Table Of ContentHeidrun Kämper
Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit
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DE
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Studia Linguistica Germanica
Herausgegeben
von
Stefan Sonderegger
und
Oskar Reichmann
78
Walter de Gruyter · Berlin · New York
Heidrun Kämper
Der Schulddiskurs
in der frühen Nachkriegszeit
Ein Beitrag zur Geschichte
des sprachlichen Umbruchs nach 1945
Walter de Gruyter · Berlin · New York
© Gedruckt auf säurefreiem Papier
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
ISBN-13: 978-3-11-018855-4
ISBN-10: 3-11-018855-4
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Printed in Germany
Rinbandge staltung: Christoph er Schneider, Berlin
Und unsere Feinde sollen an uns denken nicht
wie an Opfer,/sie sollten keine Angst haben
vor unseren Schatten,/Sie sollen lieber ihren
Wahn vergessen, und aufhören, toll zu
sein./Das ist alles, was man von ihnen erwar-
tet,/Und dann wollen wir, Menschen unter
Menschen, zusammen leben. (Gebet einer Jü-
din, die Auschwitz überlebte)
Ihr habt es nicht gewußt, was uns gesche-
hen?/So hoch war nicht der Lagerzaun, so
stumm/das Sterben nicht, daß unser Hilfefle-
hen/im Knall der Schüsse mußte untergehen
.../Ihr habt es nicht gewußt — warum? wa-
rum?//Ihr hörtet nicht den Schrei der Todes-
kammern,/der welterschütternd bis zum Him-
mel stieg,/der Kinder Wimmern und der Alten
Jammern,/mit dem sich Sterbende ans Leben
klammern — /ihr hörtet nichts. Ihr brülltet Heil!
und Sieg!//Ihr sähet nicht die Berge unserer
Leichen/und nicht der Ofen himmelhohe
Glut?/Den Hunger nicht und nicht die Angst
der bleichen/Gesichter und der Leiber Folter-
zeichen — /ihr saht bewundernd nur den Geß-
lerhut.//Ihr rocht auch nicht den Brandgeruch
der Essen,/denn eure Sinne waren abge-
stumpft./Und rühmtet ihr euch nicht - habt
lhr's vergessen? —/des Herzens Härte am Kris-
tall zu messen?/Ihr habt ihn — wir sind Zeugen!
— übertrumpft!/Ihr wußtet nichts. Laßt uns den
Streit beenden:/Es sei! Wir führen nicht wie
Krämer Buch./Die Zukunft aber liegt in euren
Händen,/an euch ist's, unser Land zum Glück
zu wenden — /wir spenden beides: Segen oder
Fluch ... (Josef Eberle, Die Toten an die Le-
benden)
Die amerikanischen Korrespondenten be-
schweren sich/Uber die Gleichgültigkeit der
deutschen Bevölkerung gegenüber/Den Ent-
hüllungen der Kriegsverbrechen. Wie, wenn
diese Leute/Über ihre Obrigkeit schon Be-
scheid wüßten und nur/Auch jetzt noch nicht
sähen, wie/Die Verbrecher loswerden? (Bertolt
Brecht, Der Nürnberger Prozess)
Der Mensch ist das Wesen, das fähig ist, schul-
dig zu werden, und fähig ist, seine Schuld zu
erhellen. (Martin Buber)
An der Stellung zur Schuldfrage entscheidet
sich, ob wir als ein unbelehrtes oder als ein be-
lehrtes Volk in die Zukunft gehen. (Helmut
Gollwitzer)
Wir haben sie nicht gemieden,/wir haben sie
nicht gewusst .. Wir ließen sie im Lauen,/wir
wollten keinen Bund./Jetzt zieht sie unsre
Brauen/und zeichnet uns zu Grund,//hat uns
mit Blut verkettet/in Schand und Schmach und
Leid! .. Hat jeder nicht die Schranken/des klei-
nen Glücks gesucht?/Hat jeder nicht sein
Wanken/im Herzen matt gebucht?//Wir kön-
nen sie nicht erschlagen/die Schuld, die uns zu
schwer. .. Sie schmiedet uns in Ketten/der
Furcht, die uns umgibt,/zertrümmert uns die
Stätten,/die wir zumeist geliebt. .. In unserer
Kinder Schmerzen/blickt sie uns bitter an! .. Ο
Gott, laß uns nicht weichen,/vergeuden Stund
um Stund!/Gib uns die Flammenzeichen/der
schweren Sühne kund, .. aus unserer Schuld der
Segen/erneuter Menschheit dringt! (Susanne
Kerckhoff, Die Schuld)
Als ob die Verwerfung des Wortes „Kollektiv-
schuld", das der moraltheoretischen Kritik
nicht standhält, die Schuld selbst aufheben
könnte, die eben die Anteilnahme jedes einzel-
nen des nationalen >Kollektivs< gewesen wä-
re! (Eugen Kogon)
So scheint mir der zukünftige Geist der deut-
schen Politik abhängig zu sein von der Kraft,
die wir in der Gegenwart entfalten, um unsere
Vergangenheit zu überwinden. (Julius Ebbing-
haus)
das Verhängnis unserer Geschichte will .., daß
die Demokratie sich uns immer bloß als Not-
ausgang aus einem lichterloh brennenden Haus
aufdrängt. (Erik Reger)
Vorwort
Die Untersuchung legt Ergebnisse des von der Deutschen For-
schungsgemeinschaft geförderten Projekts „Zeitreflexionen" vor. Dieses
Projekt war von 2000 bis 2002 am Institut für Deutsche Sprache etabliert.
Die vorliegende Studie ist ein Ergebnis dieses Projekts, dem ein umfas-
sendes Korpus von digitalisierten Quellen texten aus den Jahren 1945 bis
1955 zugrunde liegt.
Der Grundgedanke war zu untersuchen, wie in der frühen Nach-
kriegszeit über den Nationalsozialismus gesprochen wurde, und zwar in
Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im Schulddiskurs
wird gleichsam die sprachliche Essenz dieses Redens über den National-
sozialismus rekonstruiert.
Ein weiteres Strukturelement sind neben der Zeitreferenz die an die-
sem Diskurs beteiligten Formationen. Sie wurden unterschieden nach
Opfern, Tätern und Nichttätern. Opfer sind diejenigen, die in der Zeit des
Nationalsozialismus verfolgt, diskriminiert, inhaftiert waren. Ihr hier re-
konstruierter Beitrag besteht in der Mitteilung von Tatsachen. Sie sind
Zeugen, die mit ihren autobiografischen Berichten in der frühen Nach-
kriegszeit belegen, worin die Schuld der Täter besteht. Täter sind die
Funktionsträger und Legitimatoren des Nationalsozialismus. Im ,Schuld-
diskurs' werden diejenigen Tätertexte untersucht, die im forensischen und
im autobiografischen Zusammenhang stehen. Dieser Beitrag der Täter
zum Schulddiskurs besteht darin, dass sie eine persönliche Schuld mit
verschiedenen argumentativen Strategien abwehren. Nichttäter sind dieje-
nigen, die nicht beteiligt waren, die nach dem 8. Mai 1945 mit hoher Be-
reitschaft zu Erkenntnis und Aufklärung kritisch reflektieren und die Rolle
der Funktions- und Interpretationselite der neuen politischen und gesell-
schaftlichen Gegebenheiten übernehmen. Ihr für die Studie analysierter
Beitrag zum Schulddiskurs ist komplex. Er ist ein Identitätsdiskurs und
besteht in Analysen und Diagnosen: „Wie konnte es dazu kommen?",
„Worin besteht unsere Schuld?", „Welche Affinität besteht zwischen
deutschem Wesen und Nationalsozialismus?" sind Fragen, die den
Schulddiskurs der Nichttäter gestalten. Außerdem weisen sie in dem in die
Zukunft gerichteten Teil ihres Diskurses ihren unbedingten Willen nach,
die Wiederaufnahme der Deutschen in den Chor der Völkergemeinschaft
als rehabilitiertes Mitglied zu befördern.
VIII Vorwort
Dieses Reden über den Nationalsozialismus in den Zeitdimensionen
aus der Perspektive derjenigen, die entweder, in diktaturtypischer Weise
(als Opfer bzw. Täter), am Nationalsozialismus beteiligt waren, oder die
sich fern halten konnten, ihn womöglich kritisch distanziert beobachtet
haben und nicht involviert waren (Nichttäter), wird im Sinn einer Sprach-
gebrauchsgeschichte als Umbruch dargestellt.
Die vorliegende Arbeit ist nicht nur Ergebnisdarstellung eines For-
schungsprojekts. Sie wurde außerdem im Frühjahr 2005 von der Philoso-
phischen Fakultät der Universität Mannheim als Habilitationsschrift ange-
nommen.
Im Namen des Instituts für Deutsche Sprache danke ich der Deut-
schen Forschungsgemeinschaft, die es durch ihre Förderung u.a. möglich
gemacht hat, ein umfangreiches Korpus zu erstellen. Beteiligt waren hier-
an Kristine Fischer-Hupe und Michael Brodhäcker als wissenschaftliche
Mitarbeiter, sowie Kristina Türschmann, Annabel Mathejczuk und Ute
Paulokat als studentische Hilfskräfte.
Danken möchte ich all denjenigen, die die Entstehung dieser Arbeit
mit kritischem Interesse verfolgt haben, insbesondere meinen Düsseldor-
fer Kollegen, vor allem Georg Stötzel und Martin Wengeler, und meinem
Heidelberger Kollegen Fritz Hermanns, sowie dem Direktor des Instituts
für Deutsche Sprache a.D. Gerhard Stickel, der das Projekt besonders in
seiner Frühphase interessiert begleitet hat. Ebenso danke ich Studierenden
der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Manheim. In
den Seminaren, in denen die frühe Nachkriegszeit bzw. der Schulddiskurs
Gegenstand der Lehre waren, haben sie durch ihre Beiträge meinen Blick
auf die Arbeit geschärft.
Ich danke den Gutachtern und der Gutachterin meiner Habilitations-
schrift, besonders den Professoren Ludwig M. Eichinger und Werner
Kallmeyer, sowie Frau Professor Beate Henn-Memmesheimer, für ihre
Voten in der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim.
Dem Verlag und den Herausgebern bin ich sehr verbunden: Dem
Lektor des Verlags W. de Gruyter, Dr. Heiko Hartmann, der sehr frühzei-
tig die Fertigstellung der Arbeit mit Interesse begleitet hat. Außerdem
danke ich besonders den Herausgebern der Reihe Studia Linguistica Ger-
manica, den Herren Professoren Oskar Reichmann und Stefan Sondereg-
ger, für ihre befürwortende Entscheidung.
Mannheim, im Oktober 2005 Heidrun Kämper
Inhalt
Vorwort VII
1. Einführung 1
2. Die Diskursgemeinschaft: Beteiligungsrollen und Texte 9
2.1. Die Diskursgemeinschaft der Opfer 16
Juden 29
Antifaschisten 33
Bürgertum und Militär 37
Geistliche und religiös Inspirierte 38
2.2. Die Diskursgemeinschaft der Täter 39
Regierung 43
Planer 46
Exekutor 46
Schrittmacher 48
Legi tima tor 48
Distributor 49
Militär 50
Vertreter 50
2.3. Die Diskursgemeinschaft der Nichttäter 52
Politiker/Gesellschaftskritiker 60
Theologen 61
Juristen 61
Wissenschaftler/Philosophen 62
Künstler/Dichter 62
3. Methodische Implikationen des Schulddiskurses 65
3.1. Kulturgeschichte 66
3.2. Sprachgebrauchsgeschichte 70
3.2.1. Diskurs 79
3.2.2. Argumentation 92
3.2.3. Lexik 96
Schlüsselwort 97
Stereotyp 99
Begriff 100
Deutungsmuster 103
χ Inhalt
4. Die Konfiguration der Diskursaussagen: Zeitreferenz und
Schuldreflexion 107
5. Gegenwart: Umbruch - das Jahr 1945 111
5.1. Op fer: Freiheit 116
5.1.1. Überlebensschuld: Die Besten sind geblieben 121
5.1.2. Überlebensstolz: Wir sind gestählt 124
5.2. Täter: %um outlaw gemacht 130
5.3. Nichttäter: Elbgrund der Virgangenheit — Berggrat der Zukunft 138
5.3.1. Die Deutschen in der Gegenwart 142
5.3.2. Die Zeit, in der wir leben 148
Ende der Geschichte. 154
Wendest 163
6. Vergangenheit: Erinnerungsorte 1933 — 1945 181
6.1. Die Berichte der Opfer: L'Univers Concentrationnaire 182
6.1.1. Seinsweisen 186
6.1.2. Seelenlagen 195
6.1.3. Schauplätze 200
6.1.4. Gegenmens chen 212
6.1.5. „Selbstbefreiung' 220
6.2. Die Strategien der Täter: Ich bin unschuldig 224
6.2.1. Umdeuten 234
6.2.2. Geständnisse 239
Marginalisieren 243
Idealisieren 248
Egalisieren 258
6.2.3. Gegenklage 260
6.3. Die Analysen der Nichttäter: Die Epoche der Kollektivschuld 277
6.3.1. Abgrenzungen: Die Gesellschaft der Schuldigen 301
6.3.1 A.Die wirklich Schuldigen 302
Exkurs: Metaphorik der Schuld 312
6.3.1.2. Wir haben versagt! 323
6.3.1.3. Schuldiggemacht 334
6.3.2. Erklärungen: Die Deutschen und der Nationalsozialismus ...347
6.3.2.1. Nationalstereotype 351
Idealismus 352
Hybris 354
Militarismus 356
Politische Unmündigkeit 363