Table Of ContentLanguage Universals Series
Christia n Lehmann
Edited by
Hansjakob Seiler
Der Relativsatz
Volume 3
• Typologie seiner Strukturen
• Theorie seiner Funktionen
• Kompendium seiner Grammatik
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Lehmann, Christian:
Der Relativsatz: Typologie seiner Strukturen;
Theorie seiner Funktionen; Kompendium seiner Grammatik /
Chriistian Lehmann. - Tübingen : Narr, 1984.
(Language universals se ries ; Vol. 3)
ISBN 3-87808-982-1
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L_. ____ .... !:;:!.~ ',' ~:.'.'. ~.:.~._ ........ __ JOHANNI JACOBO SEILER
DEDICATUM,
, I
QUI CONSTRUCTIONUM RELATIVARUM NUCLEUM ERUIT
Ausgezeichnet mit dem Heinz-Maier-Leibnitz-Preis
des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft
für das Fachgebiet, Typologischer, Sprachen vergleich '.
Als Habilitationsschrift auf Empfehlung der
Phillosophischen Fakultät der Universität Köln gedruckt mit
Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft
-1
~
© 1984 . Gunter Narr Verlag Tübingen
Alle Rechte vorbehalten, Nachdruck oder Vervielfältigung, auch
auszugsweise, in allen Formen wie Mikrofilm, Xerographie, Mikrofiche,
Mikrocard, Offset verboten.
Druck: Müller + Bass, Tübingen
Printed in Germany
.I nhaltsverzeichnis
Vorwort ................................................... XIII
I. Einleitung .................................................... 1
1. Inhalt und Aufbau der Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1
2. Ziele .......................................................3
2.1. Forschungsstand ............................................3
2.2. Ziele der Arbeit .............................................8
2.3. Bemerkungen zum theoretischen Ansatz ............................9
3. Methoden ................................................... 10
3.1. Stichprobe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
3.2. Bemerkungen zur vergleichenden Analyse .......................... 14
4. Technische Hinweise ............................................ 16
11. Sprachtheorie und sprachliche Universalien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1. Linguistik. als Wissenschaft der Sprachtätigkeit .................. " ....... 19
2. Sprachliche Funktionen und Operationen ...... , ....................... 22
2.1. Begriff der Funktion ........................................ 22
( 2.2. Funktionelle Analyse ........................................ 23
2.3. Operationen .............................................. 25
2.4. Funktionen der Sprache ...................................... 28
3. Allgemein-vergleichende Sprachwissenschaft ............................ 31
3.1. Sprachliche Universalien ...................................... 31
3.2. Sprachliche Variation und fokale Instanzen ......................... 35
3.3. Universalistik. und Typologie ................................... 38
3.4. Morphosyntaktische Typologie ................................ .41
III. Typische Strategien der Relativsatzbildung ............................ 43
.O . Terminologie der Analysebegriffe .. ' ................................. 43
1. Der eingebettete Relativsatz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
1.1. Der pränominale Relativsatz .... ~ ............................. .49
1.1.1. Das Relativpartizip ............................... ' ...... .49
1.1.1.1. Dravidische Sprachen ................................. 50
1.1.1.2. Türkisch .......................................... 52
1.1.1.3. Quechua .......................................... 55
1.1.1.4. Andere Sprachen .................................... 58
1.1.2. Der pränominale Relativsatz mit Subordinator .................... 59
1.1.2.1. Baskisch .......................................... 59
1.1.2.2. Lahu ............................................ 61
1.1.2.3. Chinesisch. ........................................ 63
1.1.2.4. Andere Sprachen .................................... 68
1.1.3. Der pränominale Relativsatz ohne Subordinator. .................. 70
1.1.3.1. Japanisch ......................................... 70
1.1.3.2. Andere Sprachen .................................... 72
1.2. Der postnominale Relativsatz ................................... 72
VIII Inhaltsverzeichnis Inhaltsveneichnis 1X
1.2.1. Der postnominale Relativsatz mit nicht-einleitendem Subordinator ...... 73, 1.2. Relationalität und Nominalisierung .............................. 149
1.2.1.1. Djirbal ........................................... 73: 1.3. Relativsatz und Substantivsatz ................................. 153
1.2.1.2. Hurrisch ................ 75' 1.4. Relativsatz und Partizip ..................................... 156
0 •••••••••••••••••••••••••
1.2.1.3. Andere Sprachen .................................... 77: 1.5. Relativsatz und InfInitiv ..................................... 157-
1.2.2. Der postnominale Relativsatz ohne Subordinator .................. 80 1.6. Verfahren der Subordination .................................. 159
1.2.2.1. Lakhota ............... 8Q 1.6.1. Subordination ohne Subordinator ........................... 160
0 ••••••••••••••••••••••••••
1.2.2.2. Yukatekisch ....................................... 82 1.6.2. Subordination durch eine Partikel ........................... 161-
1.2.2.3. Andere Sprachen .................................... 84 1.6.2.1. Subordinator mit Satzrandstellung. ....................... 161
1.2.3. Der postnominale Relativsatz mit einleitendem Subordinator .......... 85 1.6.2.2. VerbaffIx ........................................ 163
1.2.3.1. Persisch .......................................... 85 1.6.3.ßubordination durch ein Relativpronomen. ..................... 164-
1.2.3.2. Andere indogermanische Sprachen. ........................ 88 1.6A. Die morphologische Form des Subordinators .................... 165
1.2.3.3. Akkadisch. . ; ...................................... 90 1.7. Grade der Nominalisierung ...... ; ............................ 168
92 (
1.2.3.4. Andere semitische Sprachen ........................................................ ; 2. Attribution ................................................. 173
1.2.3.5. Nahuatl ........................................... 93: 2.1. Prädikation und Attribution ....... .-.......................... 173
1.2.3.6. Indonesisch ...... ~ ................................. 94 2.2. Implizite Attribution ................... ' .................... 177
1.2.3.7. Andere Sprachen .................................... 96 2.3. Attribution des adnominalen Relativsatzes ......................... 181
1.2.4. Der postnominale Relativsatz mit Relativpronomen. ................ 97 2.3.1. Die Stellung des Relativsatzes .............................. 182
1.2.4.1, Das nicht-resumptive Relativpronomen. ..................... 97 2.3.1.1. Der pränominale Relativsatz ................ , ........... 183
1.2A.1.1. Arabisch ...................................... 97 2.3.1.2. Der postnominale Relativsatz .............. , ............ 184
1.2A.1.2. Swahili ........... ~ .......................... -.99 2.3.2. Verfahren der Attribution ................................ 186
1.2.4.1.3. Andere afrikanische Sprachen ....................... 102 2.4. Relativsatz und einfaches Attribut ........................ , ..... 188
1.2.4.2. Das resumptive Relativpronomen ........................ 103 2A.1. Einfaches Attribut vs. Relativsatz ............................ 188
1.2.4.2.1. Altgriechisch. _. ............. 103 2A.2. Relativsatz und Adjektivattribut ........... , .. , ....... , ..... 190
0 •••••••••••••••••••
1.2.4.2.2. Englisch ...................................... 106 2A.3. Relativsatz und Genitivattribut , .............. , , ............ 192
1.2A.2.3. Andere Sprachen ................................ 109 2A.4. Der Relativsatz als kontrastives Attribut, ...................... 195
1.3. Der zirkumnominale Relativsatz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 2.5. Mehrfache Attribution ...................................... 197
1.3.1. Mit unbewegtem Nukleus ................................. 110, 2.5.1. Schachtelung von Relativsätzen. , ....... , ................... 197
1.3.1.1. Mohave und Diegueiio ................................ 110 2.5.2. Kombination von Relativsatz und einfachem Attribut .............. 199
1.3.1.2. Navaho .......................................... 113 _ 2.6. Extraposition .... , .......... _. ....... , , ................... 203
1.3.1.3. Dagbani ......................................... 117 2.7. Grade der Attributivität ..................... , ............... 207
1.3.1.4. Andere Sprachen ................................... 118 3. Leerstellenbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
1.3.2. Mit vorange~elltem Nukleus ............................... 119~ 3.1. Die syntaktische Funktion des Nukleus ........................... 209
1.3.2.1. Yavapru ......................................... 119· 3.1.1. Hierarchie der syntaktischen Funktionen. ....... , .............. 211
1.3.2.2. Andere Sprachen .. ' .............................. ; .. 121 ' 3.1.2. Gesetze der Variabilität der syntaktischen Funktionen .............. 220
2. Der angeschlossene Relativsatz .................................... 122 3.2. Anapher, Kongruenz und Leerstellenbildung. ....................... 223
2.1. Der vorangestellte Relativsatz ................................. 122ö 3.3. Anapher im Relativsatzgefüge ................................. 227
2.1.1. Hethitisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 3.3.1. Resumptivum und Korrelativum .......................' ..... 227
2.1.2. Andere Sprachen ...................................... 128; 3.3.2. Wiederholung des Nukleus ..................... , .......... 236
2.2. Der umstellbare Relativsatz ................................... 129 3.4. Verbale Kodierung von syntaktischen Funktionen .................... 240
2.2.1. Vedisch. .... -........ '. ............................... 130; 4. Nominalisierung, Attribution und LeerstellenbiIdung ... , ................. 246
2.2.2. Andere indogermanische Sprachen ........................... 132 4.1. Zusammenwirken der drei Operationen ........................... 246
2.2.3. Brunbara ............................................ 135. 4.2. Das Relativpronomen .................. , .................... 248
2.2.4. Walbiri ............................................. 136.
2.2.5. Andere Sprachen ...................................... 139: V. Umfeld der RelativsatzbiIdung .................................... 253
23. Der nachgestellte Relativsatz .................................. 1411: 1. Die syntaktische Funktion der Relativkonstruktion .... , ................. 253
2.3.1. Altgriechisch ......................................... 141' 1.1. Der eingebettete Relativsatz .................... , ............. 253
2.3.2. Andere Sprachen ...................................... 1431' 1.2. Der angeschlossene Relativsatz ...... , .......................... 257
2. Determination des Nukleus ........... '. ............. , ............ 259
IV. Konsti~uti~e Operation~n d~~ RelativsatzbiIdung ........................ 145'.' .. 2.1. Determination .......................... , ................. 259
L SubordinatlOn und Nommalislerung. ................................. 145 2.2. Restriktiver und appositiver Relativsatz .............. , ............ 261
LI. Subordination und Einbettung ................................. 146, 2.3. Determination des Nukleus eines restriktiven Relativsatzes .............. 267
XI
Inhaltsverzeichnis
X Inhaltsverzeichnis
VIII. Verzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . :g~
2.4. Der appositive Relativsatz ...................... , .... , ........ 27C
2.4.1. Semantik des appositiven Relativsatzes ........................ 27CJ 1. ~~~:=~~~~~ ~ T~~t'~~d'~ Ko~~it~~~t~~~t~~;ili;~~~~ : : : : : :: : : : 409
2.4.2. Typologie des appositiven Relativsatzes .......... , ............. 277
1.2. Abkürzungen in den Morphemübersetzungen ..... , ............. ; ... 409
3. Dete:nnination der Relativkonstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . 280 . hnis ....... ; ...... 410
2. Literaturverzelc, ............................. 428
3.1.. Der eingebettete Relativsatz .................................. 280
3. Sachregister . . . . . . . . , . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ',' . . . . . 431
3.1.1. Syntax der Determinantien ...............................' .281
4. Sprachenregister ....................................... , ..... 437
~!.1.2. Semantik der Determination ............................. , ,'286 5, Quellen der Sprachdaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... .
3.2. Der angeschlosseme Relativsatz ................................. 291
4. Der freie Relativsatz ........................................... 293
4.1. Der Relativsatz ohne Bezugsnomen .............................. 293
4.1.1. Der Relativsatz ohne Nukleus ...............' ............ , .. 293
4.1.2. Der Relativsatz mit pronominalem Nukleus .................. , .. 299
4.1.3. Syntaktische Funktionen ................................. 304
4.1.3.1. Leerstellenbildung .................................. 305
4.1.3.2. Syntaktische Funktion des höheren Nominalsyntagmas .......... 305,
4.1.4. Determination des höheren Nominals ......................... 311;
4.1.5. Relativsatz ohne Bezugsnomen und Substantiv ................... 316
4.1.6. Der adverbiale Relativsatz ................................. 318
4.2. Relativsatz und Fragesatz ....................... " ..... , ..... 325 ,
4.3. Relativsatz und Konditionalsatz ................................ 330
4..3.1. Konditionalsatz statt Relativsatz .... , ....................... 330,
4 .. 3.2. Relativsatz statt Konditionalsatz .......................... , .33{
4 .. 3.3. Der indifferente Relativsatz ............................... 338,
4.4. Der mehrzielige Relativsatz ... ' ................................ 341;
5. Rela'livsatz und funktionelle Satzperspektive . . . . , . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 .
5.0. Terminologie ... , ......................................... 345;
5.1. Topikalisierung ........................................... 348;
5.2. Rhematisierung .......................................... 356:
•
5.3. Fok us sierung ............................................ 358
VI. Evolution des Relativsatzes ..................................... 365;
O. Spra(:hwandel und Typologie ..................................... 365;'
1. Möglichkeiten der Entstehung .................................... 368;:
1.1. Entstehung aufg rund von Anapher .............................. 368,
1J.1. Entstehung des vorangestellten Relativsatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 ,:
1.1.2. Entstehung des nachgestellten Relativsatzes ..................... 373,;
1.2. Entstehung aufg rund von Attribution ............................ 375~
1.2.1. Entstehung des Relativpartizips .............................. 3761
1.2.2. Entstehung des postnominalen Relativsatzes mit Rela-q,vpronomen ...... 378:~
1.3. l~ntstehung aufg rund von Subordination .......................... 3831
2. Mögli1chkeiten des Wandels ....................................... 386 ~
2.1. Vom angeschlossenen zum eingebetteten Relativsatz .................. 386;;
2.2. Vom Relativpronomen zur Konjunktion .......................... 389'1
2.3. Weitere diachrone Beziehungen zwischen Relativsatztypen .............. 393 '1
3. Möglichkeiten des Verfalls ....................................... 3941
"t r.
VII. DeI' Relativsatz in der Sprachtheorie ................. " ............ 399 ~{"
1. Funktionen des Relativsatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399
2. Typen des Relativsatzes ......................................... 403
3. Sprachliche Operationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406
Vorwort
Die Zielsetzung dieses Buches ist, trotz des begrenzten Themas, ziemlich breit ge
fächert. Empirisch betrachtet, will das Buch einerseits Angaben über die Grammatik des
Relativsatzes in einer ganzen Reihe von Sprachen machen und andererseits die wesentlichen
Aspekte der Relativsatzbildung und mit ihr zusammenhängender Bereiche möglichst ein
gehend darstellen. In diesem Sinne ist es ein Kompendium. Theoretisch betrachtet, will das
Buch Ansätze einerseits zu einer Typologie der in den verschiedenen Sprachen vorfmd
lichen Strategien der Relativsatzbildung und andererseits zu einer universalen, funktionalen
Theorie des Relativsatzes bieten. Diese Aspekte sind in seinem Untertitel zusammengefaßt.
Somit hat das Buch verschiedene Gruppen von Adressaten. Deren kleinste wird zweifel
los diejenige sem, die ein so zentrales Interesse fUr Relativsätze aufbringt, daß sie das Buch
ganz durchstudiert. Häufiger mag es vorkommen, daß jemand mit einer von den Sprachen
befaßt ist, die hier behandelt werden, und Auskunft über den Relativsatz sucht, etwa in
dem Sinne, wie auch eine Grammatik der Sprache sie erteilen würde. Solche Auskunft gibt
das Buch hauptsächlich über solche Sprachen, die weder so exotisch sind, daß die mir ver
fiigbaren Informationen gar zu knapp sind, noch so bekannt, daß Information über sie
allgegenwärtig ist. Dieser Gruppe möchte ich Teil III. des Buches sowie das Sprachregister
empfehlen. Dann könnte es eine Gruppe von Benutzern geben, die mit einem bestimmten
syntaktischen Problem befaßt sind, das auf unmittelbare oder mittelbare Weise mit der
Relativsatzbildung zu tun hat, und darüber Daten und Analysen auf übereinzelsprachlichem
Niveau suchen. Diese Gruppe darf ich auf das Sachregister hinweisen. Ferner wünsche ich
mir eine Gruppe von Lesern, die sich in einer Sprache auskennen, ihren Relativsatz - im
Rahmen einer Grammatik oder als Spezialaufsatz - beschreiben und sich vergewissern
wollen, welche Punkte da zu behandeln sind. Dies ist hauptsächlich den Teilen IV. und V.
zu entnehmen. Schließlich wendet sich das Buch auch an solche LingUisten, die sich fUr den
'1 Relativsatz nur insofern interessieren, als sich an ihm gewisse allgemeinere Probleme kon
kretisieren. Wer nur sehen will, was die Analyse des Relativsatzes fUr Sprachtheorie, Typo
logie und Universalienforschung abwirft, wird mit einer Prüfung der Teile 11. und VII. aus
kommen; und wen der Relativsatz nur als Objekt der diachronen Syntax angeht, den
möchte ich um Aufmerksamkeit für Teil VI. bitten.
Dieses Buch ist verwurzelt in dem am Institut fUr Sprachwissenschaft der Universität
Köln stationierten Universalienprojekt bzw. dessen Nachfolger, der Forschergruppe UNI
TYP, die von Hansjakob Seiler geleitet wird und in der ich, mit Unterbrechungen, seit
mehreren Jahren mitarbeite. Besonders die theoretische Grundlegung (TeilII.) ist ganz im
Geiste der Forschungen Seilers und seiner Mitarbeiter verfaßt; charakteristisch sind der
funktionale, operationale Ansatz, der Verzicht auf die Hypostasierung einzelner strukturel
ler Eigenschaften zu Sprachuniversalien und stattdessen die Systematisierung der Sprach
verschiedenheit in einem dimensionalen Modell. Die Konsequenzen der "Kölner" Konzep
tion werden darüberhinaus im empirischen Teil der Arbeit an vielen Stellen sichtbar.
Eine erste Version dieser Arbeit wurde Ende 1979 der Philosophischen Fakultät der
Universität Köln als Habilitationsschrift vorgelegt und gleichzeitig in den Arbeiten des
Kölner Universalien-Projekts (akup) als Nr. 36 einem beschränkten Kreis von Lesern zu
gänglich gemacht. Kurz darauf erschien das große Buch von eh. Touratier, La relative -
Essai de theorie syntaxique. Die inhaltlichen Überschneidungen zwischen den beiden
Büchern sind erheblich. Die Abweichungen erklären sich im wesentlichen' daraus, daß für
Touratier die lateinische Grammatik im Mittelpunkt steht, während meine Arbeit typolo-
xv
XIV Vorwort Vorwort
gisch und universalistisch orientiert ist. Wir sind auch in vielen Punkten, insbesondere etippt und mir bei der, Erstell~ng des Sprac~enre~is~ers geh~lfen ...~ en d~esen Le~ern,
die Analyse der Restriktivität vs. Appositivität des Relativsatzes angeht, einer Meinulng! ~ 11 gen Freunden und guten Geistern sage Ich fur ihre unelgennutzlge Hilfe herzlIchen ,
In der vorliegenden überarbeiteten Fassung habe ich Touratiers Buch, so gut es ging, ~ S~hließlich habe ich der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ein über zweieinhalb
rücksichtigt. Die Gesamtheit der darauf verweisenden Fußnoten kann beinahe als ~ahre' gewährtes Habilitationsstipendium und eine Beihilfe zum Druck dieses Buches zu
kordarlz zu La relative benutzt werden. Die übrige seit 1979 erschienene Literatur ist
danken. . ' . ahl . hUt tü't
gegen nur zum Teil verarbeitet. Zum Schluß noch ein Wort an memen Leser, Da Ich J~, tr?tz so ~ , relC er n ers -
Im Vorwort von akup 36 wurde der Leser gebeten, mir seine Kritik für die Zwecke für das Buch allein verantwortlich bin, enthält es nut SlCherheIt muner noch Fe~~r.
Überarbeitung mitzuteilen. Darauf haben erfreulich viele Kollegen mündlich oder ~ng, nun jemand bei der Lektüre auf Dinge stößt, die fehlen oder nicht stimmen, so ware
lich reagiert. Sie werden unten namentlich genannt. Ihre Anregungen sind iC~n~ dankbar, wenn er mir dies mitteilte. Ich werde sicher jede Gelegenheit, die Ver-
, lieh in die vorliegende Fassung eingearbeitet worden. Dazu kommen Richtigstellungen sehen richtigzustellen, wahrnehmen.
Verbes:serungsmöglichkeiten, auf die ich selbst aufmerksam geworden bin. Insgesamt
das vorliegende Buch eine stark überarbeitete und erweiterte Fassung von akup 36.
Zahlreiche Personen haben mir auf die verschiedenste Weise geholfen, sowohl
Zustandekommen von akup 36 als auch bei seiner Verbesserung. Hansjakob Seiler hat Oktober 1982 Christian Lehmann
über dl~n regelmäßigen wissenschaftlichen Kontakt im Projekt hinaus in ver'scbLiedlenj~n Institut für Sprachwissenschaft
Gesprächen wertvolle Hinweise gegeben; meine Arbeit hat sich eines desto größeren Universität
esses von seiner Seite erfreut, als sie ja seinem Buch über Relativsatz, Attribut und D-5000 Köln 41
sition in der Thematik und großenteils auch in der Konzeption verbunden ist.
danke ich auch das Erscheinen dieses Buches in der !Language Universals Series'.
Untermann hat mich hauptsächlich in meinen Bemühungen um historische Syntax
lateinis,che Grammatik unterstützt und mir wohlwollende Kritik sowie zahlreiche
gungen zukommen lassen. Bernhard Rosenkranz war immer hilfsbereit, wenn l1vuU.V"V·,;1
gische Fragen zu beantworten waren. Das Kapitel über den hethitischen Relativsatz
, Erich Neu gelesen und mich vor diversen Fehlern bewahrt. Gunter Brettschneider hat
Kapitell über den baskischen Relativsatz gelesen und mir des öfteren mit seinen ,,,mn'l:,n.""
kennmissen ausgeholfen. Bernd Heine, Mechthild Reh und Rainer Voßen haben
afrikanilstischen Fragen beraten. Hans-JÜIgen Sasse hat mir über den Relativsatz des _______ ",.
geschri~~ben. Das Kapitel über den Relativsatz des Swahili verdankt Paul Otto 1)ar:nuelsdlortfi,t
mehrerj~ Verbesserungen. Hanna Repp ist das Kapitel über den arabischen Relativsatz
mir durchgegangen und hat es emendiert. Manfred Götz hat mich über den türkischfm
Relativsatz belehrt. Anna Biermann hat mir als Informantin über Ungarisch gedient,
Curtica.peanu über Rumänisch, und Simon W. Kumah als Informant über Ewe. vorotnealll
Wippermann hat mir zu wiederholten Malen mit ihren chinesischen Sprachkenntnissen
Informlmtin gedient. Waltraud Paul hat alle auf das Chinesische bezüglichen Stellen
prüft. Ulrike Kölver hat einen großen Teil der hier wiedergegebenen Informationen,
den siamesischen Relativsatz für mich beschafft. Heinrich Hettrich und Norbert Boretzky.'
haben brieflich die Arbeit kommentiert bzw. Informationen übersandt, und Heinz Vater
hat miJr schriftlich sehr kritische, aber nützliche Anmerkungen zukommen lassen. Gilber!
Lazard und Wolfg ang Lentz haben mir über den persischen und avestischen Relativsatz '
und Gf~offrey Horrocks über den neugriechischen geschrieben. Ernesto Grassi hat mich in "
Fragen des Vulgäritalienischen beraten. Paolo Ramat hat mir die einschlägigen Kapitel,
seines M.anuskripts über germanische Linguistik zu lesen gegeben und Franz Josef Stacho·'
wiak seine Staatsarbeit über den Relativsatz. Claude Hagege hat mir seine Kritik an akup 36 '
nicht nur brieflich zukommen lassen, sondern es sogar in BSL rezensiert (s. Bibliographie).'
Somit kommt dieses Buch in den seltenen Genuß, bereits vor seinem Erscheinen (positiv) ,
rezensiert worden zu sein.
Fritz Serziskos Gedanken über Genitivattribution werden hier verarbeitet, noch bevor,
sie in se:iner Dissertation veröffentlicht werden. Holger van den Boom hat stundenlang über.'
sprachliche Operationen und alles, was damit zusammenhängt (und was hängt nicht damit
zusammen?) mit mir diskutiert und mir entscheidende Anregungen gegeben. Meine Frau "
Felicitas kann nicht unerwähnt bleiben. Sie hat einen lO'oßen Teil des heiklen Manuskriots "
;"Einleitung
1. INHALT UND AUFBAU DER ARBEIT
I. EINLEITUNG. In dem Teil der Arbeit, der hier beginnt, wird nach dem Überblick
... über Inhalt und Aufbau der Forschungsstand skizziert, die allgemeinen und besonderen
'Ziele der Arbeit werden dargestellt, und ein erster Ansatz zu ihrer Rechtfertigung innerhalb
• des gewählten theoretischen Rahmens wird gemacht. Die angewandten Forschungsmetho
den werden aus der Zielsetzung abgeleitet, und die Daten werden kritisch diskutiert.
Schließlich werden verschiedene technische Hinweise zum Verständnis und zur Benutzung
erteilt. All dies geschieht auf einem vorwissenschaftlichen, eher praktischen Niveau; die
eigentlich wissenschaftliche Arbeit beginnt mit Teil 11.
11. SPRACHTHEORIE UND SPRACHLICHE UNIVERSALIEN. Im Zentrum der
Sprachtheorie steht die Sprachtätigkeit. Der Humboldtsche Begriff der sprachlichen Opera
tion wird expliziert als Verknüpfung einer Funktion mit einer Struktur. Zur Auffindung
der sprachlichen Operationen und der über ihnen waltenden Prinzipien fUhrt die funktio
nelle Analyse, die von den vorfindlichen Strukturen ausgeht und nach den durch sie erfüll
ten Funktionen fragt. Sowohl Strukturen als auch Funktionen sind auf Skalen angeordnet.
Die in der Einzelsprache vorgenommene Zuordnung ist nicht beliebig; vielmehr liegt eine
Gesetzmäßigkeit in der sprachlichen Verschiedenheit. Die Gesetze konstituieren einerseits
Universalien, das sind in den Operationen liegende Prinzipien der Zuordnung von Struktu
ren und Funktionen, und andererseits Typen, das sind Prinzipien des Sprachbaus, also der
Kombination spezifischer Zuordnungen zu einem Sprachsystem. Die Morphosyntax hat
eine zentrale Stellung bei der typologischen Charakterisierung von Sprachen.
III. TYPISCHE STRATEGIEN DER RELATIVSATZBILDUNG. Ein Relativsatz ist
entweder eingebettet, also Konstituente des Hauptsatzes, oder diesem lediglich angeschlos~
sen. Der eingebettete Relativsatz ist entweder adnominal oder zirkumnominal. Der adno
minale Relativsatz ist Kokonstituente seines Nukleus qua Bezugsnomen und steht entweder
vor (pränominal) oder hinter (postnominal) diesem. Der zirkumnorninale Relativsatz ent
hält den Nukleus als eine seiner nominalen Konstituenten. Der angeschlossene Relativsatz
ist dem Hauptsatz entweder voran- oder nachgestellt. Wenn beide Stellungen möglich sind,
heißt er umstellbar.
Diese Typologie des Relativsatzes, die im wesentlichen auf der Art der Attribution, so
weit sie sich in der Stellung des Relativsatzes ausdrückt, basiert, wird weiter speziflziert
durch Berücksichtigung der Verfahren der Subordination: durch eine Konjunktion, ein
AffIX, ein Relativpronomen oder allein durch die Stellung. Jeder Sub typ wird, soweit mög
lich, durch mehrere genetisch nicht verwandte Sprachen exemplifIZiert. Insgesamt wird
der Relativsatz von 43 Sprachen mehr oder weniger ausfUhrlich analysiert; dazu kommt
noch eine Anzahl von Sprachen, deren Relativsätze den jeweiligen Typen bloß zugeordnet
werden. Dieser Teil dient im wesentlichen der systematischen Präsentation des Materials.
IV. KONSTITUTIVE OPERATIONEN DER RELATIVSATZBILDUNG. Hier setzt
die übereinzelsprachliche Analyse ein. Indem die untersuchten Relativsätze nach ver-
2 1. Einleitung 2.1. Forschungsstand 3
schiedenen Gesichtspunkten geordnet und mit verwandten Konstruktionen V\O',!j"'<.;Ht:n wird, die Rolle des Restsatzesvon einem Relativsatz ohne Bezugsnomen übernommen
werden, werden die für die Bildung eines Relativsatzes konstitutiven Operationen werden.
gearbeItet. Dies ist erstens die Subordination eines Satzes, die bei den eingebetteten Rela.
tivsätzj~'n als Nominalisierung auftritt. Die diversen der Subordination und Nominalisierung , VI. EVOLUTION DES RELATNSATZES. Ein neuer Relativsatz, der nicht Fort-
dienenden Mit~el werden auf einer operationalen Skala angeordnet. Die zweite konstitutive' ~tzer eines alten ist, entsteht notwendig aus ei.'1er der dem Relativsatz verwandten Kon
Operation ist die Attribution, also die attributive Verknüpfung des subordinierten Satzes :truktionen. Die verschiedenen theoretischen Möglichkeiten werden empirisch nachge
mit einem Nominal als Nukleus. Sie ist nur beim adnominalen Relativsatz notwendig struk. ' wiesen. Besonders wichtig ist die Genese aus einer Konstruktion, die in der Verlängerung
turell realisiert. In den anderen Typen findet sie, als Nukleusbildung, meist implizit, also der drei operationalen Skalen liegt: Der Relativsatz entsteht einerseits durch Grammatika
nur auf semantischer Ebene statt; allerdings kann sie auch hier in gewissen Fällen grammati. lisierung der anaphorischen Beziehung zwischen zwei aufeinander folgenden selbständigen
kalisiert werden. Die dritte Operation ist die Bildung einer Leerstelle im Relativsatz und " Sätzen wobei sowohl der erste als auch der zweite durch Subordination zum Relativsatz
ihre Variation nach der syntaktischen Funktion. In beschränktem Umfang k~nn dies durch: werded kann. Der so entstandene angeschlossene Relativsatz kann bei fortschreitender
Verbaffixe geleistet, oder es kann auch ganz auf den Ausdruck verzichtet werden. Sollen' Grarnmatikalisierung eingebettet werden. Am andern Extrem der Skala fmdet die Genese
komple:xere syntaktische Funktionen des Nukleus im Relativsatz konstruiert werden des Relativsatzes durch Expansion des einfachen Partizips oder Adjektivattributs statt. Es
werden (pro·)nominale Repräsentanten zu ihrem Ausdruck immer notwendiger. Ihr Auf: wird zum Relativsatz erweitert und gewinnt bei fortschreitender Expansion immer mehr
treten setzt jedoch eine (quasi-)anaphorische Relation zwischen dem Bezugsnomen und der Satzstatus und Unabhängigkeit vom Bezugsnomen.
Leerstelle voraus, die in den verschiedenen Relativsatztypen in verschiedenem Maße besteht. Zur Genese des Relativsatzes tritt der TypwandeL Die bekannten diachronen Beziehun
Auch die Mittel der Leerstellenbildung sind daher auf einer Skala angeordnet. Schließlich gen zwischen Relativsätzen werden dargestellt und systematisiert. Schließlich werden die
wird das Zusammenspiel und die gegenseitige Abhängigkeit der drei Operationen im allge. " Möglichkeiten des Verfalls des Relativsatzes, seines Überganges in eihe andere Konstruk
meinen sowie beim Funktionieren des Relativpronomens im besonderen untersucht. tion erörtert.
V. UMFELD DER RELATNSATZBILDUNG. Durch Ausweitung der Analyse und VII. DER RELATNSATZ IN DER SPRACHTHEORIE. Es gibt keine universale
Verglekh des Relativsatzes mit anderen Konstruktionen werden weitere Operationen auf. Funktion aller Relativsätze, ebensowenig wie es eine universale Relativsatzstruktur gibt.
gefundtm und in ihrem Funktionieren beschrieben, die je nach Typ eine größere oder Stattdessen gibt es dnii sprachliche Operationen, Nominalisierung, Attribution und Leer
geringeJre Rolle bei der Bildung von Relativsätzen spielen. , stellenbildung, deren jede in Verfahren, die, auf universalen Diniensionen angeordnet sind,
Soweit die Relativkonstruktion ein Nominal ist, also beim eingebetteten Relativsatz, ' realisiert wird, indem sie aus einer Skala geeigneter Verfahren eines auswählt und dadurch
muß sie: detenniniert werden und eine syntaktische Funktion im Matrixsatz haben. Wieder· die entsprechende Funktion in einem gewissen Grade realisiert. Da die Extreme der Skalen
um hängt das Ausmaß, in dem das komplexe Nominal in diesen beiden Beziehungen wie kaum noch etwas miteinander gemeinsam haben, sondern bloß über die Zwischenglieder
ein einfllches behandelt wird, vom Bildungstyp ab. miteinander verbunden sind, leisten die extremen Relativsatztypen, nämlich der ange
Das Nukleus·Nominal eines restriktiven Relativsatzes muß, um durch Attribute spezi· schlossene und das pränominale Relativpartizip, semantisch und textuell sehr Verschiede
fIZiert 'werden zu können, indefmit und nicht generisch sein. Diese Determination ist in den nes. Aus der großen Variationsbreite erklärt es sich, daß die meisten Sprachen einen Relativ
meisten Sprachen unmarkiert, d.h. der Nukleus erscheint als nicht-determiniert. Ist der satz haben. Die Bedingung seiner Möglichkeit ist lediglich die Kombinierbarkeit der drei
Nukleus definit oder generisch, wird der Relativsatz appositiv. Er gehört dann weniger in konstitutiven Operationen. Diese unterliegt jedoch selbst keinen Bedingungen; die Kom
die Kaü:gorie der Adjektivalien als in die der Sätze und kann daher auch selbständige Aus bination ist lediglich in einigen Sprachen nicht grammatikalisiert.
,
sagen enthalten.
Ein Relativsatz ohne Bezugsnomen kann grundsätzlich auf zwei Arten gebildet werden. VERZEICHNISSE. Außer dem Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen und der
Der Relativsatz kann, qua Adjektiv, substantiviert werden, sei es bloß kontextuell, als Bibliographie gibt es ein Sach- und ein Sprachenregister, die einen über das Inhaltsver·
anaphorisches Adjektiv, sei es unabhängig von anaphorischen Bezügen durch echte Sub zeichnis hinaus spezifIZierten Zugriff zu den Detailinformationen ermöglichen, sowie ein
stantivierung. In beiden Fällen ist kein Nukleus vorhanden. Oder aber der Nukleus ist bloß Verzeichnis der Quellen der sprachlichen Daten und Analysen.
lexikalis.ch nicht besetzt; dann gibt es ebenfalls kein Bezugsnomen, sondern ein indefmites
Relativpronomen. Der zweite Typ hat Gemeinsamkeiten mit mehreren anderen Satztypen,
2. ZIELE
vor allem dem Frage- und Konditionalsatz. Er wird meist wie ein vorangestellter Relativ
satz konstruiert und hat deshalb besondere Eigenschaften: er kann mehrere Nuklei enthal 2.1. Forschungsstand
ten (me:hrzieliger Relativsatz), und er kann ohne bestimmte syntaktische Funktion im
folgenden Hauptsatz sein (prägnantes Relativpronomen). Auf diesem Typ basiert oft auch In diesen Jahren erscheinen derart viele Aufsätze zum Thema "Relativsatz" (RS) ,
der adverbiale Relativsatz, der ebenfalls einen pronominalen Nukleus,jedoch mit bestimm daß man versucht ist, von einer Mode zu sprechen. Es kommt kaum ein Heft einer lingui
ten konkreten grammatischen Merkmalen wie 'Locus' und 'Tempus' hat. stischen Zeitschrift heraus, das nicht mindestens einen Aufsatz zu diesem Thema enthielte.
Als ein Mittel der Begriffsbildung und GegenstandsidentifIkation spielt der Relativsatz Durchaus kein Einzelfall sind die Proceedings 01 the Fourth Annual Meeting 01 the Berke
endlich je nach Typ verschiedene Rollen in der funktionellen Satzperspektive. Während der ley Linguistics Society 1978, in denen sich nicht weniger als flinfvoneinander unabhängige,
vorangestellte und der freie Relativsatz häufig Expositionen bilden, die den Rahmen für Beiträge über diverse Aspekte des RSes in verschiedenen Sprachen finden. Und doch ist es
den folgenden Hauptsatz abgeben, enthält der nachgestellte Relativsatz öfter das Rhema nicht klar, ob die Befassung mit dem RS überproportional gegenüber dem allgemeinen An
des Satzgefüges. Ferner kann, wenn ein Nominalsyntagma durch Satzspaltung fokussiert wachsen der linguistischen Produktion zugenommen hat. Die Mode ist vielleicht so alt wie
2.1. Forschungsstand 5
4 2. Ziele
die Sprachwissenschaft. Nur zwischen den Disziplinen scheint es Verlagerungen gegeben· Die Arbeit von Fedor Jevgenevic KorS (1877); Sposoby otnositel' nogo podcinenija,
zu habe.!l. In den Philologien ist der RS bzw. das Relativpronomen von jeher eines der be gibt sich zwar explizit als ein "Kapitel aus der [nicht-historisch]. vergleiche~den Synt~:',
liebtesten sprachwissenschaftlichen Themen gewesen. In der allgemeinen Sprachwissen erwähnt jedoch an nichtindogermanischen Sprac~en nur ~abIsch, Heb~alsch und Tur
schaft jf:doch hat der RS gewaltig an Interesse gewonnen, seit die Syntax sich in der Gunst kisch und konzentriert sich im wesentlichen auf die germamsc.hen und slaVlschen Sprac?en
der linguistischen Mehrheit vor die anderen Ebenen der Grammatik geschoben hat. sowie das Neugriechische. Daraus ergibt sich, daß vor allem dIe Sub typen des postn~Inlna
Der Umfang der Literatur, die insgesamt zu diesem Thema, das dem Außenstehenden so len RSes behandelt werden, insbesondere die (syn-und diacluonen) Beziehungen zW1s~hen
beschränkt vorkommen mag, bisher erschienen ist, ist bereits heute derart, daß sie inner den durch ein Relativpronomen, eine Partikel bzw. Konjunktion oder asyndetisch emge
halb eint~r Untersuchung wie der vorliegenden kaum aufgearbeitet werden kann. Hierbei leiteten RSen. Eine Bewertung der verschiedenen "Verfaluen" gibt es kaum; an ihr~ Stelle
spielt es keine so große Rolle, daß - nur geringfUgig übertrieben - jede zweite in den USA tritt die Einsicht, daß oft meluere von ihnen in einer einzigen Sprache nebenemander
erscheine:nde linguistische Magister- oder Doktorarbeit mit dem RS zu tun hat. Hier geht bestehen, was am Russischen gezeigt wird. . .
es oft nür um die formale Ausarbeitung gewisser theoretischer Modelle, weniger um die Nach 80 Jaluen, aus denen mir keine einschlägige Veröffentlichung bekannt Ist, er-
Beschreibung (neuer) sprachlicher Daten. Falls solche Modelle für die Zwecke einer typo scheint "La phrase relative, probleme de syntaxegenerale" von Emile .Benveniste ~1957).
logisch-universalistischen Untersuchung ungeeignet sind, darf man sich die Lektüre solcher Der Autor will eine allgemeingültige Bestimmung des RSes geben, Inlt dem spezifisc~en
Arbeiten zu einem guten Teil sparen. Viel entscheidender ist, daß in der Fachliteratur der Ziel seine Rekonstruktion des indogermanischen RSes funktionell zu begründen. In emer
Einzelphilologien - und damit meine ich alle, nicht nur die geläufigen "standard-euro ged:ängten Analyse der RSe von sechs nichtindogermanischen .Sprachen wird die. No~nali
päischen" - Hunderte und wahrscheinlich Tausende von Aufsätzen zum RS vorliegen und sierung des RSes durch determinative Elemente herausge~rbeltet. Na,ch Benvemste. Ist der
daß jede vollständige Grammatik irgendeiner Sprache ein Kapitel über den RS bzw. ihm RS ein "determiniertes 'syntaktisches Adjektiv', ebenso wie das RelatIvpronomen dIe Rolle
entsprechende Konstruktionen enthält. Diese Literatur ist dem Einzelnen zu einem großen eines determinativen 'syntaktischen Artikels' spielt" (S. 222). Diese Hypoth.ese wird ~urch
Teil unzugänglich, in mehr als einem Sinne. Man ist deshalb dankbar, wenn man einen für undeterminierte Relativkonstruktionen, die sich auch in den von Benvemste referIerten
den Linguisten geschriebenen Spezialartikelzum RS einer fremden Sprache findet; wenn er Daten nämlich im Arabischen, fmden, widerlegt. Für die Argumentation ist der nomirlale .
gut ist, f:rspart er, für die Zwecke einer Untersuchung wie dieser, die mühselige Einarbei RS v~n besonderer Bedeutung, da er das Verbindungsglied zwischen dem gewöhnlichen
tung in !~xotische Philologien und das Blättern in Grammatiken. Solcher Aufsätze gibt es (verbalen) RS und dem einfachen Attribut darstellt.. .. . . .
nun fremch viele; gut, nämlich verläßlich und vollständig, sind allerdings nur wenige; s. das Die drei referierten Arbeiten behandeln zwar alle m (ahistonsch-) vergleIchender Welse
nächste Kapitel. den RS sowohl in indogermanischen als auch in nichtindogermanischen Sprachen, streben
Selbst wenn es möglich wäre, wollte ich hier keinen Bericht über die Literatur zum RS jedoch keine Systematik seiner Typen an. Durch die breite Streuung der .~ntersuch~~n
geben; er würde unverhältnismäßig lang werden. Aus der Masse greife ich die sprachver Sprachen kommt Steinthal einer allgemeinen. Typologie des ~Ses no~h am ~achsten, wäh
gleichenden Arbeiten zum RS heraus; sie stehen im Zentrum meines Interesses und können rend KorS eher differentielle Typologie treIbt und Benvemste gewissen Richtungen der
exemplarisch den Forschungsstand repräsentieren. Eine der frühesten Arbeiten zur (typo Universalienforschung nahe steht. Gemeinsam ist ihnen, im Gegensatz zu einigen der folgen
logisch) vIergleichenden Syntax und eine der frühesten Arbeiten zum RS fallen zusammen den Arbeiten, d~$_ Interesse an morphologischen Einzelheiten sowie die zentrale Stellung
nämlich in der Dissertation von Heymann Steinthal (1847), De pronomine relativo commen~ der indogermanischen Sprachen. . '.
tatio philosophico-philologica cum excursu de nominativ i particula. In einem ersten Teil Das Buch von Hansjakob Seiler (1960), Relativsatz, Attrlbu~ u~d A,Pposztzon, ~teht
behandelt Steinthal für diverse Sprachen in genetisch-geographischer Reihenfolge (Chine einerseits in der Nachfolge Benvenistes, indem es fast ausschließlich mdogermamsche
sisch, Japanisch, Koptisch, Wolof, Mbundu, Seschuana, Mandschurisch, Mongolisch, Tür Sprachen ~ehandelt und dem nominalen RS eine beso~dere Rolle für die An.alyse zuweis~.
kisch) GIundfragen des Satzbaus, mit besonderer Berücksichtigung der Attribution und Andererseits neuert es gegenüber allen früheren ArbeIten zum RS durch semen met~odl
Ausblicken auf die RSbildung, und im zweiten Teil, für eine mit der ersten überlappende sehen Ansatz. Im ersten Teil werden auf strukturalistischer Grundlage für endozentnsche
Menge von Sprachen (Oromo, Chinesisch, Baskisch, Türkisch, Finnisch, indogermanische Syntagmen die Begriffe 'Nukleus' und 'Satellit' eingeführt und der Sate~itenstat~s von. RS,
Sprachen)! die RSbildung und das Relativpronomen. Theoretisch ordnet sich Steinthal Attribut und Apposition verdeutlicht. Liegt. der Akzent a~f dem Sa!elllte~, fU~gIer~ dieser
explizit in die Nachfolge Humboldts ein. Die Arbeit ist aus mehreren Gründen, u.a. wegen als Selektor zu der im Nukleus gegebenen Klasse, und das Syntagma ist attributiv. Liegt der
der undurchsichtigen oder fehlenden Systematik und wegen der ständigen "Bewertung" Akzent auf dem Nukleus, fungiert dieser ars Selektor zu der im Satelliten gegebenen K1;asse,
von Sprachen, ziemlich schwer genießbar. Entsprechend dem Titel behandelt sie haupt und das Syntagma ist appositiv. Im zweiten Teil wird diese Konzeption auf das Avestlsehe
sächlich die morphologischen Subordinationsmittel des RSes,l damals noch pauschal angewandt. Es ergibt sich, daß RSe im allgemeinen appositiv sind, wru:rend die nomin~en
Relativpronomina genannt. Das theoretische Verständnis des RSes fördert sie wenig. Eine Relativgruppen teils appositiv, teils attributiv sind. Dies wird durch die Konvergenz emer
eigentliche Typologie des RSes ist nicht angestrebt. Es kommt heraus,was man schon Reihe von strukturellen Kriterien dargetan, und Korrelate in den verglichenen indoger
wußte, dajß nämlich der einzig "richtige" RS der der indogermanischen Sprachen ist. Die manischen Sprachen werden aufgesucht. Wäluend die terminologischen Neuerungen keine
grammatische Analyse der teilweise recht exotischen Sprachen ist jedoch überraschend ungeteilte Aufnalune gefunden haben, ist die methodische Stringenz der Arbeit für eine
verständnisvoll; z.B. kann sich die Darstellung des RSes im Wolof (56-64) durchaus noch Reille europäischer Forschungen vorbildlich geworden.
neben deI::ienigen in Sauvageot 1975 sehen lassen. Vor allem fmdet sich eine Fülle von Ein Die folgenden Arbeiten zur vergleichenden Syntax des RSes sind alle von der genera
sichten zu allgemeineren theoretischen und methodischen Fragen, deren mehrere in der tiven Grammatik beeinflußt. Die Morphologie tritt in den Hintergrund; es geht nur melu
vorliegend!m Arbeit zitiert werden. um Vorhandensein vs. Abwesenheit gewisser Klassen von Elementen und deren syntaktische
Stellung. Den Anfang macht Emmon Bach (1965) mit "On some recurrent types of trans
formations". Hier wird anhand des Englischen, Japanischen und Swahili dargetan, daß es
aufgegriffen von Misteli (1893: lOf.)