,
Vorwort 9
wie Karol Sauerland zeigt. Aber bereits damals gab es in Deutschland andere
Stimmen. So reflektierte Friedrich Schlegel darüber, wie man gemeinsam über
das Zusammenleben entscheiden könne. Aber allein absolute Offenheit hält die
Menschen nicht zusammen, dazu muss, wie Novalis einzuwerfen scheint, noch
eine geheime Macht hinzukommen: unsichtbare Kräfte, „religio“ im Sinne des
Bindenden. Schlegels Reflexionen veranlassen Sauerland dazu Parallelen zu der
polnischen Solidarność-Bewegung zu entwickeln.
Bernd Hamacher erklärt in seinem Beitrag Goethes „Poetik des Geheimnis-
ses“ und verweist auf dessen Begriff des „offenbaren Geheimnisses“, welcher
genau das zum Ausdruck bringt, was in diesem Band mit Dialektik des Geheim-
nisses bezeichnet wurde – es gibt Geheimnisse, die eine Offenbarung darstellen,
wenn man sich ihnen nur stellt, sie zu lesen versteht.
Hamacher führt hierzu den Begriff des „Offenbarungsaugenblicks“ an. Und
zu Recht zitiert er Goethes Gedicht aus dem West-östlichen Divan, das auch hier
wiedergegeben sei:
Offenbar Geheimnis
Sie haben dich, heiliger Hafis,
Die mystische Zunge genannt
Und haben, die Wortgelehrten,
Den Wert des Worts nicht erkannt.
Mystisch heißest du ihnen,
Weil sie Närrisches bei dir denken
Und ihren unlautern Wein
In deinem Namen verschenken.
Du aber bist mystisch rein,
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu sein, selig bist!
Das wollen sie dir nicht zugestehn.
Im Kontext des Geheimnisses erweist sich der Schleier als eine äußerst produk-
tive Metapher, das Lüften eines Schleiers wird mit der Entdeckung eines Ge-
heimnisses assoziiert. Den Schleiertexten von Novalis (Der Lehrling zu Sais),
Schiller (Das verschleierte Bildnis von Sais) sowie Ann Radcliffes Gothic Novel
(The Mysteries of Udolpho) wendet sich Anne-Rose Meyer zu. Julia Boog ent-
deckt noch ein anderes Schleier-Phänomen, das in dem Schaffen von Yoko Ta-
wada zu verfolgen ist. Sie spricht von dem Entschleiern (der Neuentdeckung)
der Sprache während des Übersetzens von Celans Gedichten ins Japanische. Sie
prägt dafür den Begriff des „Hinüberdunkelns“. Über Paul Celan schreiben auch