Table Of ContentChristiane Ludwig-Kärner
Der Selbstbegriff in Psychologie und Psychotherapie
Eine wissenschaftshistorische Untersuchung
Chrisliane Ludwig-Körner
Der Selbstbegriff
in Psychologie
und Psychotherapie
Eine wissenschaftshistorische Untersuchung
~
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
ludwig-Körner, Christiane:
DerSelbstbegriff in Psychologie und Psychotherapie : eine
wissenschaftshistorische UntersuchungI Christiane Ludwig
Körner. - Wiesbaden: Dt. Univ.-Verl., 1992
I
{DUV : Psychologie
Zugl.: Lüneburg, Hochseh., Habil.-Schr., 1992
Habilitationsschrift, Universität Lüneburg.
©SpringerFachmedienWiesbaden 1992
UrsprünglicherschienenbeiDeutscherUniversitäts-VerlagGmbH,Wiesbaden 1992.
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Inhalt
Einleitung 9
1. Ursprünge und frühe Entwicklungen des Selbstbegriffs 16
1.1. Philosophische Vorläufer 16
1.2. Psychologische und soziologische Vorläufer 21
1.2.1 William James 21
1.2.2 James Mark Baldwin 30
1.2.3 Charles Horton Cooley 32
1.2.4 George Herbert Mead 35
1.2.5 Nachbemerkungen 40
1.3 Der Selbstbegriffinder frühen
Persönlichkeitspsychologie 41
1.3.1 WilliamStern 41
1.3.2 Gordon Allport 45
1.3.3 Philipp Lersch 52
1.3.4 Donald Snygg und Arthur Combs 59
1.3.5 Prescott Lecky 62
1.3.6 Andras Angyal 65
1.3.7 Nachbemerkungen 68
2. Der Selbstbegriffin der Humanistischen Psychologie 70
2.1 Kurt Goldstein 72
2.2 CharlotteBühler 76
2.3 Abraham Maslow 83
2.4 Jacob Moreno 87
2.5 Der Selbstbegriffinder Gestalttherapie 92
2.6 DerSelbstbegriffinder Integrativen Therapie 110
2.7 Der SelbstbegriffbeiCarl Rogers 115
2.8 Nachbemerkungen 137
-6-
3. Der Selbstbegriffin der Psychoanalyse 140
3.1 DerSelbstbegriffinderStrukturtheorie
undIchpsychologie 142
3.1.1 Sigmund Freud 142
3.1.2 HeinzHartmann 151
3.1.3 Edith1acobson 159
3.1.4 ReneSpitz 164
3.1.5 MargretMahler 170
3.1.6 LeoSpiegel 179
3.1.7 OttoKernberg 181
3.1.8 Nachbemerkungen 189
3.2 Weiterepsychoanalytisch orientierte
BegriffedesSelbst 193
3.2.1 GeorgeKlein 193
3.2.2 lohn Gedo 198
3.2.3 RolfFetscher 203
3.3 DerSelbstbegriffinderObjektbeziehungstheorie 211
3.3.1 Michael undAliceBalint 211
3.3.2 lanSuttie 218
3.3.3 Donald Winnicott 220
3.3.4 Ronald Fairbairn 237
3.3.5 HarryGuntrip 246
3.3.6 Nachbemerkungen 249
3.4 EpigenetischeTheorien desSelbstinderPsychoanalyse 252
3.4.1 ErikErikson 252
3.4.2 HeinzLichtenstein 262
3.5 DerSelbstbegriffinderSelbstpsychologie 271
3.5.1 HeinzKohut 271
3.5.2 Nachfolger Kohuts 289
-7-
3.6 Der SelbstbegriffinderKleinkindforschung 295
3.6.1 Vorbemerkungen 295
3.6.2 DanielStern 297
3.6.3 LouisSander 333
3.6.4 RobertEmde 339
3.6.5 JosephLichtenberg 345
3.6.6 Michael Basch 362
3.6.7 Nachbemerkungen 367
4. Der Selbstbegriffin der "Neo-Psychoanalyse" 378
4.1 KarenHorney 378
4.2 HaraldSchultz-Hericke 390
4.3 HarryStackSullivan 398
4.4 Nachbemerkungen 408
5. Der Setbstbegriff in der Individualpsychologie 411
6. Der Selbstbegrilfin der Analytischen Psychologie 418
6.1 CarlGustavJung 419
6.2 ErichNeumann 427
6.3 Michael Fordham 435
6.4 Nachbemerkungen 441
7. Der Selbstbegriffin der Selbstkonzeptforschung 444
8. AbschließendeDiskussion 451
8.1 Zur KritikderSelbstbegriffe 452
8.1.1 DasSelbstalsStruktur 453
8.1.2 DasprozessualeSelbst 457
8.1.3 Aspekte einesdialektischen Selbstbegriffs 459
8.2 SelbstkonzepteinderwissenschaftlichenDebatte
undklinischen Anwendung 466
Literatur 473
Einleitung
Im Jahre 1969 ermittelte Viney, wie häufig der Begriff des "Selbst" in der
wissenschaftlichen Literatur der zurückliegenden Jahre auftauchte. In einer
frühen Periodezwischen 1894-1935 erschienen jährlich weniger als fünf Ver
öffentlichungen zu diesem Thema; dabei wurde der Begriff bis zur Jahrhun
dertwende vor allem als "self-consciousness", später unter "cognition" abge
handelt. Bis zum Jahre 1915 fand er sich in "attitudes and intellectual activi
ties" eingereiht, danach als "social functions of the individual". Zwischen
1950 und 1960 verdreifachte sich die Zahl der Publikationen zum Thema
"Selbst" (Neubauer, 1976, 9t). Dennoch blieben die Veröffentlichungen zu
diesem Thema injener bevavioristisch orientierten Zeit eher Randerscheinun
gen, dievorrangig imklinischen Bereich angesiedelt waren.
In den 60er Jahren - der Blütezeit der Selbsterfahrungsgruppen - "verkam"
der Selbstbegriff zu einem "Modewort". Begriffe wie "Selbstfindung",
"Selbstverwirklichung", "Selbsterfahrung", "Selbsterleben" und "Selbstwert
gefühl" gewannen einen hohen Stellenwert. Heute sind Auseinandersetzungen
mit "demSelbst" nicht nur in der klinischen Psychologie - und dort wiederum
im humanistischen Bereich - anzutreffen, sondern auch in der Psychoanalyse,
der Persönlichkeitspsychologie, der Entwicklungspsychologie und vor allem
in der Soziapsychologie. Während Wylie (1961) mit ihrer frühen Studie zum
Selbstkonzept noch eine Ausnahmeerscheinung in der damaligen sozialpsy
chologischen Forschungslandschaft war, gibt es inzwischen einige fundierte
sozialpsychologischeÜberblickswerkezum Selbst (s. Kapitel 7).
In den letzten zwei Jahrzehnten nimmt der Selbstbegriff eine zunehmend
wichtige Stellung in der psychologischen Literatur ein; er ist nach Scheibe
(1985, 35) sogar zu einem der zentralen Forschungsgegenstände geworden.
1983 führten Sarbin und Scheibe in ihrem Überblickswerk "Studies in Social
Identity" über 600 LiteraturstellenzumThema an.
DievorliegendeArbeit behandelt die historisch gewachsenen Konzeptionen
des Selbst - gegliedert nach ihrer Zugehörigkeit zu den verschiedenen psy
chotherapeutischen Schulen. Nach langer Überlegung erschien mir dies alsdie
übersichtlichste Darstellungsmethode. Hinzu kommt, daß andere Einteilungs
prinzipien, wie sie z.B. Deneke (1989) anwendet, eine zu geringe
- 10-
"Trennschärfe" besitzen, da sie etliche, historisch gewachsene Kategorien
"übergreifen".
Ziel meiner Arbeit ist es, in der historischen Darstellung verschiedener
psychotherapeutischer Schulen und ihres "Selbst"-Verständnisses die Ent
wicklungslinien des Selbstbegriffes nachzuzeichnen und damit die gemeinsa
men Wurzeln psychotherapeutischer Schulen ans Licht zu holen. Fast "von
selbst" stellt sich dabei ein entwicklungspsychologischer Aspekt ein, denn
kaum eine psychologische Konzeption über den Selbstbegriffkann auf die Er
örterungpsychogenetischerAspekte verzichten.
Zu Anfang stelle ich Vorläufer des Selbstbegriffs dar. Dieses Kapitel
schließt einen kurzen philosophischen Exkurs ein, konzentriert sich aber vor
allem auf frühe psychologische und soziologische Konzepte des Selbst. Diese
Rückbezüge sollen verdeutlichen, daß viele Aspekte des Selbstbegriffs auf
Autoren wie William James, Charles Horton Cooley, Georg Herbert Mead
zurückzuführen sind. Gerade in jüngster Zeit wird innerhalb der Selbstkon
zeptforschung wieder auf William James Auffassung über das Selbst Bezug
genommen (Scheibe, 1985; Schlenker, 1985; Harter, 1988; Blasi, Oresick,
1987), und Cooleys "looking glass self", oder Georg Herbert Meads "social
selves", hatten nicht nur Einfluß aufdie soziologischen Theorien dessymboli
schen Interaktionismus und der Rollentheorie, sondern beeinflußten auch psy
chotherapeutischeRichtungen und die Arbeiten der Klelnklndforscherl.
Im Hauptteil der Arbeit geht es mir umdie Frage, in welchen Bedeutungen
der Selbstbegriff in den verschiedenen Theorien auftaucht, vor allem: Wel
ches sind die Gemeinsamkeiten hinter unterschiedlichen Terminologien und
Betrachtungsweisen? Handelt es sich um einen Begriff, der - bei aller Ver
schiedenheit in seiner Verwendung - die Ganzheit der Person in den Vorder
grund stellen soll, welche in der naturwissenschaftlichen Betrachtung des
Menschen verlorengegangen ist und der zuvor, in der geisteswissenschaftli
chen Psychologie, einenhohen Stellenwert innehatte? Handelt es sich um eine
Wendung gegen die Zergliederung des Menschen in Instanzen und soll das
Selbst eine Lücke füllen angesichts einer "Behavioralisierung" des Menschen?
Oder soll der Selbstbegriff das gute "Potential" des Menschen (vgl. Fet
scher, 1983b) bewahren, einen "positiven" Entwurf fixieren gegenüber der
Karen Horney, HarryStack Sullivan; auch Rogers, Lacan, Kohut und psy
choanalytische Kleinkindforscher
- 11-
Freudschen Annahme von der Triebgebundenheit und unvermeidlichen Kon
flilcthaftigkeit des Menschen? Denn das "Selbst" ist in der humanistischen
Psychologie und der Selbstpsychologiejenseits der bedrohlichen schuldhaften
(Kohut) inneren Konflikte angesiedelt; zwar kann es in seiner Entwicklung
auf tragische (Kohut) Weise behindert werden, aber es drängt "von selbst" zu
seiner Verwirklichung und bedarf dazu nur einer hinreichend förderlichen
Umgebung.
Wie ist die stark wachsende Popularität des Selbstbegriffs in den 60er und
70er Jahren zu erklären? Soll man hier eine Widerspiegelung wis
sensehaftstheoretischer Veränderungen vermuten, etwa eine Gegenbewegung
gegen ein erklärendes naturwissenschaftliches Denken, welches einen verste
henden, geisteswissenschaftlichen Zugang zum Menschen in den Hintergrund
gerückt hatte? In der Psychoanalyse z.B. hatte die "Ich-Psychologie" mit
Hartmann (1956) den von Freud doppeldeutig verwendeten Ichbegriff
"geklärt" und damit eine phänomenologische Betrachtung, eine holistische
Perspektive aufgegeben. Mit dem "Selbst" könnte eine transzendentale Instanz
in den "psychischen Apparat" zurückgekehrt sein.
Auch kann die Geschichte des Selbstbegriffs zeigen, wie alte gei
steswissenschaftliche Strömungen "in neuem Gewande" wiederauftreten. Da
bei finden, um in der Bildsprache zu bleiben, durchaus neue (synthetische)
Garnsorten Verwendung, so daß "Mischgewebe" oder Mischtheorien entste
hen wie etwa die Autopoiese oder die Systemtheorien, welche z.B. aufälteres
gestaltpsychologisches Denken zurückgreifen. Und schließlich gibt es eine
etwas verborgene - Linie von der Phänomenologie über die humanistische
Psychologiezur Selbstpsychologie.
Wie weit sind die Konzepte des Selbst als Niederschläge von - vielleicht
außerwissenschaftlichen Praxiserfahrungen zu verstehen? Theorien entstehen
zum einen aus der Praxis, zum anderen entwickeln sie sich auch eigendyna
misch. Sie sind insofern sinnvoll, als sie während der therapeutischen Arbeit
Strukturen geben. Sie unterstützen den Therapeuten in seiner Wahrnehmung
und seinen Handlungsmöglichkeiten; sie unterstützen seine Asso
ziationsmöglichkeiten und geben ihm einen kognitiven Raum, nach dem er die
gewonnenen Daten ordnen kann. Es wäre zu überprüfen, inwieweit eine
Theorie des Selbst eine solche "Stütze" für die therapeutische Arbeit darstel
len kann.