Table Of ContentSünje Paasch-Colberg
Die Bedeutung
politischer Themen
im Wahlkampf
Mediale Thematisierungswirkungen
im Bundestagswahlkampf 2009
Die Bedeutung politischer Themen
im Wahlkampf
Sünje Paasch-Colberg
Die Bedeutung
politischer Themen
im Wahlkampf
Mediale Thematisierungswirkungen
im Bundestagswahlkampf 2009
Sünje Paasch-Colberg
Berlin, Deutschland
Dissertation Freie Universität Berlin, 2015
OnlinePlus Material zu diesem Buch finden Sie auf
http://www.springer.com/978-3-658-15777-7
ISBN 978-3-658-15776-0 ISBN 978-3-658-15777-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-15777-7
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-
bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb .d-nb.de abrufbar.
Springer VS
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die
nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung
des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem
Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche
Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten
wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.
Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informa-
tionen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind.
Weder der Verlag noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder
implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen.
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Springer VS ist Teil von Springer Nature
Die eingetragene Gesellschaft ist Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany
Vorwort
Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine überarbeitete Fassung meiner Dissertation,
die ich Ende 2014 am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Uni-
versität Berlin eingereicht habe. Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß haben
meine Arbeit als Gutachter betreut – für ihre wertvollen Ratschläge und Ideen, den
Ansporn und das Feedback möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken.
Meinen ehemaligen und aktuellen Kolleginnen und Kollegen am Berliner Institut
und in der Schweiz danke ich ebenfalls für ihre Unterstützung. Das gilt besonders
für Gergana Baeva, Anne Beier, Ada Fehr, Benjamin Fretwurst, Janine Greyer, An-
nett Heft und Bertil Schwotzer. Herzlich gedankt sei auch Ivan Ebel, meinen Eltern
und meiner Familie für ihre Unterstützung in den letzten Jahren.
Berlin, Juni 2016
Sünje Paasch-Colberg
5
Inhalt
1 Einleitung ................................................................................................... 9
1.1 Problemstellung und Zielsetzungen ............................................................. 13
1.2 Aufbau der Untersuchung ............................................................................. 16
2 Mediale Thematisierungseffekte ............................................................. 21
2.1 Forschungsperspektiven: Agenda Setting und Priming ............................ 22
2.1.1 Begriffsbestimmung: Thema ............................................................ 23
2.1.2 Agenda Setting ................................................................................... 34
2.1.3 Priming ................................................................................................ 38
2.2 Der gesellschaftliche Thematisierungsprozess ........................................... 51
2.2.1 Öffentlichkeitstheorien und mediale Thematisierung .................. 53
2.2.2 Die Medienagenda als abhängige Variable ..................................... 60
2.2.3 Modelle und Randbedingungen des Agenda-Setting-Prozesses .. 68
2.3 Individuelle Thematisierungseffekte ............................................................ 78
2.3.1 Thematisierung als kognitive Zugänglichkeit ................................. 79
2.3.2 Thematisierung als dualer Lernprozess .......................................... 88
2.4 Zwischenfazit ................................................................................................ 101
3 Wahlentscheidung und politische Themen .......................................... 105
3.1 Modelle zur Erklärung des Wahlverhaltens .............................................. 106
3.1.1 Soziologische Ansätze des Wahlverhaltens .................................. 108
3.1.2 Das sozialpsychologische Modell .................................................. 120
3.1.3 Rational Choice-Perspektiven ........................................................ 129
3.1.4 Fazit: Themen und Wahlverhalten ................................................ 142
3.2 Empirische Befunde: Issue Voting in deutschen Wahlen ....................... 145
3.3 Ein interdisziplinäres Modell der Wahlentscheidung .............................. 164
4 Untersuchungsgegenstand: Bundestagswahl 2009 ................................ 171
4.1 Ereignishintergrund: Politische Themen im Sommer 2009.................... 171
4.2 Befunde der Wahl- und Wahlkampfforschung ........................................ 175
4.3 Befunde zur politischen Kommunikation und medialen
Thematisierung ............................................................................................. 182
7
5 Konzeption und Methode ...................................................................... 189
5.1 Forschungsfragen und Hypothesen ........................................................... 190
5.2 Inhaltsanalyse: Die Primärstudie ................................................................ 196
5.2.1 Untersuchungseinheiten und Fallzahlen ....................................... 196
5.2.2 Kategoriensystem ............................................................................ 197
5.2.3 Zusatzcodierungen .......................................................................... 200
5.2.4 Durchführung der Codierung und Reliabilität ............................. 203
5.3 Inhaltsanalyse: Die Sekundäranalyse .......................................................... 204
5.3.1 Materialstichprobe ........................................................................... 205
5.3.2 Analyseeinheit .................................................................................. 207
5.3.3 Themenerfassung ............................................................................ 208
5.3.4 Messung der Medienagenda ........................................................... 214
5.4 Befragung: Die Primärstudie ....................................................................... 216
5.4.1 Rolling Cross Section-Design (Vorwahlwelle) ............................. 217
5.4.2 Gewichtungsvariablen ..................................................................... 220
5.4.3 Interview-Kategorien ...................................................................... 222
5.5 Befragung: Die Sekundäranalyse ................................................................ 227
5.5.1 Wahlentscheidung ........................................................................... 227
5.5.2 Individuelle Themensalienz ............................................................ 230
5.5.3 Persönlichkeitsmerkmale ................................................................ 234
5.5.4 Themen, Kandidaten, Parteiidentifikation ................................... 235
5.6 Analysestrategien und Ergebnisdarstellung .............................................. 236
6 Agenda Setting ....................................................................................... 241
6.1 Die Medienagenda: Politische Themen im Wahlkampf .......................... 242
6.2 Die Themenagenda der Befragten ............................................................. 252
6.3 Gesellschaftliche Agenda Setting-Effekte ................................................. 263
6.3.1 Themenverläufe: Wirtschaft und Afghanistan ............................. 266
6.3.2 Zusammenhänge zwischen Medien- und Publikumsagenda ..... 268
6.3.3 Dynamische Modelle zur Erklärung der Publikumsagenda ....... 274
6.4 Individuelle Agenda Setting-Effekte .......................................................... 276
6.4.1 Mediennutzung und Orientierungsbedürfnis ............................... 277
6.4.2 Genutzte Medieninhalte und individuelle Salienz ....................... 287
8
7 Priming ................................................................................................... 295
7.1 Wahlverhalten in der Bundestagswahl 2009 ............................................. 296
7.2 Gesellschaftliche Priming-Effekte ............................................................. 299
7.2.1 Politische Stimmungen im Wahlkampfverlauf ............................ 299
7.2.2 Zusammenhänge zwischen Medienagenda und politischer
Stimmung ..................................................................................... .... 301
7.2.3 Dynamische Modelle zur Erklärung der politischen
Stimmung .......................................................................................... 303
7.3 Individuelle Priming-Effekte ...................................................................... 305
7.3.1 Einstellungen zu Themen und Wahlverhalten ............................ 306
7.3.2 Themensalienz, Einstellungen zu Themen und Wahlverhalten 316
7.3.3 Themen und Themensalienz im integrierten Modell .................. 329
8 Fazit ........................................................................................................ 345
8.1 Begriffsbestimmung und theoretischer Rahmen ...................................... 346
8.2 Diskussion der empirischen Befunde ........................................................ 348
8.3 Ausblick ......................................................................................................... 354
Literaturverzeichnis ...................................................................................... 357
Zusatzmaterialien sind unter www.springer.com auf der Produktseite dieses Buches
verfügbar.
9
1 Einleitung
In den letzten 40 bis 50 Jahren ist in Deutschland (und anderen westlichen Demo-
kratien) ein gesellschaftlicher Wandel zu beobachten, der auch das Wahlverhalten
der Menschen betrifft. So gibt es z. B. immer weniger Wählerinnen und Wähler1, die
sich langfristig einer politischen Partei verbunden fühlen; umgekehrt steigt die Zahl
der politisch Unentschlossenen, der Spätentscheider und der Wechselwähler (vgl.
Kapitel 3.1.1). Für diese wachsende Gruppe von ungebundenen und unentschlos-
senen Wahlberechtigten sind daher kurzfristige Faktoren bedeutend, wenn sie ihre
Wahlentscheidung treffen. Das können Eindrücke vom Personal der Parteien oder
Einstellungen zu aktuellen politischen Sachfragen sein. Tatsächlich zeigen Ansätze
aus allen theoretischen Hauptströmungen der politikwissenschaftlichen Wahlfor-
schung und deren empirische Befunde, dass sich die Einstellungen der Wähler zu
politischen Sachfragen entscheidend auf das individuelle Wahlverhalten auswirken
können (vgl. Kapitel 3). Voraussetzung für ein solches themenorientiertes Wählen
ist, dass der Wähler ein Thema kennt, ihm eine gewisse Bedeutung zuschreibt und
es mit den Parteien, deren Kompetenzen und Programmen in Verbindung bringt
(vgl. Kapitel 3.1). Offensichtlich spielen Informationen über aktuelle (politische) Er-
eignisse eine zentrale Rolle für das individuelle Wahlverhalten.
Die FDP erzielte bei der Bundestagswahl 2009 ihr bestes Wahlergebnis aller Zei-
ten und erreichte zusammen mit der CDU/CSU die notwendige Mehrheit zur Bil-
dung einer schwarz-gelben Koalition. Beobachter der Wahl vermuten, dass das
Thema Wirtschaft für viele Wähler ausschlaggebend war: „Über die Hälfte der Wäh-
ler von Union und FDP haben Schwarz-Gelb mehr wirtschaftspolitisches Können
zugeschrieben als dem Verlierer-Trio“ (Joffe 2009). Vor dem Hintergrund der Fi-
nanz- und Wirtschaftskrise kann man sich über diesen Erfolg der FDP und ihrer
liberalen Wirtschaftspolitik auch wundern. „Angesichts der bitteren Wirtschaftszah-
len hätte man eine ‚strukturelle’ Linksmehrheit erwarten dürfen – ein Ja zu den Par-
teien, die die schützende Hand des Staates angeboten haben […]“ (Joffe 2009). Die
1 Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf den differenzierten Gebrauch männli-
cher und weiblicher Substantivformen verzichtet; mit der männlichen Form sind dabei stets beide
Geschlechter gemeint.
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 11
S. Paasch-Colberg, Die Bedeutung politischer Themen
im Wahlkampf, DOI 10.1007/978-3-658-15777-7_1
Tatsache, dass diese Erwartung so nicht eingetreten ist, kann z. B. das Medien-Pri-
ming-Modell erklären: Wenn die Wirtschaft in den Wochen vor der Wahl prominent
in den Massenmedien diskutiert wurde, so kann alleine die öffentliche Sichtbarkeit
dieses Themas der FDP geholfen haben, da ihr traditionell die Kompetenz in Wirt-
schaftsfragen zugeschrieben wird.
Dieses Beispiel verdeutlicht noch einmal, dass aktuelle politische Informationen
insbesondere für den ‚modernen’, ungebundenen Wähler entscheidend sind und dass
damit die kommunikationswissenschaftliche Perspektive (gerade vor dem Hinter-
grund des gesellschaftlichen Wandels) für die Wahlforschung zentral ist. Trotzdem
zeichnet sich die Wahlforschung durch eine mangelnde Interdisziplinarität aus; die
gegenseitige Nicht-Beachtung der Modelle und Befunde der Politik- und der Kom-
munikationswissenschaft wurde schon oft bemängelt und diese Kritik ist auch nicht
mehr neu (vgl. z. B. Schulz 2008: 15; Quiring 2006; Brettschneider 2005; Knoche/
Lindgens 1990). Aber auch aktuell wird der Mainstream der politikwissenschaftli-
chen Wahlforschung noch dafür kritisiert, den Einfluss von Informationen auf wahl-
relevante Vor- und Einstellungen nicht in den Blick zu nehmen (vgl. Gabriel/Maier
2009; Quiring 2006) und sich kontextuellen Faktoren wie der politischen Kommu-
nikation zu wenig zu öffnen (vgl. Schmitt-Beck 2012: 13; vgl. auch Gabriel/Keil
2005). Folglich wird auch in empirischen Analysen die Rolle von Medieninhalten
und Mediennutzung für die Bildung und Veränderung wahlrelevanter Einstellungen
meist nicht untersucht (für Ausnahmen vgl. z. B. Sheafer 2008; Gidengil et al. 2002;
Klein et al. 2002; Schmitt-Beck 2000; Johnston et al. 1992).
Insbesondere zielt die Kritik darauf ab, dass individuelle Informationsverarbei-
tungsprozesse in der politikwissenschaftlichen Wahlforschung keine Rolle spielen,
sondern implizit von einem Stimulus-Response-Modell und direkten, universellen
Medienwirkungen ausgegangen wird (vgl. Brettschneider 2005: 498; vgl. auch Shahla
2001). So mahnt Schmitt-Beck (2012) in einer aktuellen Bestandsaufnahme der em-
pirischen Wahlforschung in Deutschland, die geforderte Öffnung des Fachgebietes
dürfe nicht nur durch eine Ausweitung des Untersuchungsgegenstands geschehen,
sondern müsse mit einer theoretischen Bereicherung einhergehen. Insbesondere
kognitionspsychologische Erkenntnisse könnten „zu einer geradezu revolutionären
Vertiefung des wissenschaftlichen Verständnisses“ (Schmitt-Beck 2012: 14) von in-
dividuellen Entscheidungsprozessen führen und die zentrale Prämisse der Wahlfor-
schung, jeder Wähler komme auf dieselbe Weise zu seiner Wahlentscheidung, als
„problematische Vereinfachung“ (Schmitt-Beck 2012: 14) entlarven.
Den kommunikationswissenschaftlichen Studien zum Thema mangelt es ande-
rerseits oft an Einordnungen der Medienwirkungen in politikwissenschaftliche Mo-
delle bzw. berücksichtigen die Autoren nur gewisse Modelle der Politikwissenschaft
12