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Der Steinkrebs Austropotamobius
torrentium in Wien
W. BITTERMANN
Abstract by setting out 30 egg carrying females and
20 males in Hainbach in spring and 100
The Stone Crayfish Austropotamobius males and females in autumn, respectively.
torrentium in Vienna. Between 1992 and 1995, the program was
continued by restocking the Eckbach, the
Starting 1987, twenty brooks in Vien- Steinbach and the Halterbach in the same
na were investigated to establish the exi- way. All animals were kept for 6 to 16
stence of stone crayfish Austropotamobius days in aquariums to eliminate sick indivi-
torrentium populations, or whether duals.
(re)stocking is possible. A. torrentium
More recent observations in Halter-
populations were detected in three water-
bach demonstrated that natural restocking
courses. In four other brooks, water qua-
from small spring areas is possible even
lity and soil structure seemed highly suita- after many years disappearance in the
ble for stocking or restocking programs. main watercourse. Therefore the program
The restocking program started 1991 was stopped 1995.
Stapfia 58,
zugleich Kataloge des OÖ. Landesmuseums,
Neue Folge Nr. 137 (1998), 29-36
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Einleitung Nachfolgende Beobachtungen im Halter-
bach zeigten jedoch, daß trot: mehrjährigem
Zwischen 1987 unj 1995 wurden die Wie- Verschwinden der Tiere aus dem Hauptbach
ner Bäche im Auftrag der Wiener Magistrats- und den größeren Nebengerinnen eine natür-
ahteilung 22 (Natur- und Umweltschutz) hin- liche Wiederbesiedlung durch Restpopulatio-
sichtlich des Vorkommens des Steinkrehses nen aus den Quellbereichen durchaus mög-
untersucht. Folgende 20 Bäche wurden lich ist.
1987/88 bezüglich des Vorkommens von Aus-
tropoiamobius torrentium überprüft: Arhes-
Populationserhebungen
Abb. 1:
Ein für den Steinkrebs
ideal strukturierter Um Steinkrebspopulationen nachzuwei-
Abschnitt des Eck-
sen, wurden folgende Vorgangsweisen
baches.
gewählt:
Begehen der Bäche, um ihre Eignung als
l.ebensraum für A. torrentium :u überprüfen.
Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die
ausreichende Existen: geeigneter Unter-
schlupfmöglichkeiten gelegt, da diese neben
der Wasserqualität das Hauptknterium für die
Besiedelung eines Gewässers mit Steinkrebsen
darstellen (Sc.HL'l.TZ & KlRCHLEHNER 1984).
Suchen von A. turrentium in geeigneten
Bachabschnitten durch Umdrehen von Stei-
nen. Diese Methode dient zur raschen Orien-
tierung und ist die sicherste Möglichkeit,
auch Jungtiere zu erfassen sowie das
Geschlechtsverhältnis unabhängig von mögli-
chen Aktivitätsunterschieden zu erheben.
Begehen geeigneter Bachabschnitte bei
Nacht. Die aktiven Krebse sind im Lichtkegel
einer Taschenlampe gut zu finden.
Anködern und Fangen mittels Krebsteller
und -reusen. Diese Methode sollte das Über-
bach, Dornbach, Eckbach, Grenzbach, sehen von Populationen mit geringer Indivi-
Grünauerbach, Gütenbach, Hainbach, Hal- duendichte verhindern und wurde daher bei
terbach, Kräuterbach, Lainzerhach, Liesing, Bächen angewandt, bei denen die anderen
Mauerbach, Petersbach, Rosenbach, Rotwas- Nachweismethoden negative Ergebnisse
ser, Schreiberhach, Steinbach, Waldbach,
erbrachten. Sie wurde vor allem an Stellen
Wienfluss und Wunbach.
eingesetzt, an denen die Wassertiefe eine opti-
Im Gütenbach, Kräuterbach und dem sche Kontrolle unterband.
Dornbach konnten in diesem Zeitraum Stein-
Drei Bäche, der Waldbach, der Schreiber-
krebspopulationen nachgewiesen werden.
bach und der Petersbach sind vollständig
In 4 Bächen, in denen keine Populatio- reguliert und konnten nach einer einmaligen
nen des Steinkrebses nachgewiesen werden Begehung ausgeschieden werden. Von den
konnten, die aber hinsichtlich Bachstruktur restlichen untersuchten Bächen konnten nur
und Wasserqualität jedoch für diesen gefähr- im Gütenbach, im Dornbach und im Kräuter-
deten Vertreter der heimischen Fauna geeig- bach Steinkrebspopulationen nachgewiesen
net waren, wurden Wiederansiedlungsversu- werden. Da bei allen übrigen untersuchten
che mit niederösterreichischen Tieren durch- Bächen zwischen drei und fünf Nachtfänge an
geführt.
für Steinkrebse gut strukturierten Bachab-
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schnitten versucht wurden und auch mehrma- Tab. 1:
Siedlungsdichte von A. torrentium im Gütenbach, 10-m-Abschnitte. 1 = Untergrund
lige Anköderung erfolglos blieb, wurde ein
vorwiegend Feinsediment, Strömung sehr gering. 2, 4, 6, 7 = stark strukturierte
rezentes Vorkommen von A. torrentium :um Abschnitte mit Kolken und Stillwasserzonen. 3, 8 = gerade, seichte Bachabschnitte mit
damaligen Zeitpunkt mit an Sicherheit gren- starker, gleichmäßiger Strömung, Bachbett gleichmäßig zugepflastert.
zender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen.
Abschnitt 1 2 3 4 5 6 7 8 A
Spätere Beobachtungen am Halter-, Dorn-
Individuen 2 15 0 9 13 21 8 3 8.5
und Gütenbach zeigten jedoch starke Popula-
tionsschwankungen in den Hauptgerinnen.
Tab. 2:
Im Halterbach konnte nach dem Zusammen-
Siedlungsdichte von A. torrentium im Dornbach, 10-m-Abschnitte. 1,2 = stark struktu-
bruch einer gut etablierten Population Anfang rierte Abschnitte mit Kolken und Stillwasserzonen. 3, 4, 5 = gerade, seichte Bachab-
der Achtzigerjahre mehrere Jahre kein Stein- schnitte mit gleichmäßiger Strömung.
krebsvorkommen nachgewiesen werden. Abschnitt 1 2 3 4 5 A
In zwei von drei Bachen, in denen Stein- Individuen 26 12 1 5 2 9.2
krebspopulationen nachgewiesen werden
konnten, dem Gütenbach und dem Dornbach, Tab. 3: Tab. 4: Physikalisch-chemische Wasser-
Geschlechtsverhältnis von A. torrentium. parameter.
wurde eine semiquantitative Abschätzung der
Populationsdichte durchgeführt, indem im m:w n Parameter Bereich
Gütenbach 8 und im Dornbach 5 ausgewähl- Gütenbach Nachtfang 2,33:1 50 Temperatur in *C 1,9-21,6
Taqfanq 2,57:1 25 pH-Wert 8.1-«,4
te 10-m-Abschnitte besammelt wurden. Die
Dornbach Nachtfang 2,75:1 45 °dH Carbonat 11,5-15
Fangstrecken wurden so gewählt, daß der °dH qesamt 18-23,5
Anteil unterschiedlicher Strukturen in diesem Chlorid mq/l 10-20
(BOHL 1986) nicht beobachtet werden. Inter-
O mq/l 9,4-12,2
Bereich deren Zusammensetzung im gesamten 2
essant ist allerdings, daß SCHULTZ & KlRCH- 0} % Sättiqunq 91-30
Bachbereich möglichst genau widerspiegelt.
LEHNER (1984) im Spintikbach ein umgekehr- NH, mq/l 0,1-0,55
Die 8 Abschnitte im Gütenbach wurden in NO mq/l 0,0-0,04
tes Geschlechtsverhältnis feststellten. 2
der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1987, die 5 NO3 mq/l 1-15
im Dornbach in der Nacht vom 24. auf den Im Gütenbach konnten vier Fischarten PO4mq/l 0.0-0,11
nachgewiesen werden: Bachforelle (Salmo
25. Juli 1987 abgesucht. Bei beiden Populatio- m = männlich,
trutta f. farin), Elritze (Phoxinus phoxinus),
nen wurde das Geschlechtsverhältnis sowohl n = Anzahl der Individuen,
Schmerle (Neomacheüus barbatulus), Koppe w = weiblich
bei einem Nachtfang, im Gütenbach auch bei
(Cottus gobio).
einem Tagfang bestimmt, um etwaige
geschlechtsspezifische Aktivitätsunterschiede
zu erfassen (BOHL 1989a).
Wasseranalysen
Im Gütenbach wurde ferner versucht, die
Zusammensetzung der Fischfauna durch mehr- Die Wasseranalysen wurden mit dem Ziel
malige Begehung zu erfassen. durchgeführt, jene Bäche auszuweisen, die
Die Ergebnisse der Populationsdichteerhe- neben geeigneten Strukturen auch eine aus-
bung (Tab. 1,2) zeigen deutlich die inhomo- reichende Wasserqualität besitzen, um einer
gene Verteilung von A. torrentium und unter- anzusiedelnden Steinkrebspopulation das
streichen die entscheidende Rolle der Bach- Überleben zu ermöglichen. Als Referenz wur-
struktur. Diese Ergebnisse stimmen weitge- de die Wasserqualität jener Bäche herangezo-
hend mit jenen einer Untersuchung des Stein- gen, in denen A. torrentium vorkommt.
krebses im Spintikhach in Kärnten überein Folgende physikalische und chemische
(SCHULTZ &. KIRCHLEHNER 1984). Die in bei- Parameter wurden als Kenngrößen herangezo-
den Bächen relativ hohe Dichte von durch- gen (Tab. 4): Temperatur, pH-Wert, Wasser-
schnittlich 0,9 Individuen/Fließmeter und die härte, Sauerstoff- und Chloridgehalt sowie die
augenscheinlich ausgewogene Größenvertei- Belastung mit Ammonium, Nitrit, Nitrat und
lung lassen auf stabile Populationen schließen. Phosphat. Letztere sind gute Indikatoren für
Das Geschlechtsverhältnis ist in beiden ein Belastung durch Haushaltsabwässer und
Populationen in etwa gleich (Tab. 3). Signifi- Landwirtschaft.
kante Unterschiede zwischen Tagfang (inakti- Diese Befunde decken sich mit den von
ve Tiere) und Nachtfang (aktive Tiere) konn- BOHL (1987) in bayrischen Krebswässern
ten trotz entsprechender Literaturhinweise gemessenen Werten.
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Wiederansiedlung des Stein- Populationsdichte aufwies, welche die Ent-
krebses Austopotamobius torren- nahme einer ausreichenden Individuenzahl
tium in Hain-, Eck-Stein- und Hal-
erlaubte, ohne den Bestand zu gefährden.
terbach 1991-1995
Am 1. April 1991 wurden 30 eiertragende
Weibchen (Abb. 2) und 20 mittelgroße
Die 1987 und 1988 durchgeführten Bach-
Männchen (ca. 8-9 cm Körperlänge) gefangen
begehungen und die Wasseranalysen wiesen 5
und in Hainbachwasser gehalten. Die Hälte-
Bäche - den Eckbach, Grünauerhach, Hatn-
rung wurde einerseits durchgeführt um die
bach, Halterbach und Steinbach - für eine
Tiere an den Hainbach zu gewöhnen - aus der
Literatur war zu entnehmen, daß die Krebse
an den Wasserchemismus ihrer Wohngewäs-
ser geprägt sind und beim Umsetzen abzuwan-
dern versuchen (HOFFMANN 1980) - und
andererseits um mögliche Infektionen noch
vor dem Aussetzen zu diagnostizieren. Die
Gesamthälterungsdauer betrug zwischen 6
und 22 Tagen, die Eingewöhnung in Hain-
bachwasser zwischen 0 und 16 Tagen. Bei kei-
nem der Tiere konnten Krankheitssymptome
beobachtet werden, die Tiere erweckten einen
äußerst vitalen Eindruck.
Eiertragende Weibchen wurden ausge-
setzt, da mit wenigen Individuen ein maxima-
ler Ansiedlungserfolg garantiert wird. Die
Jungkrebse schlüpfen im wiederzubesiedeln-
den Gewässer und sind daher auf jedenfall an
den vorherrschenden Wasserchemismus
geprägt. Die Männchen wurden ausgesetzt um
nach der angestrebten erfolgreichen Adapta-
tion schon im nächsten Jahr neuerlich Nach-
wuchs zu produzieren. Der Besatz erfolgte im
Oberlauf, nahe der Quelle, um den Schlupf
Abb. 2: Wiederansiedlung von A. uirremium als geeig- der Krebsbrut im Hainbach auch bei einer
Eiertragendes Weibchen des
net aus (BITTERMANN 1991). nicht auszuschließenden Abwanderung der
Steinkrebses.
ausgebrachten Weibchen zu garantieren.
Nach einer nochmaligen Überprüfung im
Frühjahr 1990, bei der vor allem auf das Vor- Da mittlerweile eigene Beobachtungen
kommen und die Vielfalt geeigneter Struktu- und Wiederansiedlungsversuche des Stein-
ren geachtet wurde (Abb. 1), fiel die Ent- krebses in Bayern - 4 von 6 Projekten verlie-
scheidung für einen ersten Wiederansied- fen erfolgreich (BOHL 1989b) - gegen eine
lungsversuch auf den Hainbach, einen Seiten- Abwanderung von A. lorrentium aus geeigne-
bach des Mauerbaches im 14. Wiener ten Bachabschnitten sprachen, wurde ein
Gemeindebezirk (BlTTERMANN 1992). Nachbesatz mit je 100 Weibchen und Männ-
chen vorgenommen.
Ein anfängliches Problem war die Tatsa-
che, daß viele Populationen in der näheren Da die Ansiedlung im Hatnbach erfolg-
Umgebung Wiens in den letzten Jahren erlo- versprechend verlief, wurde 1992 mit einem
schen bzw. die Populationsdichte so stark Besatz des Eckbaches nach der selben Metho-
abgenommen hat, daß eine Entnahme von de begonnen. Im Gegensatz zum Hainbach
eiertragenden Weibchen nicht zu vertreten handelt es beim Eckbach eindeutig um eine
war. Im Erlauftal in der Nähe von Scheibbs Wiederbesiedlung, da frühere Fundmeldungen
konnte jedoch ein Bach - der Saffenbach - aus diesem Gewässer vorliegen und in zwei
gefunden werden, der eine genügend hohe benachbarten und mit dem Eckbach verbun-
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denen Gerinnen, dem Dorn- und dem Kräu- und es kam zum Ausbruch der Seuche.
terbach, noch im wesentlichen stabile Stein- Eine weitere Gefahr droht den heimischen
krebspopulationen existieren. Die Eignung des Krebspopulationen von Aquarianern. Im Zoo-
Eckbaches konnte ferner bereits 1991 durch fachhandel wird seit einigen Jahren der deko-
einen Besät: mit 30 Steinkrebsmännchen im rative Amerikanische Sumpfkrebs (Procamba-
September und 2 Kontrollen im Spätherbst, rus clarkü) angeboten (Abb. 3). Dieser im
bei denen jeweils mehrere Individuen wieder- Südosten der USA (Louisiana swamps) behei-
gefunden wurden, praktisch nachgewiesen matete Flußkrebs ist wie alle amerikanischen
werden. Ein Abwandern war mit an Sicher- Arten weitgehend gegen die Krebspest resi-
heit grenzender Wahrscheinlichkeit aus:u-
schließen.
Durch intensive Suche war es ferner
gelungen drei weitere Populationen in Nie-
derösterreich nachzuweisen, die dicht genug
waren, um eine Entnahme größerer Individu-
enzahlen problemlos zu verkraften.
Aufbauend auf den in den letzten Jahren
gewonnen Erfahrungen wurde die Erneuerung
der Steinkrebspopulationen in Wiener
Bächen 1993 mit der Wiederbesiedlung des
Steinbaches fortgesetzt und 1995 mit der des
Halterbaches abgeschlossen.
Der seither kontinuierliche Nachweis von
Steinkrebsen im Eck- und Steinbach deutet
auf einen Erfolg der Wiederhesiedelungsmaß-
nahmen hin. Vor allem im Eckbach kann die
hohe Populationsdichte durchaus als Erfolg
gewertet werden. Im Gegensatz dazu ist die
Population im Hainbach zusammengebro-
chen. Die große Anzahl toter Individuen im
Frühjahr 1994 läßt das Auftreten der Krebs- stent und meist damit infiziert. Wenn nun Abb. 3:
Aquarianer die Krebse, die als stark grabende Der im Zoofachhandel immer wieder
pest als nicht unwahrscheinlich erscheinen.
angebotene Procambarus clarkü ist ein
Form das Aquarium umpflügen, auf „tier-
Da ein Nachweis dieser Pilzerkrankung nur an gefährlicher Überträger der Krebspest.
freundliche" Art in Bächen „entsorgen", ist
frisch toten Tieren gelingt und in Österreich
bei einer vorhandenen Krebspopulation der
derzeit aufgrund fehlender Infrastruktur nicht
Ausbruch der Seuche garantiert. Darüber hin-
möglich ist, konnte dieser Verdacht nicht
aus besteht die Gefahr, daß die Tiere in wär-
verifiziert werden. Da die Krebspest durch ver-
meren Gewässern überleben und eingebürgert
schiedenste organische Substanzen übertragen
werden.
werden kann, sind auch Fische und Wasser-
vögel mögliche Infektionsquellen. Damit sind Andererseits bedeutet selbst das Auftreten
auch isolierte Populationen wie die im der Krebspest nicht unbedingt das Erlöschen
Hainbach potentiell gefährdet. Untersuchun- der Population, da der Infektionsdruck nur
gen in Bayern belegen darüber hinaus, daß ein wenige Tage besteht. In stark durchströmten
Befall durchaus verzögert auftreten kann. Dort Gewässern ist daher der Weiterbestand einer
wurden weitgehend krebspestresistente Kam- Restpopulation - vor allem bachaufwärts des
herkrebse gemeinsam mit hochempfindlichen Infektionsherdes - durchaus möglich. Das wür-
Edelkrebsen gehältert. 17 Tage geschah de das Auffinden von 3 Tieren nach dem Auf-
nichts. Dann häuteten sich die Kamberkrebse treten der vermuteten Epidemie im Hainhach
und 2 Tage später waren alle Edelkrebse tot. erklären. Diese Beobachtung läßt den Schluß
Verletzungen, die bei der Häutung auftraten, zu, daß die Population zwar stark ausgedünnt
setzten offensichtlich die Sporen von Aphano- wurde aber nicht vollständig zusammengebro-
myces astaci, dem Erreger der Krebspest, frei, chen ist. Dies insbesondere unter dem Aspekt,
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bereits begonnenen Besat:maßnahmen im
Halterbach wurden danach sofort abgebro-
chen.
Au>sagen über einen Erfolg aber auch ein
Scheitern von Besatzmaßnahmen können
frühestens drei bis fünf Jahre nach deren
Durchtührung gemacht werden und auch ein
scheinbar gutes Autkommen der eingesetzten
Tiere ist, wie das Beispiel Hainbach beweist,
kein 100%iger Erfolgsnachweis. In einer sich
gut entwickelnde Population steigt die Gefahr
Jes Ausbruches der Krebspest stark an. So
konnten etwa im Frühjahr 1997 in jenen
Bereichen des niederösterreichischen Saffen-
baches, in denen noch im Herbst 1996 eine
extrem dichte Population existierte, kein ein-
ziger Steinkrebs gefunden werden. Da jedoch
auch keine der als Infektionsherde anzusehen-
den nordamerikanischen Arten nachzuweisen
waren, besteht die Hoffnung, daß sich die
daß auch in anderen Wiener Bachen - aber
Abb. 4: Population, ausgehend von quellnahen Rest-
nicht nur in diesen - starke Populations-
Steinkrebsmännchen bei einem nächt-
beständen, wieder etabliert.
lichen "Landausflug". schwankungen und hohe Sterheraten im
Frühjahr ohne erkennbare Ursache zu beob-
achten waren (Gütenbach 1985 und 1986). Aquarienbeobachtungen
Ferner konnte im Hauptgerinne des Halter-
baches trot: intensiver Suche mehrere Jahre Während der Kartierung 1987/88
lang kein einziges Exemplar gefunden werden, beschränkten sich die Laborarbeiten auf die
während die Population bis 1995 wieder im Haltung von Steinkrebsmännchen unter-
Hauptgerinne nachzuweisen war. Diese natür- schiedlichen Alters in einem Freilandaquari-
liche Wiederbesiedlung erfolgte, wie bereits um, um mögliche Haltungsprobleme bezüg-
oben erwähnt, durch Restpopulationen aus lich Temperatur, Nahrungsangebot, Wasser-
Abb. 5:
Sohlschwellen wie diese im Hainbach den Quellbereichen einiger Zubringer. Die qualität und Aquariengestaltung rechtzeitig zu
stellen für bachaufwärts wandernde
Steinkrebse kein ernstliches Hindernis
dar.
kr-
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erfassen. Dies erschien nötig, um Ausfällen bei Zusammenfassung
geplanten Besiedlungsprojekten vorzubeugen.
Die eiertragenden Weibchen, die zur Einge- Seit 1987 wurden zwanzig Wiener Bäche
wöhnung einige Zeit in (mit Wasser der Ziel- auf Vorkommen bzw. die Möglichkeit der
bäche beschickten) Aquarien gehalten wur- Wiederansiedlung des Steinkrebses (Aitstro-
den, durften nur in geringer Zahl entnommen
potamobius lonerxtium) untersucht. In drei
werden, um die Spenderpopulation nicht
Wasserläufen wurde der Steinkrebs nachge-
unnötig zu belasten; Ausfällen muß daher
wiesen, vier weitere erschienen in Wasser-
möglichst vorgebeugt werden. Die Hälterung
qualität und Bodenstruktur für eine Wieder-
von Steinkrebsen erwies sich als vollkommen
ansiedlung geeignet.
unproblematisch.
Im Frühjahr 1991 begannen die Wieder-
Beobachtungen an den gehaltenen Stein-
ansiedlungen mit 30 eitragenden Weibchen
krebsen ergaben, daß die Tiere während ihrer
und 20 Männchen im Hainbach, im Herbst
nächtlichen Aktivitätsphasen regelmäßig das
folgten 100 Männchen und Weibchen. 1992
Wasser verließen und den (Abb. 4) Algen-
und Pilzaufwuchs (?) auf den Steinen und bis 1995 wurde das Programm im Eckbach,
Ästen, die als Strukturelemente in die Hälter- Steinbach und Halterbach in gleicher Weise
becken eingebracht wurden, abweideten. Die- durchgeführt. Dabei wurden alle Tiere 6-16
ses Verhalten konnte auch bei parallel gehal- Tage in Aquarienquarantäne gehalten, um
tenen Edelkrebsen beobachtet werden und die Einschleppung von Krankheiten zu ver-
stimmt mit Beobachtungen bei Dohlen- meiden.
krebsen Austropotamobius pallipes in Kärnten
Jüngere Untersuchungen im Halterbach
überein, die in vegetationslosen Bächen vor-
zeigten, daß eine natürliche Wiederbesied-
kommen und nachts zum „Grasen" an Land
lung durch Restpopulationen aus den Quell-
gehen (SCHULZ 1984). Dieses Verhalten ist
bereichen einiger Zubringer erfolgte. Die
eine mögliche Erklärung dafür, wie scheinbar
bereits begonnenen Besatzmaßnahmen im
unüberwindbare Hindernisse wie gemauerte
Halterbach wurden daher 1995 abgebro-
Schwellen mit frei abstürzendem Wasser - wie
im Hainbach tatsächlich beobachtet - über- chen.
wunden werden können (Abb. 5).
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Literatur BOHL E. (1989b): Untersuchungen an Flußkrebsbe-
ständen. — Bericht Bayr. Landesanstalt Wasser-
BITTERMANN W. (1991): Der Steinkrebs (Astacus tor- forschung, Wielenbach.
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tion der Flußkrebse in Bayern. — Bayerische
Fischereigespräche, Heft 6: 105-111. rei 2/3: 47-57.
Anschrift des Verfassers:
Dr. Wolfgang BiTTERMANN
ÖSTAT, Abt. 8 - Umwelt
Hintere Zollamtstr. 2b
A-1033 Wien
Austria
e-mail: wbittermann@oestat. gv. at
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