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Nikolai Leskow
DerGaukler
Pamphalon
BUCH
CLUB
65
Nikolai Leskow · Der Gaukler Pamphalon
Nikolai Leskow
Der Gaukler Pamphalon
BUCH
CLUB
65
Aus dem Russischen übersetzt von
Günter Dalitz, Hartmut Herboth, Charlotte Kossuth,
Wilhelm Plackmeyer und Hertha von Schulz
Mit einer Nachbemerkung von Eberhard Reißner
Berechtigte Ausgabe für den bucbdub 65, Bedin; 1975
Alle Rechte ao dieser Ausgabe Rütteo & Loening, Bcdln
Einbandgestaltung Günter Junge
Satz Sachsendruck Plauen
Dr.;ck Karl-Marx-Werk Päßneck V 15/30
Printed in the German Democrade RepubHc
Lizenznummer 220. 415/16/75
Bestellnummer 618 015 S
Die Teufelsaustreibung
1
Dieses Ritual bekommt man nur in Moskau zu sehen, und
auch dort nur~ wenn einem das Glück hold ist und man be
sondere Protektion genießt.
Ich habe dank einem glücklichen Zusammentreffen meh
rerer Umstände eine Teufelsaustreibung von Anfang bis
Ende mit angesehen und möchte dieses Erlebnis für die
heutigen Kenner und Verehrer des Ernsten und Erhabe
nen in unserem Nationalgeschmack hier aufzeichnen.
Obwohl ich zum Adel gehöre, habe ich doch eine nahe
Beziehung zum "Volk": meine Mutter stammt aus dem
Kaufmannsstand. Sie lebte vor ihrer Ehe in einem sehr rei
chen Hause, .v erließ es aber aus Liebe zu ihrem künftigen
Mann. Mein verstorbener Vater hatte großen Erfolg bei
Frauen, und er erreichte bei ihnen, was er wollte. So gelang
es ihm auch, meine Mutter zu bestricken, doch deren Eltern
hielten nichts von seinen Künsten, sie verziehen der Tochter
zwar und erteilten ihren ewig währenden elterlichen Segen,
gaben ihr aber nichts außer Garderobe und Bettzeug und
stellten sie im übrigen Gottes Barmherzigkeit anheim.
Meine alten Herrschaften ließen sich in Orjol nieder, sie
lebten dürftig, wahrten aber ihren Stolz und erbaten
nichts von den reichen Verwandten meiner Mutter, unter
hielten auch keine Beziehungen zu diesen. Als ich jedoch
zum Studium an der Universität wegfuhr, sagte meine Mut
ter zu mir: "Bitte, suche deinen Onkel Ilja Fedossejewitsch
auf und grüße ihn von mir. Das ist keine Demütigung; man
muß seine alten Verwandten ehren - er ist mein Bruder und
zudem ein gottesfürchtiger Mann, der in ganz Moskau gro
ßes Ansehen genießt. Er reicht Brot und Salz, wenn ein
hoher Gast in die Stadt kommt, er steht mit einer Schale
oder einem Heiligenbild vor der Gemeinde, er wird vom
Generalgouverneur und vom Metropoliten empfangen. Von
ihm kannst du viel lernen."
Ich hatte damals gerade erst den Katechismus des Filaret
Drosdow auswendig lernen müssen und glaubte nicht an
Gott, aber ich liebte meine Mutter, und deshalb dachte ich
eines Tages: Nun bin ich schon ein ganzes Jahr in Moskau
und habe den Wunsch meiner Mutter t10ch nicht erfüllt;
ich will doch gleich zu meinem Onkel Ilja Fedossejewitsch
gehen, ihm guten Tag sagen, die Grüße überbringen und mal
sehen, was ich von ihm lernen kann I
Ich bin es von Kind an gewohnt, älteren Leuten mit
Hochachtung zu begegnen - besonders solchen, die mit dem
Metropoliten und mit Gouverneuren bekannt sind.
So stand ich also auf, bürstete meine Kleider und machte
mich auf den Weg zu meinem Onkel Ilja Fedossejewitsch.
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Es ging auf sechs Uhr abends. Draußen war es· warm,
milde und ein wenig trüb- kurz, ein sehr angenehmes Wet
ter. Des Onkels Haus kannte ich - es war eins der ersten
Häuser in Moskau, jeder kannte es. Allerdings war ich noch
niemals darin gewesen, und meinen Onkel hatte ich noch
nie gesehen, nicht einmal aus der Ferne.
Dennoch schritt ich mutig darauf zu, und ich dachte:
Empfängt er mich, ist es gut, empfängt er mich nicht, dann
läßt er' s eben.
Ich trat in den Hof. Vor der Freitreppe standen, ein
gespannt in eine leichte Kutsche, zwei löwengleiche Rappen
mit langen, lockeren Mähnen und seidenweichem Fell, das
wie kostbarer Atlas glänzte.
Ich stieg die Treppe hinauf und sagte: So und so - ich
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bin der Neffe, Student, wollen Sie mich bitte lija Fedosse
jewitsch melden. Die Diener antworteten: "Der gnädige
Herr wird sogleich selbst herunterkommen - er beabsich
tigt auszufahren."
Da erschien er auch schon - eine durchaus gewöhnliche,
typisch russische Gestalt, doch recht imposant. Seine Augen
hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen meiner Mutter,
aber der Gesichtsausdruck war anders. Ein rechtschaffener
Mann, wie man so sagt.
Ich stellte mich ihm vor; er hörte schweigend zu, gab mir
flüchtig die Hand und sagte: "Steig ein, wir fahren ei~
Stück!" .
Ich hätte gern abgelehnt, fand aber aus irgendeinem
Grunde keine Worte und nahm Platz.
"In den Park!" befahl er.
Die Löwen zogen sofort an und schossen davon, daß das
Hinterteil des Wagens nur so sprang. AlS wir aus der Stadt
heraus waren, jagten sie noch schneller dahin.
Wir saßen und redeten kein Wort. Mein Onkel hatte
sich den Zylinder in die Stirn gedrückt und verzog das Ge
sicht zu einer verdrießlichen Grimasse, die offensichtlich
Langeweile ausdrückte.
Sein Blick wanderte mal hierhin, mal dorthin. Plötzlich
sah er mich von der Seite an und sagte unvermittelt: "Es
ist nichts mehr los."
Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte, und schwieg.
Wir fuhren immer weiter. Ich dachte: Wo will er denn
mit mir hin?, und ich fühlte mich allmählich unbehaglich.
Mein Onkel aber hatte wohl inzwischen einen .Entschluß
gefaßt, denn er rief jetzt dem Kutscher in kurzen Abstän
den Befehle zu.
"Rechts! Links! Vor dem ,Jar' anhalten!"
Ich sah aus dem Lokal "Jar" eine ganze Schar Bedien
steter auf uns zulaufen, die sich vor meinem Onkel mit sol
chem Eifer verbeugten, daß sie sich fast das Rückgrat bra
chen. Mein Onkel aber rührte sich nicht, er befahl nur, den
Wirt zu rufen. Die Schar rannte davon. Der Wirt erschien -
ein Franzose - und verbeugte sich ebenfalls in großer Ehr-
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erbietung. Doch auch jetzt erhob sich mein Onkel nicht.
Er stieß mit dem Elfenbeinknauf seines Stockes leicht an
seine Zähne und sagte: "Wieviel überflüssige Leu~e hast du
drin?"
"In den Gasträumen sitzen etwa dreißig", erwiderte der
Franzose, ;,und drei Separees sind besetzt."
"Schmeiß sie alle raus!"
"Sehr wohl!"
"Es ist jetzt sieben Uhr", versetzte mein Onkel mit einem
Blick auf die Uhr. "Um acht komme ich. Ist dann alles
fertig?" ,
"Nein", entgegnete der Wirt. "Bis acht schaffen wir es
nicht. Viele Gäste haben noch etwas bestellt . . . Kommen
Sie doch bitte um neun, dann steht das ganze Lokal zu
Ihrer Verfügung."
"Na schön."
"Was darf ich vorbereiten?"
"Die Zigeuner sollen kommen."
"Was sonst?"
"Ein Orchester."
"Eins?"
"Nein, besser zwei."
"Soll ich Rjabyka holen lassen?"
"Versteht sich."
"Auch die französischen Damen?"
"Nein, die nicht."
"Was wünschen Sie aus dem Weinkeller?"
"Alles."
"Und an Speisen?"
"Zeig mir die Karte!"
Man reichte ihm die Speisenkarte des Tages.
Mein Onkel betrachtete sie, schien aber nichts zu sehen;
er wollte wohl auch gar nicht lange wählen, denn er schlug
mit dem Stock auf das Papier und sagte: ,,Das alles für
hundert Personen."
Damit faltete er die Karte nachlässig zusammen und
steckte sie in seinen Gehrock. Der Franzose freute sich
zwar, doch er hatte auch Bedenken.
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"Alles kann ich nicht für hundert Personen geben", sagte
er. "Es sind sehr teure Sachen dabei, von denen ich nur
fünf oder sechs Portionen vorrätig habe."
"Soll ich vielleicht meine Gäste in gute und schlechte
einteilen? Für jeden muß das dasein, was er haben will!
Verstanden?"
"Jawohl."
"Sonst hilft dir auch Rjabyka nicht, mein Lieber! - Ab I"
Wir ließen den Besitzer des Lokals samt seinen Ange-
stellten beim Eingang stehen und fuhren weiter.
Ich war nun bereits felsenfest davon überzeugt, daß ich
hier auf eine falsche Bahn gekommen war, und ich ver
suchte, mich zu verabschieden, doch der Onkel hörte gar
nicht hin. Er war jetzt sehr beschäftigt. Wir fuhren durch
den Park und hielten bald diesen, bald jenen Passanten
an.
"Um neun im ,Jar'l" sagte mein Onkel kurz und bündig
zu jedem. Und die Leute, zu denen er das sagte - sämtlich
ehrbare alte Herren -, lüfteten den Hut und erwiderten
ebenso kurz: "Ergebensten Dank, Fedossejitsch."
Ich erinnere mich nicht, wie viele wir auf diese Weise
anhielten, doch es mögen etwa zwanzig Leute gewesen
sein. Kaum war es neun Uhr, da fuhren wir abermals beim
"Jar" vor. Wieder stürzte eine Meute Bediensteter auf uns
zu. Sie halfen meinem Onkel aus dem Wagen, und der
Franzose fächelte ihm auf der Vortreppe mit der Serviette
eigenhändig den Staub von de~ Hose.
"Sind alle weg?" fragte mein Onkel.
"Ein General ist noch da", erwiderte der Wirt. "Er hat
sehr darum gebeten, in seinem Separee fertig speisen zu
dürfen."
"Sofort rausschmeißen !"
"Er wird gleich aufbrechen."
"Darauf kann ich nicht warten, ich habe ihm genügend
Zeit gegeben! Soll er auf einer Wiese weiteressen!"
Ich weiß nicht, welches Ende die Sache genommen hätte,
wenn der General nicht in diesem Augenblick herausgekom
men wäre. Er setzte sich mit seinen beiden Damen in eine
2 Gaukler
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Kalesche und fuhr davon. Vor dem Eingang trafen nun
einer nach dem anderen die Gäste ein, die mein Onkel im
Park geladen hatte.
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Das Lokal war aufgeräumt, sauber und völlig leer. Nur in
einem Saal saß ein großer, kräftiger Mann, der meinem
Onkel schweigend entgegentrat und ihm wortlos den Stock
aus der Hand nahm, um ihn irgendwo zu verstecken.
Mein Onkel überließ dem Riesen nicht nur den Stock
ohne den geringsten Widerspruch, er gab ihm auch noch
seine Brieftasche und seine Geldbörse.
Dieser schon leicht ergraute, massive Mensch war eben
jener Rjabyka, den holen zu lassen mein Onkel aus mir
unerfindlichen Gründen dem Wirt in meinem Beisein auf
getragen hatte. Er war von Beruf SChullehrer, doch offen
sichtlich oblagen ihm auch hier besondere Pflichten. Er war
genauso unentbehrlich wie die Zigeuner, das Orchester und
der ganze übrige Aufzug, der sich jetzt in wenigen Augen
blicken versammelte. Zwar begriff ich nicht, welche Rolle
er spielte, doch das konnte ich in meiner Unerfahrenheit
zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht begreifen.
Das hell erleuchtete Lokal erwachte zu regem Leben:
Die Musik dröhnte, die Zigeuner gingen umher und aßen
etwas am Büfett, und mein Onkel besichtigte die Räume,
den Garten, die Grotte und die Galerien. Er sah überall
nach, ob sich nicht irgendwo noch ein "Unbefugter" auf
hielt. Dabei wich der Lehrer nicht von seiner Seite. Als
die beiden in den großen Saal zurückkehrten, wo alle an
deren versammelt ~aren, bemerkte man zwischen ihnen
einen großen Unterschied. Der Rundgang hatte sich auf
sie nicht in der gleichen Weise ausgewirkt: Der Lehrer
war nüchtern wie zuvor, mein Onkel hingegen völlig be
trunken.
Wie er das so schnell fertiggebracht hatte, weiß ich nicht,
doch er war in gehobener Stimmung; er setzte sich auf den
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