Table Of ContentDIE ANATOMISCHEN NAMEN
IHRE ABLEITUNG UND AUSSPRACHE
DIE
ANATOMISCHEN
NAMEN
IHRE ABLEITUNG UND AUSSPRACHE
ANHANG: BIOGRAPHISCHE NOTIZEN
VON
DR. HERMANN TRIEPEL
PROFESSOR IN BRESLAU
•
SIEBZEHNTE AUFLAGE
SPRINGER-VERLAG BERLIN HEIDELBERG GMBH 1935
Alle Rechte,
insbesondere das der Uebersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
Copyright 1927 by Springer-Verlag Berlin Heidelberg
UrsprOnglich erschienen bei J. F. Bergmann, München 1927
ISBN 978-3-662-29875-6 ISBN 978-3-662-30019-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-30019-0
Aus dem Vorwort zur ersten Auflage.
Bevor ich an die Ausarbeitung des vorliegenden Wörter
buches der anatomischen Sprache ging, habe ich mir über
legt, ob es nicht vielleicht eher die Sache eines Philologen,
als die eines Anatomen sei, ein solches Büchlein zu schreiben.
Ich kam zu der Überzeugung, dass hier der Anatom die
Feder anzusetzen habe, denn er l\Cnnt die praktischen Be
dürfnisse seiner Wissenschaft am besten, er allein weiss, wie
weit er gehen kann, wenn es gilt, sprachliche Misstände zu
beseitigen, der Philologe würde vielleicht die Hälfte unseres
Wortschatzes über Bord zu werfen geneigt sein. Aber dessen
ungeachtet habe ich es für meine Pflicht gehalten, mit der
gl'össten Gewissenhaftigkeit vorzugehen und alle Wörter auf
ihren Wert oder Unwert zu prüfen. Wir Anatomen legen
bei der Herstellung von Präparaten mit Recht grosses Ge
wicht auf das Äussere, ebenso kann man verlangen, dass
unsere Rede nieht nur ihrem Inhalte, sondern auch ihrer
Form nach korrelü sei.
Zur Abfassung dieses Wörterbuches wurde ich vor
allem durch zwei Gründe bestimmt. Einmal haben näm
lich erfreulicherweise viele Studierende den Wunsch, die
Abstammung der im anatomischen Unterricht gehörten Kunst
ausdrüclw kennen zu lernen und zur Deutung zahlreicher
Namen reichen die auf der Schule erworbenen Kenntnisse
nicht aus. Das gilt schon für den Fall, dass die Studieren-
VI Vorwort zur ersten Auflage.
den eine gymnasiale Vorbildung genossen haben, und wird
immer mehr sich bemerkbar machen, da heute für den
künftigen Mediziner die reale Vorbildung als besonders er
strebenswert angesehen wird. Dass der Wunsch nach Auf
klärung über den Sinn der von uns gebrauchten Worte besteht,
haben mir die vielen darauf abzielenden Fragen gezeigt,
die auf dem Präpariersaal an mich gerichtet worden
sind. Es ist erfreulich, denn man soll, so meine ich, von
den einer fremden Sprache entlehnten Kunstausdrilcken, die
man oft im Munde führt, auch wissen, woraus sie gebildet
sind und welche Grundbedeutung sie besitzen. Der zweite
Grund, der mich zum Schreiben des Büchleins bestimmte,
war darin gegeben, dass viele anatomische Namen sehr oft
mit falscher Betonung au~gesprochen werden. Man bekommt
manchmal auf dem Präpariersaal (und leider auch an andern
Orten) Dinge zu hören, die jedem einen Stich durchs Herz
geben müssen, der einmal die Schönheit der griechischen
und die Exaktheit der lateinischen Sprache bewundern ge
lernt hat.
Bei der Auswahl der Wörter, die aufgenommen werden
sollten, habe ich mich wesentlich an die "BN A" gehalten,
d. i. das aus dem Jahre 1895 stammende "Verzeichnis der
von der anatomischen Gesellschaft auf ihrer IX. Versammlung
in Basel angenommenen Namen".
Von den wissenschaftlichen Hilfs m i t tel n, die ich
bei der Ausarbeitung benutzte, will ich ausser den grossen
Wörterbüchern und Glossarien der alten Sprachen (Stephanus,
Passow, Georges, Du Cange u. a.) vor allem HyrtIs "Ono
matologia anatomica" erwähnen, ein Buch, das für jeden, der
sich mit der Geschichte unserer Wissenschaft und unserer
Sprache bt'schäftigt, eine unerschöpfliche Fundgrube des
Wissenswerten bildet.
Vorwort zur siebzehnten Auflage. VII
Eine Geschichte der anatomischen Namen zu schreiben
war nicht meine Absicht. Deswegen habe ich es im all
gemeinen vermieden, Belege oder genaue Angaben über die
Zeit einzuflechten, aus der die einzelnen Bezeichnungen
stammen, und über die Zeit, in der sie zuerst in ihrem
anatomischen Sinne gebraucht wurden.
Greifswald, im Oktober 1905.
Hermann Triepel.
Vorwort zur siebzehnten Auflage.
Die siebzehnte Auflage unterscheidet sich von der vor
hergehenden nur in einigen unwesentlichen Punkten. Auch
diesmal bin ich der Verlagshandlung für ihr Entgegenkommen
verpflich tet.
Breslau, im Juni 1935.
Hermann Triepel.
Einlei tung.
Fast alle anatomischen Namen gebören entweder dem Ia te i.
nischen oder grieohisohen Formenkreise an. Nur einige wenige,
die sich leicht vermeiden lassen, entstammen dem Arabisohen und
dem Französischen oder sind ganz willkürlioh gebildet worden. loh
sage nicht, dass die meisten Bezeichnungen der lateinisohen oder
altgriechisch'iln Sprache entnommen wären, denn begreiflioherweise
wird man nicht sämtliche Namen, deren die Anatomie bedarf, bei
Sohriftstellern der alten Spraohen finden, auch wenn man sieh nicht
eng an diejenigen der klassisohen Periode hält. Viele neue Aus
drücke waren zu formen, nnd wenn hierbei die für das Lateinisohe
und Grieohisohe geltenden Gesetze der Wortbildung gehörig berück
siohtigt worden sind, darf das Neue keinesfalls beanstandet werden.
Leider ist sehr oft gegen jene Gesetze verstossen worden,
und schon seit Jahren bemühen sioh die Anatomen, ihre Spraohe
zu reinigen. Vieles ist in dieser Riohtung gesohehen, einiges, was
noch beanstandet werden kann, muss allerdings vorläufig BO bleiben,
wie es ist. Denn ohne Zweifel können wir versohiedene sprachlioh
nioht ganz einwandfreie Bezeiohnungen, wie gewisse hybride Bil
dungen (s. u. 8. 6), aus praktisohen Gründen nioht ausmerzen,
nämlioh deswegen, weil wir sie duroh keine besseren ersetzen
können, die in gleioh kurzer und prägnanter Weise das, was sie
sollen, zum Ausdruok bringen.
Andererseits soll man natürlich das, was in unserem anato
misohen Spraohsohatz als praktisoh riohtig erkannt worden ist, zu
erhalten suohen, und man soll bei Neubildungen, wenn sie nötig
werden, die in Frage kommenden Regeln gehörig beaohten. Wichtig
ist dabei rUr uns die Spraohe, die beute in Grieohenland geschrieben
wird, denn das heutige Sohriftgriechisoh ist niohts anderes als das
alte Attisch (das nur im Laufe der Zeit mancherlei Vereinfaohungen
Triepel, Die anatomischen NameD. 1
2 Einleifung
und Abschleifungen erfahren hat). Wir sind daher berechtigt, Aus
drücke zu gebrauchen, die heute von sprachkundigen Grieohen ge
formt und in wissensohaftlichen Werken niedergelegt werden.
Ferner soll man, .uogegen leider sehr viel gesündigt wird,
sioh einer richtigen Ausspraohe der Kunstausdrücke befleissigen.
Nach den für das Lateinisohe geltenden Regeln sind auch diejenigen
anatomischen Namen auszusprechen, die aus dem Griechischen
stammen. Das ergibt Fioh aus folgender überlegung. Fast alles,
was unsere Zeit von der griechischen Kultur überkommen hat, ist
durch das Lateinische hindurchgegangen. Den einfachsten Beweis
hierfür liefern die bei uns gebrauchten Formen und die übliche
Aussprache der aus dem Griechischen stammenden Fremdwörter
oder der griechiscben Namen. So gehen wir nicht ins Museion und
hören n cht von bösen Daimonen, wir gehen vielmehr ins Museum
und hören von Dämonen; wir bewundern nicht die Philosophie des
Sokrates, das Wissen des AristoMIes, wir bewundern dagegen S6krates
und AristOteles; wir suchen das hunderttorige Theben nicht im
Lande des Neil, sondern am Nil. Obschon Altertumsfotscher die
Anlehnung an das Griechische fuchen und lieber von der Kunst des
Pheidias als von der des Phidi8s sprechen, so ist doch der über
ragende Einfluss des Lateinischen auf unsere Sprache leicht zu
erkennen.
Wenn in unserer No.nenklatur Wörter mit griechischen
Endungen (I. B. ganglion, der Genitiv baseos) vorkommen, so
widerspricht das nicht der angegebenen Auffassung und der ge
stellten Forderung, denn Formen wie die genannten finden sicb
auch im guten Latein.
Die Diphthonge at, ot und tt grieChischer Worte erscheinen
m Lateinischen entsprechend umgewandelt wieder: at wird zu ae,
Ot zu oe und ~t vor Konsonanten zu i, vor Vokalen zu i oder e.
Die Regeln, nach denen drei- (und mehr-) silbige Wörter
gleichviel ob sie aus dem Lateinischen oder aus dem Griechischen
stammen, be ton t werden mllssen, Bind die bekannten'
Ist die vorletzte Silbe, bezw. ihr Vokal, kurz, so wird die
drittletzte Si! be betont.
Ist die vorletzte Silbe, bezw. ihr Vokal, lang, so ruht der
Ton auf ihr.
Ist der Vokal der vorletzten Silbe an und für sich kurz,
folgen ihm aber zwei (oder mehr) Konsonanten, oder folgt ihm einer
'0
der Doppelkonsonanten :e und ., wird er duroh Position lang.
Einleitung 3
]t,Iufa (b, c, d, (, g, k, p, t) cum liquida (1, m, n, r) macht
kcine Positionslänge.
eh, ph, th werden nur als einzelne nuch~taben empfunden.
In lateinischen Wörtern ist ein Vokal vor einem anderen kurz.
(Es gibt einige wenige Ausnahmen von dieser Regel.)
Aus dem letzten Satze folgt natürlich nicht, dass in griechi
schen Wörtern, wenn sie nach lateinischen Regeln ausgesprochen
werden, ein an sich langer Vokal, dem ein anderer folgt, nunmehr
kurz wird; ein solcher Vokal bleibt lang, und, wenn er in der vor
letzten Silbe steht, ruht auf ihm demgemäss der Ton.
Im allgemeinen wird es nach dem Gesagten für die Auft'in
dung der richtigen Betonung genügen, wenn in dem folgenden Ver
zeichnis bei drei- und mehrsilbigen Wörtern der Vokal der vorletzten
r
Silbe mit einem Länge- oder Kürzezeichen oder --) versehen
wird. Es ist aber zweckmässig, ausserdem noch bei einer Reihe
von anderen Vokalen (z. B. auch in zweisilbigen Wörtern) die
Quantität zu bezeichnen, nämlich überall dort, wo erfahrungsgemäss
oft Fehler in der Betonung gemacht werden.
Positionslänge wird nicht besonders angegeben.
Viele Namen haben neben ihrer antiken Form noch eine
zweite erhalten, die der deutschen Sprechweise angepasst ist.
Natürlich behalten in solchen Fällen die mitgeteilten Betonungs
regeln nicht mehr ihre Giltigkeit. Obwohl in dem Verzeichnis an
gegeben ist anatonzta, histolog7:a, choana, sceletum, so sprechen wir
doch im al1gemeinen von Anatomie, Histologie, Choane (mit be
tontem a), Skelett.
Von den für uns in Frage kommenden Wort bild ungs
re gel n ist besonders diejenige wiohtig, die besagt, dass man sich
nach Möglichkeit vor hybriden Bildungen hüten soll, d. h.
man soll nicht Griechisches mit Lateinischem vermengen, soll kcine
griechischen Endungen an lateinische Stämme, keine lateinischen
Endungen an griechische Stämme hängen. Inwieweit Ausnahmen
gestattet werden können, wird noch zu besprechen sein. Die Er
füllung der gestellten Forderung setzt die Kenntnis der den beiden
Sprachen eigentümlichen S u ffi x e voraus. Im folgenden sollen
daher die für uns wichtigsten Endungen besprochen werden.
Die Adjektivendung -eus (mit kurzem e!) - bezeichnet den
Stoff, ist lateinisch (cinereus, vitreus usw.). Es gibt allerdings
auch griechische Adjektiva, die mit eus (ro~) endigen (sie bezeichnen
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